22.08.1988

GOLFZwischen den Ohren

Bernhard Langer ist von einer rätselhaften Golfer-Krankheit befallen, die bereits die Karrieren anderer berühmter Professionals beendete. *
Der Verdacht ist allzu schrecklich, als daß sich darüber reden ließe: Als Bernhard Langer von Reportern darauf angesprochen wurde, reagierte er barsch und schmallippig: "Alles ist in Ordnung, ich muß nur das Gefühl wiederfinden."
Der deutsche Golfstar, der seit einigen Wochen schon seinem Beruf auf beklagenswerte Weise nachgeht, mag es sich nicht eingestehen: Der "Yips" ist wieder da.
Vor acht Jahren hatte der damals 22jährige Bayer die gefürchtetste aller Golfer-Krankheiten scheinbar besiegt und anschließend eine verblüffende Weltkarriere begonnen. Mit Langer spielte erstmals ein Deutscher in der Golf-Weltspitze mit und gewann sogar einmal das Masters-Turnier im golfverrückten Amerika - das Wimbledon der Golfer.
Doch vor fünf Wochen, während der British Open, kam der Rückschlag. Am 17. Loch der vierten Runde im britischen Lytham hatte Langer den Ball mit dem dritten Schlag in unmittelbare Nähe zum Loch befördert. Anschließend brauchte der Deutsche, zur grenzenlosen Verblüffung der Zuschauer, weitere fünf Schläge, um den Ball aus etwa einem Meter Entfernung ins Loch zu schubsen. "Der Yips", erläuterte mitfühlend
der "Guardian", "ist wieder da, um ihn zu quälen."
Der "Yips", für den die deutsche Sprache kein Wort bereithält, ist eine Krankheit, die "zwischen den Ohren sitzt", wie Langers Trainer Willi Hofmann die Leiden seines Schützlings beschreibt. Genauer werden Neurologen der Universität von Kalifornien in Los Angeles: Der Yips, die lautmalerische Wortschöpfung des US-Professionals Tommy Armour, wie es im "Davies Dictionary" der Golfbegriffe heißt, sei ein "unfreiwilliger Muskelkrampf, ein Zucken oder Zittern, das beim Golfen eintritt, besonders beim Putten".
Daß die Hände beim "Putten" zucken, ist besonders mißlich: Etwa ein Drittel aller Schläge, die ein Golfer während seiner Runde spielt, sind jene "Putts", mit denen der Ball auf dem kurzgeschorenen Grün ins Loch befördert werden soll.
Wieso Golfer, seien es Spitzenkräfte oder Anfänger, auf den Grüns das unmotivierte Händezucken überfällt, weiß bislang niemand zu sagen. Der britische Neurologe Wolfgang Schady spricht davon, daß eine "funktionsstörung der Ganglienzellen" womöglich das Übel verursache. Klar beschrieben und an ungezählten Klubhaus-Theken dieser Erde immer wieder mit Verzweiflung oder stiller Resignation erzählt, sind die Symptome: Der Golfer hebt auf dem Grün seinen Schläger und - hat keine Ahnung, ob ein unverhofftes Zucken in den Händen den Ball links oder rechts am Loch vorbeischiebt.
Zur Bekämpfung des Yips geben sich Golfer zuweilen Ratschläge, die an ockulte Zirkel erinnern. Meditative Übungen und autogenes Training sollen Körper und Seele zur Ruhe bringen, um statt des Zuckens eine ruhige Putt-Bewegung zu ermöglichen.
Unter älteren Golfern hält sich hartnäckig das Gerücht, daß der Yips in Wahrheit eine Folge hohen Blutdrucks sei. "Nehmen Sie morgens vor dem Wettspiel ein 'Persumbran'", empfahl kürzlich ein prominenter Golf-Doktor in Hamburg einem verzweifelten Patienten.
Um das Zucken der Hände zu verhindern, wenden die Opfer der Psycho-Krankheit diverse Techniken an. Immer geht es darum, während des Schlages ein möglichst neues, fremdes Gefühl zu erzeugen, da die vertraute Schlagtechnik mental an den Yips gekoppelt ist.
Manche Golfer eilen zum Ball und schlagen ohne jede Konzentration zu, um dem Yips die Chance zu nehmen, sich im Kopf festzusetzen. Andere stellen sich breitbeinig auf die Grüns und schlagen wie beim Crocket gegen den Ball.
Der berühmte englische Golfer Henry Longhurst beendete endgültig seine Karriere, als die Crocket-Technik verboten wurde. Der Yips vertrieb Golf-Koryphäen wie Ben Hogan und den Briten Tony Jacklin aus dem Turniergolf; auch der Wegbereiter des professionellen Golfs, der Amerikaner Arnold Palmer, war am Ende seiner Karriere ein Opfer des Yips.
Die erste und gängigste Methode, dem Leiden zu begegnen, wandte in den letzten Wochen auch Bernhard Langer an: Er probierte diverse Putter aus, in der Hoffnung, mit einem der Test-Geräte das richtige Gefühl in die Hände zu bekommen. Auf dem Übungsgrün in Lytham während der British Open hantierte Langer zeitweilig mit fünf verschiedenen Schlägern.
Zu Beginn seiner Karriere hatte Langer, der neben Boris Becker der höchstdotierte Sportprofi der Bundesrepublik ist, ebenfalls mit einem neuen Putter den Durchbruch geschafft. Nachdem er jahrelang als Talent mit Putt-Problemen gegolten hatte, fiel ihm eines Tages auf einem englischen Golfplatz ein alter Putter in die Hände, der fünf britische Pfund kostete und ihn im Jahr darauf mit knapp 100 000 Pfund an die Spitze der europäischen Preisgeld-Liste führte.
Der Perfektionist Langer unterstützte den glücklichen Griff, indem er sich in härtestem Training eine Putt-Technik aneignete, die völlig ungewöhnlich in der Weltspitze ist. Bei langen Putts greift er mit der rechten Hand unter die linke, bei kurzen umgekehrt.
Während Fachleute stets vermuteten, daß die eigentümliche Grifftechnik gewissermaßen als Voodoo gegen den Yips dienen sollte, behauptete Langer, endlich die richtige Methode gefunden zu haben. "In den letzten zwei oder drei Jahren hatte ich keine Yips mehr", versicherte der Deutsche Mitte der achtziger Jahre, als er tatsächlich erstklassig puttete.
Zu dieser Zeit schrieb Langer, als gelte es, ganz laut im Keller zu pfeifen, ein Buch unter dem Titel: "Putten leicht gemacht".
Bei Drucklegung im vergangenen Jahr fiel der deutsche Star, der inzwischen zu den drei weltbesten Golfern gehörte, schon wieder durch geradezu hektische Suche nach anderen Puttern auf. Als sein Caddie Peter Coleman einen Putt-Wettbewerb zwischen den Caddies der Spitzengolfer gewann, borgte sich Langer das vermeintliche Wundergerät am nächsten Tag - und puttete miserabel.
Bei einem wichtigen Turnier im britischen Wentworth in diesem Jahr führte Langer nach zwei Runden mit beträchtlichem Vorsprung. Dennoch schickte er, unmittelbar vor dem Start der dritten Runde, seinen Caddie in die Umkleidekabine, um noch einen anderen Putter auf die Runde mitzunehmen. Das Resultat: Langer puttete äußerst schlecht und beendete das Turnier abgeschlagen als Siebter.
Während die Öffentlichkeit die schwache Form des Champions mit der lädierten Wirbelsäule erklärte, versuchte Langer bei dem letzten der vier wichtigsten Saison-Turniere, am vorletzten Wochenende im amerikanischen Oklahoma, den vorerst letzten Trick gegen den Yips: Ein extra angefertigter Putter mit überlangem Schaft sollte die Bälle ins Loch befördern.
Es half alles nichts. Langer weigerte sich aber weiter standhaft, das Wort Yips auch nur zu erwähnen: "Es ist ein komisches Spiel", sagte er, "ich weiß nicht, warum mein Putten so schlecht ist."

DER SPIEGEL 34/1988
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