17.10.1988

Wie die niedersächsische Kripo und Geheimagent Mauss Verbrecher zu Brandanschlägen anstifteten„Wir waren die Helden der Nation“

Die hannoversche Opposition sieht „ein zweites Celler Loch“, der Koalitionspartner FDP droht mit Aufkündigung des Bündnisses: Ein weiterer Polizei-Skandal belastet Ernst Albrechts affärenreiche Regierung. Um Brandanschläge aufzuklären, haben Kripo und Geheimagent Werner Mauss selbst Verbrecher zum Zündeln animiert.
Die Zielobjekte für einen Brandanschlag waren sorgfältig ausbaldowert. Acht Tage lang hatte sich ein Mann im Raum Osnabrück nach einer gut brennbaren Immobilie umgesehen, sogar von einem Hubschrauber aus wurden geeignete Bauten begutachtet und photographiert. In die engere Wahl kamen schließlich die Möbelfabrik "Flötotto" in Dissen und "Möbel-Stolte" in Bohmte.
Die Kundschafter waren Beamte des niedersächsischen Landeskriminalamts (LKA). Zündeln sollten dann, animiert durch V-Leute der Polizei, italienische Ganoven. Mit ihrer fingierten Hilfestellung wollte die Kripo eine von ihr so genannte "Pizza-Gang" überführen, die im Verdacht stand, Urheber einer unheimlichen Brandserie in Norddeutschland zu sein.
Rund 70 Häuser, meist Gaststätten und Diskotheken, waren Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre eingeäschert worden. Damit wollte die Bande Schutzgelder erpressen, Versicherungsprämien kassieren oder sich Konkurrenten vom Halse schaffen.
Zwar wurde das im Sommer 1981 vom LKA geplante Feuer-Werk vor der Ausführung abgeblasen. Aber allein die Absicht von Kriminalisten, zu kriminellen Taten anzustiften, bescherte jetzt, da sie bekannt wurde, der von Affären gebeutelten Regierung des CDU-Ministerpräsidenten Ernst Albrecht, 58, einen weiteren Polizeiskandal.
Daß die Polizei V-Leute in Gangsterbanden einschleust, um auf frischer Tat zupacken zu können, ist bundesweit gängige Praxis - wenn auch unter Juristen streitig ist, ob sie durch die geltenden Polizeigesetze gedeckt ist. Daß jedoch die Polizei selbst "schwere Verbrechen bestellt" (der Grünen-Abgeordnete Jürgen Trittin), scheint nur in Niedersachsen möglich zu sein.
Mit Billigung der Staatskanzlei durfte der Verfassungsschutz einen Sprengsatz an der Celler Gefängnismauer zünden, um einen Terror-Anschlag vorzutäuschen. Nun kommt heraus, daß auch die Polizei als Brandstifter auftrat. SPD-Fraktionschef Gerhard Schröder sieht darin "ein zweites Celler Loch".
Doch diesmal moniert nicht nur die Opposition, daß Verfassungsschutz und Polizei dem zuständigen Innenminister, dem CDU-Landesvorsitzenden Wilfried Hasselmann, 64, "außer Kontrolle geraten" seien. Der Koalitionspartner FDP droht mit dem Bruch des Regierungsbündnisses, falls nicht "personelle Konsequenzen" gezogen werden.
Der hannoversche FDP-Rechtsexperte Rudolf Fischer spricht von "Vorgängen, die einem angst und bange machen können". Die Polizei in Niedersachsen sei "offenbar außer Rand und Band", findet Burkhard Hirsch, der innenpolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion.
Regierungschef Albrecht, durch eine lange Skandalchronik routiniert im Abwiegeln von Affären, beruft sich darauf, daß die polizeiliche Pyromanie gewissermaßen verjährt sei: "In einer Phase vor 1984", beschwichtigte Albrecht, hätten halt Teile der Polizei "sehr selbstverantwortlich" gehandelt, da könne auch "hie und da etwas schiefgegangen sein" - als ob die Staatsbombe des Geheimdienstes nicht auch Maßstäbe für die Kollegen von der Kripo gesetzt hätte.
Die Sprengladung am Celler Gefängnis, die im Sommer 1978 zwei Schwerkriminellen _(Auf Sardinien, 1981. )
das Entree in Terroristenkreise verschaffen sollte, habe wohl bei einigen Polizeiführern "wie eine Initialzündung" gewirkt, kommentierte die "Hannoversche Allgemeine Zeitung": "Offenbar fühlten sich leitende Beamte im Landeskriminalamt damals plötzlich befugt, jenseits der von Recht und Gesetz vorgegebenen Grenzen zu operieren."
Die Forderung der FDP, im Polizeiapparat möglichst schnell und gründlich Remedur zu schaffen, quittierte Albrecht mit einem Lächeln: "Ich bin auch ungeduldig, aber ich zügele meine Ungeduld." Die hannoversche "Neue Presse" ahnt deshalb schon, wie auch die jüngste Affäre bewältigt wird - "zu deutlich dominiert bisher das Bemühen der Regierung, die Skandale mit eisernem Gesäß durchzusitzen": *___Die Spielbank-Pleite in Hannover offenbarte, daß die ____amtliche Kasino-Aufsicht im Innenministerium seit ____Jahren versagte; *___der Verfassungsschutz beschäftigte Rechtsextremisten ____als V-Leute; *___niedersächsische Sicherheitsbeamte reisten bewaffnet in ____die Schweiz, leisteten sich in Südfrankreich einen ____illegalen Lauschangriff, bohrten auf den Kanarischen ____Inseln Löcher in Hotelwände; *___Kripo-Beamte ließen sich von Versicherungskonzernen ____Geld für Intensiv-Ermittlungen in Assekuranz-Fällen ____aufs Privatkonto zahlen; *___Geheimdienstler bespitzelten Journalisten, die über die ____Zusammenarbeit der Sicherheitsbehörden mit dem ____vielseitigen Privatdetektiv Werner Mauss ____recherchierten; *___ein Verfassungsschützer berichtet in einem von Zeugen ____bestätigten 32-Seiten-Papier, daß Beamte aller Ränge in ____Rauschgiftgeschäfte verstrickt sind, Bestechungsgelder ____kassiert, Ermittlungen vereitelt und Waffengeschäfte ____mit dem Nahen Osten gedeckt haben.
Für die Enthüllung des jüngsten Polizeiskandals sorgte der ehemalige Kriminalhauptkommissar Rainer Hoffmann, 50, der einst die Sonderkommission (Soko) zur Aufklärung der sardischen Brandstiftungen geleitet hatte. 1986 hatte Hoffmann, zermürbt durch "Einschüchterung, Mißgunst und Intrigen" von Vorgesetzten, zudem wegen Bagatellsachen mit Disziplinarmaßnahmen überzogen, den Polizeidienst quittiert.
Seit Hoffmann Anfang des Monats im Untersuchungsausschuß "Celler Loch" seine Erinnerungen ausgebreitet hat, ist auf einmal auch der geheimnisumwitterte Privatagent Mauss, 48, mitteilsam geworden - denn auch Mauss war seinerzeit mit von der Partie.
Die Ermittlergruppe nannte sich "Soko Zitrone" - die Südfrucht stand nicht nur für die mutmaßlichen italienischen Ganoven, sondern auch für die Erwartung, "daß wir nicht weiterkommen
und dann mit Zitronen gehandelt hätten" (Hoffmann).
Der Ermittlungsaufwand war erheblich: Etwa 25 Kripo-Leute wurden in Hannover konzentriert, von Beginn an saß ein Sonderstaatsanwalt, der Oldenburger Udo Reents, mit Soko-Leiter Hoffmann Schreibtisch an Schreibtisch. Zwei italienische Dolmetscher wurden engagiert, eine umfangreiche Computer-Spurendokumentation angelegt, allein für heimliche Telephonüberwachung der Verdächtigen wurden mehr als 250000 Mark ausgegeben. Dennoch mußte Hoffmann nach drei Monaten intensiver Recherchen zugeben: "So kommen wir nicht weiter."
Die Wende kam mit Mauss. Den kannte Hoffmann schon seit 1976 aus gemeinsamer Ermittlungsarbeit, "ein erstklassiger Mann" sei der Untergrund-Agent gewesen, "was ich in einem Jahr gesammelt habe, hatte der in zwei Stunden".
Der Privatdetektiv war beim hannoverschen LKA als "freier Mitarbeiter des Bundeskriminalamts" eingeführt, Spitzname: "Bundesratte". Er verfügte über Behörden-Protektion und jede Menge Tarnpapiere.
Sehr praktisch auch: Der Doppel-Agent kostete die Behörden keinen Pfennig. Denn er war gleichzeitig bei Versicherungs-Spitzenorganisationen unter Vertrag, ausgestattet mit einem nahezu unbegrenzten Spesenkonto und einem Monatshonorar von 15000 Mark.
Soko-Chef Hoffmann bat Mauss um Mitarbeit im "Zitrone"-Fall. Am 28. Mai kam es zu einem ersten Treffen. Was der Soko, trotz verdeckter Arbeit, nicht gelungen war, schaffte Mauss in wenigen Tagen: Er konnte sich, ohne Mißtrauen zu wecken, an mutmaßliche Brandstifter, Sarden mit norddeutschem Wohnsitz, heranmachen.
Mauss meldete seinem Arbeitgeber, der Assekuranz, später in einem Zwischenbericht: _____" Für diese erste, überaus schwierige Phase unseres " _____" "Einstieges", die das Fundament für die gesamten " _____" nachfolgenden Gespräche zur gezielten, schnellen " _____" Erkenntnisgewinnung bildete, um den subversiven Einsatz " _____" gegen den Täterkreis zu beschleunigen, mußte ein " _____" erheblicher finanzieller Aufwand betrieben werden. "
Mauss gab sich als reicher, weltweit operierender Ganove aus, Hehler, Dealer, Waffenschieber, ganz nach Bedarf. Bereits am 4. Juni nahm er ersten Kontakt zu Randfiguren auf und schaffte es, zwei mutmaßliche Täter aus Bremen über Rom, Triest und Lugano nach Zürich "zu steuern".
Laut Mauss-Bericht _____" war es möglich, uns als angebliche Organisation, " _____" deren Drahtzieher im Vorderen Orient aufhältig sind - " _____" abgestimmt auf die Delikte des Zielkreises -, " _____" darzustellen. Zu diesem Zweck hatten wir überdies zwei " _____" für uns seit Jahren unter Legende angeworbene Personen " _____" eingesetzt. "
Die Protzerei sollte wohl seinem Geldgeber imponieren. Unbestritten ist allerdings, daß durch das verdeckte Mauss-Spiel unter anderem Brandstiftungen, Hehlerei und Erpressung aufgeklärt werden konnten. 25 Ganoven wanderten für insgesamt rund 100 Jahre in den Knast. Entsprechend ließen sich die Fahnder in Presse und Fernsehen feiern. Hoffmann: "Wir waren die Helden der Nation, gleich nach der GSG 9."
Die faule Seite der "Soko Zitrone" wurde verschwiegen - bis Hoffmann jetzt aussagte: Trotz des enormen Aufwands und der schlitzohrigen Methoden drangen _(Möbelfabrik "Flötotto" in Dissen bei ) _(Osnabrück. )
Hoffmann und Mauss nicht zu den Köpfen der in vier unabhängigen Gruppen organisierten Verbrecher vor. Allenfalls Randfiguren und mittlere Chargen wurden hochgenommen.
Vor allem eine frische Brandstiftung "nach Sarden-Art" (Hoffmann) war nicht nachzuweisen. Einer der Italo-Ganoven hatte Mauss von Banden berichtet, die für Brandstiftungen gechartert werden konnten - nach Abfackeln des gewünschten Objekts verschwanden die eigens eingeflogenen Täter wieder nach Sardinien.
So "entstand der Plan", schrieb Mauss, den italienischen Zündlern bei Bremen "die Bereitschaft eines Eigentümers zur Zahlung eines hohen Geldbetrages vorzuspiegeln, wenn sie sein Anwesen in Brand stecken würden". Vorgesehen war, daß die angeworbenen Feuerleger "rechtzeitig gefaßt und verhaftet werden". Die Täter standen schon fest, es fehlte nur noch die Tat.
Im Privatflugzeug des Detektivs, einer Cessna, reisten Mauss und seine damalige Ehefrau Margret, Soko-Chef Hoffmann sowie dessen Vorgesetzter, der Kriminaldirektor Karl-Heinz Müller, nach Rom, Triest und Sardinien. Damit das Ganze wie eine "gemischte fröhliche Reisegesellschaft" aussah, war "aus Tarnungszwecken, zur Legendenbildung für Mauss", wie Müller sagt, auch gleich die blonde Geliebte des Kripo-Direktors dabei, eine 40jährige Visagistin aus Hannover.
Warum die Absicht, die Sarden zum Zündeln zu animieren, dann doch aufgegeben wurde, wird von den damaligen Reisegefährten heute unterschiedlich begründet. Kriminaldirektor Müller, 54, will Hoffmann, der "hinter meinem Rücken" aus "Planspielen Ernst gemacht" habe, daran gehindert haben: "Sie ticken wohl nicht ganz richtig".
Hoffmann wiederum sagte vor dem Ausschuß aus, er habe schließlich "schwerste Bedenken" gegen den "von Mauss ausgeheckten Plan" bekommen. Niemand habe dafür garantieren können, daß die eingeflogenen Sarden, die, von Mauss dirigiert, bereits im Frankfurter "Sheraton"-Hotel auf ein Startzeichen gewartet haben sollen, noch rechtzeitig an der Tatausführung hätten gehindert werden können. Wegen dieses Rückziehers hätten ihn Mauss und Müller später als "Feigling" verhöhnt.
Mauss bietet zwei Versionen. In einer schriftlichen Stellungnahme, die er vorige Woche dem SPIEGEL schickte, behauptet Mauss, "der Plan von Herrn Hoffmann" sei "allgemein als zu gefährlich abgelehnt" worden, "auch von mir". Für ihn sei "das Ganze noch nicht einmal ein Gedankenspiel" gewesen.
Vor dem Untersuchungsausschuß des hannoverschen Landtags hatte Mauss Ende September in nichtöffentlicher Sitzung allerdings noch erzählt: _____" Das Interesse nach guten Projekten und " _____" Versicherungsbetrug im klassischen Sinne " _____" war ja hier in diesem Täterkreis die erste Frage ... " _____" Ich habe dann natürlich ... versucht, Hintergründe über " _____" eigene Straftaten herauszufühlen. Anders geht es ja " _____" nicht. "
Erst später, im Herbst 1981, sei der "Versuch unternommen" worden, Brandstifter "ohne Benennung eines Objektes" nach Deutschland zu lotsen. Die Sarden seien, so Mauss, bis Frankfurt gekommen, weiter nicht.
Daß Mauss und die niedersächsischen Soko-Beamten die Idee einer fingierten Brandstiftung so schlecht wohl doch nicht fanden, könnte ein Mauss-Anruf im hannoverschen Innenministerium Mitte voriger Woche beweisen. "Nachdem von dem geplanten versuchten Brandanschlag auf die Möbelfabrik in Dissen Abstand genommen" worden sei, so Mauss am Telephon, "wurde ein erneuter Brandanschlag in Griechenland angedacht".
Die Andacht hatte Folgen: Der Sarde Vittorio Pilleri und ein Karl Langenitz, der den "Zitrone"-Beamten bis dahin lediglich als "Schränker" aufgefallen war, landeten schließlich in einem griechischen Gefängnis, der eine verurteilt zu sechs, der andere zu neun Jahren Haft, wegen "Bildung einer Schreckensbande". Beide waren am 6. November 1981 bei dem Versuch ertappt worden, auf Rhodos die Yacht einer italienischen Gräfin anzuzünden.
Ob die beiden für eine Tat verurteilt wurden, die sie ohne die Regie von Mauss und niedersächsischen Behörden nie begangen hätten, versuchen nun in Hannover der parlamentarische Untersuchungsausschuß und die Staatsanwaltschaft herauszufinden.
Weitgehend klar ist der Ursprung der Griechenland-Mission. Am 2. November 1981 traf sich Mauss im Bremer Hotel "Columbus" mit Pilleri, seinem - drittklassigen - Bremer Verbindungsmann, der ihm trotz dreimonatiger Umwerbung noch immer nicht den Zugang zur Spitze der norddeutschen "Pizza-Gang" verschafft hatte.
Nun wurde offenbar Pilleri selbst, zusammen mit drei Komplizen, als Brandstifter nach Griechenland gelockt. Als Anreiz dienten 380000 Mark, die aus der niedersächsischen Landeskasse stammten. Dieses Geld, sagt Mauss, habe er "vorgezeigt mit der Zusage, daß es nach vereinbarter Auftragserledigung an Pilleri ausgezahlt" werde.
Der Stuttgarter Mauss-Anwalt Karl Egbert Wenzel räumt ein, daß sein Mandant damit als "Agent provocateur" tätig geworden sei. Strafbar habe sich Mauss dadurch allerdings nicht gemacht.
Ein Lockspitzel, doziert Rechtsprofessor Wenzel in einem Brief an den SPIEGEL, "will nicht zu Straftaten anstiften, sondern sie verhindern". Pilleri und sein deutscher Kumpel hätten denn auch auf Rhodos keinen Brandanschlag verübt - in der Tat wurden sie schon bei dem Versuch festgenommen.
Solch juristische Spitzfindigkeit nutzte Pilleri und Langenitz wenig. Immerhin mußten sie drei Jahre im hellenischen Knast absitzen, ehe sie wieder nach Deutschland abgeschoben wurden.
Kriminaldirektor Müller verweigerte im Untersuchungsausschuß zur Rhodos-Mission der "Soko Zitrone" die Aussage, "damit ich mich nicht selbst belaste". Auf die Frage eines Abgeordneten, was er denn empfunden habe, als er von den harten Haftstrafen für Pilleri und Langenitz erfuhr, antwortete Müller, er habe sich "schon lange abgewöhnt, über Gerichtsurteile nachzudenken".
Mauss hat deswegen sowieso keine Skrupel. Einen "Tatentschluß" habe er bei Pilleri nicht hervorrufen müssen, weil der sich als "Berufsverbrecher" ohnehin durch Straftaten finanziert habe. Außerdem sei "das Vorhaben in Griechenland" mit der deutschen Staatsanwaltschaft "erörtert worden", die habe "keine rechtlichen Bedenken" gehabt und "ihre Zustimmung signalisiert". Der Darstellung widerspricht Soko-Staatsanwalt Reents entschieden: "Dummes Zeug."
"Alles Quatsch", meint Ex-Soko-Chef Hoffmann zu der Mauss-Behauptung, die griechischen Behörden seien nicht nur umfassend eingeweiht gewesen, sondern hätten auch ein eigenes Interesse an der Festsetzung der Brandstifter gehabt. Das sei, so Hoffmann, erst "künstlich erzeugt" worden.
Er selbst, sagt Hoffmann, habe die Nachricht mitformuliert, mit der die griechische Polizei erstmals auf eine angebliche Feuer-Gefahr hingewiesen worden sei. Telex-Text: _____" Es wurde bekannt, daß in der Zeit vom 20. - " _____" 22.10.1981 drei italienische Personen, die zu einer " _____" internationalen kriminellen Organisation gehören sollen, " _____" per Schiff mit dem Auto nach Griechenland einreisen, die " _____" in Saloniki angeblich eine Brandstiftung durchführen " _____" wollen. "
Die avisierten Italiener waren, laut Hoffmann, Pilleri und seine Kumpane. Weitere Fernschreiben folgten. Zur Vorbereitung der Rhodos-Aktion begab sich die "fröhliche gemischte Reisegruppe" im Mauss-Flugzeug nach Griechenland, _(Oben: im Hintergrund Mauss-Cessna; ) _(unten: Athener Interpol-Chef ) _(Fatinopoulos, Mauss, Polizeichef von ) _(Rhodos mit Frau. Müller, ) _(Müller-Freundin, Mauss-Ehefrau Margret; ) _(in Griechenland, November 1981. )
Müllers Freundin war auch wieder mit dabei.
In Athen traf Mauss einen alten Bekannten, über den die Sache angeschoben werden konnte: den dortigen Interpol-Chef Fatinopoulos, den Mauss seit 1976 kannte, als der Detektiv den deutschen Terroristen Rolf Pohle in Griechenland aufspürte. Seither pflegten die beiden eine Freundschaft mit wechselseitigen Besuchen.
Die frischte Mauss anläßlich der Pilleri-Aktion mit kleinen Geschenken auf, einer Motorsäge und einem Farbfernseher. Beides hatte Hoffmann in Hannover besorgt und auch das Geld vorgestreckt.
Nach dem Griechenland-Trip hatte Hoffmann vor Mauss und Müller erst mal Ruhe. Die wurden nun, wie der frühere Soko-Leiter schon 1985 in einem 52seitigen Bericht notierte, "zwischenzeitlich hauptsächlich in einer anderen Sache tätig", ebenfalls ein trübes Mauss-Kapitel: im Fall des hannoverschen Juweliers Rene Düe, dem im Oktober 1981 bei einem Raubüberfall, den er angeblich selber vorgetäuscht haben soll, Schmuck im Wert von 13,6 Millionen Mark abhanden kam.
Als "Herr des Verfahrens", wie es im Untersuchungsausschuß hieß, bediente sich der Privatagent Mauss des staatlichen Ermittlungsapparats, um Düe des Versicherungsbetrugs zu überführen. Ermittlungsakten über andere Verdächtige verschwanden bei der Polizei und fanden sich, zerrissen, erst Anfang dieses Jahres vor einem Revier in der Gosse wieder. Kriminaldirektor Müller, dem die Mannheimer Versicherung für "verdeckte Ermittlungen" von Mauss gegen Düe zunächst 1398 und dann 1612 Mark aufs Privatkonto zahlte, ist seither vom Dienst suspendiert.
Seit vier Jahren bemühen sich wechselnde parlamentarische Untersuchungsausschüsse, mittlerweile der dritte, seit Anfang dieses Jahres zudem ein von Hasselmann eingesetzter Sonderstaatsanwalt, den "Saustall" (so der Christdemokrat über sein Ministerium) auszumisten und das Dickicht der Polizei- und Geheimdienstaffären zu durchdringen.
Auch ein neues Polizeigesetz, dessen Entwurf die christlich-liberale Koalition unlängst vorlegte, berechtigt kaum zur Hoffnung, daß Auswüchse des Apparats beschnitten würden. Eher zielt die Novelle darauf ab, die rechtsfreie Praxis nachträglich zu legalisieren - das "Modell Mauss", kritisieren die Grünen, solle zur polizeilichen Norm erhoben werden.
Der liberale Regierungspartner mäkelt zwar seit Monaten an den Zuständen im Innenministerium herum. Aber die FDP, meint Oppositionsführer Schröder, müsse "nicht nur die Backen aufblasen, sondern endlich auch mal pfeifen".
Auf Sardinien, 1981. Möbelfabrik "Flötotto" in Dissen bei Osnabrück. Oben: im Hintergrund Mauss-Cessna; unten: Athener Interpol-Chef Fatinopoulos, Mauss, Polizeichef von Rhodos mit Frau. Müller, Müller-Freundin, Mauss-Ehefrau Margret; in Griechenland, November 1981.

DER SPIEGEL 42/1988
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