26.09.1988

„Kein Papier kann ein Gespräch ersetzen“

SPIEGEL-Interview mit dem Ex-Terroristen Peter-Jürgen Boock über den Streit um sein Gnadengesuch *
SPIEGEL: Über Ihr Gnadengesuch an den Bundespräsidenten diskutiert und streitet die halbe Nation. Rechnen Sie selber noch mit Ihrer Begnadigung?
BOOCK: Es fällt mir schwer, darauf überhaupt eine Antwort zu geben. Fast alles, was ich sage, kann eigentlich nur mißverstanden werden, als Plädoyer in eigener Sache zum Beispiel. Meine Empfindungen sind sehr zwiespältig. Einerseits versuche ich, mich mit Skepsis zu wappnen. Andererseits habe ich natürlich Hoffnungen. Es liegt wirklich alles im Ermessen des Bundespräsidenten.
SPIEGEL: Wird es ein Gespräch des Bundespräsidenten mit Ihnen geben?
BOOCK: Ich denke, ja - ich hoffe es. Was jetzt in den Zeitungen steht oder in irgendwelchen Unterlagen, ist doch nur die eine Seite der Geschichte. Kein Papier kann ein Gespräch ersetzen. Ich hoffe, daß der Bundespräsident trotz aller Versuche, ihn zu beeinflussen, Gelegenheit finden wird für ein solches Gespräch mit Angelika Speitel und mit mir.
SPIEGEL: In der öffentlichen Diskussion der letzten Wochen wird gegen eine Begnadigung schon in naher Zukunft das Argument geltend gemacht, Sie hätten dann erst acht Jahre Haftverbüßt, und es dürfe kein Sonderrecht für ehemalige Terroristen geben.
BOOCK: Nach 15 Jahren - aber eben auch erst dann - muß jeder Häftling angehört werden. Das steht so im Gesetz. Für viele kommt das zu spät, nach so langer Haft sind die meisten kaputt, ihre Persönlichkeit zerbrochen. Im Gnadenrecht gibt es eine solche Frist nicht. Ich kriege das hier im Gefängnis ja mit, daß es in einigen Bundesländern Begnadigungen schon weit unterhalb von fünfzehn Jahren gab. Um ein "Sonderrecht" für Terroristen kann es also nicht gehen. Es gibt noch einen anderen Bezug, den ich eigentlich selber ablehne, der aber die Frage nahelegt, wie viele NS-Verbrecher, die wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt worden sind, diese Strafe oder auch nur 15 Jahre davon wirklich abgesessen haben? Gab es nicht für diese Leute ein "Sonderrecht" gegenüber allen anderen Straftätern?
SPIEGEL: Unterscheiden Sie zwischen "normalen" Straftätern und Terroristen?
BOOCK: Im gewissen Sinne sind wir doch zu Sondergefangenen gemacht worden. Es ist für uns mit dem Paragraphen 129 a über die terroristische Vereinigung ein besonderer Straftatbestand eingeführt worden, es gibt für Terroristen ein Sonderhaftrecht, diese furchtbaren Hochsicherheitstrakte wurden extra für die RAF-Leute eingerichtet, Anwaltsbesuche finden nur hinter der Trennscheibe statt, für uns gibt es die besonderen Staatsschutzsenate an den Oberlandesgerichten - alles Erschwernisse, denen normale Gefangene nicht unterliegen.
SPIEGEL: Was glauben Sie - könnte eine Begnadigung von Angelika Speitel und Ihnen in der Terroristen-Szene ein positives Signal setzen?
BOOCK: Ich glaube schon - möchte das aber in bestimmter Hinsicht auch sofort einschränken. Es würde nach einem Gnadenakt sicherlich nicht so sein, daß dann die Aussteiger oder solche Leute, die sich zumindest innerlich von der RAF gelöst haben, gleich in Scharen aus dem Untergrund herauskommen und sich stellen. Aber denjenigen, die sowieso schon Zweifel haben, müßte dann endgültig klarwerden, daß der Staat eben nicht diesem Zerrbild entspricht, das sich die RAF zur ideologischen Rechtfertigung ihrer Taten zurechtgezimmert hat. Dann können sie so nicht mehr weitermachen.
Einige der RAF-Gefangenen, die schon verurteilt sind und sich innerlich längst von der RAF gelöst haben, sich aber nicht trauen, das frei zu bekennen, weil sie keinen Kniefall tun wollen, vor allem nicht als Verräter beschimpft werden wollen und auch Angst haben, ihre letzten sozialen Kontakte zu verlieren - die könnten sich dadurch bestätigt fühlen, den Schritt in die Öffentlichkeit zu wagen und sich dann auch offen von der RAF zu distanzieren. Auch das wird Rückwirkungen auf die Gruppe haben.
SPIEGEL: Die Witwe von Hanns Martin Schleyer hat zur Diskussion um Ihr Gnadengesuch gesagt: "Für mich ist das Ganze unfaßbar, dieser Mann war der Mittäter." Und die Witwe eines der erschossenen Leibwächter von Schleyer fragt: "Interessiert es die Täter, wie ich mein Schicksal tragen muß bis zum Ende meiner Tage?"
BOOCK: Ich weiß sehr genau, und ich will das ganz klar sagen, daß ich persönlich große Schuld auf mich geladen habe. Ich war, wenn auch nur indirekt, an Aktionen beteiligt, die Menschenleben gefordert haben, die das Leben des Mannes von Frau Schleyer gefordert haben - da kann ich keine Abstriche machen, was meine Schuld angeht. Ich kann gut verstehen, daß diese Frauen, die ihren Mann verloren haben, davon so betroffen sind, daß für sie die Vorstellung, einer, der daran beteiligt war, könnte aus der Haft entlassen werden, unerträglich sein muß.
SPIEGEL: Sie haben mit den Brüdern des ermordeten Gerold von Braunmühl gesprochen.
BOOCK: Wir konnten miteinander reden. Ich würde sehr gern auch mit anderen Betroffenen sprechen - über die Vorgänge damals, über meine Beweggründe damals, über das, was uns in diese Sackgasse gebracht und letztendlich zu den Taten geführt hat. Ich denke aber, das ist im Moment kaum möglich. Ich fürchte, das würde wie auch immer mißverstanden werden müssen. Vielleicht ist so etwas später möglich. Ich
würde es jedenfalls gut finden. Ich denke dabei auch an die Vorgänge in Italien, wo die Entführer von Aldo Moro inzwischen auch mit der Familie Moro ins Gespräch gekommen sind. Ich denke, es ist wichtig, wechselseitig die Betroffenheit des anderen wahrzunehmen. Aber ich weiß natürlich, daß die Betroffenheit etwa von Frau Schleyer oder der Frau seines Fahrers sich mit Worten gar nicht auflösen läßt. Es geht um Verstehen - nicht, daß man mich verstehen soll, sondern daß ich noch tiefer verstehe, welches menschliche Drama wir mit unserem Handeln angerichtet haben. Aber ich kann nicht derjenige sein, der ein solches Gespräch aufdrängt.
SPIEGEL: Was heißt das für Sie in der Zukunft?
BOOCK: Diese Schuld ist für mich auch in Zukunft durch nichts "zu bewältigen". Sie wird nicht weg sein, wenn die Gefängnisstrafe um ist, wann immer das sein wird. Meine Art zu versuchen, mit dieser Schuld umzugehen, ist die, in dem, was ich tue, was ich sage, was ich schreibe, klarzumachen oder darauf hinzuwirken, daß der Weg, die Verengung, die ideologische Kurzsichtigkeit, die Unmenschlichkeit, mit der wir uns zu Anklägern, Richtern und Henkern in einer Person aufgespielt haben, sich nicht wiederholt. Davor zu warnen ist für mich der einzige Weg, diese Schuld umzusetzen.
SPIEGEL: Generalbundesanwalt Rebmann hat in seinen Briefen an den Bundesjustizminister behauptet, es gäbe - erst nach der Rechtskraft Ihres Urteils bekanntgewordene - neue Indizien dafür, daß Sie mehr als bislang angenommen in die Aktion Schleyer verwickelt gewesen sein sollen. Da sollen am Entführungs-Auto neue Fingerabdrücke gefunden worden sein ...
BOOCK: ... nichts daran ist neu. Das ist alles schon in der zweiten Hauptverhandlung meines Verfahrens vor dem OLG Stuttgart erörtert worden. Ich habe mit anderen den VW-Bus besorgt, in dem Herr Schleyer später vom Tatort entführt worden ist. Ich war damals ziemlich krank und habe geglaubt, ich hätte nicht mehr lange zu leben. Deshalb habe ich bei den Umbauarbeiten an diesem Bus auch keine Handschuhe benutzt - im Gegensatz offenbar zu dem Kommando, das den Anschlag später verübt hat. Deshalb sind auch nur Fingerabdrücke von mir gefunden worden. Ich habe in beiden Hauptverhandlungen vor Gericht gesagt, daß ich mich eigentlich wundere, daß nicht noch viel mehr Fingerabdrücke von mir an diesem Bus entdeckt worden sind.
Ich kann gar nicht glauben, daß damals bei dem ungeheuren kriminaltechnischen Aufwand zur Aufklärung gerade dieses Verbrechens Fingerabdrücke an so exponierter Stelle wie am Lenkrad oder am Fahrersitz erst 10 Jahre nach der Tat gefunden worden sein sollen.
SPIEGEL: Herr Rebmann zieht aus den Fingerabdrücken den Schluß, Sie seien beim Anschlag in Köln dabeigewesen und hätten geschossen.
BOOCK: Ich war nicht dabei, und ich habe nicht geschossen. Wenn man vielleicht auch mal im Motorraum dieses VW-Busses nachschaut, könnten sich dort noch etliche Fingerabdrücke von mir finden. Davon war bis heute nicht die Rede. Es würde wohl auch schlecht in die Konstruktion passen, nach der ich am Tattag der Fahrer gewesen sein soll.
SPIEGEL: Neue Fingerabdruck-Spuren von Ihnen soll es auch aus der Wohnung Stevinstraad in Den Haag geben, wo Hanns Martin Schleyer gefangengehalten worden sei.
BOOCK: Ich habe nie bestritten, daß ich in dieser Wohnung in der Stevinstraad gewesen bin. Ich habe auch nicht bestritten, daß ich diese Wohnung eingerichtet habe. Im Gegenteil, ich habe in der Hauptverhandlung zu belegen versucht, daß ich die Möbel eingekauft habe, mit denen diese Wohnung eingerichtet war. Ich habe auch das Kaufhaus benannt, in dem ich diese Möbel besorgt habe.
SPIEGEL: In dem von Ihnen benutzten Reisepaß auf den Namen Robertus Meijer soll es Visa-Stempel geben, die angeblich belegen, daß Sie in den letzten drei Wochen vor der Ermordung Schleyers eben nicht in Bagdad krank im Bett lagen, sondern in Europa herumgereist seien.
BOOCK: Herr Rebmann hat in seinen Briefen an den Bundesjustizminister geschrieben, ich hätte ein taktisches Verhältnis zur Wahrheit. In gewissem Sinne stimmt das. Denn gerade auch was diese Sache mit den Visa-Stempeln angeht, habe ich mich in der Hauptverhandlung objektiv in einem Zwiespalt befunden. Ich hätte mich dadurch teilweise entlasten können, daß ich die Namen anderer Leute benannt hätte, die Pässe benutzt haben, die auch ich benutzt habe. Das habe ich nicht gewollt, und deswegen habe ich dazu auch keine Aussagen gemacht. Ich würde diese Namen auch heute nicht nennen. Aber auch dieser Punkt ist in der Hauptverhandlung vor Gericht schon erörtert worden - auch welche Stempel in meinen Pässen falsch oder richtig waren. Ich habe vor Gericht erklärt, daß wir Pässe untereinander getauscht haben, weil wir vermeiden wollten, daß einer aus der Gruppe auf derselben Flugroute mit demselben Paß zweimal oder dreimal unterwegs ist. Außerdem haben wir uns "Legenden" mit Visa-Stempeln - also falschen Stempeln - in die Pässe gedruckt, um die wahren Flugrouten und Flugdaten zu verwischen.
SPIEGEL: Was sagen Sie zu dem Anschlag auf den Bonner Staatssekretär Hans Tietmeyer?
BOOCK: Ich kann nur das sagen, was inzwischen generell meine Haltung zu dieser RAF-Strategie ist. Ich halte diesen Anschlag nicht nur für unmenschlich und politisch falsch. Ich glaube auch, daß er die notwendige kritische Auseinandersetzung mit der Politik von Weltbank und Weltwährungsfonds zur Schuldenkrise erschwert oder vielleicht sogar unmöglich macht. Neue Erkenntnisse und Veränderungen kann es nur auf dem Weg der Einsicht von Menschen geben. Die kann nur aus Denkprozessen kommen, nicht aus Gewehrläufen.

DER SPIEGEL 39/1988
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