07.11.1988

FISCHFANGSchnelles Ende Umweltschützer fordern einen Boykott

isländischer Fischereiprodukte - die deutsche Tengelmann-Gruppe macht mit.
Einen Mann namens Erivan Karl Haub kennt in Island kein Mensch. Und doch hat niemand in den vergangenen Wochen die Öffentlichkeit der Inselrepublik mehr erregt als eben dieser Erivan Karl Haub.
Dem Unternehmer aus Mülheim an der Ruhr gehört eine der größten Lebensmittel-Handelsketten der Welt, die Tengelmann-Gruppe. Haub ist dafür verantwortlich, daß sich die deutschen Tengelmann-Geschäfte dem Umweltschutz verschrieben haben. Er verbannte Schildkrötensuppen und Froschschenkel, phosphathaltige Waschmittel und Spraydosen mit dem Ozon-Killer Fluor-Chlor-Kohlenwasserstoff aus den Regalen.
Jetzt sind isländische Fischereiprodukte dran. Vom 1. Januar nächsten Jahres an wird es in den rund 3300 Filialen der Handelskette weder Shrimps noch sonstiges Getier aus den Netzen isländischer Fischer geben.
Möglicherweise bleibt Tengelmann mit dieser Aktion nicht allein. Auch andere Handelsunternehmen denken darüber nach, ob sie isländische Produkte boykottieren oder ihre Einkäufe auf der Nordmeer-Insel einschränken sollen.
Die Aktionen verfolgen alle das gleiche Ziel: Die Isländer sollen die Jagd nach Walen einstellen.
Kommerzieller Walfang ist eigentlich längst verboten. Die Internationale Walfangkommission beschloß 1982 ein von 1986 bis 1990 befristetes Moratorium zum Schutz der vom Aussterben bedrohten Meeres-Säuger.
Es waren die Isländer, die als erste das Schlupfloch in dieser Vereinbarung entdeckten. Da kommerzieller Walfang untersagt war, betrieben die Fischer vom Polarkreis fortan wissenschaftlichen Walfang. Schon im ersten Jahr des Moratoriums töteten sie 120 Wale.
Seither ziehen Islands Walfänger regelmäßig aus, um wissenschaftliche Studien zu betreiben. Das Fleisch dieser Wissenschaftsopfer landet als Spezialität in Japan.
Umweltschützer sehen in Islands so plötzlich erwachtem Forscherdrang nur einen Vorwand, um die Meeres-Riesen weiter abschlachten zu können. Südkorea, Japan und Norwegen schickten fortan ihre Walfangschiffe gleichfalls im Namen der Wissenschaft auf Jagd.
Alle Proteste blieben bisher wirkungslos. Deshalb setzen die Umweltschützer jetzt auf wirtschaftlichen Druck. Seit Beginn dieses Jahres informiert Greenpeace gezielt Handelsunternehmen über die Verquickung der isländischen Fischereiwirtschaft mit dem Walfang.
Isländische Handelspartner und Regierungsmitglieder müssen sich nun unangenehme Fragen von deutschen Kaufleuten gefallen lassen. Kurt Querfeld, Chef der Nordsee Deutsche Hochseefischerei GmbH in Bremerhaven, schickte ein Telex an den Ministerpräsidenten Steingrimur Hermannsson. Er fürchte, schrieb Querfeld, daß sich isländische Waren in der Bundesrepublik bald nicht mehr absetzen ließen.
Die Unilever-Tochter Nordsee will ihren Teil dazu beitragen: Ihre Einkäufer sollen isländischen Rotbarsch nur dann ordern, wenn deutsche Hochseefischer den Bedarf nicht decken können.
Ähnlich vorsichtig taktiert Langnese-Iglo, ebenfalls eine Tochter des Lebensmittel-Multis Unilever. Die Tiefkühlkostfirma will künftig das Herkunftsland auf der Packung angeben. Dann könne, argumentiert Iglo, der Verbraucher selbst entscheiden.
Zum Boykott konnte sich bisher nur Haubs Tengelmann-Gruppe durchringen. Die Mülheimer Händler kündigten auf einen Schlag Verträge über Lieferungen im Wert von fünf Millionen Mark.
Solch eine Entscheidung schmerzt; sie könnte, sollte sie Nachahmer finden, sogar den Nerv der isländischen Wirtschaft treffen. Denn die Insel lebt vom Fisch. Die Meeres-Tiere sind, mit über 75 Prozent, der weitaus wichtigste Exportartikel. Unter den Kunden steht die Bundesrepublik, nach den USA und Großbritannien, an dritter Stelle.
Boykott-Druck könnte bei den Isländern durchaus Wirkung zeigen, ihre Wirtschaft ist nicht gerade robust. Die Weltmarktpreise des Exportschlagers Fisch sind verfallen.
Doch vorerst bleibt alles beim alten. In einer Sondersitzung des Kabinetts konnte Fischereiminister Halldor Asgrimsson seine harte Linie durchsetzen.
Die Isländer trösten sich mit der Hoffnung, die Tengelmann-Kette werde mit ihrem Einkaufsstopp eine extreme Ausnahme bleiben. Doch diese Hoffnung dürfte trügen.
Selbst Aldi, bislang nicht gerade als Umweltschützer aufgefallen, hat wegen des Walfangs Kontakt mit der Regierung der Wikinger-Insel aufgenommen. Die Aldi-Märkte vertreiben isländische Herings- und Seelachsfilets sowie Krabben der Marke Almare.
Ende November will Greenpeace den Druck auf die Insel verstärken. Vor Supermärkten sollen die Verbraucher über isländische Produkte und den Walfang informiert werden.
Die Gelegenheit ist günstig. Zwei Wochen lang erregte die dramatische Rettung der beiden Grauwale "Crossbeak" und "Bonnet" aus dem Eis vor Alaska das Fernsehpublikum in aller Welt. So sinnlos die unverhältnismäßig teure Aktion auch gewesen sein mag: Sie hat Emotionen für die Riesen-Säuger geweckt.
Diese Gefühle könnten jetzt dem isländischen Walfang ein schnelles Ende bereiten. "Wenn wir noch zwei Handelsfirmen finden, die sich dem Boykott anschließen", glaubt der Greenpeace-Walexperte Peter Pueschel, "wird die isländische Regierung ihre Haltung ändern." #

DER SPIEGEL 45/1988
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