26.09.1988

ARCHÄOLOGIE

Traum in Gold

Den Spuren von Grabräubern folgend, stießen peruanische Archöologen auf den reichhaltigsten Fund der präkolumbischen Epoche. *

Mitten in der Nacht klingelte der Polizeidirektor von Lambayeque im Nordwesten Perus den Archäologen Walter Alva aus dem Bett: "Sie müssen sich hier was angucken, sofort."

Alva eilte zur Polizeistation. Es galt, 33 antike Gold- und Keramikstücke zu identifizieren, die im Zuge einer Razzia bei Grabräubern beschlagnahmt worden waren. Was Alva erblickte, war ihm noch nie zuvor begegnet: fein ausgearbeitete vergoldete Kupferreliefs von zwei jaguarähnlichen Katzen; ein Paar massiv goldener Erdnüsse, dreimal so groß wie in der Natur, aber in der feinen Maserung ihrer Schalen meisterlich modelliert; schließlich ein Menschenkopf aus Gold mit silbernen Augenlidern und Pupillen aus kobaltblauem Lapislazuli - und all das schätzungsweise 1500 Jahre alt.

Zusammen mit der Polizei verfolgte der peruanische Museumsmann die Spur des Diebesgutes zurück bis an die Quelle. Dort, wo die Grabräuber fündig geworden waren, gruben Alva und seine Helfer weiter - und legten in einjähriger Arbeit den bislang bedeutendsten Grabschatz der westlichen Hemisphäre frei: das mit Schmuckstücken und Beigaben aller Art reich ausgestattete Grab eines kriegerischen Priesterfürsten der sogenannten Moche-Kultur aus der Zeit um 300 nach Christus. Etliche Archäologen vergleichen den Fund am Fuße der Sipan-Pyramide - wenn nicht in seinem Umfang, so doch in seiner Bedeutung - mit der Freilegung des Tutanchamun-Grabes im Jahre 1922.

Die Moche-Kultur im Nordwesten Perus zählt zu den vorkolumbischen Hochkulturen, die bisher noch weithin rätselhaft sind. Die Mochica, ein Volk von Bauern, Handwerkern und Kriegern, lebten in einem etwa 350 Kilometer langen Küstenstreifen am Pazifik. Die Blütezeit ihrer Kultur lag zwischen dem ersten und sechsten nachchristlichen Jahrhundert, ein gutes Jahrtausend vor der Inka-Zeit, etwa zeitgleich mit der mittelamerikanischen Kultur der Mayas.

Auf bisher ungeklärte Weise verschwand die Moche-Kultur um die Mitte des achten Jahrhunderts. Zu den Relikten gehören Hunderte von Pyramiden ("Huacas"), erbaut aus luftgetrockneten Ziegeln; das größte erhaltene Bauwerk dieser Art ist die 41 Meter hohe Huaca del Sol im unteren Teil des Moche-Tals, für die die Mochica mehr als 100 Millionen Lehmziegel formen mußten. Anders als in Ägypten dienten diese Ziegelbauten offenbar nicht von Anfang an als Mausoleen, sondern als religiöse Kultstätten und Verwaltungszentren.

Zwei dieser Pyramiden, in der Nähe der Ortschaft Sipan, sind von einem gut 70 Meter langen, 50 Meter breiten, gleichfalls aus Ziegeln gemauerten Sockel umgeben. An einem Ende dieser neun Meter hohen Plattform waren offenbar für die Moche-Herrscher nach deren Tod Grabkammern eingelassen worden, von denen zwei, darunter vermutlich die bedeutendste, von Alva und seinen Mitarbeitern eröffnet wurden.

Daß sie auf einer heißen Spur waren, ahnten die Ausgräber, als sie im Boden auf die Abdrücke von längst zerfallenen Holzbalken stießen. Als nächstes fanden sie kupferne Bänder, mit denen offenbar

eine Holzkonstruktion zusammengefügt worden war. Und dann, wenig später, kam der Augenblick, über den Alva berichtet: "Wir konnten nur noch stammeln - ein Sarg, ein ungeöffneter Sarg aus Holz."

Außer den reich geschmückten Überresten des mit etwa 35 Jahren gestorbenen kriegerischen Oberpriesters fanden die Ausgräber die Skelette von weiteren vier Menschen, dazu die Knochen eines Hundes und zweier Opfertiere. Zwei weibliche Skelette sind - ihm zu Kopf und Füßen querliegend - dem Priester zugeordnet, vermutlich seine Frauen oder Konkubinen. Zwei Männer, mutmaßlich Sklaven oder ergebene Diener, sind zu beiden Seiten des Hauptgrabes beigesetzt. Oberhalb der Fürstenkammer wurde ein weiteres Männerskelett gefunden, dem beide Füße amputiert sind - vielleicht ein Ritual, das ihn als Grabwächter an seinen Posten fesseln sollte.

Der Leichnam des Priesters war geradezu überladen mit "traumhaft schönem" (Alva) Gold- und Silberschmuck: Zutage kamen eine massiv goldene Kopfzierde von 60 Zentimeter Durchmesser, eine goldene Gesichtsmaske, aus Goldperlen gefügte Armbänder, ein zwei Pfund schwerer goldener Rückenpanzer, gleichfalls ein Zeichen für den hohen Rang des Toten. Ferner Ohrgehänge aus Gold und Türkis, die je eine daumengroße Figur eines Soldaten bergen; die Krieger, mit Haarschopf und Halsschmuck aufs feinste ausgearbeitet, können die Keulen, die sie in ihren Händen halten, heben und senken.

In der rechten Hand des Toten fand sich eine feinziselierte goldene Rassel, die als Geräuschinstrument vermutlich bei Schlachten und religiösen Zeremonien eine Rolle spielte. Die Rassel zeigt einen Krieger, der eineen Gefangenen schlägt - bei den Mochica war es üblich, gefangene Soldaten in einem religiösen Ritus zu enthaupten; der kriegerische Priester, den man jetzt fand, leitete womöglich solche Zeremonien.

Zur Enträtselung der Moche-Kultur, die keine schriftliche Überlieferung, nicht einmal Hieroglyphen kennt, werden am meisten die mehr als 1000 Keramikfunde beitragen, die bei der Ausgrabung von Sipan ans Licht kamen. Schon bei früheren Grabungen hatten die Amerikanologen den erstaunlichen Realismus der Moche-Figuren und der damaligen Gefäßmalerei bewundert; es fanden sich Bildnisse aus allen Gesellschaftsbereichen, dazu eine Fülle von Tierdarstellungen. Das nach außen kriegerische Moche-Königreich, das offenkundig Handelsbeziehungen bis nach Ekuador und Chile unterhielt, war nach innen straff hierarchisch geschichtet.

Moche-Forscher fanden in vielen Darstellungen eine sadomasochistische oder sonst perverse Komponente. Auf einem einen Meter langen Kupferzepter, das die Grabräuber in der von ihnen geplünderten Kammer übersehen hatten, lassen es die eingravierten Szenen an Deutlichkeit nicht fehlen - etwa bei der Kopulation einer Frau mit einem Fabelwesen, halb Katze, halb Reptil.

Mit einem perfekten Bewässerungssystem hatten die Mochica in dem dürren Landstrich zwischen Anden und Pazifik, den sie bewohnten, mehr als 50 000 Menschen ernähren können - mehr, als heute in diesem Gebiet leben. Es gab reichlich Fisch, Meerschweinchen, Enten- und Hirschfleisch, aber auch ein Rauschmittel, einen trüben Trank aus gekochtem und vergorenem Mais.

Museums-Chef Alva und seine Mitarbeiter hoffen zuversichtlich, daß der jetzt eröffnete Teil der Grabanlagen noch längst nicht alle in dieser Gegend vergrabenen Schätze freigegeben hat. Bisher war das Gebiet fest in der Hand der "Huaqueros", der peruanischen Grabräuber, gewesen. Erbittert wehrten sich die Einheimischen anfangs gegen den Aufmarsch der Wissenschaftler, weil sie diese für eine konkurrierende Diebesbande hielten. Bis zu 100 000 Dollar werden auf dem Schwarzmarkt etwa für eine präkolumbische goldene Gesichtsmaske gezahlt.

"Wie so manches antike Drama", schreibt Alva in seinem Grabungsbericht für die Oktober-Ausgabe des "National Geographic Magazine", "so begann auch das Drama dieser Ausgrabung mit einem Gewaltakt."

Als die peruanische Polizei wenige Tage nach der ersten erfolgreichen Razzia die Grabräuber-Szene weiter aufrollte, kam es bei der Durchsuchung eines Huaquero-Hauses zu einer Schießerei. Ein Peruaner wurde tödlich getroffen.

[Grafiktext]

Peru Verbreitungsgebiete der Moche Kultur (ca. 200 v. Chr. - 700n Chr.) Piura Lambayaque Chiclayo Sipan Trujillo Chimbote Huaraz Huarmey Lima Pazifischer Ozean Südamerika Kartenausschnitt 500 Kilometer

[GrafiktextEnde]


DER SPIEGEL 39/1988
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