26.09.1988

Stahl-Boom - plötzlich und unerwartet

Bis vor kurzem zählte der Stahl zu den klassischen Krisen-Branchen in der Bundesrepublik, Rheinhausen und Hattingen waren Synonyme für den Verfall. Jetzt plötzlich boomt es in allen Hütten, die Stahl-Konzerne verdienen Geld wie lange nicht mehr. Doch mehr Jobs gibt es deswegen nicht, der Job-Abbau scheint nur gebremst. *
Heinz Kriwet hat schwere Zeiten hinter sich. Demonstrierende Stahlarbeiter im Ruhrgebiet beschimpften den Thyssen-Mann auf Transparenten als "Job-Killer Nr. Eins". Pfarrer warfen ihm auf Flugblättern vor, mit der Entlassung von Stahlkochern "Unrecht" zu begehen. Es sei ein "ganz schlechtes Gefühl", klagte Thyssens Stahlchef im März 1987, "Buhmann einer ganzen Region zu sein".
Im vorigen September hielt der praktizierende Katholik in der Berger Kirche in Düsseldorf eine Predigt. Wortreich versuchte Kriwet, die geplante Entlassung von rund 3000 Thyssen-Arbeitern im Werk Hattingen zu rechtfertigen.
Seit kurzem hat Bruder Heinz Kriwet Sorgen ganz anderer Art. Die Hüttenkonzerne seien derart mit Aufträgen eingedeckt, klagt der Thyssen-Manager, daß sie bereits an die Grenze der personellen Möglichkeiten gestoßen seien.
Das klingt paradox. Noch im Januar hatte Kriwet, nebenher Vorsitzender der Wirtschaftsvereinigung Eisen und Stahl, in seiner Branche den Abbau von 35 000 Arbeitsplätzen bis Ende 1989 vorausgesagt. Monat für Monat sollten in diesem Jahr rund 1000 Stahlwerker ihren Arbeitsplatz verlieren.
Doch nun fehlt es den Konzernen an Personal, die Fabriken können die Auftragsflut nur noch mit Überstunden bewältigen. Zwei Millionen Überstunden hat die Branche in den letzten drei Monaten gefahren. Bei normaler Arbeitszeit entspricht das nach Berechnungen der IG Metall gut 4000 zusätzlichen Arbeitsplätzen.
Deutschlands Stahlindustrie, die durch Stillegungspläne in Rheinhausen, Hattingen und bei der Maxhütte in Bayern schwere Arbeitskämpfe durchlitten hatte, erlebt derzeit den größten Stahlboom seit den Siebzigern. Alle Werke, vom Branchenführer Thyssen bis hin zu der mehrfach totgesagten Saarstahl, arbeiten an der Kapazitätsgrenze. Sein Hoesch-Konzern, sagt Vorstandschef Detlev Karsten Rohwedder, sei bis weit ins kommende Jahr voll ausgelastet.
Die Öfen glühen, sie werden in diesem Jahr rund 41 Millionen Tonnen Rohstahl ausschütten - eine Menge, die seit dem Rekordjahr 1974 (53 Millionen Tonnen) nur selten überschritten wurde. Die neue Spitzenmenge wird allerdings mit kräftig reduzierter Belegschaft produziert (siehe Graphik).
Sogar die beiden Krisenstahlwerke in Hattingen und Rheinhausen arbeiten auf vollen Touren. Für die Vorstände von Thyssen und Krupp erweist es sich mittlerweile als ein Segen, daß ihre Abbaupläne durch den Widerstand der Werktätigen verzögert wurden.
Die Fabrik Hattingen, in der Thyssen jetzt auf eine Schicht umstellen wollte, wird nach internen Schätzungen mindestens noch ein Jahr mit zwei Schichten arbeiten.
Rheinhausen sollte ursprünglich Ende dieses Jahres dichtmachen. Krupp hätte dann seinen Stahl aus dem Mannesmann-Werk
Huckingen, auf der anderen Rheinseite, bezogen.
Doch das paßt im Augenblick nicht. Die Hütte von Mannesmann wird selbst nach einer Erweiterung nur vier Millionen Tonnen pro Jahr erzeugen können. Aber schon jetzt haben Huckingen und Rheinhausen Aufträge von zusammen mehr als sechs Millionen Tonnen in den Computern.
Es wird kassiert wie in den goldenen Stahl-Jahren Anfang des vorigen Jahrzehnts. Thyssen, Europas größter Hüttenkonzern, dürfte 1988 nach internen Schätzungen beim Stahl rund eine halbe Milliarde Mark an Gewinnen einfahren. Die Bochumer Krupp Stahl AG bringt es auf einen dreistelligen Millionen-Gewinn. "Wer jetzt beim Stahl kein Geld verdient", meint der Baden-Badener Stahlindustrielle Willy Korf, "der gehört gefeuert."
Während in früheren Aufwärtsphasen nur die verkauften Mengen beeindruckend waren, stimmen jetzt auch die Preise. Für Warmbreitband-Stahl zahlen Abnehmer außerhalb der EG mehr als selbst im Rekordjahr 1974. Bei Betonstahl, lange Zeit ein Krisenprodukt der Branche, stieg der Preis von 330 Mark auf über 500 Mark je Tonne. Für teure Feinbleche gibt es Lieferzeiten von einigen Monaten. Schöne Zeiten sind für das vielgeschmähte Produkt angebrochen, aber keiner von den vielen Stahl-Auguren hat es vorausgesehen. "Wir haben sogar in der Tendenz falsch gelegen", sagt Ruprecht Vondran vom Düsseldorfer Stahlverband.
Der Stahlmarkt ist schwer zu durchschauen. Kurzen Aufschwüngen folgten früher oft längere Abwärtsphasen.
Absehbar aber war schon vor über einem Jahrzehnt ein langfristiger Trend nach unten. Der Werkstoff, der ein Industriezeitalter prägte, wird von Aluminium, von Kunststoffen und neuen Metall-Legierungen verdrängt. Komplette Märkte wie der Schiffbau und einige Röhrensorten sind weggebrochen.
Die Automobilindustrie verwendet immer dünnere Bleche. Zudem sind in den Fabriken neue Technologien zum Einsatz gekommen, die den Stahlausstoß bei gleicher Kapazität um 15 Prozent steigerten. Auch Produzenten aus fernen Ländern, Brasilien etwa oder Südkorea, stiegen im letzten Jahrzehnt beim Stahl ein und warben mit Niedrigpreisen der europäischen Industrie Kunden ab.
Die klassischen Stahl-Nationen demontierten reihenweise Stahlfabriken. Der einstige Weltmarktführer USA hat in den letzten zehn Jahren seine Anlagen um rund 50 Millionen Tonnen schrumpfen lassen. Die EG legte eine Kapazität von 40 Millionen Tonnen still.
Der Fabrikschwund wie auch die gute Konjuktur im Inland und in einigen Ländern Ostasiens waren es vor allem, die jetzt die Nachfrage so gewaltig ankurbelten. Unternehmen aus Japan und Korea - Länder, die früher gefürchtete Wettbewerber waren - kaufen heute Stahl in Europa. Auch aus den USA und aus dem Ostblock kommt die Kundschaft.
Die Salzgitter-Manager beispielsweise konnten sich über Walzaufträge aus der DDR freuen, Thyssen liefert kräftig an die Sowjets, und Hoesch ist für China aktiv. Sogar die lange Zeit notleidende Röhren-Sparte erlebt wieder ein Hoch. Die Röhrenwerke, freut sich Mannesmann-Chef Werner Dieter, "sind aus den roten Zahlen heraus".
Es wird, geht man nach den Stahlmanagern, nicht lange so bleiben. "Mit Sicherheit", meint Krupp-Stahl-Chef Gerhard Cromme, werde der Stahlboom "irgendwann im Jahre 1989" abbrechen (siehe Interview). Sein Kollege Rohwedder pflichtet bei. Es könne "jederzeit wieder kippen".
Nur Kriwet hält sich derzeit mit Einschätzungen auffällig zurück. Der Thyssen-Mann hatte vor einigen Wochen mit seiner öffentlichen Äußerung, in den Stahlunternehmen werde das Personal knapp, bei den Kollegen erheblichen Unmut ausgelöst. Die Konzerne wollen auf keinen Fall neue Leute einstellen, lieber improvisieren sie.
Und wie: Im Krupp-Werk Bochum kontrollierte die Gewerbeaufsicht vorige Woche dort beschäftigte Fremdfirmen. Erstaunliches kam zutage. Arbeiter von Thyssen verfuhren ihre Freischicht bei Krupp.
[Grafiktext]
STAHL ZAHLEN Rohstahlproduktion und Beschäftigte in der Europäischen Gemeinschaft Europäische Gemeinschaft Rohstahlproduktion in Millionen Tonnen davon Bundesrepublik Europäische Gemeinschaft Beschäftigte in Tausend davon Bundesrepublik geschätzt
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 39/1988
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