29.08.1988

BROKDORFKernposition M 13

Ein winziger Stift im Kernkraftwerk führte zu einem einmaligen Atomkonflikt: Bonn wies Kiel an, Brokdorf wieder ans Netz zu lassen. *
Der Metallstab hat die Form eines Schreibgeräts: zehn Zentimeter in der Länge, einen im Durchmesser, das Ende zugespitzt - wie bei einem Bleistift.
Das Werkstück, ein sogenannter Zentrierstift, steckt 386mal im Reaktorkern des Atomkraftwerks Brokdorf an der Unterelbe. Jeweils zwei dieser Bolzen sollen ein Brennelement "gegen Querverschiebungen und Verdrehungen" (Sicherheitsbericht) schützen und damit gewährleisten, daß bei einem Störfall die Stromfabrik problemlos abgeschaltet und nachgekühlt werden kann.
Einer dieser Stifte, "Kernposition M 13", steht nur noch als Stumpf, er ist abgebrochen. Der Bruch geriet zum "besonderen Vorkommnis" - mit bundesweiten Folgen.
Schleswig-Holsteins Energieminister Günther Jansen (SPD) ließ den Atommeiler, seit knapp zwei Jahren in Betrieb und wegen einer Revision gerade abgeschaltet, nicht wieder ans Netz. Staatssekretäre aus Bonn und Kiel stritten, ob das Kernkraftwerk trotz Stiftbruchs ohne weitere Prüfung wieder anlaufen dürfe, schließlich griff Bundesumweltminister Klaus Töpfer (CDU) zum äußersten Mittel: Erstmals erteilte der oberste Atomaufseher einer Landesregierung die förmliche Weisung, ein Kraftwerk "unverzüglich" wieder anzuschalten.
Der Befehl aus Bonn traf, am Freitag vergangener Woche, mit dem 1300-Megawatt-Meiler in Brokdorf ein Symbol für die Auseinandersetzung pro und contra Kernenergie. Seit mehr als zehn Jahren kam es an dem Standort in der Wilster Marsch immer wieder zu blutigen Schlachten zwischen Polizei und Demonstranten; um den Druckwasserreaktor zankten Parteien und Parlamente, Gerichte und Gutachter.
Die Kieler SPD-Regierung, noch keine 100 Tage im Amt, nutzte den Defekt in Brokdorf jetzt, um ihren atomkritischen Kurs zu demonstrieren. Zugleich zwang sie Töpfer, sich als konsequenten Befürworter der Kernkraft zu bekennen.
Anlaß für den Atomkonflikt waren vergleichsweise geringe Schäden. Der eine gebrochene Stift, da sind sich Jansen und Töpfer einig, führt noch nicht zum großen Störfall. Jansen aber wollte das Kraftwerk nicht wieder in Betrieb gehen lassen, "weil ich nicht weiß, was mit den anderen Stiften ist".
Die waren zwar bei der Revision vom TÜV Norddeutschland "visuell in Augenschein genommen" und für funktionstüchtig befunden worden. Jansen aber verlangte eine Ultraschalluntersuchung, um eventuelle "Materialermüdungen" feststellen oder ausschließen zu können. Ausgerechnet der häufig als "sicherster Reaktor der Welt" gepriesene Atommeiler, so Jansens Kritik, habe "kein technisches Gerät", die Prüfungen vorzunehmen und "handwerklich einen Stift auszuwechseln".
Weiter monierte Jansen, daß beim Herausziehen der Brennelemente zahlreiche "Abstandshalter" eingerissen und teilweise "stark deformiert" (TÜV) wurden. Dabei waren Splitter in den Reaktorkern gefallen, vier davon zunächst unauffindbar. Jansens Sorge: Die Bruchstücke könnten die "Brennstäbe angreifen", die dann womöglich Radioaktivität freisetzten.
Der TÜV gutachtete, sogar bei sehr viel mehr zerstörten Stiften seien die "sicherheitstechnischen Anforderungen" bei einem Störfall "gewährleistet". Etwas vorsichtiger werteten die Ingenieure mögliche Gefahren durch die Splitter im Reaktorkern. Schäden seien zwar "unwahrscheinlich", dennoch "nicht völlig" auszuschließen.
Da während der Reaktorpause drei der vier Plättchen gefunden wurden, zog Kiel diesen Einwand zurück. Den Stift des Anstoßes beseitigte Töpfer per Weisung: "kein Sicherheitsproblem".
Immerhin mußte Töpfer erstmals öffentlich eingestehen, daß der Stoff, aus dem die Stifte sind, nicht viel taugt und zum Dauerproblem für die Atomindustrie geworden ist. Mehr als 50 gebrochene Stifte wurden bisher gezählt. Das Material "Inconel X 750", warnt auch der TÜV, "neigt zur interkristallinen Spannungsrißkorrosion", ist mithin bruch- und rostanfällig. Als "spezifisches Angriffsmittel" wird, so hat der TÜV ausgerechnet, "Hochtemperaturwasser, wie es in Reaktoren vorliegt, wirksam".
Die TÜV-Ingenieure hat es denn auch vergangene Woche "nicht vom Hocker gehauen", als wieder Bruch gemeldet wurde - diesmal im niedersächsischen Kernkraftwerk Esensham, gleich vier Zentrierstifte auf einmal.
[Grafiktext]
STIFT MIT RISS Aufbau eines Brennelements im Atomkraftwerk Brokdorf (Kopf) Zentrierstift Ausschnitt obere Gitterplatte Länge:10 Zentimeter Niederhaltefedern Abstandhalter (nach einer Zeichnung von PreussenElektra
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 35/1988
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