27.06.1988

Clown, Faun, Schamane aus dem Kaukasus

SPIEGEL-Redakteur Urs Jenny über den sowjetischen Filmregisseur Sergej Paradschanow *
In der großen Sowjet-Enzyklopädie steht er nicht und stand er nie. Doch für viele westliche Filmkenner ist er der größte lebende Regisseur im weiten Reich der Sowjet-Union. Vor ein paar Monaten, anläßlich des Rotterdamer Filmfestivals, wurden durch eine Umfrage bei Experten aus 17 Ländern die bedeutendsten "Regisseure der Zukunft" ermittelt: Auf der Rangliste erschien auf Platz zehn der 64jährige armenisch-georgische Filmemacher Sergej Paradschanow.
Das Votum wirkte überraschend, denn in den letzten 25 Jahren waren nicht mehr als drei Spielfilme von Paradschanow an die Öffentlichkeit gelangt - aufregende, farbglühend heftige, doch auch rätselvoll bizarre Filme-, und ihren Macher kannte kaum jemand von Angesicht, er war im Leben nie aus der Sowjet-Union herausgekommen. Das Rotterdamer Votum war gewiß auch eine Reverenz vor dem seltsamen Heiligen und seltsamen Märtyrer: Wenige Künstler in der UdSSR sind über fast zwei Jahrzehnte so hartnäckig verfolgt, mißhandelt und gedemütigt worden wie der eigensinnige Paradschanowseine späte Wiederkehr ist beinahe eine Auferstehung.
"Ich bin der einzige sowjetische Regisseur, der unter drei Regimes im Knast gesessen hat, unter Stalin, unter Breschnew und unter Andropow", erklärte Paradschanow im Februar, als er, zu allgemeinem Erstaunen, beim Festival in Rotterdam leibhaftig erschien, erstmals auf Kurzbesuch im Westen. Er nahm einen 5000-Dollar-Preis als "Regisseur der Zukunft" entgegen, verschenkte das Geld zum großen Teil, gab den Rest auf Flohmärkten für Krimskrams aus und entschwand mit dieser Beute zurück ins heimatliche Tiflis.
Das Häuschen in der verwinkelten Altstadt von Tiflis, in dem er seit zehn Jahren allein lebt, ist das einzige, was man ihm nie hat nehmen können: Sein Großvater hat es gebaut, ein armenischer Zuwanderer namens Sarkis Paradjanian, der dem Familiennamen eine russische Endung gab, um sich als guter Untertan des Zaren zu zeigen. Der karge Holzbau mit umlaufender Balustrade, ohne Telephon, ohne Fernseher, ohne fließendes Wasser, ist Paradschanows Höhle, vollgestopft mit phantastischen Malereien, Collagen, Objekten und Puppen: Das sind die Zeugnisse einer bunt wuchernden Privat-Mythologie, die er sich in den Jahren verfluchter Film-Arbeitslosigkeit geschaffen hat. Dort haust er, und dort hält er orientalisch hof, wenn Neugierige aus dem fernen Westen erscheinen; in den letzten paar Monaten waren Peter Brook, Marcello Mastroianni, Marina Vlady und Francoise Sagan zu Besuch.
Nun ist der Eigenbrötler aus Tiflis zu einer zweiten, längeren West-Visite aufgebrochen. Mitte der vergangenen Woche, rechtzeitig zum Auftakt des Filmfests, traf er in München ein, ein kleiner bulliger Mann mit weißem Bart und leuchtenden Augen, ein morgenländischer Zauberkünstler und Märchenerzähler, der sich in den Basar des westlichen Film-Business begibt.
Mit dem Regisseur selbst sind - gegen einige sowjetische Widerstände - seine "sämtlichen Werke" nach München gekommen. Hier auf dem Filmfest werden sie erstmals an einem Ort zu sehen sein. Vier frühe Paradschanow-Spielfilme sind dabei, die nie in den Westen gelangt waren, dazu zwei Kurzfilme, das Fragment eines Films, der bisher als vernichtet galt; und auch sein jüngstes, noch ganz unbekanntes Werk hatte Paradschanow im Gepäck.
Es fällt nicht schwer, in ihm - neben Andrej Tarkowski - den kunstreichsten, leidenschaftlichsten und verquersten Sowjet-Filmemacher seiner Generation zu sehen, einen bildersüchtigen Mythomanen, halb früher Bunuel, halb Pasolini in exotischem Gewand. In der westlichen Welt hat er nur einmal große Aufmerksamkeit gefunden, großen Kritiker-Jubel, und das ist sehr lange her. Es war, als sein 1964 entstandener Film "Schatten vergessener Ahnen" (anderer Titel:
"Feuerpferde") von Festival zu Festival weitergereicht wurde und, nach der Zählung eines Experten, insgesamt 16 Preise gewann.
"Schatten vergessener Ahnen" war ein furioser Kraftausbruch, ein Überwältigungsschlag, wie ihn vom biederen Sowjetkino niemand erwartet hätte. Paradschanow erzählt ein archaisches Liebes-, Blutrache- und Todesbesessenheits-Drama voll Dämonie und Magie, das unter dem karpatischen Bergbauernvolk der Huzulen spielt; er erzählt das teils in schreckstarren Tableaus, teils mit jagender, wirbelnder, delirierender Kamera, fast ohne Dialog, getragen durch die bizarre Musik von Maultrommeln, Alphörnern, Dudelsäcken und Chorgesang - und das alles ballt sich zu einer Vision von fremdartig-flammender Wucht.
Es mag seltsam gewesen sein, daß in den Jahren nach diesem Erfolg von neuen Werken des auch in der Sowjet- Union hoch gepriesenen Genies kaum etwas zu hören war. Aber nun ja, das kam vor, und vielleicht waren die "Schatten vergessener Ahnen" doch ein einmaliger Glückstreffer gewesen.
Anfang Januar 1974 wurde bekannt, daß Sergej Paradschanow in Kiew verhaftet worden war. 22 westeuropäische Filmregissseure - darunter Fellini, Rossellini, Visconti, Antonioni, Truffaut, Resnais, Godard, Losey und Bunuel - wandten sich mit einem recht einmaligen Appell an die Sowjetregierung und fragten nach dem Schicksal ihres Kollegen. Statt einer Antwort war in der Sowjetpresse zu hören, wessen Paradschanow sich schuldig gemacht hatte: Die wahrhaft monströse Liste seiner Delikte reichte von Homosexualität und Pornographie über illegalen Ikonenhandel und Verführung von Greisinnen oder Minderjährigen bis zur Verbreitung der Syphilis und Anstiftung zum Selbstmord.
Für Kenner der Zustände war klar: Paradschanow, der damals schon seit 20 Jahren in Kiew lebte und arbeitete, war ein brillanter Querkopf, eine allzu pittoreske, provokante und wohl auch großmäulige Figur, ein Freigeist mit verführerischer Magie, und vielleicht auch ein ukrainischer Nationalist. Hatte er nicht seinen Sohn statt in eine russische in eine ukrainische Schule geschickt? Hatte er nicht wieder und wieder als Wortführer Proteste ukrainischer Künstler gegen die Dissidenten-Prozesse angezettelt? Und hatte er nicht versucht, unter dem Titel "Die Fresken von Kiew" ein Zerrbild des Großen Vaterländischen Krieges zu inszenieren, bis das KGB ihm das Handwerk legte?
Wie das alles gekommen ist, zwangsläufig und unselig, ist erst jetzt halbwegs zu erkennen, im Blick auf die "frühen Werke", die der Journalist Klaus Eder, im Auftrag des Münchner Filmfests, durch beharrliches Nachforschen dem Vergessen entrissen hat.
Sergej Paradschanow, 1924 in Tiflis geboren, Sohn eines umtriebigen Kunst- und Antiquitätenhändlers, der "den stalinistischen Fünfjahresplan auch mal in vier Jahren erfüllt hat, im Gefängnis" (so Paradschanow), hat dort auch selbst als jugendlicher Störenfried seine ersten anderthalb Gefängnisjahre abgesessen. Er hat dann eine Ausbildung als Tänzer, Choreograph und Opernsänger begonnen, bevor er in die Moskauer Filmhochschule aufgenommen wurde. Nach dem Examen ging er nach Kiew und drehte, offenbar ohne ernste Anstände, zehn Jahre lang ukrainische Filme.
Der erste ("Andriesch", 1955) war ein bunt naives Haiducken-Märchen mit singenden Bächen und Büschen und ein paar erstaunlich surrealen Zaubertricks. Der zweite ("Der beste Kerl", 1959) war ein dreist koloriertes, burleskes Kolchosen-Musical mit vielen blondbezopften, stämmigen Komsomolzinnen, die immerzu tanzend und singend die Ernte einbrachten. Der dritte ("Ukrainische Rhapsodie", 1961) tauchte bis über die Ohren in Opernhaftigkeit ein: Er erzählte,
in verschachtelten Rückblenden, Traumbildern, Theaterszenen, wie ein Bauernmädchen durch Leid und Schrecken des Krieges zur großen Opernheroine heranreift. Der vierte ("Die Blume auf dem Stein", 1962, Paradschanows einziger Schwarzweiß-Film) verfolgte, reichlich absurd, die finsteren Umtriebe einer christlichen Erweckungssekte in einer Bergbausiedlung am Dnjepr.
Daß Paradschanow bei diesen Stoffen und Drehbüchern keine große Wahl hatte, ist klar. Was er ihnen - von Mal zu Mal kräftiger - aufgeprägt hat, ist eine Lust an Groteske und Melodram, ein Hang zu grell unrealistischen Tableaus, ein stürmisches Kino-Temperament, das dann 1964 in "Schatten vergessener Ahnen" förmlich explodierte.
Dieser Film, im letzten Herrschaftsjahr des Ukrainers Chruschtschow fertiggestellt, bedeutete Triumph und Sturz für den Wahl-Ukrainer Paradschanow. Das Wetter schlug um. Was er fortan drehen wollte, wurde gleich abgeschmettert oder kurz nach Drehbeginn versenkt. Erst fünf Jahre später konnte Paradschanow - nicht in Kiew, sondern im fernen kleinen Armenien - unbehelligt und mit aller Lust am Exzeß noch einmal einen Film drehen: "Sajat Nowa".
1969 hat er, in ahnungsvoller Panik, jenseits des Kaukasus eine Reihe von Vorführungen dieses Werks organisiert, dann wurde das Material beschlagnahmt und verschwand. Erst Jahre später kam eine geglättete und gekürzte Fassung, die der Alt-Avantgardist Sergej Jutkewitsch hergestellt hatte, unter dem Titel "Die Farbe des Granatapfels" in ein paar Sowjetkinos.
Nur in dieser Form hat der Film überlebt, das Original scheint unrekonstruierbar, doch auch so ist zu erkennen, daß "Sajat Nowa" Paradschanows wirkliches Meisterwerk ist, das kühnste, seltsamste, erstaunlichste Ding, das - neben Tarkowskis "Der Spiegel" - in jenen Jahren in der Sowjet-Union entstanden ist. Der Film umkreist die Figur eines großen Armeniers des 18. Jahrhunderts, des Volkssängers, Hofdichters, Mönchs und Märtyrers Sajat Nowa. Doch er erzählt dieses Heldenleben nicht geradeaus, sondern umspinnt es in feierlichen Ritualen, in surrealen Metaphern und Metamorphosen voller Kunstwerke, Tiere und Engelsfiguren. "Sajat Nowa" ist so einzigartig und unverdaulich wie Eisensteins Mexiko-Film oder Bunuels "Andalusischer Hund" zu ihrer Zeit.
Im Mai 1974 ist Paradschanow in Kiew zu fünf Jahren schwerem Arbeitslager verurteilt worden, wegen Homosexualität. Von den anderen Vorwürfen war keine Rede mehr - deshalb sagt er heute, mit bitterem Lachen, er habe sich selbst, um dem Gericht eine Freude zu machen, der Vergewaltigung von 340 Parteimitgliedern bezichtigt. Der Prozeß war nicht öffentlich, eine Urteilsbegründung ist nicht bekannt, Paradschanow verschwand unter Schwerverbrechern im Archipel Gulag.
Nach vier Jahren Haft wurde Paradschanow entlassen und heim nach Tiflis geschickt. Dort durfte er fortan leben, arbeitslos, gemieden, überwacht, von Nachbarn und alten Freunden durchgefüttert, und hoffte nur noch darauf, wie andere Störenfriede in den Westen abgeschoben zu werden. Doch auf ein französisches Angebot, ihm Asyl zu geben, ließ die Agentur Tass hören, es handle sich da um ein Subjekt, "das sich selbst aus der Gesellschaft und der Kunst verbannt hat".
1982 wurde Paradschanow in Tiflis verhaftet, als er von einer Reise nach Moskau zurückkam, wo er im Taganka-Theater eine Brandrede gegen die Verfolgung des Regisseurs Ljubimow gehalten hatte. Der Vorwand oder Vorwurf hieß diesmal versuchte Beamtenbestechung. Doch wurde die Sache nach ein paar Gefängnismonaten beigelegt, denn inzwischen hatte in Georgien ein Mann Macht gewonnen, der sich gern als Freund der Künstler und Intellektuellen sah: Eduard Schewardnadse. So wurde möglich, daß Paradschanow 15 Jahre nach "Sajat Nowa" wieder einen Film drehen konnte, und erstmals in seinem Leben bekam er sogar eine quasi offizielle Premiere in Moskau, 1985: "Die Legende der Festung Suram".
Paradschanow hat weitergemacht, wo er aufhören mußte, treu seiner Vision von einem rein lyrisch-musikalischen Bilderkino. Er hat um die Gestalt eines mittelalterlichen georgischen Volkshelden herum, der sich, einer Weissagung folgend, lebendig in die Grenzfestung Suram einmauern läßt, um sie für die anstürmenden Türken uneinnehmbar zu machen, die faszinierende Pracht und Feierlichkeit seiner Rätselbilder entfaltet. Das läßt sich nationalistisch deuten, aber auch mystisch oder messianisch: Paradschanows Kino ist ein Traumkino, das, trotzig den Rücken zur Gegenwart, seine eigenen Welten entwirft.
Nach München hat Paradschanow, leichtsinnig wie je, in einem verschnürten Pappkarton die erste, einzige Kopie seines neuen Films "Aschik Kerib" mitgebracht, den noch kein sowjetischer Kulturfunktionär gesehen oder gar gutgeheißen hat und der in seiner engen Heimat schon Ärger macht. Wieder ist es eine legendenhafte, gleichnishafte Künstler-Leidensgeschichte (frei nach einem Poem des Romantikers Michail Lermontow), die Paradschanow mit der ganzen orientalischen Üppigkeit seiner Bildphantasien ausgemalt hat.
Doch er hat den Film in aserbaidschanischer Sprache gedreht, er ist tief in Folklore, Musik, Ikonographie und Ornamentik des Islam getaucht - und das ist für den Nationalismus der Armenier
oder Georgier, die den Regisseur für sich vereinnahmen möchten, nackter Verrat. Paradschanow will den Film in München präsentieren, auch wenn er dann zu Hause Krach kriegt, weil er um ihn fürchtet; er hat zu viel durchgemacht, um dem Glück der letzten paar Jahre zu trauen.
An seinem ersten Tag in München sitzt Sergej Paradschanow in einem Biergarten am Nockherberg unter Kastanien, kostet Weißwürste, Knödel, Krautsalat, spricht von seinen 23 unrealisierten Drehbüchern, von seinem ewigen Wunsch, Lermontows kaukasische Faust-Dichtung "Der Dämon" zu verfilmen, und bringt einen Trinkspruch aus auf den ersten großen Deutschen, dessen Name ihm einfällt: Ernst Thälmann. Ein Mann wie er würde auch aus Thälmanns Geschichte eine mittelalterliche Volkshelden-Passion machen.
Er ist ein Clown, ein alter Faun, ein Schamane. Die Frage, ob er nicht zu gern und mit zu viel Identifikation Künstler-Martyrien inszeniere, nimmt er gelassen. Wenn man ein Leben wie seines überlebt habe, habe man darauf ein Recht, und bekanntlich sei auch Prometheus im Kaukasus gekreuzigt worden. Dann erkundigt er sich nach den Flohmärkten in München.
Von Urs Jenny

DER SPIEGEL 26/1988
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