10.10.1988

Geschichten von Bird

Bernd Wilms über den Saxophonisten Charlie Parker und zwei neue Filme Bernd Wilms, 47, ist Direktor der Otto-Falckenberg-Schauspielschule in München. *
Die ihn kannten, beschreiben Charlie Parker so: Er war humorvoll, konziliant, bescheiden; gehässig, falsch, gemeingefährlich; zart, verletzlich, reizbar; intelligent und primitiv und schizophren; ein guter Mensch und Vater; ein Irrer, ein armes Schwein, ein Scheusal. Wer war Charlie Parker?
Sicher ist, daß er ein ruinöses Leben führte. Seit frühester Jugend nahm er Drogen, und als er 34jährig starb, hielt ihn der Arzt für einen Mann von Sechzig. Verbürgt ist, daß nach seinem Tod an vielen Stellen in New York, an Häuserwänden, in der U-Bahn, Grafitti davon kündeten, daß Charlie "Bird" Parker lebt. Denn fest steht auch, daß er zu den Großen des Jazz gehörte und (mit anderen) die schwarze Musik Amerikas veränderte, manche sagen: revolutionierte. Die neue Musik hieß Bebop. Parker spielte Altsaxophon. Das war in den vierziger Jahren.
Vermutlich kann man eine Geschichte wie die von Charlie Parker nicht "objektiv" erzählen. Legenden lassen sich nicht auf Fakten reduzieren, und die sind nicht so spannend wie Legenden. Vermutlich ist eine Biographie immer ein Stück Fiktion.
Daß die Phantasie eigene Bilder vom fremden Leben entwirft, dazu hat Parker sie ermuntert: durch die Verwirrung, die er stiftete. Er war ein Virtuose der Verstellung; was ernst gemeint war, was Maske und was nicht, wußte keiner so genau, und nur eines war klar: Bird war unberechenbar. Der Hang zur Theatralik, zum Erfinden, Lügen, Inszenieren machte seinen Charme aus - und fiel den Zeitgenossen mächtig auf die Nerven. Chan, seine Frau, hat ihm verzweifelt vorgehalten, er sei so "fucking dramatic all the time". Der Schauspieler Parker über sich selbst: "Ich lasse niemanden zu nah an mich heran."
Mögliche Geschichten. Eine könnte "Der Unersättliche" heißen und Parkers verschlingenden Appetit - auf alles, auf die Welt - zum Thema nehmen. Er hat enorm gefressen und bewegte sich erst dann zum Podium, wenn er meinte, es sei wirklich genug. Das konnte lange dauern, und dann ging er immer noch nicht, weil er nun saufen mußte, lang und viel, zum Ausgleich.
Über seinen sexuellen Appetit, über den Verbrauch an Frauen gibt es abenteuerliche Berichte, ähnlich denen, die von der Beschaffung von Heroin handeln. Nur waren die Frauen leichter zu haben, weil Charlie so anziehend und "gewinnend" wirkte.
Der Held dieser Geschichte wäre ein Bruder des einsam-genialischen Baal, den der junge Brecht sich dichtete: maßlos, egoistisch, asozial. Oder ein gieriges Kind, das immer noch eine Puppe will und jede wieder zerstört. Eine angenehme Geschichte wäre das nicht.
Eine andere, die mit der ersten zusammenhängt, müßte sich mit Politik befassen und fragen, warum einer so ein Leben führt. Der Pianist Hampton Hawes behauptet von Parker: "Er litt
sehr unter dem Rassenproblem, er war der erste Jazzmusiker, der wirklich verstand, was mit seinen Leuten geschah. Aber er wußte auch nicht, wie man dieses Problem lösen könnte, und darum war er ständig high." Sein einziges Ventil sei die Musik gewesen und - "die seltsamen Dinge, die er machte".
Zum Beispiel verließ er den Bandstand, betrat im Foyer die Telephonzelle, schloß sorgsam hinter sich die Tür und urinierte, bis eine große Pfütze den Gästen im Club entgegenschwamm. Parker strahlte und spielte den nächsten Set. Bewußte Provokation? Der Schlagzeuger Max Roach: "Bird hielt der Gesellschaft seinen nackten Arsch entgegen."
Die Geschichten vom schwarzen Mann - noch viele und widersprüchliche - hätten wohl gemeinsam, daß sie Schreckensgeschichten sind. Das ist nicht der Stoff, aus dem Hollywood seine Träume macht. Nun kommt von da "Bird", ein schöner neuer Spielfilm. Mit einem Sieben-Millionen-Dollar-Budget hat sich Clint Eastwood einen Jugendtraum erfüllt - der Parker-Fan, der Liebhaber zeigt liebevoll seine Geschichte von Bird. Sie dauert beinah drei Stunden. Das ist in Ordnung so. "Bird" ist ein ruhiger, geduldiger Film.
Aber Clint Eastwood? Warum gerade er, der notorische Haudegen und Westernheld, als Regisseur sich dieses Stoffes angenommen hat, erklärt er kurz und schlicht: Es gebe nur zwei amerikanische Kunstformen, eben den Western und den Jazz. Deshalb.
Bird liebt Chan. Und mitten in New York erscheint ein glänzender Schimmel; unter dem Fenster der Geliebten huldigt ihr der stolze Ritter. Das ist auch eines von den "seltsamen Dingen, die er machte". Charlie als Lohengrin. Aber die Szene wirkt weder provokant noch parodistisch, sondern märchenhaft heiter. Denn dieser Film, der sich eine "amerikanische Tragödie" vorgenommen hat, ist ein amerikanisches Märchen geworden, und darin spielen: ein schwarzer Prinz und eine weiße Prinzessin.
Daß sie doch zueinander nicht kommen, daß also die Beziehung schwierig ist und krisenhaft, unterschlägt der Film nicht. Aber er huldigt einer sanften Melancholie. Der Schmerz bleibt mild und süß, und wenn der Prinz verloren auf der Parkbank sitzt - es regnet, und er wird bald sterben -, dann darf er sicher sein, daß ihm die Prinzessin mit dem Schirm tröstend zur Seite steht. Die Bilder, fast alle, leuchten goldgelb. Nie wird es Tag, nie wird es Nacht, fast immer herrscht gedämpftes Licht, und aus braunen Gesichtern lachen weiße Zähne. Goldgelb changiert zur Farbe Lila.
Forest Whitaker, ein schwerer Kerl mit wiegendem Gang, spielt Bird ernst und streng, und eine ebenso strenge Chan, Diane Venora, hilft ihm sehr, daß auch das Leiden nicht wehleidig gerät. Freilich
gibt es kaum eine Szene, die einen penetranten, unerträglichen Charlie Parker zeigt. Und den Zerfall der Figur führt Whitaker nicht vor. Das kann er nicht, das hat formale Gründe: prinzen altern niemals.
Der Film ist weiter weg vom Kitsch, als die Beschreibung unterstellt. Denn man hat nicht den Eindruck, daß Clint Eastwood schönt und Konzessionen macht an die Gebrüder Warner. Was er verschweigt, ist eben durch die Form bedingt. In dieser Dramaturgie hat manches (Häßliche, Schlimme) keinen Platz.
Chan Richardson, mit der er zwei Kinder hatte, war nicht Parkers legale Ehefrau. Er fand es nie der Mühe wert, sich von zwei der drei Gattinnen, die es schon gab, scheiden zu lassen. Das muß den Film nicht hindern, Szenen einer Ehe auszubreiten. Daß er kaum einen Hinweis darauf enthält, welchem Druck ein solches Paar - "mixed couple" - in jenen Tagen ausgesetzt war und in vielen Teilen Amerikas heute noch ist, bleibt selbst im Märchen unbegreiflich.
In einem anderen Charlie-Parker-Film, der ebenfalls jetzt in die Kinos kommt, in "Bird Now" von Marc Huraux, begegnen wir der heutigen Chan. Inmitten von Parker-Souvenirs schaut eine unerhört wache, junge alte Dame in die Kamera und erzählt, wie kluge Großmütter erzählen. Daß sie beim Eastwood-Film beratend mitgeholfen hat, leuchtet unmittelbar ein. Etwas von ihrem Tonfall hat sich übertragen.
Er wollte sich, sagt Eastwood, mit der "Kunstform Jazz" beschäftigen. Da wundert man sich, wie wenig die Musik seinen Film beherrscht. Kaum ein Stück außer der Streicher-Schnulze "Laura" ist ausführlich zu hören, und die Geduld, die der Regisseur den Szenen schenkt, bringt er für die Musik nicht auf. Nun ist sie auch nicht gut, wie sie ist.
Worauf Lennie Niehaus, der musikalische Leiter, besonders stolz ist, erweist sich als zumindest prekär. Er hat Parkers Originalaufnahmen elektronisch "gesäubert", hat seine Soli "herausgefiltert" und jeweils eine neue Begleitung dazu aufgenommen. So bot er lebenden Jazzmusikern "die einmalige Gelegenheit, zusammen mit Charlie Parker spielen zu können, 30 Jahre nach dessen Tod".
Solch technischer Spiritismus hat Ergebnisse gezeitigt, die mir starr und pedantisch vorkommen. Wie auch soll sich Spannung einstellen, wenn die Begleiter jede Parker-Phrase schon im Voraus kennen? Der Soundtrack zum Film, bei CBS erschienen, legt zudem die Vermutung nahe, daß Parker die Elektronik nicht unbeschadet überstanden hat. Der Ton klingt ausgedünnt. Weder seine Spiellust noch seine Verzweiflung, weder Wut noch Trauer teilen sich mit. Der Blues ist auch gefiltert. Leute, kauft die alten Platten.
Das Buch, das nun, neu aufgelegt vom Wiener Hannibal-Verlag, als "Buch zum Film" firmiert, ist 1985 schon deutsch erschienen - endlich, 13 Jahre nach dem Original. Ross Russels "Bird lebt!" ist eine Anekdoten-Sammlung und ein Schmöker, ein ganz fabelhafter. Zwar stehen darin Tatsachen verzeichnet, von denen man inzwischen weiß, daß sie keine sind, aber das trübt die Lektüre mitnichten. Der verrückte, der zerstörerische und selbstzerstörerische Charlie Parker kommt darin zu Wort, auch der "dreckige Neger", den der Film sich nicht leistet. Die Originalausgabe druckt ein Photo von Bird und Chan, dazu die Unterschrift: "Die Richard Wagner und Cosima Liszt unserer Zeit." Das hat der Übersetzer vornehm weggelassen.
In der Reihe "Collection Jazz" des Oreos-Verlags ist soeben das jüngste Buch über Parker herausgekommen, "Charlie Parker, sein Leben, seine Musik, seine Schallplatten", ein nützliches, weil nüchternes Buch. Die Autoren Peter Niklas und Ulfert Goeman geben sich alle Mühe, den Geniekult zu unterlaufen. Die Kirche soll im Dorf bleiben, was der Schönheit der Kirche nicht schadet. Und es schadet nicht, wenn ketzerisch gefragt wird, ob nicht die heutige Bebop-Konjunktur fatal an vergangene Revivals erinnert. Es könnte sein, daß der Bebop zum "Dixieland der Gegenwart" verkommt.
Und der Film von Marc Huraux? Er ergänzt, korrigiert, bereichert das Bild von Parker keineswegs. Denn der zweite Protagonist, New York 1987, drängt den ersten, der sich nicht wehren kann, beiseite. Huraux ist so unglücklich fasziniert von Harlem, jeder Straße, jeder Fensterscheibe, daß dem elegischen Blick alles verschwimmt.
Dreierlei, immerhin, ist sehenswert. Huraux benutzt die wenigen Minuten Film, die von Parker erhalten sind (von einer Preisverleihung 1951; Parker spielt mit Dizzy Gillespie), und Material, das die wunderbare Billie Holiday zeigt. Huraux führt einen alten Steptänzer vor, der Parkers "Yardbird-Suite" mit den Füßen traktiert - und hinreißend widerlegt, daß mit dem Bebop der Jazz nur "Kunst" und nicht mehr Tanzmusik sei. Und drittens Chan, die Märchenerzählerin.
Charlie Parker starb am 12. März 1955. Er starb in einem fremden Hotelzimmer. In dieser letzten Szene zeigt der Eastwood-Film (der darin sehr genau der Schilderung von Russell folgt) Parker vor dem Fernseher. Er will so gern die Tommy-Dorsey-Show noch sehen. Die Fernsehbilder füllen fast die Leinwand: zwei Jongleure, die blöde mit Klötzen hantieren, zwei Komiker, zwei Unglücksraben, denen der Trick mißlingt. Charlie ist begeistert. Ende der Sendung. Charlie hat sich totgelacht.
PS. Die große Legende setzt sich aus vielen kleinen zusammen. Eine davon trägt den Namen Dean Benedetti. Er hatte sein Leben Bird verschrieben, und beinah alles, was sein Idol in einem Club improvisierte, nahm er auf Band auf. Heimlich installierte er sein Gerät auf dem Klo, legte Drähte, versteckte sein Mikrophon, - es sollte kein Ton verlorengehen. 1957 starb Benedetti in Italien, 34jährig wie Bird. Seither wird spekuliert, seither hüllt sich die Parker-Gemeinde in Trauer um den verschollenen Schatz. Er ist gefunden, meldet nun die "Times" - im Jahre 1988. Bald gibt es neue Platten. _(Rechts: Forest Whitaker. )
Rechts: Forest Whitaker.
Von Bernd Wilms

DER SPIEGEL 41/1988
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