26.09.1988

Vernichtung des Regenwalds

Weltbank wirkt bei der Naturzerstörung mit *

Das Milliardenprojekt "Polo noroeste" (Nordwest-Pol) sollte helfen, Brasilien in eine neue, bessere Zukunft zu führen. Es wurde nichts draus. Polo noroeste gilt den Kritikern der Weltbank heute als Symbol: dafür, daß die Geldgeber Unheil nicht nur für die Menschen, sondern auch über die Natur bringen; daß die Weltbank statt Fortschritt Chaos und Zerstörung schafft.

Das Programm, lange Jahre voraus geplant, lief 1980 an. Die 1400 Kilometer lange Bundesstraße BR 364 sollte die abgelegenen, von dichtem Urwald überwucherten Bundesstaaten Rondonia und Acre erschließen. Tausende landlose Kleinbauern sollten hier auf einem Gebiet, das so groß ist wie die Bundesrepublik und Griechenland zusammen, Land bekommen. Schulen, Krankenhäuser, Stauwehre für Energie und Märkte waren geplant.

Was auf dem Papier so schön aussah, wurde im Urwald zu einem krassen Beispiel von Zerstörung. Schon bald wurde klar, daß die brasilianische Regierung im Grunde nur an der Straße interessiert war. Der 400 Millionen Dollar teure Asphaltstrang aber brachte eine gewaltige Flut von Siedlern nach Rondonia. 1978 kamen knapp 15 000 Menschen auf der Suche nach einem neuen Leben, 1982 waren es über 60 000, und seit der Vollendung der Asphaltdecke Ende 1983 sind es jährlich über 150 000.

Nur 85 000 Familien konnten in den offiziellen Programmen des Nordwest-Pols untergebracht werden. Die anderen fallen ungezügelt in den Urwald ein, ohne Rücksicht auf Indianergebiete oder Bodenbeschaffenheit. Wie Pilze schießen neue Städte hoch, auf den Spuren der Holzfäller.

Vor der Vollendung der BR 364 war Rondonia noch zu 96 Prozent von Urwald bedeckt. Heute sind schon über 17 Prozent abgeholzt, ein Drittel des ursprünglichen Regenwaldes ist dem zerstörerischen Wirken der Menschen ausgesetzt - der Holzfäller, Kleinbauern oder Goldsucher. Die Vernichtung des Regenwalds und die Zerstörung der Indianerkultur scheinen unabwendbar.

Solche Beispiele gibt es zuhauf. Ökologen und Indianerfreunde aus aller Welt - darunter die bundesdeutschen Grünen - setzten in den letzten Jahren Weltbank und Interamerikanische Entwicklungsbank (IDB) unter Druck.

Die Weltbank hielt einen 250-Millionen-Dollar-Kredit für Brasilien vorübergehend zurück, um Maßnahmen zum Schutze der Indianer und des Regenwaldes zu erzwingen. Die IDB, die 580 Kilometer Asphalt von Rondonia nach Acre finanziert, kürzte ihr Programm um 14,5 Millionen Dollar. Von den übriggebliebenen 58,5 Millionen Dollar sollten 10 Millionen dazu verwendet werden,

die zerstörerischen Folgen der Straße zu lindern. Mittlerweile blockierte die Weltbank auch Gelder für Energieprojekte, weil Umweltauflagen nicht erfüllt wurden.

Wie alle anderen Ökonomen brauchten auch die Experten der Weltbank reichlich lange, bis sie erkannten, daß die Natur nun einmal kein unerschöpflicher Produktionsfaktor ist.

Die Weltbank muß sich vorhalten lassen, mit riesigen Staudamm-Projekten in Indien (Narmada), Mali (Manantali) und Brasilien (Balbina) die Ökosysteme mit ungezählten Pflanzen und Tieren zu zerstören und den Lebensraum von Menschen zu vernichten, die kaum eine neue Existenzgrundlage finden können.

Inzwischen bezahlt die Weltbank vielerorts Notprogramme, um "Strukturen zu schaffen, die Umweltschutz ermöglichen", so die Anthropologin Maritta Koch-Weser von der Weltbank.

Verständnis für solche Aktionen finden die Weltbanker gewiß im entwickelten Norden, selten jedoch im rückständigen Süden des Erdballs. Die Weltbank steht häufig vor einem Zielkonflikt: Wo es Massenelend und hohe Kindersterblichkeit gibt, sind die Regierenden schwer davon zu überzeugen, daß es notwendig ist, etwas zu tun, das - auf den ersten Blick - erst kommenden Generationen zugute kommt.

Die Weltbank hat im vergangenen Jahr eine zentrale Umweltabteilung aufgebaut. Gleichzeitig mühen sich die Bank-Manager, mit den Umweltorganisationen in aller Welt in einen Dialog zu kommen. "Mit stärkerem Engagement", verkündet die Washingtoner Institution, "hat sich die Weltbank verpflichtet, ihren Kampf gegen die Armut mit der Sorge für den Umweltschutz zu verbinden."


DER SPIEGEL 39/1988
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