26.09.1988

„Schrei, was du kannsr“

Der Weg in den Holocaust (III): Brandmarkung durch den „Judenstern“ / Von Konrad Kwiet _(1988, C. H. Beck Verlag, München. ) *
Der deutsche Mensch", so hieß es in einem Pamphlet der Nationalsozialisten, "hat es schon lange als eine Provokation und als eine Gefährdung des öffentlichen Lebens empfunden, wenn Juden sich am Steuer eines Kraftwagens im deutschen Straßenbild bewegten oder gar Nutznießer der von deutschen Arbeiterfäusten geschaffenen Straßen Adolf Hitlers waren."
Und: "Auch dieser vom deutschen Volke bisher mit unerhörtem Langmut ertragene Zustand hat jetzt sein Ende erreicht. Juden haben in Deutschland am Steuer eines Kraftwagens nichts mehr zu suchen!"
Mit diesem Kommentar feierte die Schrift "Volksgemeinschaft", am 4. Dezember 1938 in Heidelberg erschienen, einen weiteren Schlag der NS-Bürokratie gegen die jüdischen Bürger: Nach der "Kristallnacht" wurden den Juden die Kraftfahrzeuge und Führerscheine entzogen.
Die systematische Entrechtung war in vollem Gange. Juden durften weder Brieftauben züchten, noch als Gasthörer an einer Universität Vorlesungen besuchen. Sie verloren, wenn sie Beamte waren, einen Teil ihrer Ruhestandsbezüge, und, wenn sie Apotheker waren, ihre Zulassung.
Die letzten jüdischen Schüler verschwanden aus deutschen Schulen. Am 15. November 1938 ordnete der Reichsminister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung an:
"Nach der ruchlosen Mordtat von Paris kann es keinem deutschen Lehrer und keiner deutschen Lehrerin mehr zugemutet werden, an jüdische Schulkinder Unterricht zu erteilen. Auch versteht es sich von selbst, daß es für deutsche Schüler und Schülerinnen unerträglich ist, mit Juden in einem Klassenraum zu sitzen."
Selbst tote Juden beschäftigten noch die NS-Behörden. Am 9. Oktober 1939 wandte sich der Oberbürgermeister von Frankfurt am Main an den Deutschen Gemeindetag mit der Bitte, "durch Nachfrage an zuständiger Ministerialstelle"
zu klären, wie und wo getaufte Juden zu bestatten seien.
Der Deutsche Gemeindetag verwies auf einen Erlaß des Reichsministers des Innern: "Wo jüdische Friedhöfe vorhanden sind, werden Juden mosiaschen Bekenntnisses auf ihren eigenen Friedhöfen beerdigt werden. Wo solche aber nicht vorhanden sind, oder wo es sich um Glaubenslose oder einer christlichen Konfession Angehörige handelt, läßt sich eine Beerdigung auf allgemeinen Friedhöfen zur Zeit nicht vermeiden, da Leichen nun einmal bestattet werden müssen."
Ein wesentlicher Bestandteil der Politik der Diffamierung und Separierung war die Verpflichtung der Juden zur Annahme neuer Zusatznamen, die sie als Juden auswiesen und die ab Januar 1939 in keiner Unterschrift und keinem Dokument fehlen durften. Man zwang ihnen die Erkennungsnamen "Sara" oder "Israel" auf.
Die Namensänderung mußte auch bei der Post für die Korrektur der Telephonbücher angezeigt werden. Alfred Schwerin erinnert sich: "Eine Anzahl unserer Bekannten werden vor die Gestapo geladen und teils mit Geldstrafen, teils mit Gefängnis bestraft, weil sie im Telephonbuch nicht mit dem Zwangsvornamen ''Sara'' und ''Israel'' eingetragen sind. Dabei besitzen wir doch alle seit mehr als Jahresfrist kein Telephon mehr! Sie hätten trotzdem sofort eine Änderung ihrer Namen im Telephonbuch beantragen müssen."
Die Fernsprechanschlüsse waren den Juden gekündigt worden. Im Dezember 1941 wurde sogar die Benutzung öffentlicher Telephonzellen unter Strafe gestellt. Die Zensur überwachte Briefe und Karten.
Seit November 1938 waren den Juden die Türen zu den Theatern und Kinos, zu den Konzerten und Museen, zu öffentlichen Leihbüchereien und zoologischen Gärten versperrt. Das Betreten von Badeanstalten, Sportstätten und Parkanlagen war ihnen untersagt. Viele Straßenbänke trugen die Aufschrift "Für Juden verboten". Solche und ähnliche Schilder untersagten auch den Besuch von Hotels, Restaurants und Cafes.
Nach Ausbruch des Krieges wurde es noch schlimmer. Alfred Schwerin war von den Beschränkungen betroffen: "Wir durften nach acht Uhr abends nicht mehr ausgehen. Mancherorts bestand sogar das Verbot, daß sich nach dieser Stunde jüdische Familien, die in verschiedenen Stockwerken des gleichen Hauses wohnten, nicht mehr gegenseitig aufsuchen durften."
In einigen Städten mußten Juden zum Verlassen des Ortes die Erlaubnis der Polizei einholen. An den Ortseingängen standen oder hingen oft große Tafeln mit Hetzinschriften wider die Juden. Die harmloseste lautete: "Juden sind hier unerwünscht!" oder "Juden ist der Eintritt verboten!" Pirmasens hatte ein
Transparent über der Einmündung der Zeppelinstraße angebracht: "Hier führt nicht der Weg nach Palästina."
In den großen Städten schnürten die Ausgeh- und Verkehrsmittelverbote und die Absperrung bestimmter Gebiete - der Judenbann - das Leben der Juden ein. "Bei den großen Entfernungen in Berlin, der körperlichen Schwäche und der Überalterung der Juden bedeutet alles dies eine ungeheuerliche Belastung", heißt es in einem Bericht. "Juden leben völlig vereinsamt, da sie weder Telephon noch Radio haben, Zeitungen nicht ins Haus geliefert bekommen, abends frühzeitig zu Hause sein müssen, da keine Versammlungen gestattet sind, keine Bänke zum Ausruhen benutzt werden dürfen."
Jüdische Friedhöfe wurden, sofern sie noch nicht von den Behörden aufgelassen worden waren, unter diesen Umständen für viele zu einer Stätte des Spiels und der Erholung. Elisabeth Freund schreibt: "Was blieb denn da noch! Die Parks sind verboten, sehr viele der jüdischen Kinderhorte haben nicht einmal einen Hof, geschweige einen Garten, und wenn sie ihn haben, dürfen die Kinder nicht darin spielen - der Nachbarhäuser wegen, die sich über den Lärm beklagen."
Nicht ganz konnten es die Behörden unterbinden, daß sich Juden und Deutsche noch in Geschäften trafen. Sie stellten jedoch sicher, daß sich die "Berührung" in engen und kontrollierbaren Grenzen hielt. Die Einrichtung von "Judenläden" und die Festsetzung bestimmter Einkaufszeiten boten sich hierfür an.
Selbst diese Notlösung rief aber den Unmut fanatischer Nationalsozialisten hervor, die sich beschwerten, daß sie noch immer zusammen mit Juden in den Geschäften anstehen mußten. Der Kreisamtsleiter für Handel und Handwerk der NSDAP in Frankfurt am Main teilte am 16. Oktober 1939 der Bäckerinnung mit:
"Die Verkaufszeit für Juden in den hierfür bestimmten Bäckerläden ist meistenteils auf 11 bis halbeins Uhr festgelegt. Über diese Zeiteinteilung habe ich schon zum wiederholten Mal Klagen entgegengenommen. Begründung: Zwischen 11 und halbeins Uhr kaufen in der Regel nicht nur die arischen Hausfrauen, sondern auch Gefolgschaftsmitglieder ihren Bedarf zum Frühstück bzw. zum Mittagbrot. Es läßt sich daher in der Praxis nicht vermeiden, daß unsere Volksgenossen mit Juden zusammentreffen. Ich empfehle, sich selbst von dem bisherigen Zustand zu überzeugen, der auf die Dauer nicht haltbar ist."
Juden mußten auf den Verzehr von Fleisch und Fisch, von Weißbrot und Brötchen, von Vollmilch und Butter, von Eiern und Obst, von Schokolade und Kuchen, von Kaffee und Tee, von Wein und Alkohol verzichten. Säuglingen stand nur noch ein halber Liter Magermilch zu. Schwangere Frauen, stillende Mütter und Kranke büßten ebenso bald ihre Sondermarken ein. Was den Juden noch blieb, waren Reste an Grundnahrungsmitteln. Selbst Hilfspakete, die noch aus dem Ausland eintrafen, wurden von den Lebensmittelrationen abgezogen.
Die Lebensmittelmarken, zunächst von den Ernährungsämtern an separaten Schaltern ausgegeben und später von den jüdischen Gemeinden verteilt, waren mit dem Buchstaben "J" markiert. Diese Judenkennzeichnung stellte sicher, daß die Abschnitte nur in den "Judenläden" eingelöst werden konnten. Zum Einkaufs- und Ernährungsalltag gehörte es, daß häufig die minimalen Zuteilungen schon ausverkauft und nicht mehr vorrätig waren oder vorenthalten wurden.
Im Januar 1940 wurden die Textil- und Schuhcoupons auf den Rationierungskarten für Juden ungültig, selbst zum Besohlen der Schuhe wurde die Ausgabe von Material verweigert. Am 10. Oktober 1941 - am Vorabend der planmäßigen Deportationen - verfügte _(Der Maler Max Liebermann wird auf dem ) _(Friedhof an der Schönhauser Allee zu ) _(Grabe getragen. )
das Reichswirtschaftsministerium, daß Nähmaterial nur noch vierteljährlich bis zum Höchstwert von 20 Reichspfennig von Juden beziehbar war.
Gelegentlich ließen es sich die Nationalsozialisten nicht nehmen, die "Judenläden" mit Schweinefleisch zu beliefern. Diese Zuteilung, auf die viele "arische" Kunden oft lange warten mußten, zielte auf die Diffamierung der jüdischen Religion, da das jüdische speisegesetz den Genuß von Schweinefleisch untersagt. In Stuttgart lösten Juden ihre Fleischmarken ein: "Da wir keine andere Wahl hatten, kauften wir das Schweinefleisch und tauschten es später bei Freunden, Nichtjuden, um. Man machte uns das Leben schwerer und schwerer."
Kontakte zur deutschen Bevölkerung wurden zerschnitten. Selbst die Beziehungen zu befreundeten "arischen" Familien lösten sich auf. Denunziationen und Repressalien schreckten viele "Judenfreunde". Überall wurden von den Judenfeinden Anzeigen gegen Juden und "Judenfreunde" erstattet.
Ein kleiner Parteifunktionär in Gerolzhofen sandte ein Schreiben an die Kreisleitung der NSDAP in Kitzingen:
"Am Samstag, den 28. Februar gegen halb zwei Uhr, mußten ich und der städt. Vorarbeiter Ludwig Frey Zeuge sein, wie sich der Jude Siegfried Krämer und der pens. Gefängniswachtmeister Georg Gillet längere Zeit unterhielten.
"Wer zuerst das Gespräch angefangen hatte, konnte ich nicht feststellen. Ich und Pg. Frey sind der Überzeugung, daß dieser Jude jede Gelegenheit wahrnimmt, um mit Volksgenossen ins Gespräch zu kommen, und daß der Jude Krämer der frechste Jude noch von Gerolzhofen ist. Andererseits ist der Vg. Gillet ein der Ortsgruppe bekannter Judenfreund. Sein Gruß heißt nur ''Gräß Gott'' (auch bei den Behörden). Die Kirche ist sein Lieblingsaufenthalt.
"Wer sich heutzutage und dazu noch in nächster Nähe von 2 Politischen Leitern mit den schlimmsten Feinden unseres Vaterlandes auf öffentlicher Straße unterhält, ist m.E. ein noch schlimmerer Gegner des Nationalsozialismus, also ein Staatsfeind."
Die Kreisleitung der NSDAP schrieb daraufhin an die Gauleitung Mainfranken in Würzburg: "Der Jude Krämer und der romhörige Gillet haben bewußt zu provozieren versucht. Ich bitte die Gauleitung, dafür zu sorgen, daß der Jude Krämer inhaftiert und sobald als möglich in das Generalgouvernement abgeschoben wird. Desgleichen ersuche ich gegen Gefängniswachtmeister Gillet aus Erziehungsgründen eine 8-10tägige Polizeiinhaftierung zu verfügen."
Die Bitte wurde erfüllt. Die Gestapoakte Krämer schließt mit dem Vermerk: "Krämer wurde am 25.4.1942 nach Lublin/Izbica evakuiert. Die sichergestellten Ausweispapiere befinden sich im Pers. Akt."
Im Herbst 1941 mußten sich die deutschen Juden einen handtellergroßen, sechszackigen, gelben Stern auf die Kleidung heften. Er war schwarz umrandet und trug die Aufschrift "Jude" in schwarzen, hebräische Schrift parodierenden Buchstaben. Schon zuvor hatten Nationalsozialisten wiederholt auf die Einführung eines Judenabzeichens gedrängt. Adolf Hitler behielt sich die Entscheidung vor, und er schob sie lange hinaus; den Vernichtungsschlag kündigte er am 29. April 1937 in einer Rede vor Kreisleitern der NSDAP an: _____" Dieses Problem der Kennzeichnung wird seit zwei, drei " _____" Jahren fortgesetzt erwogen und wird eines Tages so oder " _____" so natürlich auch durchgeführt ... Wissen Sie, ich gehe " _____" immer an die äußerste Grenze des Wagnisses, aber auch " _____" nicht darüber hinaus. Da muß man nun die Nase haben, " _____" ungefähr zu riechen: Was kann ich noch machen, was kann " _____" ich nicht machen? Auch im Kampf gegen einen Gegner. Ich " _____" will ja nicht gleich einen Gegner mit Gewalt zum Kampf " _____" fordern, ich sage nicht: Kampf, weil ich kämpfen will, " _____" sondern sich sage: Ich will dich vernichten! Und jetzt " _____" Klugheit, hilf mir, dich so in die Ecke " _____" hineinzumanövrieren, daß du zu keinem Stoß kommst, und " _____" dann kriegst du den Stoß ins Herz hinein. Das ist es! "
Dieser Zeitpunkt war gekommen, als die Deportationen vorbereitet wurden. Am 20. August 1941 gab Adolf Hitler die Zustimmung zur Einführung des Judensterns - und dem Reichspropagandaminister Goebbels freie Hand, das Modell zu entwerfen. Sachverständige im Reichsinnenministerium und im Reichssicherheitshauptamt einigten sich über die Ausformulierung der "Polizeiverordnung", die am 1. September fertiggestellt, wenige Tage später verkündet wurde und am 19. September 1941 in Kraft trat.
Fortan mußten alle Juden über sechs Jahre in der Öffentlichkeit einen Judenstern tragen, "sichtbar auf der linken Brustseite des Kleidungsstücks" und "fest angenäht". Die "Sternträger" durften _(In Mähren im März 1939 nach dem ) _(Einmarsch der deutschen Truppen. )
ihre Wohnbezirke nicht mehr ohne polizeiliche Genehmigung verlassen. Die öffentliche Stigmatisierung erleichterte es den Nationalsozialisten, die neuen Wohn- und Bewegungsbeschränkungen durchzusetzen; sie war so eine entscheidende "Vorausmaßnahme" für die schnelle Erfassung und den störungsfreien Abtransport der Opfer.
Ankündigung und Aushändigung der Judensterne überließen die Behörden den jüdischen Repräsentanten. Am Nachmittag des 8. September 1941 wurden Dr. Paul Eppstein für die "Reichsvereinigung" und Dr. Josef Löwenherz für die israelitische Kultusgemeinde Wien ins Berliner Reichssicherheitshauptamt beordert. Zwie Gestapooffiziere eröffneten ihnen das Folgende: *___Die Aushändigung der Kennzeichen wird am 16. September ____1941 in Berlin, am 17. September 1941 in Wien ____vorgenommen werden. Zunächst wird ein Stück der ____Kennzeichen je Person ausgehändigt werden. Bis 15. ____Oktober 1941 werden weitere Stücke zur Aushändigung ____gelangen, so daß durchschnittlich 4 Kennzeichen auf die ____Person entfallen werden. *___Es ist dafür Vorsorge zu treffen, daß die Verteilung ____der Kennzeichen so rechtzeitig erfolgt, daß mit dem ____Tage des Inkrafttretens der Verordnung am 19. September ____1941 Schwierigkeiten nicht auftreten. *___Die Kennzeichen werden den Organisationen zum ____Selbstkostenpreis von 3 Pfennig abgegeben, die sie ____ihrerseits zur Deckung der mit der Verteilung ____verbundenen Verwaltungskosten für 10 Pfennig abzugeben ____haben. Das Kennzeichen wird mit einem Stoffrand ____versehen ausgehändigt werden, der beim Aufnähen ____eingeschlagen werden soll. *___Es wird ausdrücklich darauf hingewiesen, daß Ausnahmen ____von dem Kennzeichenzwang nicht in Frage kommen und daß ____daher alle entsprechenden Eingaben zwecklos seien.
Den Zuschlag für die Herstellung der Judensterne erhielt die Berliner Fahnenfabrik Geitel & Co, die innerhalb weniger Tage den Auftrag ausführte. Fast eine Million Sterne - aufgedruckt auf langen Stoffrollen und verpackt in schweren Ballen - wurden geliefert. Der Auftrag brachte der Firma 30 000 Reichsmark ein, wobei noch die üblichen Geschäftspraktiken befolgt und "bei Zahlung innerhalb von fünf Tagen" zwei Prozent Skonto gewährt wurden. "Weisungsgemäß" ließen sich die jüdischen Funktionäre die Übergabe der Sterne quittieren: _____" Ich bestätige hierdurch den Empfang von 1 Judenstern. " _____" Mir sind die gesetzlichen Bestimmungen über das Tragen " _____" des Judensterns, das Verbot des Tragens von Orden - " _____" Ehrenzeichen und sonstigen Abzeichen bekannt. " _____" Auch weiß ich, daß ich meinen Wohnort nicht verlassen " _____" darf, ohne eine schriftliche Erlaubnis der " _____" Ortspolizeibehörde bei mir zu führen. " _____" Ich verpflichte mich, das Kennzeichen sorgfältig und " _____" pfleglich zu behandeln und bei seinem Aufnähen auf das " _____" Kleidungsstück den über das Kennzeichen hinausragenden " _____" Stoffrand umzuschlagen. " _____" Abschrift dieser Quittung ist in meinem Besitz. "
Vertrauliche, "nicht zur Veröffentlichung geeignete" Richtlinien des Reichssicherheitshauptamts wiesen die regionalen Stapoleitstellen und andere Dienststellen an, "Tragweise" und "Verteilung" der Judensterne genauestens zu überwachen und jeden Verstoß "grundsätzlich mit Schutzhaft zu ahnden".
Ebenso eindeutig waren die Instruktionen zur Durchsetzung der Wohn- und Bewegungsrestriktionen. Und um den Sternträgern "jede Möglichkeit" zu nehmen, "sich auch weiterhin zu tarnen", ordnete das Reichssicherheitshauptamt in einem vom 13. März datierten Schnellbrief Reinhard Heydrichs die Kennzeichnung der jüdischen Wohnungen, Verwaltungsdienststellen, Kinder-, Alters- und Siechenheime an.
Joseph Goebbels prägte den Ausdruck von einer "außerordentlich humanen" Kennzeichnungsvorschrift, "sozusagen eine hygienische Vorschrift, die verhindern soll, daß der Jude sich unerkannt in unsere Reihen einschleichen kann". In Presse, Rundfunk und Versammlungen tobten Hetz- und Haßtiraden.
Am 9. Oktober nahm die Würzburger "Mainfränkische Zeitung" in einem Leitartikel zur Kennzeichnung Stellung: "Am Judenstern sind sie jetzt zu erkennen. Es ist aus mit der Tarnung unter heuchlerischer Biedermannsmaske. Neben den angeborenen, seit Jahrhunderten vererbten Kennzeichen: Krummnasiger ''Synagogenschlüssel'', Plattfüße, watschelnder Gang, Schlappohren und unstetem Blick tragen seit einiger Zeit die noch in Würzburg verbliebenen Juden den gelben Stern mit der Aufschrift ''Jude''."
In den Propagandafeldzügen wurde nicht versäumt, die Bevölkerung davor zu warnen, noch weiter sozialen Umgang mit den Sternträgern zu pflegen. Wer dies tat, setzte sich der Gefahr aus, als "Judenfreund" tituliert und als "Volksverräter" bestraft zu werden. Anders als im besetzen Westeuropa blieben in Deutschland nach der Einführung des Judensterns spontane und massive Protestdemonstrationen aus. Was den deutschen Juden noch zuteil wurde, waren individuelle Sympathiebezeugungen. Sie zeigten sich in den kleinen Freundlichkeiten und Gesten, die Leo Baeck, der Repräsentant des deutschen Judentums, so interpretierte: "Manchmal war die einzige Art, in der Deutsche ihre Opposition gegen die Nazis ausdrücken konnten, einem Juden zu helfen."
Manchmal erhoben sich Deutsche in Verkehrsmitteln ostentativ von ihrem Platz, um dem gezeichneten "Volksfeind" eine Sitzgelegenheit anzubieten. Elisabeth Freund überlieferte diese Episode: "Eine Mutter sah, daß ihr kleines Mädchen neben einem Juden saß: ''Lieschen,
setz dich auf die andere Bank, du brauchst nicht neben einem Juden zu sitzen.'' Da stand ein "arischer" Arbeiter auf: ''Und ick brauch nicht neben Lieschen zu sitzen!''"
Ursula von Kardorff berichtet einen anderen "typischen" Dialog: "Setz dir hin, olle Sternschnuppe", sagte ein Berliner Arbeiter, und als sich ein Parteigenosse darüber beschwerte, fuhr er ihn an: "Üba meenen Arsch verfüje ick alleene."
Inge Deutschkron erinnert sich, "wie Unbekannte in der Untergrundbahn oder auf der Straße, meist im dichten Gewühl der Großstadt, ganz nahe an mich herantraten und mir etwas in die Manteltasche steckten, während sie in eine andere Richtung schauten. Manchmal war es ein Apfel, ein anderes Mal Fleischmarken, Dinge, die Juden offiziell nicht erhielten".
Neben den Solidaritäts- und Sympathiebezeugungen standen freilich die Manifestationen des offenen Judenhasses. Manche Deutsche verhehlten nicht ihre Freude, daß das "Judenpack" endlich gekennzeichnet war, oder taten ihr Bestes, die Hetz- und Haßtiraden voranzutreiben. Einige Deutsche beschwerten sich darüber, daß die Kennzeichnungsvorschrift die Juden, die in "privilegierten Mischehen" lebten, ausgeklammert habe.
"Am schlimmsten erging es jüdischen Kindern", erinnert sich Inge Deutschkron. "Vom sechsten Lebensjahr an war das Tragen des ''Judenstern'' Pflicht. Da Kinder grausam sein können und den ständigen Hetzereien gegen Juden ebenso ausgesetzt waren wie Erwachsene, schlugen sie oftmals auf jüdische Kinder ein, wo sie sie trafen, es sei denn, ihre Eltern hatten den Mut, das ihnen vermittelte Judenbild zu korrigieren."
Lokale Parteigrößen und Nachbarn beeilten sich, Ausschau nach "Verstößen" zu halten. Sie entdeckten Juden, die das Erkennungszeichen verhüllt, unvorschriftsmäßig angenäht oder gar nicht getragen hatten. Und sie zeigten Personen an, von denen sie annahmen, daß sie einen Stern tragen müßten.
Der Regierungspräsident von Ober- und Mittelfranken rapportierte am 7. Oktober 1941: "Es häufen sich anonyme und offene Anzeigen der deutschblütigen Bevölkerung gegen vermeintliche Juden bzw. solche, die laut Verordnung von der Kennzeichnungspflicht ausgenommen sind."
Die überwiegende Mehrheit der deutschen Bevölkerung nahm die Rolle schweigenden Zuschauens ein, verhielt sich so, wie sie es schon zuvor getan hatte. Allgemein waren nach der Einführung des Judensterns Verwunderung und Betroffenheit, wer und wie viele plötzlich als "Jude" erkennbar waren, noch unter ihnen lebten - ein Indiz dafür, wie wenig Deutsche im Herbst 1941 noch direkten Kontakt zu Juden hatten.
Die meisten Deutschen nahmen dann auch keinen Anstoß daran, als die Sternträger vor ihren Augen abgeholt und verladen wurden. Es ging sie nichts an; es interessierte sie nicht.
Und die Juden selber? "Tragt ihn mit Stolz - den Gelben Fleck!" hatte im April 1933 der Zionist Robert Weltsch den deutschen Juden zugerufen, um ihren Schock über den nationalsozialistischen "Judenboykott" abzufangen. Sein Appell zielte damals darauf ab, mit Selbstachtung und Selbstbesinnung auf die Diffamierung und Diskriminierung zu antworten und alle Kräfte für die Absicherung, für den Wiederaufbau einer jüdischen Existenz zu mobilisieren. Die Tradition der jüdischen Geschichte verlieh ihm die Fähigkeit, die aufgezwungenen Zeichen der Schande und Unterwerfung in Symbole des Stolzes und der Ehre umzuwandeln.
Die Nationalsozialisten kopierten den "Maggen-David", den legendären sechszackigen Davidstern, der im 19. Jahrhundert zu einem jüdischen Symbol erhoben und der dann von den Zionisten als "Stern der Erlösung" zum nationalen Emblem deklariert worden war. Mit diesem Stern gebrandmarkt zu werden hieß, ein Bekenntnis zum Judentum abzulegen.
Der Aufruf von Robert Weltsch hallte im Herbst 1941 noch nach. Vereinzelt trugen deutsche Juden den Stern mit Stolz oder mit einer Geste des Trotzes.
Als Spezialist für jüdische Familiengeschichte war Jacob Jacobson von der Gestapo zur Kooperation mit dem Reichssippenamt verpflichtet worden. Die Offerte, sich vom Stern befreien zu lassen, wies er zurück. Als Sternträger identifizierte er sich mit der jüdischen Schicksalsgemeinschaft: "Mir war offiziell mitgeteilt worden, daß das Reichssippenamt versucht hatte, für Herrn Dr. Leopold Moses, den kenntnisreichen Leiter des Wiener jüdischen Archivs, und für mich die Befreiung vom Tragen des Judensterns zu erwirken. Ich hatte damals erwidert: ''Was die anderen Juden zu tragen haben, will auch ich tragen.''"
Die meisten Juden konnten sich jedoch aus diesem "Bann" nicht mehr befreien. Fassungslos nahmen sie die Nachricht über die Einführung des Judensterns auf. Mit Entsetzen und Verzweiflung reagierten sie, als sie den Stofflappen in Empfang nahmen und an die Kleidungsstücke nähten. An der Stigmatisierung spürten sie den Schmerz, den die soziale Degradierung hinterließ.
Die Kennzeichnung wirkte lähmend und demoralisierend, sie präparierte die Opfer, sich den letzten Vernichtungsschlägen zu fügen. Die Angst breitete sich aus, jeder Zeit und überall festgenommen zu werden. Über jeden Schritt und jede Handlung legte sich das beklemmende und angstvolle Gefühl, ständig und von allen Seiten angestarrt, observiert und kontrolliert zu werden. Viele Erlebnisberichte bezeugen diese Empfindungen und Erfahrungen.
Johanna Mackower schrieb nach dem Krieg an ihre Schwester: "Wir haben die _(In Berlin, Unter den Linden, 1938. )
ganze Zeit den Judenstern getragen - dies ist mit als einer der schwersten Erlebnispunkte zu bezeichnen, weil es die Seele zu tiefst verletzt und vor allem dir dein Wesen ungeheuer verkorkst."
In Stuttgart mußte sich Martha Haarburger den Stern anlegen: "Das Tragen des gelben Sterns, mit dem man uns von 1941 an wie Verbrecher brandmarkte, war eine Qual."
Manche Juden gaben diesen Kampf auf. Sie schlossen sich in ihren Wohnungen ein, starben an Hunger oder wählten einen schnelleren Weg in den Freitod. Andere ließen sich kaum noch in der Öffentlichkeit sehen und wenn, so versuchten sie hinter Aktentaschen, Paketen oder Büchern das gelbe Erkennungszeichen zu verbergen. Gegen diese Praxis - an vielen Orten beobachtet - ging die Gestapo drakonisch vor.
In Dresden wurde ein Zwangsarbeiter auf dem Weg zur Arbeitsstelle mit einem verdeckten Stern ertappt: "Da fuhr", so ein Augenzeuge, "eine Limousine vorbei, eine schwarze Limousine war der bekannte Gestapowagen, und er wurde hineingezerrt. Er wurde nie wiedergesehen. Die haben ihn nicht einmal in ein KZ gebracht, sondern gleich umgebracht. Für das Verdecken des Sterns. Ein paar Tage später haben sie seine Frau auf die Gestapo bestellt und gefragt: ''Was, du trägst noch nicht Witwenkleidung?''"
"Zur Nachahmung empfohlen! Hinaus mit den Juden aus den guten und billigen Wohnungen!" Mit dieser populären Kampfparole waren im März 1938 Nationalsozialisten im soeben dem Deutschen Reich angeschlossenen Österreich angetreten, um die Juden aus begehrten Wohnungen zu vertreiben. Rigoros gingen sie vor: Rund 10 000 Wohnungen wurden unmittelbar nach dem Anschluß "freigemacht".
An die Stelle der unkoordinierten, "wilden" Aktionen traten bald organisierte, staatlich-sanktionierte Raubzüge. Sie bescherten den Wienern bis 1942 weitere 60 000 "freie" Wohnungen. In Berlin dürften es mehr als 30 000 gewesen sein. In München waren es etwa 3000, in Hamburg 1900 und in Düsseldorf 700. Jede Stadt hat solche Gewinne verbucht.
Hinter dem Griff nach den jüdischen Wohnungen standen neben den ideologischen Prinzipien handfeste materielle Interessen. Zum einen ging es darum, die deutsch-jüdische Wohngemeinschaft aufzubrechen, zum anderen wollte man durch die Zusammenlegung jüdischer Familien Wohnraum gewinnen, um die angespannte Lage auf dem Wohnungsmarkt zu entlasten.
Das "Gesetz über Mietverhältnisse mit Juden" vom 30. April 1939 bot die Handhabe, jüdischen Mietern in "arischen" Häusern und Wohnungen fristlos zu kündigen, allerdings nur unter der Voraussetzung, daß eine "anderweitige Unterbringung" gewährleistet war. Juden durften jetzt nur noch mit Juden Mietverträge abschließen. Jüdische Hausbesitzer waren verpflichtet, "auf Verlangen der Gemeindebehörden andere Juden als Mieter oder Untermieter aufzunehmen".
Nach den Anordnungen machten sich Stadt- und Gemeindebehörden, allen voran die Wohnungsämter, sowie Hausbesitzer und Maklerfirmen daran - und dies in enger Zusammenarbeit mit den regionalen Gestapo- und NSDAP-Stellen -, "arische" Häuser und Wohnungen zu "entjuden", wobei sie in vielen Fällen sogar noch die fristlos Gekündigten dazu verurteilten, "auf Wunsch des neuen Beziehers" die Kosten für Schönheits- und andere Reparaturarbeiten zu bezahlen.
Die zugewiesenen Ersatzwohnungen lagen in den Gebäuden, die noch nicht zur "Arisierung" freigegeben worden waren. Dazu gehörten nicht nur jüdische Häuser, Wohnungen oder Pensionen, sondern auch Einrichtungen der jüdischen Gemeinden, Kindergärten und Schulen, Altersheime und Krankenhäuser, Büros und Versammlungszimmer, Betsäle und Friedhofshallen mußten zur Unterbringung der obdachlos Gewordenen hergerichtet werden.
Die Stapoleitstelle Düsseldorf machte in einem Brief vom 18. September 1941 dem Landrat in Kleve klar, worauf es ankam: "In erster Linie ist der jüdische Wohnraum durch Zusammenlegung mehrerer jüdischer Familien in einer Wohnung stärker als bisher auszunutzen. Dabei ist es als selbstverständlich vorauszusetzen, daß den Juden nur die ungesundesten und schlechtesten Wohnungen belassen bleiben."
Die Möglichkeiten reichten jedoch den Scharfmachern noch nicht aus. Noch am Vorabend der planmäßigen Deportationen beeilten sich regionale Repräsentanten von Staat und Partei, ihre Wohn- und Amtsgebiete als "judenfrei" deklarieren zu können. Bereits im Februar 1940 wurden Juden aus Stettin ins besetzte Polen abgeschoben. Ende Oktober 1940 deportierte man fast 7000 Juden aus Baden, der Pfalz und dem Saarland ins unbesetzte Frankreich. Hinzu kamen die lokalen "Umsiedlungsaktionen".
Einige Städte und Kommunen griffen auf ein "Modell" zurück, das österreichische Nationalsozialisten ebenfalls schon empfohlen hatten, nämlich die Errichtung von Barackenlagern, die nach dem Muster der Konzentrationslager als "Arbeitslager" oder "Selbsterhaltungslager" dienen sollten.
In Essen wurden Juden zum Holbeckshof gebracht, einem Lager, das auf
dem Gelände einer ehemaligen Zeche errichtet worden war. 9 Baracken standen zur Aufnahme bereit. Sie waren 50 m lang und 15 m breit und aufgeteilt in Stuben. 15 Juden teilten sich einen Raum. In Dresden zog man Juden in dem Barackenlager Hallersberg zusammen. Mehr als 300 Juden wurden in München in einen Seitenflügel des Vincentinerinnen-Klosters Berg am Laim einquartiert. Die offizielle Bezeichnung dieser Zwangsbehausung lautete "Heimanlage".
Bereits im März 1941 war im Propagandaministerium von Experten der NSDAP, der SS und der Baubehörde der Plan erörtert worden, Berlin "judenfrei" zu machen: "Pg. Gutterer teilte mit, daß Dr. Goebbels bei einer Unterhaltung an der Mittagstafel des Führers auf die in Berlin noch ansässigen 60 000 bis 70 000 Juden aufmerksam gemacht wurde. Man habe bei diesem Gespräch festgestellt, daß es nicht weiter anginge, daß die Hauptstadt des nat. soz. Reiches auch heute noch eine derartig hohe Zahl Juden beherberge. In Berlin bestehe zur Zeit ein Mangel von 160 000 bis 180 000 Wohnungen. Das Ergebnis der Aussprache war, daß Pg. Eichmann gebeten wurde, für Gauleiter Goebbels einen Vorschlag zur Evakuierung der Juden aus Berlin auszuarbeiten."
Als man im Herbst 1941 den Plan in die Tat umsetzte, wurden Vertreter der jüdischen Gemeinde in die Gestapo-Zentrale zitiert, um ihnen den Beginn der Deportationen anzukündigen. "Die Gemeinde wurde beauftragt, neuen Wohnraum für die Betroffenen bereitzustellen, bzw. sie in anderen Wohnungen in jüdischen Hüusern zuzusiedeln", heißt es in einem Bericht. Ferner wurde angeordnet, daß der Tempel Levetzowstraße zu einem Sammellager für ca. 1000 Personen herzurichten sei, eine Frist für die Einrichtung wurde angegeben, aber niemals ein Termin für die Evakuierung genannt.
"Die Wohnungsaktion wurde durchgeführt, jedem ''Gekündigten'' wurde neuer Wohnraum zugewiesen, und ehe die Umzüge stattfinden konnten, war der 15. Oktober 1941 herangekommen. Beim frühen Anbruch der Dunkelheit erschienen in den Wohnungen der ''Gekündigten'' schlagartig je zwei Beamte der Geheimen Staatspolizei und forderten die Familien auf, die nötigen Sachen zusammenzupacken und ihnen zu folgen."
Mit dem Auszug aus ihren Wohnungen nahmen die Juden Abschied von einem Ort, mit dem sie lange und tief verwurzelt waren. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten hatten sie sich wenigstens noch in die relative Geborgenheit ihrer häuslichen Umgebung zurückziehen können, um den öffentlichen Diffamierungen und Diskriminierungen zu entgehen. Diese Zufluchtsstätte existierte nicht mehr.
Es kam vor, daß Juden zu ihren Wohnungen zurückkehrten, um sie von außen anzusehen. Der Verlust löste Trauer und Tränen aus. Mit Schmerzen nahmen sie Abschied von Familienangehörigen. Die Auswanderungswellen hatten bereits viele jüdische Familien zerschnitten. Die Wohnungsräumungen setzten den Verfall fort. Alte und Gebrechliche verschwanden in den "Altersheimen", andere Familienmitglieder zogen in Pensionszimmer, "Judenhäuser" oder Barackenlager um.
In Hannover sperrte man fast 100 Menschen in das Haus Bergstraße 8 ein, das von der Gemeinde unter dem Namen "alte Synagoge" geführt wurde. Eine Überlebende erinnert sich: "Es lagen dort weit über 100 Menschen. Genau kann ich die Zahl nicht mehr schätzen. Ich weiß nur noch, daß Bett an Bett bzw. Liegestatt neben Liegestatt war. Ein Teil der dort Untergebrachten hatte nur Matratzen mitgebracht. Es waren Männer, Frauen und Kinder, alles durcheinander untergebracht. Die sanitären Verhältnisse spotteten jeder Beschreibung."
In der Leichenhalle des jüdischen Friedhofs in Hannover mußten zeitweilig 150 Männer, Frauen und Kinder leben. "Gedrängt wie die Heringe" vegetierten sie in einem Raum, der mit Eisenbetten ausgefüllt worden war.
In diesen Behausungen hatten die Eingeschlossen zu "warten", bis sie zur "Evakuierung" aufgerufen wurden. Die Wartezeit, die Ungewißheit und Angst vor dem Abtransport wurden für viele zur Qual. Hinzu kam die Angst vor Besuchen fanatischer Antisemiten. "Judenhäuser" waren für Angehörige der NSDAP wie der Gestapo beliebte Orte, an denen sie ihren Judenhaß in Brutalitäten entladen konnten. "Kontrollgänge" boten sich an, um mit Anpöbeleien, Ausplünderungen und Mißhandlungen nationalsozialistische Gesinnung zu demonstrieren.
So sind auch deutsche Juden vor ihrer Deportation in die Vernichtungslager durch eine Phase der "Gettoisierung" gegangen, in der sie die Ächtung und Verbannung, den vollzogenen Ausstoß aus einer Gesellschaft, erfuhren. Mit dieser Erfahrung traten sie die letzte Reise an.
Im nächsten Heft
Juden gehen in den Untergrund - Nazigegner helfen Untergetauchten - Letzte Zuflucht auf dem Friedhof
Der Maler Max Liebermann wird auf dem Friedhof an der Schönhauser Allee zu Grabe getragen. In Mähren im März 1939 nach dem Einmarsch der deutschen Truppen. In Berlin, Unter den Linden, 1938.
Von Konrad Kwiet

DER SPIEGEL 39/1988
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„Schrei, was du kannsr“

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Verblüffende Verwandlung Junge Asiatin wird zu Einstein

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