26.09.1988

„Wir mußten mit einem Anschlag rechnen“

Schüsse, Schläge, Brandsätze: Die IWF-Tagung mobilisiert Terroristen *
Mit einer "Sonder-Lagemeldung Terrorismus/Extremismus" informierte, am Dienstag vergangener Woche, das Bundeskriminalamt (BKA) - "nur für den dienstinternen Gebrauch bestimmt, vertraulich zu behandeln" - die Kollegen in den Ländern über den jüngsten Terroranschlag: _____" Am 20.09.88, gegen 08.38 Uhr, schossen zwei noch " _____" unbekannte Täter mit einer Langwaffe mindestens dreimal " _____" auf das Fahrzeug des Staatssekretärs im " _____" Bundesfinanzministerium, Dr. Hans Tietmeyer, als dieser " _____" und sein Fahrer mit dem Dienst-Pkw ca. 50 m von seiner " _____" Wohnung in Bonn Bad-Godesberg, Schwarzbirkenweg 7, " _____" entfernt waren. "
Zwar blieben Tietmeyer, 57, enger Vertrauter von Finanzminister Stoltenberg und Kanzler Kohl, sowie der Fahrer unverletzt. Die verwendete Schrotmunition hatte den ungepanzerten Dienstmercedes nicht durchschlagen, der Fahrer war mit durchschossenem Reifen weitergefahren. Doch der Anschlag belebte in der Bundeshauptstadt und bei Bürgern alte Ängste vor einer fast vergessenen Terrorgruppe: der "Roten Armee Fraktion" (RAF), die in ihren Mord- und Raubzügen binnen 18 Jahren an die 30 Menschen umgebracht hat.
Als am Tag nach dem Anschlag Selbstbezichtigungsschreiben eines "Kommandos Khaled Aker" der RAF und der italienischen Terrororganisation "Rote Brigaden" bei Presseagenturen eingingen, stand für BKA-Experten fest: "Die Texte sind als authentisch anzusehen."
Noch einen Tag später kam ein weiterer Bekennerbrief: "Wir haben das Ziel des Angriffs, Tietmeyer zu erschießen, nicht erreicht." Auch der Grund des Scheiterns wurde mitgeteilt - die Maschinenpistole habe "sich verklemmt".
Tatortfunde weisen ebenfalls auf Terroristen von der RAF. Die von den Tätern zurückgelassene "Vorderschaftrepetierflinte", eine "Ithaca", Modell 37, "Military and Police", und ein gefülltes Stangenmagazin für eine Maschinenpistole des belgischen Typs "Vigneron" werden seit längerem schon den Terroristen zugerechnet: Die Flinte stammt aus einem 1984 von der RAF verübten Raubüberfall auf den Waffenhändler Manfred Walla im rheinland-pfälzischen Maxdorf. Bei einem Waffenraub aus einer Militärkaserne im belgischen Vielsalm erbeuteten Unbekannte, ebenfalls 1984, sieben "Vigneron"-MP.
Seither sind Schießgeräte aus beiden Raubzügen mehrfach bei Terroristen gefunden worden. Aus dem Walla-Waffenlager stammten zwei Revolver und eine Pistole, die 1985 in einer "konspirativen Wohnung" der RAF in Offenbach entdeckt wurden; eine Waffe, die die RAF-Angehörige Eva Sybille Haule-Frimpong bei ihrer Festnahme 1986 in Rüsselsheim in ihrem Hosenbund trug; eine Pistole, mit der vermutlich der Außenamts-Ministerialdirektor Gerold von Braunmühl 1986 in Bonn erschossen wurde; zwei Revolver und eine Pistole, die bei der Festnahme von vier Mitgliedern der französischen Terrororganisation "Action directe" 1987 der Polizei in die Hände fielen.
Belgische "Vigneron"-Maschinenpistolen fand die Polizei 1986 und 1987 bei Durchsuchungen von "konspirativen Wohnungen" in Belgien und Frankreich. Die Verstecke gehörten der belgischen Terrorgruppe "Kämpfende Kommunistische Zellen" und der "Action directe".
Wie Tat-Werkzeug und -Ausführung paßt auch die Opferauswahl ins Raster der RAF. Von Anfang an hatte die selbsternannte Untergrundarmee versucht, sich mit verquast-abgehobenen Erklärungen und brutalen Aktionen aus ihrer Isolation an die Spitze der bundesdeutschen Linken zu schießen.
Ihre bislang letzten Opfer wählte die RAF aus dem "Militärisch-Industriellen Komplex", als Nato-Nachrüstung, das US-Programm vom "Krieg der Sterne", Ausbeutung der Dritten Welt und der nationale Kernkraftkurs auf breiten Widerstand stießen. Dabei mordeten die
Terroristen der mittlerweile dritten Generation wie "Superprofis" (Ermittler) - nach sorgfältiger Planung.
Am 1. Februar 1985 wurde Ernst Zimmermann, 55, Vorsitzender der Geschäftsführung der Motoren- und Turbinen-Union und Präsident des Bundesverbands der Deutschen Luftfahrt-, Raumfahrt- und Ausrüstungsindustrie, in seinem Privathaus kaltblütig erschossen. Die Zielperson Zimmermann stand einem Unternehmen vor, in dem das Triebwerk für das "Tornado"-Kampfflugzeug und der Motor für den "Leopard"-Panzer hergestellt werden.
Am 9. Juli 1986 zerriß eine RAF-Bombe Professor Karl Heinz Beckurts, 56, Atomforscher und Siemens-Vorstandsmitglied, und dessen Fahrer Eckhard Groppler, 42, auf der Staatsstraße 2072 zwischen München und dem Vorort Straßlach. Von dem Anschlag auf Beckurts erhofften sich die Terroristen Sympathien an den Rändern der "Antimilitarismus"-Szene und bei Radikalen der Anti-Atom-Bewegung.
Mit der Ermordung Gerold von Braunmühls, 51, traf die RAF am 10. Oktober 1986 einen Spitzendiplomaten, der im Auftrag von Außenminister Genscher weltweit wichtige Missionen wahrgenommen hatte. Die Staatsschützer waren, wie jetzt bei Tietmeyer, erschrocken, wie detailliert die Terroristen laut Bekennerschreiben über amtliche Interna informiert waren. Von Braunmühl genoß, ebenso wie Stoltenbergs Tietmeyer, keinen Personenschutz - ein Verhängnis, das jetzt dem dafür zuständigen und seit der Geiselaffäre von Gladbeck angeschlagenen nordrhein-westfälischen Innenminister Herbert Schnoor (SPD) politisch angelastet wird. Einen "sondergeschützten Personenwagen" hätte freilich Tietmeyers Dienstherr Stoltenberg stellen müssen.
Für Staatsschützer kam ein Anschlag wie der auf Tietmeyer nicht unerwartet. Schon 1985 wurden in der RAF-Untergrundschrift "Zusammen kämpfen" der IWF und die Weltbank ("Blutsauger") als Anschlagsziele genannt. Seit Monaten agitieren Szeneblätter ein breites linkes Spektrum gegen das Berliner Bankertreffen. Mit Brandanschlägen etwa auf Berliner Banken und Protestparolen an Häuserwänden machten die IWF-Gegner seit Wochen mobil. Tietmeyer aber, deutscher Organisator des Berliner Meetings, blieb im schläfrigen Bonn ohne Schutz.
Vergangene Woche eskalierte die Gewalt. Einen Tag vor dem Tietmeyer-Anschlag stürmten rund 30 Vermummte eine IWF-kritische Diskussionsveranstaltung in der Hamburger Katholischen Akademie. Das "Rollkommando" (Hamburgs Zweiter Bürgermeister Ingo von Münch) prügelte mit Stöcken den deutschen Exekutivdirektor des IWF, Günter Grosche, 49, und den linken SPD-Bundestagsabgeordneten Professor Ingomar Hauchler, 50, krankenhausreif.
Die Berliner Tagung, weiß ein hoher Hamburger Verfassungsschützer, ist ein Anlaß, zu dem neben der RAF "Autonome und Anti-Imperialisten gemeinsam zuschlagen" könnten. Diese Gruppen haben zur Zeit nur ein Ziel: die Tagung bekämpfen, in Berlin und anderswo.
Zupaß kommt den Terroristen von der RAF, daß ihre nach dem Braunmühl-Mord über Weg und Ziel zerstrittenen Kommandos ihren Zwist überwunden haben. Der einst enge Kontakt zur weitgehend zerschlagenen französischen Genossengruppe "Action directe" wurde durch ein Bündnis mit den italienischen "Roten Brigaden" ersetzt.
Unlängst verfaßten RAF und "Rote Brigaden" ein Einigungspapier, von dem Staatsschützer vor rund drei Wochen ein Exemplar erhielten. Seit Kenntnis dieses Textes, sagt ein hoher westdeutscher Verfassungsschützer, "mußten wir mit einem Anschlag rechnen".
Geplant waren offensichtlich parallele Aktionen in der Bundesrepublik und in Italien gegen den "Ökonomisch-Politischen Sektor" - Anschläge auf Tietmeyer und auf einen hohen Beamten des römischen Außenministeriums.
Der italienische Part wurde womöglich durch eine Verhaftungswelle zunichte gemacht. Dafür nahm Sergio Padula, derzeit in Rom vor Gericht wegen der Ermordung des italienischen Ex-Ministerpräsidenten Aldo Moro vor zehn Jahren, am vergangenen Donnerstag den Anschlag auf Tietmeyer für die "Roten Brigaden" in Anspruch.

DER SPIEGEL 39/1988
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