15.08.1988

„Für Küsse kommst du in die Hölle“

Die Spanier, einst superkatholisch, wenden sich von der Kirche ab Die Gotteshäuser leeren sich, den Priesterseminaren und Orden fehlt Nachwuchs, die Jugend will von der Kirche kaum mehr etwas wissen. Für die Spanier, Jahrhunderte lang fanatische Verfechter des Katholizismus, sinkt die Religion zum bloßen Ritual herab. Schon bereuen manche Bischöfe die Öffnung nach Francos Tod. *
Jedes Jahr zu Pfingsten verwandelt sich das 500-Seelen-Dorf El Rocio, verloren in den Sümpfen des Guadalquivir, in die Marien-Hauptstadt Andalusiens.
Eine Million Pilger wallfahren aus den südspanischen Dörfern, aus den Städten Huelva, Sevilla und Jerez zur weißen Kapelle der wundertätigen "Virgen del Rocio", der Jungfrau vom Tau. Sie kommen zu Fuß, zu Pferd, auf Karren, gezogen von Ochsen, Eseln und Gäulen, oder auf Traktoren. Die Flamenco-Yuppies aus Sevilla rollen im Landrover an. Tagelang ziehen die Karawanen der Marienverehrer Salve singend und Rosenkranz betend über Land.
Zur Nacht schlagen die Frommen Lager auf. Dann kreisen die Töpfe mit kalter Gazpacho-Suppe und die Flaschen mit Fino, einem trockenen Sherry-Wein. Die Wallfahrer beten, singen, trinken und tanzen Sevillanas bis zum Umfallen.
Dann, während die Pfarrer, Bischöfe und Erzbischöfe schlafen, schleichen sich Pilgerpaare in die Büsche. Heiße Blicke, Musik, Gesten, die ins Blut gehen - die Grenzen zwischen Frömmigkeit und weltlicher Lust fallen rasch. Ob sie es nichtehelich, vor- oder nebenehelich treiben, bekümmert junge Spanier heute nicht mehr. Zwar verstößt die Massenbefriedigung unter dem Banner der Jungfrau von Rocio gegen alle Gebote der Kirche, doch die Sünde belastet nicht einmal mehr das Gewissen spanischer Wallfahrer.
Bis vor wenigen Jahren galt Spanien als die Hochburg des Glaubens und religiöser Sittenstrenge. Doch seit sie vom Joch des bigotten Diktators Franco befreit sind, haben die Spanier gleichzeitig mit der Demokratie die Lust entdeckt, ist die sexuelle Revolution da. In den Städten vergnügt sich die "Movida", das Szenevölkchen junger Künstler und ihrer Anhänger, bis in die Morgenstunden in Bars und Discos. Man gibt sich aufgeklärt und tolerant, will ungestört genießen, selbst Aids bremst die Spanier kaum.
Das Gewissen ist längst nicht mehr so eng, wie sich das die obersten Hirten wünschen. Zwar sind noch immer über 90 Prozent der Spanier katholisch getauft, doch nur noch ein Drittel geht regelmäßig sonntags zur Messe, von den Jugendlichen nicht einmal jeder fünfte.
Die Minderheit der Treuen besteht größtenteils aus Alten, Kindern und Hausfrauen, die noch das Angebot von sechs, feiertags gar acht Gottesdiensten nutzen.
Die Priesterschaft schrumpft unablässig. Die jährlich neu geweihten Geistlichen ersetzen nicht einmal die Hälfte der verstorbenen. Im Klerus liegt das Durchschnittsalter bei 55 Jahren. Die Orden haben noch größere Nachwuchssorgen. "Gott ruft auch heute noch", sagt die Oberin des altehrwürdigen Madrider Klausur-Klosters "Encarnacion", "aber die Jugend vertröstet ihn auf morgen." Ihre letzte Novizin kam vor drei Jahren.
Auch mit dem Glaubensniveau der Spanier, so fanden kirchliche Meinungsforscher heraus, ist es nicht weit her. Je spezieller die Dogmen, desto weniger werden sie angenommen. So glaubt nicht einmal mehr die Hälfte der Spanier an die Auferstehung oder an die Hölle, nur gut ein Drittel hält den Papst für unfehlbar. Selbst praktizierende Katholiken gehen kaum noch zur Beichte, sie fühlen sich nicht als Sünder.
Im Glauben sehen die Spanier ein Angebot von Dogmen, aus dem jeder wie in einem Supermarkt wählen kann, was ihm gerade noch zusagt. "Religion light" nennen spanische Soziologen diese neue Erscheinung.
Besonders Jugendlichen bedeutet der Katholizismus kaum mehr als eine Etikettierung wie Größe oder Augenfarbe, obwohl 85 Prozent der Schüler den Religionsunterricht besuchen, viele zeitweilig von Geistlichen erzogen werden. "Ich bin vorsichtshalber katholisch, mehr nicht", bekennt der 24jährige Madrider Student Fernando, Zögling von Padres. "Ich habe Wichtigeres im Kopf als die Religion."
Den Katholizismus betreiben viele Spanier heute als ein gesellschaftliches Ritual unter anderen. Taufe, Kommunion, Hochzeit und Begräbnis sind Familienfeiern, denen erst die Kirche einen festlichen und prunkvollen Rahmen gibt.
Selbst die Prozessionen der "Semana Santa", der Karwoche, wenn Büßer mit spitzen Kapuzen, langen Gewändern und eisernen Fußketten stumm durch die Straßen ziehen, Holzkreuze auf dem Rücken schleppend, sind immer weniger Ausdruck mystischer Frömmigkeit denn Zeugnis feierlicher Folklore. Zwar nutzen die meisten Spanier die Kirche noch als eine Art geistlichen Party-Service, doch wo ihnen die Gebote nicht mehr zeitgemäß scheinen, schütteln sie den Katholizismus einfach ab: Täglich lassen sich etwa 80 Ehepaare scheiden, die Mehrheit der Frauen nimmt Verhütungsmittel, jedes Jahr brechen nach offiziellen Schätzungen über 100 000 Spanierinnen ihre Schwangerschaft ab.
Wieviel die Kirche ihnen noch wert ist, konnten die Spanier dieses Jahr erstmals in ihrer Steuererklärung kundtun. Sie sollten wahlweise einen Anteil von 0,52 Prozent ihrer Abgaben an den Fiskus entweder für die katholische Kirche oder für soziale Zwecke bestimmen.
Nur jeder dritte Steuerzahler erklärte sich bereit, die Kirche mitzufinanzieren. Und darauf sind die Bischöfe schon stolz.
So weit ist es mit Spanien, der einstigen Perle des Katholizismus, gekommen: Schon quält den Klerus Verfolgungswahn. Monsignore Garcia Gasco, neuer Sekretär der Bischofskonferenz, beklagte jüngst Zustände wie in Fidel Castros Kuba vor einigen Jahren: "Wer sich als Katholik zu erkennen gibt, ist ein Bürger zweiter oder dritter Klasse."
Mit Hysterie begegnet die offizielle spanische Kirche den Zeichen der Verweltlichung, die sich nun auch in einer der letzten Bastionen des Katholizismus vollzogen hat. Anders als in den übrigen katholischen Hochburgen kam diese Abwendung schockartig, und sie griff schneller und gründlicher um sich als anderswo - und das, obwohl die Religion in Spanien so tief verwurzelt
schien und die Kirche mächtiger war als irgendwo sonst.
Seit dem 15. Jahrhundert hatten Kirche und Staat in Symbiose gelebt, hatten gemeinsam für die "reconquista" gekämpft: Als 1492 Ferdinand von Aragon und Isabella von Kastilien siegreich in Granada einzogen, fiel das letzte Bollwerk des Islam im Abendland.
Die "Katholischen Könige" - so hatte sie der Papst zur Belohnung tituliert - bereiteten den Weg ins Goldene Zeitalter: Spanien wurde zur Weltmacht und ernannte sich selbst zum Führer und Hüter des Glaubens. Unter dem Zeichen des Kreuzes gründeteten die spanischen Konquistadoren Kolonien in Amerika, beuteten die Indios aus und schleppten deren Gold ins Mutterland.
Die berüchtigte spanische Inquisition terrorisierte Andersgläubige und Abtrünnige. Juden und Mauren wurden vertrieben oder mußten sich taufen lassen und landeten beim geringsten Verdacht, sie hätten sich nur zum Schein bekehrt, auf dem Scheiterhaufen.
Jahrhundertelang herrschte der Katholizismus mit mittelaslterlicher Intoleranz. Der Klerus stand im Bund mit der Oberschicht, predigte dem Volk, daß Armut gottgewollt und Auflehnung dagegen Todsünde sei. Dabei bereicherten sich die Geistlichen selbst ohne Skrupel. "El dinero es muy catolico" - "das Geld ist sehr katholisch", wurde zur spanischen Volksweisheit.
Die Kirche der Reichen und Unterdrücker provozierte von jeher Haß auf die Pfaffen. "Der Spanier rennt immer hinter dem Pfarrer her, sei es mit einer Kerze oder dem Knüppel", sagt ein Sprichwort. 1931, als die Zweite Republik ausgerufen wurde, hatte der Klerus ausgespielt - so schien es. Eine neue Verfassung führte die standesamtliche Trauung und die Scheidung ein, die Vermögenswerte der Kirche wurden eingezogen, ihre Schulen geschlossen. Präsident Manuel Azana triumphierte: "Spanien hat aufgehört, katholisch zu sein."
Doch im Bürgerkrieg erhielten die Republikaner zur Antwort: "Spanien wird katholisch sein oder überhaupt nicht mehr existieren." Die Aufständischen unter General Francisco Franco gaben vor, einen Kreuzzug zur Rettung der christlichen Zivilisation zu führen.
Die Nationalen siegten - nicht zuletzt dank der Kampfeswut der 75 000 moslemischen Krieger aus Marokko, die in ihrem Sold standen -, und mit ihnen triumphierte die Kirche. General Franco, der sein Leben lang eine Reliquie, die rechte Hand der heiligen Teresa von Avila, selbst auf Reisen bei sich führte, erklärte den Katholizismus zur allein seligmachenden Staatsreligion.
1953 schloß der Vatikan mit dem international geächteten Diktator ein Konkordat: Fortan konnten Spanier nur noch kirchlich heiraten, Religionsunterricht wurde obligatorisch, sogar auf der Universität. In den Städten unterhielt die Kirche mehr Schulen als der Staat.
In Francos Regierung saßen bis zu zehn Mitglieder des Laienordens Opus Dei. Der Frommenverein wandelte sich unauffällig zur Wirtschaftsmacht, seine Mitglieder dirigierten bald die wichtigsten Banken, Versicherungen und Zeitungen, sie errichteten eigene Schulen und Universitäten. Wie viele Mitglieder diese heilige Polit-Mafia zählte und welche Persönlichkeiten ihr angehörten, blieb geheim. Ihren Leitspruch "Die Welt muß von oben verändert werden und nicht von unten" verwirklichten sie mit des Diktators Hilfe.
Schon in den letzten Jahren vor Francos Tod 1975 "platzten die Knöpfe am faschistisch-klerikalen Hosenschlitz auf", lästerte der Philosoph Fernando Savater. Damals, als die Kirche mit der Diktatur vermählt war, hatten viele Spanier den Katholizismus benützt, um sich zu tarnen - ihre Religiosität war nur noch oberflächlich. "Die Frauen gingen eifrig zur Messe, weil sie sich herausputzen konnten, die Männer aber standen hinten und rissen Witze", erinnert sich der Soziologe Jose Antonio Gimbernat.
"Wir wurden zu einer Scheinheiligkeit erzogen, die leicht zu brechen war", sagt die Feministin Cristina Almeida. In dem kulturellen Getto, in das sich die Untertanen des Generalissimus eingesperrt fühlten, entwickelten sie starken Kirchenfrust. Katholisch bedeutete das gleiche wie faschistisch und zukunftsfeindlich. Und das wollten die Spanier spätestens nach Francos Tod nicht länger sein.
Schon früher hatten sie versucht, die Bevormundung abzuschütteln. Begieriger als andere Katholiken nahmen sie die Botschaft des Zweiten Vatikanischen Konzils auf: Gewissensfreiheit, politische Toleranz der Kirche.
Beflügelt von den neuen Ideen, protestierten 1966 erstmals Geistliche gegen die Mißhandlung politischer Häftlinge. Der Bischof von Bilbao veröffentlichte _(Mit Franco-Ehefrau Carmen 1958 bei einem ) _(Gedenkgottesdienst für Papst Pius XII. ) _(in Madrid. )
einen Hirtenbrief gegen Gewalt, wo sie auch herkomme. 1971 erwogen die Bischöfe gar, öffentlich für die Haltung der Kirche während des Bürgerkriegs um Entschuldigung zu bitten.
Viele junge Priester legten in den sechziger Jahren die Soutane ab, andere öffneten ihre Gotteshäuser für Treffen oppositioneller Gruppen - der Diktator hatte ein generelles Versammlungsverbot verhängt. "Rote Pfarrer" diskutierten damals mit Arbeitern, unterstützten sie bei Streiks. Aus heimlich organisierten katholischen Arbeitergruppen ging die bis heute bedeutende kommunistische Gewerkschaft "Comisiones obreras" hervor.
"Nach dem Konzil entwickelten viele Kinder aus konservativem Elternhaus gerade in katholischen Jugendgruppen Demokratiebewußtsein", erinnert sich die linke Anwältin Paquita Sauquillo.
Das Konzil sei schuld an allen "Verwirrungen" unter den spanischen Katholiken, befand dagegen jetzt die bischöfliche "Kommission für die Glaubensdoktrin". Genauso sieht es der Papst in Rom. Seit je päpstlicher als der Vatikan, hat deshalb Spaniens Kirchenführung den Rückwärtsgang eingelegt.
Sehnsüchtig blicken nun die Kirchenoberen - viele waren schon unter Franco in Amt und Würden - auf die Zeiten der vollen Gotteshäuser und gehorsamen Schäfchen zurück. Sie bereuen, unter der Führung von Kardinal Vicente Enrique y Tarancon nach des Diktators Tod auf ihre Privilegien verzichtet zu haben, und sehen erbittert, daß Spanien nach der demokratischen Verfassung von 1978 kein konfessioneller Staat mehr ist.
So hat sich die Kirchenhierarchie in den letzten Jahren auf den Marsch zurück in die Isolation begeben, kultiviert der Klerus seit dem Wahlsieg der Sozialisten 1982 einen Opferkomplex. Die Bischöfe können sich nicht damit abfinden, daß Religion endgültig nur noch Privatsache ist und die katholische Kirche nur noch eine Interessengruppe unter vielen sein soll.
Seit der erzkonservative Kardinal Angel Suquia, 72, vor eineinhalb Jahren zum Oberhaupt der spanischen Katholiken gewählt wurde, kamen kritische oder gar zweifelnde Theologen auf die Abschußliste. Zwei Jesuiten der theologischen Fakultät in Granada wurden ihrer Lehrtätigkeit enthoben, weil sie sich über das Sexualleben der Katholiken Gedanken machten.
Pedro Miguel Lamet, ebenfalls Jesuit, Chefredakteur der auflagenstärksten religiösen Publikation "Vida Nueva", wurde genötigt, sein Amt niederzulegen, weil er zu liberal schrieb. Und der Leiter der Zeitschrift "Mision Abierta", der Claretiner Benjamin Forcano, wurde abgesetzt, weil das Blatt mit den linken Befreiungstheologen Lateinamerikas sympathisierte.
Auch der fortschrittliche Leiter des Madrider Priesterseminars, Juan de Dios Martin Velasco, wurde entlassen: Er hatte zukünftige Seelsorger in den Armenvierteln wohnen lassen.
Zugleich tritt die katholische Kirche der sozialistischen Regierung gegenüber so fordernd auf, als sei sie noch immer die Vertreterin aller getauften Spanier, also der überwältigenden Mehrheit. Ministerpräsident Felipe Gonzalez muß sich vorwerfen lassen, seine Politik unterminiere die spanische Tradition, erst die Sozialisten hätten ein religionsfeindliches Klima geschaffen, so daß das Volk entwurzelt worden sei.
Das 1985 übervorsichtig formulierte Abtreibungsgesetz, das Straffreiheit nur bei Mißbildung, Gefahr für die Mutter oder Vergewaltigung vorsieht, lehnen die Bischöfe unnachgiebig ab. Katholiken, die eine Schwangerschaft abbrechen, werden exkommuniziert. In einem Katechismus für zwölfjährige Grundschüler, den die Bischofskonferenz 1983 verteilte, wurde der Schwangerschaftsabbruch als eine Form des Tötens, vergleichbar dem Terrorismus und dem Krieg, dargestellt.
So verwundert es nicht, daß die Frauen in Spanien der Kirche in Scharen davonliefen, während gerade sie in vergangenen Zeiten die Hauptklientel der Geistlichen gewesen waren. Denn die Beichte ersetzte ihnen den Psychiater, mit dem Pfarrer konnten sie ihre Eheprobleme besprechen. Heute fühlen sich die Frauen im Beichtstuhl nicht mehr verstanden. _(Mit Gesetzestafeln wie im Alten ) _(Testament. )
"Ich empfinde Ekel vor der Institution der Kirche", sagt die 42jährige Cristina, Tochter frommer Franco-Anhänger. Sie ging nach dem Abitur ins Kloster, um der traditionellen Frauenrolle als Dienerin des Ehemanns und Mutter zu entfliehen, die ihr die katholische Erziehung vorgab. Als sie in Bolivien im Missionsdienst selbständig arbeiten und anderen helfen konnte, begann sie, ihre Religionsgeschichte zu entzaubern. Nach zwölf Jahren verließ sie den Orden, sie fühlte sich um ihre Jugend betrogen.
"Meine Generation, die heute zwischen 35 und 40 ist, wuchs unter erstickender sexueller Repression an den katholischen Schulen auf", erzählt die Photographin Angelica. "Du küßt einen Jungen, dafür kommst du in die Hölle."
Heute noch ist es der 36jährigen Bibliothekarin Concha unheimlich, eine Kirche zu betreten. "Mir haben sie Religion mit dem Löffel ins Hirn geschaufelt. Jeden Tag Messe, vor jeder Unterrichtsstunde Gebete", sagt die ehemalige Klosterschülerin. Gott lernte sie nur strafend, nie verständnisvoll kennen. Wenn sie ein mathematisches Problem nicht lösen konnte, mußte sie vor der Klasse zur Jungfrau Maria um Erleuchtung beten.
Solche exzessiv katholische Erziehung nennen heute viele Spanier als Grund für ihre Abwendung von der Kriche. Aber noch immer wird ein Viertel aller spanischen Schüler von Geistlichen an Privatschulen unterrichtet. Und der Klerus, unterstützt von fanatischen Eltern, verlangt, daß auch an öffentlichen Schulen katholisches Gedankengut wieder den gesamten Lehrstoff durchdringen soll. Denn Religionsstunden sind dort seit der Schulreform von 1984 nicht mehr obligatorisch.
"Wir wollen nicht, daß unsere Kinder diskutieren und sich versammeln", empört sich die Vorsitzende der katholischen Elternvereinigung, Carmen de Alvear. "Dadurch wird das Autoritätsprinzip gebrochen." Der Sexualkundeunterricht, so die Mutter von acht Kindern, rege nur zur Unzucht an.
Zwar wollen Soziologen bei der spanischen Jugend der achtziger Jahre wieder ein Bedürfnis festgestellt haben, an etwas glauben zu können - aber nicht an das Althergebrachte. Erstmals konnten bislang in Spanien unbekannte fernöstliche Sekten Fuß fassen, ein Beweis, daß der traditionelle Katholizismus versagt hat.
Doch es gibt auch moderne Priester. "Früher ging ich zur Messe, ganz automatisch um neun, und auf dem Heimweg um zehn wußte ich schon nicht mehr, worüber gepredigt worden war", sagt die 16jährige Angela. Jetzt ist das anders: Wenn Pfarrer Evaristo Villar in einem Raum der Madrider Universität sonntags um zwölf Uhr Messe feiert, trägt er Jeans und einen Pullover. Jeder kann Fragen stellen oder über seine Probleme sprechen. Man singt gemeinsam, bricht einen Laib Brot und trinkt Wein zusammen wie bei der Feier einer Großfamilie.
Angela und ihre Familie sind Anhänger einer neuen Basiskirche. In kleinen Gruppen versuchen da Katholiken, ihren Glauben wiederzubeleben, sich gegenseitig zu helfen.
Den Bischöfen sind diese Alternativ-Gläubigen suspekt, weil sie sich an der lateinamerikanischen Befreiungstheologie orientieren, über Politik sprechen und auch für Abrüstung oder für die Sandinisten in Nicaragua auf die Straße gehen. In Madrid gibt es bereits 80 solcher Basisgemeinden.
Zeugnis ablegen wie Jesus, eine Kirche der Wahrheit statt der Dogmen - das will auch eine kleine Gruppe von Priestern, die sich in den Slumvierteln der spanischen Städte für die Jugendlichen einsetzen.
Der 28jährige Pfarrer Jose Luis Segovia aus Madrid kümmert sich um etwa 300 Arbeitslose, Drogenabhängige und Kriminelle.
"Es sind die Kinder der Entwurzelung", sagt Segovia. Die Eltern kamen häufig vom Land und finden sich in der neuen Welt nicht zurecht. Die Mütter arbeiten meist, während die Väter keine Stelle haben und ihre Depressionen in Alkohol ertränken. Weil ihnen Zuwendung und Liebe fehlen, nehmen diese Kinder schon mit 13 Heroin.
In einem kleinen Büro halten der Pfarrer und eine Anwältin zweimal in der Woche Sprechstunde. Über dem Schreibtisch hängen ein lächelnder Jesus Christ Superstar und ein Plakat von Charlie Chaplin. Segovias Devise: Jeder kann gerettet werden.
Er hilft, Arbeit zu suchen, einen Platz für den Drogenentzug zu finden, er bigt Rechtsbeistand. Über Gott und Glauben spricht er selten: "Nach einiger Zeit fragen sie mich, warum ich das alles für sie tue." Dann erzählt Segovia von seinem Verhältnis zu Jesus und übersetzt ein Stück aus dem Evangelium in den Vorstadt-Slang seiner Besucher.
Bevor er zu seinem Idol Jesus fand, wollte Segovia Polizist werden. Für den jungen Priester hängt die Zukunft der katholischen Kirche davon ab, ob es ihr gelingt, "eine gute Nachricht zu überbringen".
Die Kirchenhierarchie tönt anders. "Das Evangelium war noch nie attraktiv", sagt der Sprecher der Bischofskonferenz, Joaquin Ortega. "Der Katholizismus hält an Regeln fest und bekämpft Hedonismus und Leichtlebigkeit." Amen.
Mit Franco-Ehefrau Carmen 1958 bei einem Gedenkgottesdienst für Papst Pius XII. in Madrid. Mit Gesetzestafeln wie im Alten Testament.

DER SPIEGEL 33/1988
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