05.12.1988

MINERALÖLKaum verschleiert Nach dem Ende des Golfkriegs

triumphierte der Irak nun auch im Ölkartell Opec über den Iran.
Issam el-Schalabi ließ seiner Freude freien Lauf. Gleich dreimal hintereinander bekundete der irakische Ölminister am Montag vergangener Woche vor Journalisten, daß er "glücklich" sei.
Die 84. Ordentliche Konferenz der Organisation erdölexportierender Länder (Opec) war gerade beendet worden. Und in der Tat hatte kein anderer Delegierter aus den 13 Mitgliedsländern des Kartells in den äußerst zähen Verhandlungen über neue Fördermengen auch nur annähernd so viel für sein Land herausgeschlagen wie der Iraker.
Nach fast zweiwöchigem Gefeilsche in den Suiten Wiener Luxus-Hotels waren die Kartellbrüder übereingekommen, ihr offizielles Förderlimit um 1,9 Millionen auf 18,5 Millionen Barrel täglich anzuheben. Diese zusätzliche Menge teilten sie sehr unterschiedlich auf die einzelnen Opec-Mitglieder auf.
Die Iraker dürfen von Anfang 1989 an, wenn das jetzt ausgehandelte Abkommen in Kraft tritt, 1,1 Millionen Barrel täglich mehr fördern, als ihnen in einer früheren Quoten-Vereinbarung zugestanden worden war. Für alle anderen Mitglieder zusammen bleibt nur der Rest von 800 000 Barrel.
Trotz Anhebung der zulässigen Fördermengen schnellten die Ölpreise unmittelbar nach Bekanntwerden des Opec-Beschlusses hoch. Britisches Nordsee-Öl beispielsweise, das vorübergehend auf unter zwölf Dollar je Barrel abgesackt war, kostete nach Konferenzende zeitweise fast 15 Dollar.
Die derzeitige Opec-Produktion liegt nämlich weit über der einst vereinbarten Fördergrenze und ist auch noch viel höher als das jetzt beschlossene Limit. Weil in den vergangenen Monaten kaum noch ein Mitglied die Kartellabsprachen beachtet hatte, fördert die Opec zur Zeit über 22 Millionen Barrel täglich.
Die Opec muß daher im nächsten Monat ihre tägliche Produktion um fast vier Millionen Barrel drosseln, wenn sie als Kartell wieder ernst genommen werden will. Diese Aussicht auf eine Förderkürzung genügte, um den Preis schon vergangene Woche steigen zu lassen.
Vor allem die Iraker, die nun in Wien triumphierten, hatten die Opec in den vergangenen zwei Jahren stark geschwächt. Hartnäckig hatten sie immer wieder eine Förderquote gefordert, die genauso hoch wie die sehr viel größere des Kriegsgegners Iran sein sollte.
Dies scheiterte nicht nur am Widerstand des Ajatollah-Regimes, das die traditionelle Position des zweitgrößten Opec-Produzenten nicht mit dem Erzfeind teilen mochte. Auch die anderen Kartellmitglieder waren nicht bereit, zugunsten des Irak auf eigene Marktanteile zu verzichten.
Die Iraker beteiligten sich daher seit zwei Jahren an keiner Mengenabsprache der Opec mehr. Sie förderten einfach so viel Öl, wie sie konnten.
Die anderen Kartellmitglieder duldeten das, solange der kriegführende Irak nur begrenzte Mengen exportieren konnte. Doch schon vor dem Waffenstillstand im Sommer gelang es der Regierung in Bagdad, durch Ausbau von Pipelines ans Mittelmeer und ans Rote Meer die Ausfuhrkapazitäten stark zu steigern. Das Land, das einst eine Förderquote von 1,5 Millionen Barrel hatte, produziert inzwischen fast das Doppelte.
Im Gegensatz zum Iran, der seine Fördermengen wegen begrenzter Reserven nicht mehr stark steigern kann, hat der Irak zudem noch reichlich Öl im Untergrund. Und diese Ölquellen will er nun auch erschließen. In wenigen Jahren, so ließen die Iraker die anderen Kartellisten wissen, würden sie ihre Förderkapazität auf sechs Millionen Barrel je Tag ausbauen.
Für die anderen Opec-Mitglieder gab es daher in Wien nichts Dringlicheres, als die künftige Petro-Großmacht wieder in einen Förderpakt einzubinden. Der totale Zusammenbruch der Opec wäre sonst programmiert gewesen.
Die Iraker nutzten die für sie günstige Verhandlungsposition. Stur beharrte ihr Chef-Delegierter Schalabi auf der Forderung nach Quoten-Parität mit dem einstmals sehr viel größeren Ölexporteur Iran.
Vergebens wehrten sich die schon im Golfkrieg gedemütigten Iraner gegen diese Forderung des verhaßten Nachbarn. Allzu stark war der Druck, den nicht nur der Irak und dessen Verbündete Saudi-Arabien sowie Kuweit ausübten, sondern auch neutrale Länder wie Venezuela und Indonesien, die ein Auseinanderbrechen der Opec fürchteten.
Die Perser stimmten schließlich einem Kompromiß zu, der ihre Niederlage kaum verschleierte. Es wurde vereinbart, daß die Iraker ebensoviel wie die Iraner fördern dürfen. Aber der Iran brauchte kein Schmälerung seines bisherigen Anteils an der gesamten Förderung des Kartells hinzunehmen, damit die irakische Quote steigen konnte. Den Raum für die höhere Irak-Quote machten die übrigen elf Opec-Länder durch Verzicht auf eigene Marktanteile frei.
Als der Streit um die Mengen beendet war, sorgte Saudi-Arabiens Ölminister Hischam Nasir noch durch eine völlig überflüssige Preisdiskussion für Verwirrung. Der Saudi schlug vor, statt des bisherigen Richtpreises von 18 Dollar je Barrel einen Mindestpreis von 15 Dollar einzuführen. Doch ein Kartell, das ist eine ökonomische Binsenweisheit, kann nur Preis oder Menge seines Angebots festlegen. Beides zugleich geht nicht.
Auch Nasir sah schnell ein, daß der Opec-Richtpreis nur eine fiktive Größe ist. Er zog seinen Vorschlag auf Drängen aller anderen Kartellisten zurück.
Wie unwichtig der Richtpreis in der Praxis ist, machte Kuweits Ölminister Ali el-Chalifa el-Sabbah nach Abschluß der Konferenz noch einmal deutlich. "Jedes Opec-Land", so der Kuweiti, "darf sein Öl sogar verschenken, solange es nicht seine Förderquote überzieht." #

DER SPIEGEL 49/1988
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