07.11.1988

Konrad Lorenz: Von der Gans aufs Ganze

SPIEGEL-Autor Peter Brügge über den Nestor der Verhaltensforschung und seine Theorien Mit seinem Schlüsselwerk über Aggression bei Mensch und Tier ("Das sogenannte Böse") provozierte Konrad Lorenz vor einem Vierteljahrhundert Millionen von Lesern: Der menschliche Geist, so Lorenz' Befund, ist nicht frei, sondern gekettet an ein ererbtes Instinkt-Programm. In einem SPIEGEL-Gespräch (Seite 254) antwortet Lorenz, der Mitbegründer der vergleichenden Verhaltensforschung, auf die Frage: Kann die Menschheit überleben?
Die indischen Stare im Zimmer ahmen täuschend das Gummiquietschen des Rollstuhls nach, mit dem sich Konrad Lorenz vorwärtsbewegt. Hören könnte er sie nur über das Mikrophon und die Ohrenklappen eines Lautverstärkers.
Ein alter Schüler hat dem 85jährigen Verhaltensforscher das unförmige Gerät für den Dialog mit Besuchern zusammengebaut und es damit weit über die technisch perfekten Angebote neumodischer Hör-Elektronik erhoben. Neue Technologie hat diesen Nobelpreisträger stets befremdet.
Wenige Meter nur sind es zum herrschaftlichen Treppenhaus der Villa Lorenz. Jahrelang hat ein mittlerweile nutzloser Sessellift dort den Naturforscher hinab in die Halle befördert, in weitem Schienenbogen vorüber an einem allegorischen Wandgemälde, auf dem er selber engelgleich als Kleinkind lächelt. Totes Gleis nun: Die Arthrose versperrt dem alten Mann selbst diesen Weg. Er kann sein weltberühmtes Aquarium nicht mehr erreichen, nicht mehr den Park des Altenberger Elternhauses und auch nicht mehr die schmale, steile Gasse vor dem Tor, die den unter Orthopäden unvergessenen Namen Adolf Lorenz trägt, den seines Vaters.
Durch ein Fenster nur könnte er noch hinüberspähen Richtung Donau. Dort, in den Flußauen im Westen von Wien, hat seine Forschung einst begonnen wie ein Kindermärchen. Einer mit seinem Namen verbundenen Bürgerbewegung ist es zuzuschreiben, daß die Freßgier der Energie-Erzeuger hier haltgemacht hat und weiter flußaufwärts das Kernkraftwerk Zwentendorf stilliegt.
Der Fluß ist nah und unerreichbar. Einen kranken Mann wie Konrad Lorenz können kaputte Gelenke andererseits nicht von der Welt abschneiden. Zu seinem 85. Geburtstag, am Montag dieser Woche, hat er ihr ein abschließendes Werk über die Graugans (Anser anser) und die Frage präsentiert, wieso gerade sie zum Wappentier seiner letztlich auf den Menschen zulaufenden Verhaltensforschung hat werden müssen*.
Noch immer offeriert er Forschung wie ein Erzähler. Noch immer wirkt jede seiner Notationen, als äußere sich ein Monument, als führe er noch als Greis das Wort in jenem unvollendeten Kapitel Aufklärung, das 1859 unter dem Namen Darwin begann.
Denn Konrad Zacharias Lorenz kam von der Gans aufs Ganze. Von keinem Naturforscher des 20. Jahrhunderts haben so viele Zeitgenossen so Einschneidendes über Tiere und das Tierähnliche in sich erfahren wie von ihm.
Nicht in Laboratorien und durch ausgeklügelte Experimente hat er dieses Wissen gesammelt, sondern durch Beobachtung, Einfühlung, Vergleich; in animalische Lebensabläufe eintauchend wie noch niemand zuvor. Verhalten in seinen subtilsten Facetten, das jeder Art offensichtlich vorgegebene Muster, nach dem geworben und gebrütet, erlernt, gekämpft, erobert, gefüttert und kommuniziert wird - das war sein Stoff. Ähnlichkeiten zwischen den Bewegungs- und Reaktionsabläufen von Fischen, Vögeln, Säugern und schließlich dem Säuger Mensch sprangen ins Auge.
Daß dies alles ebenso wie Körperformen und Knochenbau in genetischen Programmen festgelegt und vorbereitet sein müßte, hatte bereits sein Lehrer, der Zoologe Oskar Heinroth, erwogen. Der Ethologe Lorenz zog daraus die weitestmögliche Konsequenz. Im artspezifischen Verhalten, so entdeckte er, spiegelt sich eine weitverästelte Verwandtschaft aller Lebenssysteme auf der Erde und deren letztlich gemeinsame Entwicklungsgeschichte.
Die Maßstäbe für die Erklärung animalischen Verhaltens kehrten sich um. Darwin hatte sich noch eine "verzweifelte Ameise" vorstellen, Brehm dem Iltis dessen "Blutrausch" verübeln können. Statt Tiere dergestalt zu vermenschlichen, haben Lorenz und seine Mitdenker es populär gemacht, die Tierverwandtschaft menschlichen Funktionierens zu akzeptieren.
Aus der Beobachtung von Graugänsen und Buntbarschen, Feuersalamandern und Ratten, Hunden und Hominiden ergaben sich für sie unabweisbar Entwicklungslinien, die zur eigenen Spezies hinführten. Was ihr die Evolution ins Erbgut gepackt hat, das betraf nicht nur äußerliche Merkmale, von denen ja seit Darwin die Rede war, sondern ein genetisch kodifiziertes Programm aus Trieben, Instinkten, Reflexen, Verhaltensabläufen aus der tierischen Ahnenkette. Die Lehre von Lorenz lieferte die biologische Erklärung dessen, was Sigmund Freud Jahrzehnte zuvor erkannt hatte: Der Mensch ist "nicht einmal Herr im eigenen Haus".
Welch bedrohliches Mißverhältnis zu den geistigen Höhenflügen des Menschen sich aus der ererbten Sicht- und Handlungsbeschränkung ergibt, das wurde zu einem Lebensthema des Tierforschers Lorenz, der im Wien Sigmund Freuds studiert und von Freud nichts begriffen hatte. Die Diskrepanz zwischen menschlichem Geist und natürlicher Veranlagung gipfelt in einer auch für den 85jährigen immer noch "unglaublichen" Pointe: Der Mensch, das, wie er sagen muß, "blöde Vieh", ist "mit seinem Gehirn imstande, sich selbst und alle anderen auszurotten".
Zu so globalen Perspektiven hat sich ausgeweitet, was mit einer Gutenachtgeschichte für den fünfjährigen Konrad Lorenz begonnen hatte. Selma Lagerlöfs Erzählung von Nils Holgerssons Reise mit den Wildgänsen ist ihm vom Kindermädchen vorgelesen worden mit dem Effekt, daß er ein Wasservogel werden oder wenigstens einen besitzen wollte.
Das frisch geschlüpfte Entenküken, das er darauf zum Spielen bekam, ist ihm wie einer Entenmutter überallhin, auch ins Bett, gefolgt. So erlebte er zum erstenmal das Phänomen der Prägung, dessen komplexe wissenschaftliche Erklärung später zu seinen Verdiensten gerechnet werden sollte. Unwiderruflich, nach einem nur für äußerst begrenzte Zeit "offenen" genetischen Programm, wird der Jungvogel auf das erstbeste Wesen fixiert, das sich ihm in dieser Phase zuwendet.
Lorenz seinerseits scheint von der ersten ihm noch unerklärlichen Anhänglichkeit eines Tieres in einer gleichfalls sehr empfänglichen Entwicklungsphase angerührt und unwiderstehlich - wenngleich nicht ausschließlich - auf solches Geflügel geprägt worden zu sein.
Ein paar Jahre später hat ein Feuersalamander aus dem Wienerwald ihm erstmals einen augenfälligen Beweis stammesgeschichtlicher Evolution geboten. Dieses mit Lunge ausgestattete Wesen gebar kiementragende Larven ins Wasser, die bei ihrem Werdegang zu Salamandern wieder Lungen entwickelten und ertrunken wären, hätten sie nicht rechtzeitig das Trockene erreicht.
Dieser im Zeitraffer wiederkehrende Ablauf von Jahrmillionen des genetischen Wandels setzte in dem jungen Lorenz unauslöschliche Neugier für Darwins Abstammungslehre frei. Mit Gretel, seiner Spielgefährtin, die später seine Frau geworden ist, spielte er, hingerissen von so erweislicher Vorgeschichte des Lebens, Dinosaurier im elterlichen Park und zog hinter sich als Schwanz einen Gartenschlauch her.
Trotzdem wurde der Arztsohn erst einmal Doktor med., bevor er in Wien Zoologie und Psychologie studierte und seinen zweiten Doktortitel mit einer Dissertation über den Vogelflug erwarb. Seine ebenso brotlosen wie epochalen Verhaltensstudien an Graugänsen, Enten, Dohlen und anderem Getier hatten da schon aus dem Altenberger Herrenhaus eine zoologische Massenunterkunft gemacht.
Aus seinen Protokollen wurde erkennbar, welche arteigenen Tonfolgen und Bewegungsrituale Vögeln zur Verständigung dienten, wie verschiedene Arten von Fischen sich im Wettbewerb um Nahrung und Paarung verhielten. Mit Hilfe des Physiologen Erich von Holst lernte Lorenz die zunächst nur registrierten Triebabläufe auf ererbte und in vieler Hinsicht vergleichbare Programme zurückzuführen, welche aus dem Zentralnervensystem wirkten.
Diese vergleichende Verhaltensforschung offenbarte, wie solche Instinkthandlungen sich bis zur Auslösung durch einen "Schlüsselreiz" aufstauten und in Ermangelung eines solchen schließlich sogar leer abliefen. Durch "übernormale Auslöser", wie andere Ethologen experimentell bewiesen, ließen sich die Instinkte auch für ganz andere als die genetisch vorbereiteten Zweckorientierungen mobilisieren. Die Verführer aus dem Werbegeschäft spielten das auf ihre Weise durch. Mit Hilfe abgewandelter Sexualsymbole bedienen sie sich jenseits der Reichweite des Verstandes der Instinkte des Verbrauchers Mensch.
Es zeichnete sich ein Schema ab, nach dem Konrad Lorenz Anfang der sechziger Jahre den für Tier und Mensch lebensnotwendigen Aggressionstrieb und die angeblich unausbleibliche Anreicherung eines aggressiven Potentials anschaulich zu machen versuchte: das Modell einer "Psycho-Hydraulik".
Nicht naturgerecht abgerufene Energie mußte danach, wie aus einem vollen Gefäß, überfließen in Ersatzbefriedigungen. Sich suggestiver Bilder zur Verdeutlichung äußerst komplexer Lebensprozesse zu bedienen, das hat, wie Lorenz zugibt, etwas mit seinem andächtigen Vertrauen in die "Gestaltwahrnehmung" zu tun. Sie ist - darin erinnert er an den Naturforscher Goethe und auch an Freud - sein intuitiver Königsweg zum Wesenskern natürlicher Systeme.
Jüngste Forschungen ergaben, wie aggressive Energie jedoch auf sehr viel subtilere Weise und in sehr viel mehr Spielarten innerhalb von Körpern und Gesellschaften umgeleitet oder im Zentralnervensystem sogar annulliert werden kann. Trotzdem setzen viele Anhänger von Lorenz weiterhin die Unvermeidlichkeit von Triebstau, Randale und Unfrieden voraus, als sei Psychohydraulik ein Dogma statt eine jener Denkhilfen, von denen der alte Lorenz sich mühelos entfernt.
Er hat immer Wert darauf gelegt, Hypothesen bei mangelnder Tragfähigkeit ohne viel Federlesens zu verabschieden, "am besten zu jedem Frühstück eine". Die Fähigkeit dazu schöpft er aus einem gleichbleibend kindhaften Spieltrieb - einem Fundus, den nicht bloß er für ein Hilfsmittel von Genialität erachtet. Der Atomforscher Otto Hahn hat seinen Gesprächspartner Lorenz einmal leise gefragt: "Sind Sie kindlich? Ich hoffe, Sie verstehen mich nicht falsch."
Mehr noch genoß Konrad Lorenz seine Fähigkeit zur Selbstkorrektur als Privileg der Spezies Mensch, als das, was deren Dominanz in der belebten Natur befeuert. Noch aus Fehlentwürfen kann sie erfolgreich Konsequenzen ziehen. Das hat sie in raketenhafter Beschleunigung aus jahrmilliardenlanger Arten-Evolution emporschießen lassen, wohingegen allen anderen Lebenszweigen Auskunft über Richtig oder Falsch nur dadurch wurde, daß sie weiterwuchsen oder abstarben.
Ethologie, und in ihrem Namen besonders Lorenz, machte sich anheischig, weit über streng umrissene Forschungsbereiche hinaus Lebenswissenschaft zu sein. Ihn hat das vor einem halben Jahrhundert dazu verleitet, aus der Degeneration von Haustieren fahrlässig auf die von Menschen und die Erfordernisse einer "Auslese" zum Wohle des "Volkskörpers" zu schließen.
Diese Tonart kam nazistischen Zucht- und Auslese-Ideen unvergeßlich entgegen. Viele Nachgeborene konnten das erst dem greisen Patriarchen Lorenz vergeben, als er wortmächtig zur Galionsfigur der Ökologiebewegung in Österreich wurde.
In Lorenz, dem Arzt und Tierbeobachter, gediehen naturgemäße Antworten auf Fragen der Philosophie. Ihm ging das schon im Kopf um, bevor er, ein nach eigener Einschätzung "philosophisch unverbogener Denker", in Königsberg, an der Universität des Immanuel Kant, den Lehrstuhl für Psychologie erklomm. Eine biologische Erklärung der menschlichen Erkenntnisgewinnung erschien ihm geboten.
Die ergab sich aus der seit Darwin um sich greifenden Einsicht in die Tatsache, daß es eine äonenlange Evolution des Lebens auf der Erde gibt, eine immer komplexere Anpassung lebender Organismen an die Naturgesetze. Die Reizverarbeitung in der Amöbe wie die in Zentralnervensystemen diente gleichermaßen einer eben nur milliardenfach verfeinerten Überlebenstechnik. Und das menschliche Gehirn, bislang höchstes Ergebnis solcher Informationsverarbeitung, war auch nur ein Orientierungssystem zum Überleben, nicht eine Sonde für ewige Wahrheiten.
Mit solchen Keimen einer Erkenntnislehre im Kopf zog Lorenz 1941 als Unterarzt in Hitlers Krieg. Er kehrte erst 1948 aus russischer Kriegsgefangenschaft nach Österreich zurück. Mit sich führte er da einen zahmen Star und den Entwurf einer "Naturgeschichte menschlichen Erkennens". Den hatte er im Lager auf Sackpapier geschrieben.
Diesem Werk gab er den Titel "Die Rückseite des Spiegels" und hielt es selber für bedeutender als alles, was er über Tiere geschrieben hatte. Es erschien 1973, in dem Jahr, das ihm, seinem Freund und Forschungskumpan, dem niederländischen Widerstandskämpfer Nikolaas Tinbergen, und Karl Ritter von Frisch, dem Entdecker der Bienensprache, gemeinsam den Nobelpreis für Medizin und Physiologie einbrachte.
Daran, daß die Aufdeckung sozialer Verhaltensmuster bei Insekten, Fischen und Vögeln den Seelenärzten weiterhelfen würde, war ja kein Zweifel. Doch Lorenz wollte weiter reichen. Ihm sollten es die Menschen endlich abnehmen, in welchem Naturzusammenhang sie funktionieren und auf welche Weise ihre Sinneswahrnehmungen Wirklichkeit wiedergeben.
Die für unerklärbar erachteten, von Immanuel Kant "Apriori" genannten Vorgaben aller menschlichen Anschauung und Erkenntnis, das Erleben des dreidimensionalen Raumes und der Zeit, auch die unausweichliche, unentwegte Suche nach gradlinig auszumachenden Ursachen ließen sich biologisch definieren. Sie entsprachen der gespeicherten Erfahrung mit der realen Außenwelt, an der sich Lebenssysteme von Anbeginn an hatten orientieren müssen, und wurden auch nur diesem begrenzten Teil von Wirklichkeit gerecht.
Angesiedelt war das im Unterbau des vitalen Verrechnungswesens. Schon in primitiven Organismen hatte es seinen Anfang genommen: Zeitrhythmus, Orientierung als Reflex auf räumliche Hindernisse ermöglicht ihr Leben. Und die dumpfe Wut, in der ein Mensch das böse Stuhlbein tritt, an dem er sich gerade schmerzlich gestoßen hat, läßt auf derlei Urverwandtschaft schließen.
Im Zentralnervensystem von Zugvögeln oder Bienen dienen diese Apriori zur unbewußten Lebens-Navigation. Das kleine Männchen der Tanzfliege wird durch sie gesteuert, wenn es dem Weibchen vor dem Begattungsakt, um nicht selber gefressen zu werden, ein lebendes Insekt als Mahlzeit darbietet.
Daß der zu bewußtem Handeln befähigte Mensch so etwas als unauslöschliches Erbe unterhalb der Verwegenheit seines wuchernden Verstandes in sich birgt, hatten sich vor Lorenz schon andere Biologen gesagt. Aber öffentlich hatten sie darüber lieber geschwiegen.
"Eine höchst banale Erkenntnis", findet Lorenz, sei das alles doch für einen Menschen, der "in den Grundfesten seiner Überzeugung" wisse, daß er selber, seine Muskeln sowohl als seine Sinnesorgane, ein "Produkt stammesgeschichtlichen Werdens" sei.
So banal ist das nicht. Daraus nämlich ergibt sich, daß Bedrohungen außerhalb des unmittelbaren Erfahrungsbereiches vom triumphal entwickelten menschlichen Denken vielleicht wahrgenommen, aber vom stillschweigend weiter vorherrschenden Sensorium nicht wirklich ernst genommen werden können.
Das Jucken auf der eigenen Haut übertrifft das durchs Ozonloch strahlende Unheil dank dieses instinktalten Wertungssystems bei weitem an Überzeugungskraft und Dringlichkeit. Frohgemut schlürft der Säuger Mensch das Wasser, dessen Giftgehalt sich nur seinem lesenden Verstand, nicht jedoch seinen Geschmacksnerven erschließt.
Die "reflektierende Selbsterforschung" des problematischen Zusammenwirkens von geistiger und instinktiver Wahrnehmung ist, daran zweifelt Lorenz nicht, ein ebenso abstraktes Beginnen wie die Einsteinsche Erklärung eines vierdimensionalen Raum-Zeit-Verbundes oder die kopernikanische Lehre. Die aber ist schließlich, so geozentrisch die Sinne weiterhin funktionieren, als Verstandes-Wahrheit angenommen worden.
Käme die Naturwissenschaft dermaßen mit ihrer Botschaft durch, wie mangelhaft die Menschheit ihre globale Gefährdung wahrnimmt und warum das so ist, so ergäbe sich daraus, hofft Lorenz, eine mehr als kopernikanische Wende. "Ungeahnte Höherentwicklung" hielte er in diesem Falle für wahrscheinlich - einen Entwicklungssprung, der einer zweiten, höheren Menschwerdung gleichkäme.
Entsprechend geistes-biologisch bezieht der vergleichende Lorenz die Kulturleistungen dieses menschlichen Erkenntnissystems in seine Ausschau nach Ähnlichem ein. Von der Entstehung der Hochkulturen bis hin zur Entwicklung von Eisenbahnwagen vollziehen die sich offensichtlich analog zu den Verästelungen der genetischen Evolution; nur eben millionenmal schneller.
Funktionslos gewordene Formmerkmale etwa wurden beim Wandlungsprozeß der Eisenbahn wie in der Artenentwicklung auch auf höhere Stufen des Systems weiter mitgeschleppt (und ähnlich naturgemäß ging das beim Auto oder im Luftverkehr). Einem Eisenbahnwagen war die Abkunft vom Pferdewagen noch ein Jahrhundert lang anzusehen, ehe sich alles der naturgesetzlichen Aerodynamik des Windkanals anzupassen begann.
Kulturen und Konzerne sind in den Augen des Tierbeobachters Lorenz "lebende Systeme". In ihnen wiederhole sich presto, was in der lebenden Natur stets das Erfolgsrezept vernetzter Höherentwicklung gewesen ist: die Koppelung von Macht- und Informationsgewinn. Einfach gesagt: Wachsen und Wissen bedingen und beschleunigen einander. So überragende Wirtschaftswissenschaftler wie der Freiburger Nobelpreisträger Friedrich August von Hayek sind darin mit Lorenz ziemlich einig.
Für die in den Geisteswissenschaften beliebte scharfe Grenzziehung zwischen Stammesgeschichte und Kultur hat Lorenz nur Hohn. Die Herrschaften, meint er, möchten eben gern, daß alle "feineren Strukturen des sozialen Verhaltens" kulturbedingt seien, das sogenannte Niedrige hingegen auf "instinktiven Reaktionen" beruhe.
Doch gerade das wird durch die mächtig anwachsende Kenntnis von den sehr wohl seelisch zu nennenden Fähigkeiten höherentwickelter Tiere widerlegt. Es kommt Ethik aus den Genen, eine Ordnungsstruktur, welcher der menschliche Geist nur leider davonrast.
Darüber will die Mehrheit seiner Bewunderer von Lorenz zwar Auskunft - aber doch so, daß sie sich nicht als Geisteswesen in Frage stellen müssen. Er bleibt der Mann mit den Graugänsen, auch wenn Evolutionsforscher wie der Freiburger Ethik-Professor Hans Mohr oder der Wiener Erkenntnis-Biologe Rupert Riedl längst Politiker und Kirchenfürsten - wie Kurt Biedenkopf und Kardinal König - als Sympathisanten für ihre Denkweise gewonnen haben.
Lorenz, der Alte, dem selbst Kritiker Einstein-Format nicht absprechen, er, diese, wie Margaret Mead schwärmte, "großartige, dramatische Figur", wird wie ein heiliger Franziskus bestaunt, wenn er berichtet, wie Tiere miteinander umgehen. "Du bist mein Held, dir vertraue ich", signalisiert da die Gans dem Ganter, und auch "Ich liebe dich" kann sie auf ihre Weise zum Ausdruck bringen. Dem Übersetzer Lorenz wird geglaubt. Und er versichert, daß Liebe und Eifern, innigste Gleichgeschlechtlichkeit und der Gram über den Verlust des Kumpans sich bei diesen Tieren "bis in lächerliche Einzelheiten" mit menschlichem Verhalten decken. Sich fabelähnlich wieder Menschliches von Tieren zu sagen, bleibt dieser Wissenschaft des Vergleichens nicht erspart.
Die daraus ableitbare Selbstumwertung erhabener menschlicher Regungen als die eines auch tierischen Zentralnervensystemen verfügbaren Basisprogramms wird dennoch weithin verweigert. Gegen sie sträuben sich vernehmlich sogar Schüler, die dem Einstein der Tierseele während jener 23 Nachkriegsjahre in Scharen zuliefen, in denen er zunächst im westfälischen Schloß Buldern, dann im oberbayrischen Seewiesen für die Max-Planck-Gesellschaft Instituts-Herr gewesen ist.
In einer von 47 Wissenschaftlern, dem sogenannten "Kreis um Konrad Lorenz", verfaßten Festschrift rühmt der Bochumer Verhaltensforscher Eberhard Curio, die Konzepte des Lehrherrn seien "trotz ihrer gefährlichen Suggestivkraft immer anregend gewesen". Nobelpreisträger Tinbergen, an der Festschrift beteiligt, hatte bereits in den siebziger Jahren die erzählerische Urgewalt des Freundes Lorenz als etwas bezeichnet, das zuviel "Sicherheit" ausstrahle.
In den Computerprogrammen einer Lorenz ebenso fremden wie von ihm angeregten modernen Soziobiologie und in den elektronischen Laboratorien der Neurophysiologie wird nun auf getrennten Wegen weiter analysiert, was der Natur-Detektiv Lorenz in seinen Tier-Karteien zusammentrug und vermittels Intuition zu überzeugenden Bildern fügte.
Tiere mit Radio-Kragen und implantierten Chips sollen aus freier Wildbahn Daten liefern, die solcher Deutung zweifelsfrei überlegen sind. Streng besehen ist ja noch nicht ein einziger Prägungsvorgang in seinen physiologischen Abläufen bekannt.
Alles ist eben noch viel komplizierter, als Lorenz verständlich machen konnte, seit er anfing, auf die ungeheure Verwobenheit alles Kreatürlichen aufmerksam zu machen. Am Ende seines neuen Gänse-Buches beschreibt er die anrührende Wiedersehensfreude zwischen ihm und einer Gans, die ihn lange nicht mehr gesehen hatte.
Dann nennt er die Grenze, die voraussichtlich auch keiner seiner elektronisch gerüsteten Nachfolger je wird überschreiten können: " . . . daß es uns völlig verborgen bleibt, was die Gans dabei empfindet".
Von Peter Brügge

DER SPIEGEL 45/1988
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