15.08.1988

BEATLES

Stück Müll

War John Lennon ein Schläger, ein Homosexueller, ein drogen- und magersüchtiger Eigenbrötler mit Wahnsinnsschüben? Eine neue Biographie empört die Fan-Gemeinde. *

Der vierschrötige deutsche Seemann hatte den jugendlichen Musikern aus Liverpool auf dem Hamburger Kiez etliche Drinks spendiert und ihnen sogar ein Essen bezahlt. Die revanchierten sich auf ihre Weise: Fasziniert von seiner dicken Brieftasche, beschlossen sie, ihn auszurauben.

Auf der Straße kniffen zwei aus der Gruppe, doch die beiden anderen fielen über den Mann her. Der wehrte sich, kam wieder auf die Beine und zog seine Pistole. Die beiden Musiker stürzten sich dennoch auf ihn, während die Kugeln über ihre Köpfe flogen, und droschen auf ihn ein, bis er bewegungslos am Boden lag und sie ungehindert nach Hause gehen konnten - die Brieftasche allerdings hatten sie während der Rauferei verloren. So hausten, Anfang der sechziger Jahre, die Beatles.

Das wenigstens behauptet eine neue Biographie über den Ober-Beatle John Lennon, die schon vor ihrem Erscheinen für Wirbel sorgt. Das Buch bietet denn auch starken Tobak. So soll Lennon wenig später wieder versucht haben, einen Matrosen zu berauben. Dabei habe er so fest zugeschlagen, daß er, Jahre später, einem Freund gestand: "Gott weiß, ob er je wieder aufgestanden ist."

20 Jahre später war Lennon ein Held. Als er, am 8. Dezember 1980, auf den Treppen des Dakota-Hauses am New Yorker Central Park erschossen wurde, bedeutete das für Millionen Menschen das Ende einer Ära, einen Verlust, allenfalls mit dem Tod der Kennedy-Brüder oder Martin Luther Kings vergleichbar.

Ausgerechnet John Lennon, der brillante Vorsänger der 68er, der witzige, manchmal gallige Kopf der Beatles, der Schöpfer der Friedenshymne "Give Peace A Chance", war von einem Fan ermordet worden. Hunderttausend, angeführt von Jane Fonda und dem New Yorker Bürgermeister Ed Koch, trauerten um den Ober-Pilzkopf, sangen seine Lieder und beteten für ihr Idol. _(Mit George Harrison und Stu Sutcliffe. )

Der Schmerz galt - so behauptet es die jüngste Lennon-Biographie - einem schwulen Junkie, der kurz davor war überzuschnappen: John Lennon
* starb im Bewußtsein, zwei Menschen umgebracht zu haben;
* hatte mit seinem Manager Brian Epstein eine lange
homosexuelle Beziehung;
* terrorisierte als drogensüchtiger, abgemagerter
Einsiedler in New York seine Familie.

Diese und andere Vorwürfe erhebt Albert Goldman, 60, früher einmal außerordentlicher Professor für Englisch an der New Yorker Columbia University, dann "Life"-Autor und auf Enthüllungsbiographien, zum Beispiel über Elvis Presley, spezialisiert.

Sechs Jahre arbeitete Goldman an seinem jüngsten, 720 Seiten starken Werk "The Lives of John Lennon", das diese Woche in Amerika und England und im Frühjahr auch in Deutschland bei Rowohlt erscheint. 1200 Interviews hat er mit Familienmitgliedern, Freunden und Bekannten des Popstars geführt. Was bislang von "People" und dem Londoner Revolverblatt "Daily Mail" vorabgedruckt wurde, hat ausgereicht, die Lennon-Gemeinde aufzuschrecken.

Selbst Ex-Beatle Paul McCartney, der seit zehn Jahren kein Wort über seinen alten Kumpel John verloren hatte, entrüstete sich letzte Woche über Goldmans "Stück Müll"; das Buch, eine "Ansammlung alter Lügen", gehöre boykottiert. Cynthia Lennon, Johns erste Frau, sprach von "Leichenschändung", und die Hamburger Photographin Astrid Kirchherr, eine Freundin aus alten Reeperbahn-Zeiten, nannte Goldmans Erzählungen "frei erfunden und eine Schweinerei".

Astrid Kirchherr war Anfang der sechziger Jahre, als die Beatles im "Kaiserkeller" und im "Star-Club" auf der Großen Freiheit spielten, mit Stu Sutcliffe, dem Bassisten der Band, verlobt.

Diese ersten Hamburger Monate waren laut Goldman eine wilde Zeit. Wenn die Beatles nachts um zwei oder drei in ihre Buden, unbeleuchtete Verschläge hinter einem Kino, kamen, wurden sie meistens von fünf, sechs Mädchen erwartet, über die sie sich sogleich hermachten. Goldman zitiert Peter Best, damals der Schlagzeuger: "Wir riefen uns zu: ''Wie geht es bei dir? Ich komme gerade. Sollen wir mal tauschen?''"

Die fünf tranken ordentlich. Vor allem John war während langer Phasen ständig besoffen. Mit "Prellis", dem Aufputschmittel Preludin, hielten sie sich auf Trab. Und immer wieder versuchten sie, durch Raubüberfälle ihre karge Gage aufzubessern.

Später zeigte John Reue, er war von Schuldgefühlen geplagt, den englischen Matrosen umgebracht zu haben. Auch für den Tod von Stu Sutcliffe fühlte er sich "sein Leben lang verantwortlich", erzählt Goldman. Angeblich sei es zwischen den beiden zum Streit gekommen und Lennon habe, völlig außer Kontrolle, Sutcliffe so zugerichtet, daß der mit einer klaffenden Wunde am Kopf auf dem Bürgersteig zusammenbrach - und später an einem Hirntumor starb. Astrid Kirchherr freilich weiß von keinem Streit: "John und Stu haben sich nie geschlagen, das hätte ich mitbekommen."

Nichts mitbekommen haben Cynthia Lennon und Paul McCartney auch von Johns angeblicher Affäre mit dem homosexuellen Beatles-Manager Brian Epstein. McCartney: "Es gab nicht den kleinsten Hinweis." Und Cynthia Lennon trocken: "John hatte mehr Frauen als warme Abendessen."

Goldman erzählt es anders. Epstein und Lennon, der gerade Vater geworden war, kamen sich bei einer Reise nach Spanien näher, Lennon ging auf "Eppys" Angebote ein, ließ sich von ihm verführen, um, wie er später sagte, "den Mann, der unser Leben und unsere Karrieren kontrollierte, kontrollieren zu können". Die Affäre dauerte bis zu Epsteins Tod.

Einmal wurden die beiden von Epsteins Mutter überrascht, die sogleich die Polizei alarmierte. John geriet in Panik, ließ sich zu einem Vertrauten chauffieren, der ihn unverzüglich außer Landes bringen sollte. Währenddessen hatte Epstein alle Mühe, die Polizisten davon zu überzeugen, daß seine Mutter falschen Alarm geschlagen hatte.

Goldman gibt auch eine neue Version vom Tod des Managers. Bislang galt: Er starb am 27. August 1967 an einer Überdosis Schlaftabletten. Unklar blieb, ob es ein Unglücksfall oder Selbstmord war. Goldman: "Die wahren Umstände wurden vertuscht." Epstein sei in seiner letzten Nacht nicht allein gewesen und wohl bei sadomasochistischen Spielen erstickt.

Auch in Lennons späten Jahren - die Beatles haben sich längst getrennt, John lebt mit Yoko Ono in New York - fällt dem Literaturprofessor wenig Positives auf. Lennon verbringt seine Tage als "Hausmann", wie es offiziell heißt, während Yoko sich um die Geschäfte kümmert. Angeblich backt er selbst Bort, hat jedoch laut Goldman nur Haschkuchen im Sinn.

Die letzten drei Jahre verbringt er "als magersüchtiger Einsiedler in einem mit Tabak und Marihuana verrauchten Zimmer". Den halben Tag verschläft er, immer in Zwei- bis Vier-Stunden-Intervallen. Die übrige Zeit meditiert er, raucht oder hört Bänder ab, auch solche zur Selbsthypnose.

Allenfalls ein, zwei Stunden am Tag kommt er aus seinem Zimmer heraus, dann darf auch sein Sohn Sean einmal auf seinem Schoß sitzen - doch ihm dabei nicht das Gesicht zuwenden. Lennon hat einen solchen Sauberkeitsfimmel, daß er sich vor einem plötzlichen Kuß seines Sohnes fürchtet. Zwölfmal am Tag badet er, etliche Dutzend Male wäscht er sich Hände und Gesicht.

Yoko, so der Biograph, piesackt ihn, indem sie Katzenkot vor der Tür seines Zimmers verteilt in der Hoffnung, er werde hineintreten. Wenn er sie dabei überrascht, setzt es was, dann zerrt er sie zum Küchenofen und versucht, ihre Haare anzuzünden. Aus diesem Grund lagen nie Streichhölzer am Gasherd.

Immer stärker magert er ab. Seit ihn, 1965, einmal jemand den "dicken Beatle" genannt hat, hungert er. Am Ende sind seine Arme so dünn, daß er über das Gewicht seiner Gitarre klagt.

Yoko kann ihr Leben nur noch mit Heroin ertragen. Fast täglich, will Goldman erfahren haben, läßt sie sich den Stoff bringen, 5000 Dollar kostet sie das

pro Woche. Ihren Dealer warnt sie: "John darf das niemals wissen."

Enthülungen dieser Art hatte Goldman bereits in seiner Elvis-Biographie geboten, in der er kein einziges gutes Wort über den King des Rock''n'' Roll fand. Goldmans "perverse Studie" ("Time") zeigt Elvis als Drogensüchtigen, der Windeln tragen mußte, der Fernsehgeräte zerschoß, wenn ihm das Programm nicht gefiel, und sich sexuell ergötzte, wenn er halbnackte Teenager beim Catchen beobachtete. Presley war, laut Goldman, leicht manipulierbar und ein Ferkel, das Kartoffelpüree und fette Sauce mit den Fingern aß.

Goldmans Elvis-Buch galt vielen Kritikern als mindestens so geschmacklos wie Presleys Bühnenkostüme. Den Professor focht das nicht an. Er freue sich, erklärte er 1981, auf seine neue Aufgabe, die Lennon-Biographie. Und, fügte er hinzu, er habe Lennon gern.

Mit George Harrison und Stu Sutcliffe.

DER SPIEGEL 33/1988
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 33/1988
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

BEATLES:
Stück Müll