05.12.1988

„In Adolf-Hitler-Platz umbenennen“ Der Neonazi Michael Kühnen will

die Stadt Langen „ausländerfrei“ machen
Bislang war das hessische Städtchen Langen vor allem für sein traditionelles "Äbbelwoi-Fest" bekannt. Seit der Neonazi Michael Kühnen, 33, jedoch mit seiner Wählerinitiative "Nationale Sammlung" (NS) in Langen zu einer "politischen Durchbruchschlacht" für die hessischen Kommunalwahlen im März rüstet, droht die 30 000-Einwohner-Gemeinde als braunes Nest in Verruf zu geraten.
Mit der rassistischen Parole "Ausländer raus" strebt die NS in der Frankfurter Trabantenstadt Sitz und Stimme im Stadtparlament an. Die Ansiedlung, proklamieren Propagandaschriften, "soll die erste ausländerfreie Stadt" in der Bundesrepublik werden: "Langen wird ein Zeichen für Deutschland setzen."
Dem Ort, in dem seit eh und je Sozialdemokraten den Bürgermeister stellen, hat Kühnen schwere Zeiten angedroht. Stimmen will er vor allem durch einen "Wahlkampf auf der Straße" gewinnen. Bundesweit sollen Wahlhelfer rekrutiert werden. Bis zu 150 Getreue will Kühnen "aufmarschieren" lassen "zu Fackelmärschen und anderen Dingen mehr".
Einen Vorgeschmack haben die Langener bereits bekommen. In der Stadt wimmelt es von Handzetteln, Faltblättern und Exemplaren der Wahlkampfzeitung "Der Sturm", in denen gegen die "Asylanten- und Gastarbeiterflut" Stimmung gemacht wird. Wände, Schilder und Plakate sind mit Hakenkreuzen und Parolen besprüht. Damit die Schmierereien rasch beseitigt werden, stellt die Stadtverwaltung Farbe und Arbeitsmaterial.
Randalierende Neonazi-Trupps haben schon mehrfach für Aufsehen gesorgt. Mal störten 15 Mann eine Mahnveranstaltung für Opfer des Nationalsozialismus. Dann wieder kreuzten Rechte mit "Rotfront verrecke"-Gebrüll auf einem Fest der örtlichen Friedensinitiative auf.
Das bloße Gerücht, ein aus dem gesamten Bundesgebiet zusammengezogenes Rollkommando wolle Ausländerkinder jagen, löste bei Eltern und Schülern Panik aus. Lehrer ließen die Kinder in der Frühstückspause nicht mehr auf den Hof, ängstliche Eltern behielten sie vorsorglich gleich zu Hause. In hilfloser Empörung über die rechten Umtriebe hat das Stadtparlament in einer "Langener Erklärung" "von der Bundesregierung Unterstützung" im "Kampf gegen die Neonazis" gefordert.
Daß Langen zum "Zentrum der Bewegung" proklamiert wurde, erklärt Kühnen zum einen mit einem "gewissen biographischen Zufall": In Langen war er, nach seiner Haftentlassung im März, bei dem Rechtsradikalen Heinz Reisz, 50, untergeschlüpft. Der Brunnenbauer ist unter Kühnen Spitzenkandidat. Zum anderen wurde Langen ausgewählt, weil schätzungsweise ein Drittel der Einwohner deutschstämmige Aussiedler sind. Bei denen hofft Kühnen wegen ihres Hangs zur Volkstümelei mit seiner Fremden-Hetze besonders gut anzukommen. Immerhin zählt Langen gut 4000 Ausländer.
Die NS-Truppe will bei der Kommunalwahl im März zwar auch in Frankfurt antreten, sieht dort aber kaum Chancen. Kühnen: "Frankfurt ist für uns nur als Medienstadt interessant." In Langen hofft die Mannschaft gut abzuschneiden: "Der Boden", tönt Reisz, "ist bereitet." Kühnen phantasiert schon von Anträgen, "den Marktplatz in Adolf-Hitler-Platz umzubenennen oder so etwas".
Kommunalpolitiker wie der Grüne Horst Adamitz vermuten, daß die NS "im Null-Komma-Bereich landet". Als die NPD 1984 bei der Europawahl antrat, brachte es die Rechtstruppe nur auf 203 Stimmen. Nach Beobachtungen von Verfassungsschützern kann die NS nicht einmal die 90 Unterstützerstimmen für die Wahlzulassung zusammenkratzen.
Daß die NS-Aktionen in Straßenterror wie einst im Reich münden werden, bezweifeln Szene-Kenner. Der Verfassungsschutz schätzt die Truppe auf "maximal 40 Mann im Rhein-Main-Gebiet". Für den Fall, daß sie massiv aufmarschieren sollte, haben Frankfurter Autonome signalisiert, sie wollten auch mitmischen. Ein Verfassungsschützer: "Da zieht Kühnen den kürzeren."

DER SPIEGEL 49/1988
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