15.08.1988

KINOSchießt und schwitzt

„Rambo III“ wurde mit dem Prädikat „wertvoll“ ausgezeichnet - es hagelt Proteste. *
Jürgen Wohlrabe, der Berliner Filmverleiher, bezeichnet sich gern als ganz und gar unpolitischen Geschäftsmann. Sein "Jugendfilm"-Verleih brachte den "Letzten Kaiser" ins Land, und auch sonst hat Wohlrabe den Deutschen mancherlei Unterhaltungsstücklein geliefert, zum Beispiel "Wir Kinder aus Bullerbü".
In der letzten Woche aber hatte die Harmonie ein Ende, und Wohlrabe, der das Show-Business von der Pike auf als Abgeordneter erlernt und als Berliner CDU-Schatzmeister aufs höchste verfeinert hat, machte sich wieder einmal viel Feind' und Ehr'. Sein "Jugendfilm"-Verleih hatte den US-Bogen-und-Bazooka-Schützen Sylvester Stallone auf die Nation gehetzt, "Rambo III" schießt und schwitzt derzeit in 435 Kinos.
Das wäre weithin unbeachtet geblieben, hätte nicht eine noch weniger beachtete, gleichwohl ehrbare Institution der deutschen Filmbranche Rambo unerwartet Schützenhilfe gegeben. Die Wiesbadener Filmbewertungsstelle (FBW) erteilte "Rambo III" das deutsche Gütesiegel "Prädikat wertvoll".
Anfangs zürnten nur die Cineasten, allen voran die "Frankfurter Rundschau" und ihre Gesinnungsfreunde von der katholischen Filmpresse. Dann aber, am vorigen Dienstag, geißelte auch "Panorama" mit einer gut placierten Sendeminute den Wiesbadener Mißstand und verlieh der Filmbewertungsstelle das Prädikat "wertlos".
Was nun folgte, widerlegt die von esoterischen Filmkritikern in diesem Sommer hoffnungsvoll aufgestellte Vermutung, Gorbatschow habe mit dem angekündigten Abzug der Russen aus Afghanistan (dort spielt "Rambo III") nebenher auch das Westkultur-Phänomen Rambo sozusagen glasnostisiert, das sich Importeur Wohlrabe knapp zehn Millionen Mark an Lizenzgebühren hat kosten lassen.
Der "nicht ohne Bedenken", aber immerhin mit einer Stimmenmehrheit von vier zu eins gefällte Beschluß der Wiesbadener Spruchkammer vergrätzte Filmschaffende, Jugendschützer, Politiker - und den Heidelberger Graphiker und Protest-Veteranen Klaus Staeck sowieso. In einer tumultuarischen Live-Diskussion im "Berliner Platz" der Nordschiene fragte er gleich nach, ob das "Wertvoll" für Rambo der definitive Ausdruck der "geistig-moralischen Wende" sei.
NRW-Kultusminister Hans Schwier forderte, am vergangenen Freitag, den Verleih auf, das Prädikat zurückzugeben. Und die Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Juristen verlangte den "Widerruf" der Auszeichnung sowie von allen Verantwortlichen, "öffentliche Förderung" für Rambo zu unterbinden. Und die Filmemacher Detlef Gumm und Hans-Georg Ullrich ("Känguruh-Film") wiesen das "Besonders wertvoll"-Prädikat für ihre Dokumentation über die Entstehungsgeschichte eines Versandhauskatalogs mit höchster Empörung zurück. Auch der Produzent Wolfgang Pfeiffer fand "Rambo III" "so offensichtlich dumm, brutal, menschenverachtend", daß er das Prädikat eines seiner Filme zurückreichte.
Der Streit um "Rambo" offenbart das Dilemma der Wiesbadener Bewertungsstelle: Die FBW darf Filme nur an den Ansprüchen des Films messen. "Rambo III" diente der gewiefte Wohlrabe den Juroren als "Abenteuerfilm mit märchenhaften Zügen" an; die Jury stimmte dem zu, der Film erhielt sein Prädikat.
In gleicher Logik muß es bei einem Dokumentarfilm mit alptraumhaften Zügen gelaufen sein: Auch der Anti-Strauß-Film "Der Kandidat" wurde 1980 ausgezeichnet, er erhielt sogar "Besonders wertvoll", woraufhin die Bayern sich aus der FBW ausblendeten und auf Statutenänderung pochten. Seither werden die 40 FBW-Beisitzer von den Kultusministerien der Länder ernannt.
Ob ein Film "Besonders wertvoll" oder bloß "wertvoll" bekommt, ist Jacke wie Hose. In jedem Fall spart er bis zu 20 Prozent des Kassenerlöses an Vergnügungssteuern in den Bundesländern Bremen, Saarland und Nordrhein-Westfalen. In den anderen Ländern ist die Steuer entweder abgeschafft oder wird nur örtlich erhoben.
Darüber hinaus muß sich der Kinobesucher keinen Kulturfilm angucken, wenn der Hauptfilm ein Prädikat hat. Dann gibt es noch mehr Reklame.
Wer in den Segen eines FBW-Prädikats gelangen will, muß rund 4000 Mark Prüfgebühren für einen Spielfilm im voraus entrichten. Dann werden die Wiesbadener Juroren tätig. Für ihr entsagungsvolles Geschäft dürfen sie pro Arbeitstag rund 60 Mark plus Spesen kassieren. Am Ende eines Jahres haben die Juroren 170 Spiel- und knapp 200 Kurzfilme begutachtet, rund zwei Drittel der eingereichten Werke erhalten ein Prädikat.
Gelegentlich und in diesen heißen Rambo-Tagen funktioniert die FBW-Mechanik aber auch umgekehrt. Aus filmliebhaberischen Gründen und um seinen zehn Festangestellten (Jahresbudget: 800 000 Mark) die Existenz weiterhin zu gewährleisten, hat FBW-Verwaltungsdirektor Steffen Wolf beim US-Giganten Warner höflich angefragt, ob Interesse an der amtlichen Begutachtung eines neuen, hochgelobten Spielfilms bestehe. Warner winkte, "nachdem ein Film wie 'Rambo' ein Prädikat bekommen hat", postwendend ab.
Titel des Films: "Good Morning Vietnam".

DER SPIEGEL 33/1988
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