07.11.1988

„Wir werden von Steinzeitmenschen regiert“ SPIEGEL-Gespräch mit

dem Verhaltensforscher Konrad Lorenz über die Zukunft der Menschheit
SPIEGEL: Herr Professor Lorenz, Sie haben mit Ihrer Verhaltensforschung dem abendländischen Kulturmenschen schwere Kränkungen zugefügt: Alles Sinnen und Trachten des Homo sapiens, sagen Sie, sei so instinktgebunden wie das Verhalten der Steinzeitmenschen - muten Sie uns damit nicht starken Tobak zu?
LORENZ: Sicher, es ist beleidigend für das "Ebenbild Gottes", daß er das langgesuchte Zwischenglied zwischen dem Affen und dem Menschen ist; das ist er wirklich. Er hört furchtbar gern, er sei das Zentrum der Welt und der Zweck des Ganzen. Lange genug sind ihm ja auch so schmeichelhafte Dinge gesagt worden.
SPIEGEL: Tatsächlich - so lehrt Ihre "evolutionäre Erkenntnistheorie" - trägt der Mensch angeborene Scheuklappen, die ihn immer nur einen Ausschnitt der Wahrheit sehen lassen. Wie wirkt sich das aus?
LORENZ: Der Mensch ist unfähig, Wahrheiten zu erkennen, wo er gegenteilige Programmierungen hat. Keine angeborene Programmierung sagt ihm, daß er irgend etwas anderes schützen soll als höchstens den Menschen. Kein angeborenes Verbot befiehlt ihm, die Umwelt zu schonen; die darf er ausbeuten, soviel er will.
SPIEGEL: Sie meinen, da fehle eine biologische Hemmschwelle?
LORENZ: Die Triebausstattung des Menschen krankt daran, daß sie eine solche Hemmung nicht enthält. Seid fruchtbar und mehret euch, nehmet die Welt und machet sie euch untertan - das sind die Lehren, die der Mensch bekommt, und sie sind allesamt Lügen.
SPIEGEL: Mit Ihrer Lehre vom erblich beschränkten Menschenverstand rauben Sie den Leuten liebgewordene Illusionen - bedrückt Sie das?
LORENZ: Nein. Der Mensch ist im Begriff, sich selbst zu vernichten. Wenn ich gegen das herrschende Selbstverständnis des Menschen geschrieben habe, hatte ich nicht, wie seinerzeit Darwin, das Gefühl, ein "Mörder" zu sein, sondern den Eindruck, eine blind dahinrasende Masse am Selbstmord zu hindern.
SPIEGEL: Es gibt aber heftigen Widerstand gegen das Ansinnen, sich selbst als biologisch beschränkt zu verstehen; schließlich ist der Mensch zu enormen geistigen Leistungen fähig.
LORENZ: Es ist erstaunlich, was der Mensch alles schafft - mit einem Erkenntnisapparat, der gebaut ist, um in Bäumen zu leben. Aber neue Einsichten setzen sich nur allmählich durch. Eine so große Erkenntnis wie die Tatsache, daß eine Evolution stattgefunden hat, wurde zuerst bekämpft, dann ignoriert und dann als selbstverständlich akzeptiert. An der Evolution zweifelt niemand mehr, auch die katholische Kirche nicht.
SPIEGEL: Dennoch, könnte es nicht sein, daß sich in der menschlichen Natur eine starke Abwehr gegen Ihre Erkenntnisse behauptet?
LORENZ: Ich glaube, die Einsicht in die eigene Begrenztheit ist Voraussetzung für das Weiterleben des Menschen; er ist in höchster Gefahr, es ist die Frage, ob er den "point of no return" nicht schon überschritten hat, ob wir nicht schon zum Untergang verurteilt sind. Doch ich bin kein Pessimist. Wenn Sie die Zahl der Menschen nehmen, die meine Einschätzung teilen, so nimmt sie rapide zu. Hoffentlich schneller als die Gefahr der Selbstvernichtung.
SPIEGEL: Macht Ihnen da ein Ereignis wie die Annäherung zwischen Sowjets und Amerikanern nicht etwas Mut?
LORENZ: Herr Gorbatschow erfüllt mich mit einem Optimismus, dem ich nicht ganz nachzugeben wage, weil ich nicht enttäuscht werden möchte.
SPIEGEL: Sie haben des öfteren angedeutet, die Menschheit sei in einem genetischen Wandel begriffen. Halten Sie eine sprunghafte Veränderung des Menschen für denkbar?
LORENZ: Sprunghafte, große genetische Veränderungen halte ich für unmöglich. Wir sind mit dem Genom - den Erbanlagen - eines Spätsteinzeitmenschen geschlagen, und wir müssen uns damit abfinden. Das heißt aber nicht, daß wir unsere primitiven Triebe nicht steuern oder unterdrücken können. Der Eros ist ein Trieb, der jeden Mann zu unglaublichem Unsinn treiben kann. Trotzdem muß er, vom Begattungstrieb besessen, nicht jedes schöne Mädchen auf der Straße anfallen, er kann sich das auch verkneifen.
SPIEGEL: Daß die Jugend von Generation zu Generation immer größer wird, daß sie von Computern fasziniert ist und damit wie selbstverständlich schon in der Kindheit umgeht - das alles hat nichts mit den Genen zu tun?
LORENZ: Daß Menschen immer größer werden, ist eine sogenannte Modifikation und hat mit genetischen Veränderungen kaum etwas zu tun. Daß unsere Kinder ein scheinbar angeborenes Talent für Technologie und Computer haben, ist noch weniger durch genetische Veränderungen bedingt, sondern nur auf frühe Einflüsse zurückzuführen. Um an der genetischen Ausstattung des Menschen etwas zu ändern, bräuchte es viel länger. Allerdings ist der Mensch, so wie er ist, außerordentlich anpassungsfähig.
SPIEGEL: Woher stammt diese Anpassungsfähigkeit?
LORENZ: Sie beginnt mit dem Denken, mit der Fähigkeit zu Abstraktion und Reflexion. Das begriffliche Denken verschafft dem Menschen eine Freiheit, die kein Tier hat. Das ist ein katastrophaler Unterschied: Tiere können nichts, was sie nicht dürfen, aber der Mensch kann eine Menge Dinge tun, die er nicht darf. Deshalb sind alle Entscheidungen, an denen die Zukunft der Menschheit hängt, letztlich ethische Entscheidungen.
SPIEGEL: Sie haben in vielen Ihrer Bücher von einem Verfall unserer Kultur gesprochen und diesen Prozeß krankhaft genannt. Gibt es denn eine gesunde Kultur, hat es sie jemals gegeben?
LORENZ: Ich weiß es nicht. Was heute verlangt wird, ist eine Umwertung aller Werte. Wir müssen lernen, daß Geld keinen Wert hat, daß es nur das Symbol von einem Symbol ist und daß man ein Symbol nicht fressen kann. Ein Großteil der Menschheit glaubt felsenfest, daß man alles kaufen kann: Wenn ich genug Dollars habe, kann ich Wasser, Luft und Sauerstoff kaufen, auch wenn keiner mehr da ist. Das ist ein Unsinn, der ausgerottet werden muß.
SPIEGEL: Folgen die Menschen womöglich einem Trieb, der so tief eingewurzelt ist, daß sie gar nichts dagegen machen können - einem Trieb, der ihnen befiehlt, Bedürfnisse möglichst mühelos zu befriedigen und Unlust nach Kräften zu vermeiden?
LORENZ: Wer alle Unlust meidet, meidet auch das höchste Glück. Das Licht braucht Schatten: Zur Freude, die man beim Klettern empfindet, wenn man oben angekommen ist, gehören die zerschundenen Hände - leider sieht diese Welt das nicht ein.
SPIEGEL: Aber nicht nur der Mensch, auch alle anderen Säugetiere streben doch nach nichts anderem als der Vermeidung von Unlust . . .
LORENZ: . . . nur, sie können es nicht so gut. Beim Menschen wird die Unlustvermeidung zu einer tödlichen Bestrebung, die in der Rauschgiftsucht endet.
SPIEGEL: Wie soll man denn den satten Menschen, die nach immer neuen Delikatessen suchen, beibringen, daß es eine Grenze der Genußsucht gibt?
LORENZ: Ich weiß es nicht, das ist sehr schwer. Es geht wohl nur durch die Kindererziehung. Man muß Kinder dazu erziehen, daß sie sehen, was gesund ist; sie müssen gesunde Lebensräume kennenlernen. Sich selbst überlassen, in dem Spiel von allem mit allem, strebt die Wechselwirkung der Moleküle wie die der Tierarten merkwürdigerweise nach oben. Das ist das große Wunder in diesem Kosmos. Wenn eine Reihe von Arten in einem gemeinsamen Lebensraum über Jahrmillionen zusammenlebt, so beeinflussen sie einander stets in Richtung einer Aufwärtsentwicklung.
SPIEGEL: Was heißt dabei "oben"?
LORENZ: Wenn ich definieren soll, was oben und was unten ist, ein niederes oder ein höheres Tier, so kann ich es nicht. Sie können es auch nicht. Wenn Sie es nicht fühlen, werden Sie es nicht erjagen. Sie müssen es hinnehmen, daß die groben Richtungsbefehle "oben" und "unten" dem Menschen angeboren sind - und zwar gefühlsmäßig angeboren, sie können nicht rational begründet werden.
SPIEGEL: Sie meinen auch in ethischer Hinsicht oben und unten?
LORENZ: Speziell in ethischer Hinsicht. Ich möchte Ihnen ein Gedankenexperiment vorschlagen: Auf einer langen Bank liegen ein Krautkopf, ein Frosch, eine Maus, ein Kätzchen, ein Hundebaby und ein Menschenbaby; nun fordert Sie jemand auf, eines dieser organischen Gebilde auseinanderzuhauen. Sollten Sie dazu neigen, das Menschenbaby zu zerschlagen, so sind Sie ein völlig abnormes Monstrum.
SPIEGEL: Seit wir Lorenz gelesen haben, wagen wir überhaupt nicht mehr zuzuschlagen. Aber wenn wir, das Hackmesser in der Hand, zu wählen hätten zwischen einem Hamster und einer Ratte, die sicher die höhere Lebensform ist, so würden wir eher den niedlichen Hamster schonen.
LORENZ: Dabei mögen erworbene Feindbilder vom Schädling Ratte eine Rolle spielen. Das Hauptmerkmal eines höheren Tieres ist das komplizierte Zentralnervensystem. Bei einem Menschen, der geübt ist, höhere und niedere Tiere auseinanderzuhalten, funktioniert die Intuition natürlich anders als bei einem zweiten, der auf kuschelige Pelztiere eingestellt ist - der eine wird die Ratte vorziehen, der andere den Hamster höher schätzen. Was in der Skala als höher oder niedriger gilt, wird hauptsächlich durch unsere Gestaltwahrnehmung bestimmt. Die aber muß man üben.
SPIEGEL: Die spontane Intuition ist bei der Gestaltwahrnehmung also nicht gefragt?
LORENZ: Wie sehr die Gestaltwahrnehmung der Übung bedarf, sehen Sie, wenn Sie einem Europäer orientalische Musik vorspielen; die klingt für uns wie ein chaotisches Gefasel, obwohl sie viel gesetzmäßiger ist als unser wohltemperiertes Klavier - ich jedenfalls kann gar nichts damit anfangen.
SPIEGEL: Trotzdem haben Sie die Gestaltwahrnehmung als wissenschaftliches Instrument benutzt, als Erkenntnismittel . . .
LORENZ: . . . dazu muß sie trainiert werden. Für mich und Gleichgesinnte ist sie eine der wichtigsten Quellen der Erkenntnis. Sicher setzt sie ein reiches Anschauungsmaterial voraus; das fehlt den Stadtmenschen, die immer nur in den gleichen grauen Hintergrund mit wenig prägnanten Formen und Gestalten blicken.
SPIEGEL: Gilt da der alte philosophische Satz: Wo nichts gewußt wird, wird nichts gesehen?
LORENZ: Ja und nein. Sie können nicht sagen: Ein Mensch, der nichts sieht, weiß auch nichts. Ein mathematisch begabter, analytisch denkender Mensch braucht gar keine Gestaltwahrnehmung zu haben. Aber wenn es Natürliches zu erforschen gilt, versagt das Menschenhirn oft, weil es die Übersicht verliert. Die Gestaltwahrnehmung sieht dagegen das Ganze, sie braucht sich um die Komplikationen nicht zu kümmern. Allerdings, die Gestaltwahrnehmer und die Analytiker verstehen einander furchtbar schlecht - die großen Seher verachten die Analytiker, und die Analytiker halten das, was der Seher sieht, für Mumpitz.
SPIEGEL: Der Seher, scheint uns, kommt ein bißchen aus der Mode, die Zukunft gehört wohl eher den Analytikern. Können - angesichts der enorm beschleunigten technischen und wirtschaftlichen Evolution - die überlieferten Wertmaßstäbe noch weiterhelfen?
LORENZ: Wie die Ethik mit der Technologie fertig wird, wissen wir nicht. Das meiste, was wir vorfinden, ist nie dagewesen. Die Technologie berührt die Ethik nicht, doch selbst der gescheiteste Techniker und Physiker kann durchaus ein anständiger Mensch bleiben.
SPIEGEL: Er handelt aber unter Zwängen, die aus der Entwicklung kommen.
LORENZ: Ein ganz böser Zwang ist die Vermassung. Wenn viele Menschen dasselbe glauben, kommen sie leicht zu dem Ergebnis: Freßt Scheiße, Millionen Fliegen können sich nicht irren. Oder nehmen Sie einen modernen Geschäftsmann, der privat ein uranständiger Mensch ist - machen Sie ihn aber zum Aufsichtsratsmitglied, wo er die Verantwortung mit zwölf anderen teilt, verhält er sich wie ein Intelligenzverbrecher.
SPIEGEL: Sie haben aber selber einmal Konzerne mit natürlichen Lebenssystemen verglichen: Beide gehorchen ihren eigenen Gesetzen, und denen folgen dann die Leute in den Firmen.
LORENZ: Soziale Systeme, die der Mensch geschaffen hat, sterben leider Gottes nicht den Alterstod. Tausend natürliche Gründe, wie etwa der Winddruck, verhindern, daß Bäume in den Himmel wachsen. Doch es gibt keinen Faktor, der Unternehmen daran hindert, bis ins Unendliche weiterzuwuchern.
SPIEGEL: Könnte es nicht sein, daß sie aufhören zu wachsen, wenn der Bedarf gestillt ist?
LORENZ: Das wäre zu hoffen, würde aber allzu leicht zum Massenkrieg führen. Denn dann würden die Unternehmen sich um den verbleibenden Markt raufen und übereinander herfallen, bis nur noch wenige übrig sind. Wenn das ins Rassische übergeht, wird es tödlich, weil immer weniger Rassen überleben.
SPIEGEL: Auf dem Weltmarkt gibt es eine sehr brutale Selektion, die konsequent den Tüchtigeren, Produktiveren bevorzugt . . .
LORENZ: . . . aber nicht zugunsten des Konsumenten, der ist der letzte Dreck, nur verkaufen muß es sich. Groß angelegte Konsumenten-Streiks könnten viele üble Folgen der Technisierung verhindern, aber das geschieht nicht, weil die Konsumenten eine vielköpfige Menge sind, die blöd ist, während die Unternehmer Köpfchen haben.
SPIEGEL: Wenn man sich klarmacht, daß alle Einwände gegen die gefährlich dynamische Entwicklung vom Verstand herkommen, dazu vom Verstand einer Minderheit - wäre es nicht denkbar, daß nur Katastrophen einen massenhaften Lernprozeß in Gang setzen?
LORENZ: Manche Leute glauben das. Tschernobyl hat ja vorübergehend auch Hoffnungen geweckt. Aber erst wenn ganz New York zugrunde geht, oder New York und Chicago, kann man vielleicht damit rechnen, daß der Rest der Welt zur Vernunft kommt.
SPIEGEL: Und was ist mit denen, die am technischen Fortschritt bis jetzt noch gar keinen Anteil hatten? Wollen Sie denen sagen, für euch ist das nicht gut?
LORENZ: Das möchte ich, obwohl ich mir dabei doch ein wenig wie Darwin vorkomme, der sich wie ein Mörder fühlte, weil er glaubte, mit seiner Evolutionstheorie das Christentum verraten zu haben.
SPIEGEL: Was die ganze gebildete Welt von Ihnen übernommen hat, ist vor allem Ihre Aggressionstheorie - das sogenannte psychohydraulische Modell. Doch gerade daran zweifeln inzwischen viele Forscher, sie sehen darin eine allzu mechanische, ausweglose Automatik.
LORENZ: Ausweglos ist die Automatik nie, weil sich der Mensch, wie schon gesagt, auch beherrschen kann.
SPIEGEL: Es scheint, daß Aggressionen, die sich im Inneren aufbauen, durch bestimmte Stoffwechselvorgänge wieder abgebaut werden können; sie müssen nicht, wie im psychohydraulischen Modell, durch eine Art Überdruckventil nach außen abgefahren werden.
LORENZ: Schon Sigmund Freud hat gesehen, daß es so etwas wie Sublimierung gibt, daß also Aggressionen auf bessere Ziele umgestellt werden können.
SPIEGEL: Sie haben unter anderem sportliche Wettkämpfe als Aggressionsventil empfohlen.
LORENZ: Davon bin ich etwas abgekommen. Sportwettkämpfe sind auch geeignet, bei den Zuschauern Hemmschwellen herabzusetzen. Man muß eben in Rechnung ziehen, wie verführbar das Publikum ist. Die Kenntnisse über die menschlichen Empfindungen sind leider auch bis zu den Demagogen vorgedrungen; die verstehen es glänzend, Begeisterung zu wecken. Man müßte den Menschen anerziehen, wofür sie sich begeistern können, für Musik etwa oder für Darwin . . .
SPIEGEL: . . . dabei löst gerade Darwin bei vielen Leuten immer noch Aggressionen aus.
LORENZ: Darwin weckt bei eitlen Menschen Aggressionen; die hören natürlich gerne, daß sie das Zentrum des Universums sind, ungern dagegen, daß der verehrte Großpapa ein Affe war.
SPIEGEL: Wie sollten denn Kinder oder Jugendliche Ihrer Ansicht nach erzogen werden?
LORENZ: Sie sollten lernen, Unlust auszuhalten, damit sie später kein Leben führen, in dem das Auf und Ab von Freud und Leid zu einer grauen Ebene verflacht, in der kein Sinn mehr zu erkennen ist.
SPIEGEL: Hat das zu tun mit dem, was Sie einmal die "Verhausschweinung" des Menschen genannt haben?
LORENZ: Nein, die Verhausschweinung ist eine Triebverflachung, ein Überwuchern niedriger Triebe; es gibt dabei Menschen, die nur an Fressen und Begattung denken. Die Unlustvermeidung kann dazukommen, beides kombiniert sich leicht.
SPIEGEL: In den Industriegesellschaften ist die Mehrheit vom eigentlichen Überlebenskampf befreit - das meinen Sie aber nicht mit solcher Verhausschweinung?
LORENZ: Nein, ich verstehe darunter die Ergebenheit des Menschen in diesen Zustand.
SPIEGEL: Sie haben Sigmund Freud nie kennengelernt, obwohl Sie lange Jahre in seiner Nähe gewohnt haben. Warum haben Sie ihm nie Grüß Gott gesagt?
LORENZ: Ja, der war ganz nahe, drei Minuten zu Fuß wären es gewesen. Aber ich habe meine erste Freud-Ausgabe, die ich noch besitze, mit schimpfenden Randbemerkungen versehen; wenn Sie die heute sehen, halten Sie mich für einen Idioten.
SPIEGEL: Waren Sie dabei von den Vorurteilen anderer beeinflußt oder war es eigener Widerstand, der Sie gegen Freud einnahm?
LORENZ: Eigener Widerstand, ich bin ja überhaupt ein widerständiger Mensch. Ich zeige meinen Widerstand gegen Lehrmeinungen, indem ich sie einfach nicht zur Kenntnis nehme. Aber jede sogenannte Originalität ist ja in Wirklichkeit Unbelesenheit. Ich bin der ungebildetste aller Menschen, habe aber trotzdem 1942 eine Widerlegung des Immanuel Kant geschrieben.
SPIEGEL: Daraus wurde später Ihr Hauptwerk "Die Rückseite des Spiegels". Was hat Sie dazu gebracht, das ausgerechnet im russischen Kriegsgefangenenlager wieder aufzugreifen?
LORENZ: Weil ich eingesperrt und aufs Philosophieren angewiesen war. Wenn ich Kant gelesen hätte zu der Zeit, hätte ich das Buch wahrscheinlich nicht geschrieben.
SPIEGEL: Wieso?
LORENZ: Aus Untertänigkeit gegenüber dem großen Philosophen.
SPIEGEL: Sie hatten Kant ja schon früher gelesen, in Kants Heimatstadt Königsberg, wo Sie einen Lehrstuhl innehatten.
LORENZ: Nein, ich habe ihn erst nach dem Krieg gelesen. Aber eigentlich kann man Kant gar nicht lesen, man kann ihn nur ins Deutsche übersetzen.
SPIEGEL: Sie haben die Kritik der reinen und der praktischen Vernunft nie richtig durchgearbeitet?
LORENZ: Niemals.
SPIEGEL: Das finden wir sehr ehrlich. In der "Rückseite des Spiegels" haben Sie Ihre evolutionäre Erkenntnistheorie entwickelt, die Lehre von der begrenzten Erkenntnisfähigkeit des Menschen. Glauben Sie wirklich, daß diese recht abstrakte Theorie eines Tages Allgemeingut werden kann?
LORENZ: Sie kann nicht, sie muß Allgemeingut werden, weil sich die Menschheit sonst selber umbringt; das kann ganz schnell gehen.
SPIEGEL: Kann man denn überhaupt noch Prognosen machen über den Fortgang der Evolution, die doch nach Ansicht von Biologen wie dem Franzosen Jacques Monod vom Zufall vorangetrieben wird?
LORENZ: Monod sieht im freien Spiel der Moleküle nicht die Tendenz nach oben, die zu immer höheren Lebewesen führt. Darwin war sich dieser Tendenz sehr bewußt. Er hat sie in jedem Erdzeitalter beobachtet.
SPIEGEL: Dennoch läßt sich die Entwicklung nicht vorhersagen.
LORENZ: Nichts ist voraussehbar. Sicher ist nur, es kann auch bergab gehen. Seit der Mensch den Faustkeil erfunden hat, balanciert er auf des Messers Schneide, zwischen einer gloriosen Zukunft und dem Sturz in die Hölle. Aus der Amöbe hat er sich emporentwickelt, aber schon im nächsten Jahr kann er im Atommüll enden.
SPIEGEL: Was uns die Vergangenheit lehrt, muß also für die Zukunft nicht stimmen?
LORENZ: Muß nicht stimmen, kann jederzeit schiefgehen, geht teilweise dauernd schief. Unendlich viele, zu ihrer Zeit höchste Lebewesen sind wieder ausgestorben oder haben sich gewandelt. Möglich, daß der Mensch die Erde atomar verwüstet und aus einem Wurm ein zweiter Mensch wird.
SPIEGEL: Es gibt eine jüdische Weisheit: Das Leben ist klüger als der Mensch. Würden Sie dem zustimmen?
LORENZ: Sicher, das Leben gibt vor allem nie die Hoffnung auf.
SPIEGEL: Sie sind, als Sohn eines wohlhabenden Mediziners, mit einem goldenen Löffel im Mund zur Welt gekommen. Hat Sie das nicht in Ihrer sozialen Einstellung geprägt, Ihnen etwa die Möglichkeit genommen, sich vorzustellen, wie es den ganz Armen geht?
LORENZ: Sicher. Mit den ganz Armen habe ich wenig Mitleid gehabt. Und ich habe mich ja auch vor aller Politik gedrückt, weil ich mit meinen Problemen beschäftigt war. Auch vor einer Auseinandersetzung mit den Nazis habe ich mich in sehr verächtlicher Weise gedrückt, ich hatte einfach keine Zeit dazu.
SPIEGEL: Deswegen sind Ihnen später Vorwürfe gemacht worden.
LORENZ: Ich mache mir selber Vorwürfe. Andererseits: Wenn ich mich frühzeitig meiner politischen Pflichten erinnert hätte, hätte ich viele Dinge, für die ich den Nobelpreis bekommen habe, nie geschaffen.
SPIEGEL: Die biologische Wissenschaft ist besonders anfällig für politischen Mißbrauch, sehen Sie da auch heute Gefahren?
LORENZ: Der Mensch mit seinen Erbanlagen ist für politischen Mißbrauch anfällig.
SPIEGEL: Eröffnet nicht die moderne Gentechnik den Zugang zu einer Eugenik, die weniger brutal anmutet als die Rassenhygiene der Nazis, aber womöglich viel effektvoller arbeitet?
LORENZ: Das fürchte ich, aber ich glaube es noch nicht. Die Gentechnik ist noch nicht soweit, zu durchschauen, wie kompliziert ein Gensystem sein muß, um zu überleben. Sie kann allenfalls Viren manipulieren, aber keine höheren Lebewesen.
SPIEGEL: Haben Sie bei der Beobachtung von Tiersozietäten jemals einen Trend zur Individualisierung festgestellt, wie er in den Industriegesellschaften seit der Französischen Revolution vorherrscht?
LORENZ: Nein, das gibt es nirgendwo in der Natur. Am Ende bleiben nur sich selbst verwirklichende Individuen übrig. Wenn die Selbstverwirklichung sozial unmöglich wird, weil alle Individuen zu aggressiv oder zu geldgierig werden, stirbt die Art aus.
SPIEGEL: Diese Entwicklung läuft schon seit Jahrhunderten?
LORENZ: Gewiß, die Triebausstattung des Menschen hat sich seit der jüngeren Steinzeit nicht geändert - und wir werden von Steinzeitmenschen regiert.
SPIEGEL: Daß Sie das immer wieder sagen, erregt bei vielen Ärgernis, die es nicht hören und akzeptieren wollen.
LORENZ: Die wollen die ganzen Fehlleistungen der Menschheit nicht hören. Mein Buch "Der Abbau des Menschlichen" war in Deutschland ein Bestseller, in Amerika kauft es keiner, weil es gegen den American Way of Life gerichtet ist.
SPIEGEL: Es ist halt nicht positiv genug. Man hat Sie deswegen einen Fatalisten genannt - sehen Sie sich so?
LORENZ: Ich bin weder Fatalist noch Pessimist. Wäre ich ein Pessimist, würde ich schlafen gehen und Ihnen kein Interview geben.
SPIEGEL: Herr Professor Lorenz, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Von P. Brügge und K. Franke

DER SPIEGEL 45/1988
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 45/1988
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Wir werden von Steinzeitmenschen regiert“ SPIEGEL-Gespräch mit

Video 03:33

Faszinierende Animation So will Elon Musk den Mars besiedeln

  • Video "Faszinierende Animation: So will Elon Musk den Mars besiedeln" Video 03:33
    Faszinierende Animation: So will Elon Musk den Mars besiedeln
  • Video "Virales Gute-Laune-Video: Tom Hanks crasht Hochzeitsfeier" Video 01:04
    Virales Gute-Laune-Video: Tom Hanks crasht Hochzeitsfeier
  • Video "US-Amateurvideo: Sturm bläst Hausdach über Straßenkreuzung" Video 00:46
    US-Amateurvideo: Sturm bläst Hausdach über Straßenkreuzung
  • Video "Längste Meeresbrücke der Welt: 55 Kilometer über das Wasser" Video 00:43
    Längste Meeresbrücke der Welt: 55 Kilometer über das Wasser
  • Video "Duo zum Duell zur TV-Debatte: Clintons geplante Tantigkeit" Video 04:25
    "Duo zum Duell" zur TV-Debatte: Clintons geplante Tantigkeit
  • Video "Drohnenvideo: Aleppo, die zerstörte Stadt" Video 00:57
    Drohnenvideo: Aleppo, die zerstörte Stadt
  • Video "Die Lachnummer des Jahres: Nordkoreas U16-Keeper und sein Riesenbock" Video 00:54
    Die Lachnummer des Jahres: Nordkoreas U16-Keeper und sein Riesenbock
  • Video "US-Überwachungsvideo: Helikopter-Notlandung auf Straßenkreuzung" Video 00:43
    US-Überwachungsvideo: Helikopter-Notlandung auf Straßenkreuzung
  • Video "Weiße Haie vor Südafrika: Raubfische auf dem Rückzug" Video 01:24
    Weiße Haie vor Südafrika: Raubfische auf dem Rückzug
  • Video "TV-Debatte Clinton vs. Trump: Die Highlights der Show" Video 03:48
    TV-Debatte Clinton vs. Trump: Die Highlights der Show
  • Video "Videoanalyse: Auf halber Strecke ging Trump die Puste aus" Video 00:44
    Videoanalyse: "Auf halber Strecke ging Trump die Puste aus"
  • Video "Gezeitenflut am Qiantang-Fluss: Die perfekte, gefährliche Welle" Video 01:24
    Gezeitenflut am Qiantang-Fluss: Die perfekte, gefährliche Welle
  • Video "Debattenniederlage: Trump gibt defektem Mikrofon die Schuld" Video 00:32
    Debattenniederlage: Trump gibt defektem Mikrofon die Schuld
  • Video "Fast: Gigantisches Radioteleskop in Betrieb" Video 00:53
    "Fast": Gigantisches Radioteleskop in Betrieb
  • Video "Starker Auftritt zum Antritt: Gisdol gibt Gas" Video 02:50
    Starker Auftritt zum Antritt: Gisdol gibt Gas