14.11.1988

Leb schnell, stirb jung

"Sex & Drugs & Rock 'n' Roll" - Rauschgiftkonsum in der Popmusik

Dreizehn Jahre mußte er warten, dann ging für Keith Moon ein reichlich unfrommer Wunsch in Erfüllung. Im Jahr 1965 hatte der britische Trommler gemeinsam mit seinen Band-Kollegen Pete Townshend, Roger Daltrey und John Entwistle der Erwachsenenwelt den Krieg erklärt - mit einem Song, der die Hymne ihrer aufsässigen Alltagskollegen werden sollte: "My Generation" war nicht nur ein Hitparadenerfolg, sondern das düstere Glaubensbekenntnis eines zu hemmungslosem Genuß entschlossenen Jugendlichkeitswahns.

"Hope I die, before I get old", lautete der Schlüsselsatz, "hoffentlich sterb' ich, bevor ich alt werde." Als Keith Moon, zeit seines Bühnenlebens ein begnadeter Clown und Faxenmacher, im September 1978 starb, war er 31 Jahre alt. Ob der drogensüchtige Schlagzeuger von einer Überdosis dahingerafft wurde oder durch ein am Vorabend eingenommenes Tablettengemisch, blieb ungeklärt. Klar war nur: Das makabre Stoßgebet aus "My Generation" war gerade noch rechtzeitig erhört worden.

"Live fast - die young", verschärft zu leben und früh wieder abzutreten, dieser Kernsatz war im schmalen Fundus der Pop-Philosophie von Anfang an ein romantisches Prunkstück. Was Kino-Rebell James Dean am Steuer seines Sportwagens vorgemacht hatte, das leisteten bald auch die Helden des just in Deans Todesjahr erblühenden Rock 'n' Roll-Geschäfts: Es galt dem Publikum vorzuleben, wie man sich möglichst effizient zugrunde richtet.

"King" Elvis Presley war ein finsteres Beispiel. Harte Rauschmittel wurden im Rock 'n' Roll-Geschäft zu Arbeitsdrogen. Was die Improvisationsvirtuosen des Jazz schon lange vorher praktiziert hatten, dämmerte Anfang der sechziger Jahre auch den Pop-Artisten: Drogen und Aufputschtabletten schienen die rechten Mittel, um Kraft und Kreativität der Musikanten zu stimulieren.

So hat nicht erst die jüngste John-Lennon-Biographie aufgedeckt, daß die damals noch unbekannten Beatles während ihrer Hamburger Zeit große Mengen des Wachmachers "Preludin" konsumierten - in Verbindung mit Alkohol ein Stoff, der jeden Vollrausch mit einer scheinbaren Glücksgarantie garniert. Haschisch und Marihuana waren zuvor bereits von den jazzbegeisterten Asphaltliteraten der "Beat-Generation" um Jack Kerouac und Allen Ginsberg als goldener Weg zum schöneren Leben propagiert worden.

In den Songtexten und Presseberichten aus der Popwelt aber waren Drogen kein Thema. Das änderte sich erst, als der Harvard-Dozent Timothy Leary 1963 seine Studenten zum Selbstversuch mit LSD bat. Leary wurde gefeuert und zog von nun an als Drogen-Prediger durchs Land.

Fast über Nacht entwickelte sich die Rockmusik zum Transportmedium eines neuen, freischwebenden Bewußtseins: Es galt, den Horizont der doch arg begrenzten menschlichen Sinne zu erweitern - und die chemischen Wundermittel LSD und STP garantierten scheinbar folgenloses Abheben. Die sogenannte psychedelische Ära der Popmusik, das Zeitalter des "Acid Rock", war eröffnet.

Acid - zu deutsch: Säure - wurde zum Synonym aller bewußtseinserweiternden Drogen, Tom Wolfes Reisebericht mit Keseys Gang "The Electric Kool-Aid Acid Test" (in der Bundesrepublik unter dem Titel "Unter Strom" im Eichborn-Verlag) zum Kultbuch. Zunächst ging es den Acid-Rockern vor allem darum, Drogenerlebnisse mit Musikinstrumenten nachzuzeichnen. Für den psychedelischen Pop war die E-Gitarre wichtiger als jede Vokabel. So stellten die "Byrds" mit "Eight Miles High" 1966 einen ersten Höhenrekord auf.

Marty Balin, Sänger der Band "Jefferson Airplane", pries "den phantastischen Spaß eines Geschlechtsakts unter LSD", wogegen "Airplane"-Sängerin Grace Slick die Zuhörer lehrte, zwischen großen und kleinen Pillen zu unterscheiden: "Die eine macht dich breiter, die andere macht dich klein", heißt es im Evergreen "White Rabbit". Die Jugend der USA, so schien es, folgte ihren Pop-Idolen in einen nationalen Drogenrausch - da wollte die europäische Konkurrenz nicht tatenlos beiseite stehen.

1967 veröffentlichten die Beatles ihr Album "Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band": Daß der fröhliche Song von "Lucy In The Sky With Diamonds" sich mit wenig Phantasie auf das Kürzel LSD reduzieren läßt, weiß heute jedes Discothekenkind. Und während die Beatles in "A Day In The Life" ein ausladendes Rauschpanorama beschworen, lud die Konkurrenz von den Rolling Stones auf dem psychedelischen Album "Their Satanic Majesties Request" zum Freiflug. Noch Jahre später bat Mick Jagger die hilfreiche "Sister Morphine", sie möge den Alptraum des Lebens doch in ein angenehmes Gute-Nacht-Märchen verwandeln.

Proteste verschreckter Eltern und konservativer Politiker, Sendeverbote im Rundfunk, die Verhaftung und Verurteilung zahlreicher Popmusiker wegen Drogenbesitzes konnten die allgemeine Hochstimmung kaum dämpfen. Im Hippie-Sommer des Jahres 1969 war die Frage nach dem Zusammenhang von Popmusik und Drogenkonsum obsolet - die Antwort war zu offensichtlich.

Doch als der Cannabisdampf über Woodstock verraucht war, als zudem "Velvet Underground"-Sänger Lou Reed mit dem Song "Heroin" auch das Schweigen über die gefährliche Droge gebrochen hatte, da wuchs die Skepsis. Denn von nun an zählte man die Toten: Im Juli 1969 fand man den Rolling-Stones-Gitarristen Brian Jones, 27, leblos im Swimmingpool, Ursache: Asthmaanfall nach Rauschgiftgenuß. Im September 1970 starb der Gitarrengott Jimi Hendrix, 27, ein paar Wochen später die 27jährige Sängerin Janis Joplin, im Juli 1971 Doors-Frontmann Jim Morrison.

Der Traum von der Befreiung des Individuums durch Drogen war ausgeträumt; die enttäuschten Hoffnungen ließen sich bald auch an Songtiteln und -texten ablesen. John Lennon beschrieb in "Cold Turkey" die Qualen des Entzugs, selbst die deutsche Schlagerbranche steuerte mit Juliane Werdings "Am Tag, als Conny Kramer starb" einen Antidrogensong bei. Mit der Desillusionierung begann aber auch eine Ära neuer Verlogenheit: Daß viele Popmusiker von harten Drogen abhängig sind, wurde (und wird bis heute) verschwiegen. Ob Eric Clapton oder Keith Richards, ob Iggy Pop oder zuletzt Boy George, das Schmuddelbild von "Sex & Drugs & Rock 'n' Roll" (Ian Dury) wird von den Plattenproduzenten gern ersetzt durch ein strahlendes Saubermann-Image. Öffentlich bekannte Abhängigkeit ist schlecht fürs Geschäft - und wenn es ums Leugnen der Drogensucht geht, übertreffen die Popstars bis heute fast schon die Verleugnungskünste der Politiker.

Je blanker poliert jedoch das Trugbild der imagegepflegten Teenager-Idole erstrahlte, je häufiger die Todesmeldungen, desto faszinierender wirkten die wenigen übriggebliebenen Helden des Untergangs. David Bowie, der schon früh den "Rock 'n' Roll Suicide" beschworen hatte, wurde nicht nur zur Kultfigur der Siebziger-Jahre-Popmusik, sondern galt zumal den "Junkies", den Drogensüchtigen, als leuchtende Identifikationsgestalt. Sie alle ahnten, wie die deutsche Heroin-Märtyrerin Christiane F., den tieferen Sinn des Bowie-Versprechens: "Dann sind wir Helden für einen Tag."

Noch höher, vor allem aber dauerhafter war der Sockel, auf den der Punk-Pionier Sid Vicious gehoben wurde. Im Gegensatz zu David Bowie nämlich hat Vicious die frühen Exzesse nicht überlebt. Vicious, Bassist der Sex Pistols und erst 21 Jahre alt, starb im Februar 1979 an einer Überdosis Heroin. Seitdem behaupten Punk-Fans in aller Welt (und sprühen es auf ihre Lederjacken), der Mann sei noch am Leben.

Wie stark die Helden der Rockmusik ihr Publikum beeinflussen, ob nicht eher umgekehrt die allgemeinen Zeitgeist-Strömungen Verhalten und Image der Popstars bestimmen - das ist bis heute umstritten. Greifen Punker eher zur Nadel, weil's der selige Vicious getan hat? Trinken Heavy-Metal-Freunde nur deshalb mehr Bier, weil der AC/DC-Rocker Bon Scott sich mit Alkohol ins Jenseits befördert hat?

Mag sein, daß die in Jamaikas Rastafari-Bewegung wurzelnde "Legalize it"-Propaganda der Reggae-Musiker die Marihuanaraucher dieser Welt in ihrem (fast überall) ungesetzlichen Tun bestärkt. Möglich, daß Falcos "Kommissar" und J. J. Cales "Cocaine" die Modedroge Kokain verharmlosen. Doch wie gering die Wirkung solcher Pop-Botschaften ist, läßt sich ablesen am offenbar erfolglosen Anti-Drogen-Engagement vieler Hip-Hop-Musiker der Gegenwart. Da können ihre Idole noch so oft vor den Gefahren der "Designer-Droge" Crack warnen - die Jugendlichen der schwarzen Vorstädte werden durch die Songtexte nicht bekehrt.

Der Traum vom schnellen, gefährlichen Leben, die Absage an die tödliche Langeweile der Erwachsenenwelt waren seit Beginn der Rock 'n' Roll-Ära auch Anlaß zu augenzwinkernder Drogenkoketterie. Daß bei Popkonzerten gern die leichten Drogen Haschisch und Marihuana konsumiert werden, weiß nicht nur Peter Gauweiler: Der verbot kraft seines damaligen Amtes als Münchner Kreisverwaltungsreferent einst den Auftritt des Reggae-Musikanten Peter Tosh in der Hauptstadt der Bayern.

Die jüngste Ausgeburt der kaum verheimlichten Drogenanpreisung tobt derzeit über die Disco-Tanzflächen des Kontinents. "Acid House" heißt die am Computermischpult ausgetüftelte, weitgehend gesangsbereinigte Rhythmusmixtur - und getanzt wird dazu bis zum Umfallen.

Umständlich erklären die Discjockeys und Organisatoren den Namen: "Acid House" habe zum Ziel, die Tanzenden allein durch Musik und Bewegung in einen rauschähnlichen Zustand zu befördern. Zugleich aber meldet ein Reporter der Zeitschrift "Tempo" aus Londons "Acid House"-Szene: "Alkohol wird kaum getrunken, die bevorzugten Drogen sind LSD und Ecstacy." Die 18jährigen Jungkonsumenten der LSD-Traditionspillen und der neuen Designer-Droge Ecstacy ("E") tragen nicht selten T-Shirts mit der aufgedruckten Sechziger-Jahre-Losung des Drogen-Methusalems Timothy Leary: "Turn On, Tune In, Drop Out" - Wirf ein, heb ab, raste aus.

Im nächsten Heft Deutschland ist Produktionsland - Milliardenschäden durch Beschaffungskriminalität - Sicherungsverwahrung für Drogentäter?


DER SPIEGEL 46/1988
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