17.10.1988

BÜCHERStalin beim Zahnarzt

Anatolij Rybakow: „Die Kinder vom Arbat“. Aus dem Russischen von Juri Elperin. Verlag Kiepenheuer & Witsch; 764 Seiten; 45 Mark. *
Dieser historische Roman über Stalin und dessen Regime in den dreißiger Jahren ist vielleicht das spektakulärste Stück Literatur, das im Zeichen von Glasnost bisher veröffentlicht wurde.
Der 77jährige Autor Anatolij Rybakow, der aufgrund seines umfangreichen früheren Werkes nicht im Rufe eines Dissidenten stand - einer seiner Romane war 1951 sogar mit einem "Stalin-Preis" ausgezeichnet worden -, hatte mit der Arbeit an dem großangelegten Epos schon in der Chruschtschow-Ara begonnen. Zweimal, 1966 und 1978, war die bevorstehende Veröffentlichung in der Sowjet-Union angekündigt worden, jedesmal scheiterte sie an den versteinerten Verhältnissen.
Unbeirrt sammelte Rybakow weiter Material, befragte überlebende Zeitzeugen, bereicherte seine Stalin-Darstellung um realistische Details. Das Angebot einer Vorab-Veröffentlichung im Westen schlug er aus. "Es ist mein Volk", sagte er in einem SPIEGEL-Gespräch, "das dieses Buch braucht."
Als "Die Kinder vom Arbat" im Sommer letzten Jahres endlich gedruckt wurde (wie in der Sowjet-Union üblich, zunächst in einer Literaturzeitschrift), war die Auflage so schnell vergriffen, daß auf dem Schwarzen Markt für das Werk sogleich so viel wie ein durchschnittlicher Monatslohn geboten wurde. Eine nachfolgende Buchausgabe (Auflage: 500000) war im Februar dieses Jahres binnen zwei Tagen ausverkauft. Inzwischen sind weitere Millionen gedruckt, doch die Nachfrage ist noch längst nicht befriedigt.
Gemessen an diesen Ziffern, erscheint die Erstauflage von 80000 Exemplaren, mit der Kiepenheuer & Witsch die deutsche Übersetzung ins Rennen schickt, fast als Ausdruck von verlegerischem Kleinmut.
Die Kinder vom Arbat - das ist eine Gruppe von jungen Kommunisten, um 20 Jahre sind sie alt, die 1933 im legendären Arbat-Viertel im Herzen von Moskau leben. Einer von ihnen, Sascha Pankratow, gerät aus nichtigem Anlaß ins Räderwerk der totalitären Maschinerie, wird aus dem Jugendverband der Kommunistischen Partei ausgeschlossen und für drei Jahre nach Sibirien verbannt. Rybakow hat hier persönliche Erfahrungen verarbeitet. Wie Sascha Pankratow hat auch er einst am Moskauer Institut für Transportingenieure studiert und wurde wegen sogenannter konterrevolutionärer Umtriebe verbannt.
Anders als andere Figuren des Romans, die sich aus Feigheit oder der Karriere zuliebe in den Dienst des staatlichen Terrorismus stellen, bleibt Held Sascha seinen sozialistischen Idealen, ungeachtet aller Anfechtungen, stets treu. Das pädagogische Raster des "Sozialistischen Realismus" wird in den Dienst des Reformkurses gestellt: Der "positive Held" hält an den humanistischen Zielen des Sozialismus auch gegen die Praxis der Partei und ihres allmächtigen Herrn fest.
Der eigentliche "Held" des Romans aber ist ein negativer: In zahlreichen Episoden läßt Rybakow Stalin auftreten und entwirft dabei ein im ganzen recht genaues Porträt des Diktators. Eine der Szenen führt den Kremlgewaltigen im Zahnarztstuhl vor. Der verängstigte Leibdoktor setzt alle Hebel in Bewegung, um den passenden Nikotin-Gelbton für allerhöchsten Zahnersatz aufzutreiben, er nimmt sogar mit (nachträglicher) Billigung seines lebensgefährlichen Patienten Kontakt mit Kollegen in Hitlerdeutschland auf.
Trotz seiner aufopfernden Sorge um das heikle Gebiß fällt er aber schließlich in Ungnade, als der populäre (und darum von Stalin gehaßte) Leningrader Parteichef Kirow zufällig ein paar freundliche Worte über ihn verliert. Der Kern der Episode ist verbürgt: Der historische Kreml-Doktor selbst, der auf wundersame Weise überlebte, erzählte dem Autor von seinen Erfahrungen mit Stalin.
Der Roman endet mit der Erschießung Kirows, die 1934 den Startschuß für die Große Säuberung bedeutete; vermutlich wurde der Mord vom Tyrannen persönlich in Auftrag gegeben.
Sicherlich ist das politische Interesse an Rybakows Historiengemälde höher zu veranschlagen als dessen literarischer Rang. Gewiß kann auch die Übersetzung nicht die Brisanz des Originals entfalten, da die Literatur im Westen nicht, wie in der UdSSR, stellvertretend für eine ideologisch kasernierte Geschichtswissenschaft erst der historischen Wahrheit zum Recht verhelfen muß.
Dennoch zeichnet der Roman, ungeachtet seiner durchaus konventionellen, psychologisierend realistischen Machart, ein plausibles und atmosphärisch dichtes Bild jener Epoche, in der sich der alltägliche Schrecken wie ein eiserner Ring um die Sowjet-Union schloß.

DER SPIEGEL 42/1988
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