29.08.1988

„Dieser Bärenkram muß aus dem Verkehr“

Mehr als eine halbe Million Menschen in der Bundesrepublik sind abhängig von Tranquilizern - ein Heer von Süchtigen. Rund 40 verschiedene Glückspillen, allesamt Nachfahren des Valium, sind auf dem Markt; seit knapp drei Jahrzehnten ist ihre Gefährlichkeit bekannt. Doch Ärzte und Pharmafirmen verharmlosen die Seuche: Schon nach wenigen Wochen kann die Sucht einsetzen. Der Ausstieg bringt körperliche und seelische Höllenqualen mit sich.
Der Postbeamte konnte die Kunden vor dem Schalter nicht mehr ertragen. Er spürte, wie ihre Blicke jeder Bewegung folgten, die er in seinem Glaskäfig vollführte. Seine Gefühle rebellierten. Er wollte Schutz vor den Beobachtern und Hilfe für seine mitgenommenen Nerven.
Der niedergelassene Neurologe verschrieb ihm kleine weiße Tabletten, die der Beamte von nun an jedesmal schluckte, bevor er den Schalter öffnete. Alle Angst und Unruhe waren von da an wie weggeblasen. Über die gequälte Seele des Beamten wuchs eine schützende Haut. Die Pillen, die das Wunder vollbrachten, ließen sich beim Arzt jedesmal leicht wieder besorgen. Sie hießen, dunkel und einschmeichelnd wie ihre wohltuende Wirkung, "Adumbran".
Bei der Bibliothekarin war es die chronische Krankheit ihres Mannes, mit der sie nicht mehr fertig wurde. In den Stunden, in denen sie sich um den Kranken kümmerte, haderte sie mit ihrem Schicksal. Sie sehnte sich nach einem Schlupfloch, nach ein paar Augenblicken Glück am Tag.
Der Hausarzt erfüllte ihr den Wunsch. Er verordnete ihr Tabletten, die aussahen wie winzige grünliche Brotlaibe. Sie machten das Leben der Frau von einem Tag auf den anderen erträglich. Nach einem Viertel oder gar der Hälfte des zierlichen Brotes gab es keine graue Wolke mehr. Wenn sie den ganzen Laib schluckte, womöglich mehrmals am Tag, verloren die Bewegungen und Gefühle ihre Schwerkraft. Das Leben wurde leicht und lustig. Genauso klang auch der Name der Glücksbringer: "Lexotanil".
Der junge Mann - ein dritter Fall - hatte eine Lehre als Industriekaufmann beendet. Doch er blieb unschlüssig; von zu Hause zog es ihn nicht weg. Lieber vertauschte er den erlernten Beruf mit einem Job am Fließband. Der Arzt zeigte Verständnis. Er verschrieb ihm Tabletten, die über Frust und Eintönigkeit hinweghalfen.
Die Nerven des jungen Mannes zitterten noch ein paarmal bedenklich nach. Doch gegen die kleinen weißen Tabletten hatten sie keine Chance. Die potenten Kügelchen erstickten jede Unruhe im Keim. Ihre Stärke verriet schon der Name: "Tavor".
Eine Weile hielten die Pillen, allesamt Beruhigungsmittel aus der chemischen Familie der Benzodiazepine, das Leben der drei in Ordnung. Sie gehörten zu ihrem Alltag wie die Tasse Kaffee am Morgen und die Zigarette nach dem Mittagessen. Wenn der Inhalt der Schächtelchen und Röhrchen zur Neige ging, schrieb der Arzt ein Rezept für neue.
Um das Leben im Glaskasten auszuhalten, probierte es der Postbeamte nach einiger Zeit mit Valium. Später nahm er "Tavor". Die Biliothekarin blieb den grünlichen Broten treu, die über ihrem Leben das Glücksloch aufgerissen hatten. Nur der junge Mann mußte von Anfang an den Aufruhr in seiner Seele mit immer mehr Pillen bekämpfen.
Nach einiger Zeit bemerkten auch die Bibliothekarin und der Beamte, daß sie ohne die Tabletten nicht mehr leben konnten. Ihr Körper, so die Frau, machte mit ihr, "was er wollte". Sie brauchte die Pillen gleich nach dem Aufstehen am Morgen, in der Mittagspause und abends beim Gedanken an den nächsten Tag. Doch für eine Umkehr war es schon zu spät.
Spontan hatte sich die Bibliothekarin eines Abends von ihren grünlichen Broten getrennt. Tags darauf schaffte sie es nicht einmal mehr, die Treppen hinunterzusteigen und die Wohnung zu verlassen. "Wie ein verendendes Tier" lag sie auf dem Küchenboden und suchte nach einer übriggebliebenen Tablette.
"Ich habe mich angekotzt", sagt sie im nachhinein zu den gescheiterten Versuchen, aus eigener Kraft von den Pillen wegzukommen. Sie wollte sich umbringen, nur ein Zufall rettete ihr das Leben. Erst nach einer Entgiftungskur im Krankenhaus, nach einem sechswöchigen Aufenthalt in einer Nervenklinik und nach sechs Monaten Entwöhnungskur war sie die grünen Pillen los. "Man muß aufpassen", beschreibt sie ihre Gefühle nach dem Ende des Alptraums, "daß man nicht auf den Knien liegt und dauernd seinem Schöpfer für die Rettung dankt."
Der niedergelassene Arzt, der den Postbeamten mit den Tabletten versorgt
hatte, weigerte sich strikt, seinen Patienten in eine Entzugsklinik einzuweisen. "Sie sind nicht süchtig", versicherte er dem ängstlich gewordenen Mann und bot ihm an, andere, "nicht abhängig machende" Pillen zu verschreiben.
Auf eigene Faust meldete sich der Beamte dennoch in der Klinik. Während des radikalen Entzugs schlief er neun Tage lang keine Sekunde. Eine übermenschlich große Angst drohte ihn zu zerquetschen. Er schwitzte und zitterte am ganzen Leib, sein Herz raste. Nächtelang starrte er von Todesangst erfüllt in das Licht der Laterne vor dem Fenster. Seiner Frau sagte er jeden Abend Lebewohl, als würde er sie am nächsten Morgen nicht wiedersehen. "Ich glaubte jede Minute zu sterben", erinnert er sich, und die Tränen rollen ihm dabei noch immer übers Gesicht. Erst nach zwölf Monaten war er für das Leben ohne die Pillen wiederhergestellt.
"Ich weiß, daß ich diese Welt mit 22 Jahren verlassen muß", beharrt der junge Industriekaufmann während des Entzugs in der Klinik; mit 20 Milligramm Tavor täglich, dem Äquivalent von 100 Milligramm Valium, hatte er sich zuletzt über seinen inneren Zwiespalt hinweggedämpft. Seine Stimme klingt wie von einer Membran, über der sich zentnerschwere Gewichte nur millimeterweise lüften. "Ich bin so leicht wie eine Feder, ich bin so leicht wie ein Felsblock", antwortet er von weit her auf die Frage, wie es ihm gehe.
Nach den ersten Wochen des Entzugs haben psychotische Wahngebilde sein Denken überschwemmt. Um ihn davon zu überzeugen, daß er nicht sterben müsse, gingen die Pfleger mehrere Male mit ihm in den Keller und zeigten ihm, daß dort kein Sarg für ihn bereitstünde. Er hatte Angst, er könnte mit dem Messer auf andere losgehen. In einem unbewachten Augenblick war er mit aller Kraft durch acht dicke Türscheiben aus Glas gesprungen. Bei einigen hatte er mehrmals Anlauf genommen. Von dem Tag an ließen ihn die Pfleger in der Psychiatrie keine Sekunde mehr aus den Augen.
Hinter einem Vorhang aus Wahnideen und abgrundtiefer Depression sucht er nach einem Schlüssel für sein Schicksal. Ein Tag in seinem Leben, sagt er, hätte "diese Wende gebracht - als der Arzt mir das Tavor verschrieb". Jetzt habe er nur noch einen Wunsch: daß dieser "Bärenkram aus dem Verkehr gezogen" werde.
Der "Bärenkram" - das ist eine Gruppe von Medikamenten, auf die der Chemiker Leo Sternbach in einem Forschungslabor des Pharmamultis Hoffmann-La Roche in Nutley (New Jersey) vor drei Jahrzehnten eher durch Zufall stieß: die damals neue Stoffklasse der Benzodiazepine.
Die Wirkstoffe dieser Gruppe sollten nach dem Willen des Herstellers Ängste lösen und über alle möglichen Engpässe des Lebens hinweghelfen. Doch das "Soma" des Roche-Chemikers hat seit seiner Entdeckung eine Elendsspur quer durch die westlichen Gesellschaften gezogen - bis hin zum tragischen Ende des Tavorsüchtigen schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Uwe Barschel im vergangenen Herbst.
Zwischen 500 000 und 800 000 Medikamentenabhängige leben in der Bundesrepublik - der weitaus größte Teil von ihnen ist Beruhigungsmitteln vom Benzodiazepin-Typ verfallen. Genaue Zahlen lassen sich nicht ermitteln, weil nur die Hochdosis-Abhängigen in den
Psychiatrien auftauchen. Die Zahl der Tablettensüchtigen ist etwa zehnmal so hoch wie die der Drogenabhängigen. Nur der Alkohol rangiert in der Skala der Süchte vor den trügerischen Glückspillen.
Rund eine Milliarde Benzodiazepin-Tabletten werden in der Bundesrepublik jährlich verkauft. Das würde reichen, wie das Wissenschaftliche Institut der Ortskrankenkassen für 1986 errechnet hat, um 40 Prozent der westdeutschen Bevölkerung vier Wochen lang mit Tranquilizern zu versorgen. Die meisten Pillenkonsumenten aber schlucken weitaus länger, in der Regel monate- und jahrelang.
Kein anderes Arzneimittel wurde den 40- bis 60jährigen Westdeutschen im Jahr 1986, dem letzten von den Statistikern ausgewerteten Zeitraum, öfter verordnet als "Lexotanil", die grünlichen Glücksbrote aus dem Hause des Schweizer Valium-Herstellers Hoffmann-La Roche. Unter den 100 meistverschriebenen Medikamenten in der Bundesrepublik lag die Psychopille des Baseler Konzerns auf dem fünften Rang. Acht weitere Benzodiazepine, darunter "Adumbran", das Schlafmittel "Rohypnol" und die Barschel-Pille "Tavor", folgten unter den ersten hundert.
"Der Fall Barschel beleuchtet nur die Spitze des Eisbergs", meldete sich im letzten Dezember der Ulmer Neurologe Professor Hans Helmut Kornhuber zu Wort. Tranquilizer machen abhängig, warnte der Mediziner, dies - "und nicht etwa ihre Nützlichkeit" - sei der Grund für ihre große Verbreitung.
"Im Blick auf das Leid", das durch die Pillen verursacht werde, erinnerte Kornhuber seine Kollegen im "Deutschen Ärzteblatt" an den hippokratischen Eid: "Sobald man einem Patienten Benzodiazepin in Form von Tabletten zum Selbsteinnehmen verschreibt, drängt man ihn in die Gefahr, abhängig zu werden." Die "stille Seuche", so hatte der Neurologe, zusammen mit anderen Wissenschaftlern, schon 1984 gewarnt, sei in Wirklichkeit eine "iatrogene" Seuche - von Medizinern und der Medizin selbst ausgelöst.
Kritische Sachverständige wie Werner Platz, Chefarzt der Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik in Berlin-Reinickendorf, sind sich darin einig: Allenfalls jede zehnte der verabreichten Beruhigungspillen werde wirklich zum Wohle des Patienten eingesetzt, bei epileptischen Anfällen etwa, in den Tagen und Wochen nach dem Herzinfarkt, bei beginnenden Psychosen, vor Operationen oder bei künstlicher Beatmung in der Intensivstation. Der Rest, so das Urteil des Berliner Mediziners, sei "Verdummung, Geschäftemacherei".
Der Umgang mit den kleinen Pillen gleiche "oft dem therapeutischen Schuß aus der Hüfte", konstatierte der Augsburger Neurologe Friedhelm Katzenmeier Anfang dieses Jahres im Ärzteblatt "Medical Tribune". Sogar das konservative "Bayerische Ärzteblatt" ließ jüngst einen Kritiker der Tranquilizer-Flut zu Wort kommen. Weder die "Bagatellstörungen unserer täglichen Befindlichkeit noch die unbegrenzt andauernden Stützungsbedürfnisse im Rahmen von Persönlichkeitsstörungen", schrieb der Münchner Internist Hans Borchers in der Juni-Ausgabe des Blattes, seien "rationelle Indikationen für die Anwendung von Benzodiazepinen". Die allgegenwärtigen Seelentröster, so der Internist, seien "weitgehend entbehrlich".
Dennoch verlassen noch immer 30 bis 40 Prozent der Patienten die Praxis ihres Allgemeinarztes oder Internisten mit einem Benzodiazepin-Rezept in der Tasche. Viele seiner Kollegen, klagte der Düsseldorfer Neurologe Rudolf Liesenfeld im Ärztemagazin "Selecta", verordneten
die potenten Stoffe noch immer, "ohne die Gefahren dieser Medikamentengruppe zu bedenken".
Die zeigen sich mitunter schon bald nach den ersten Glücksgefühlen, die die Pillen ihren Benutzern spendiert haben: *___Schon nach drei bis sechs Wochen laufen die Konsumenten ____Gefahr, von den Tranquilizern abhängig zu werden. *___Bei jahre- und jahrzehntelanger Einnahme kleiner ____("therapeutischer") Dosen kann eine abrupte ____Unterbrechung lebensgefährlich sein. *___Während der radikalen Entgiftung in der Klinik kommt es ____zu Schlafstörungen, Ängstlichkeit und Unruhe. Die ____Muskeln zucken, Stühle und Tische scheinen sich zu ____bewegen, Fußboden und Wände sich zu wölben. Die ____Patienten "glauben, verrückt zu werden". Epileptische ____Krampfanfälle oder Delirien signalisieren Lebensgefahr. *___Der Kampf gegen die körperliche Abhängigkeit dauert ____Wochen und Monate; die psychische Abhängigkeit, die ____"Gier nach dem Stoff", hält an, womöglich für immer.
Das Leben mit den Seelentröstern, das so hoffnungsvoll begonnen hat, verwandelt sich oft schon nach einer kurzen Spanne zur Qual: *___Die Beschaffung der Tabletten wird zum Dreh- und ____Angelpunkt des Tages. *___Die anfänglich erhöhte Leistungs- und ____Belastungsfähigkeit sinkt, und die Konzentration ____schwindet. *___Die Kontakte zur Außenwelt versiegen, der wahre und ____einzige Gefährte bleibt die Pille. *___Die Gefühle reduzieren sich auf die dumpfe Mitte. *___Konflikte werden mit den Tabletten "zutherapiert" und ____dadurch chronifiziert. *___Die Hemmungs- und Steuerungsfähigkeit nimmt nach ____längerer Einnahme ab, die Süchtigen sind zu Handlungen ____imstande, die mit ihrer ursprünglichen Persönlichkeit ____nichts mehr zu tun haben. *___Die Fähigkeit, mit Ängsten fertig zu werden, läßt nach; ____die Angst vor der Angst wird größer. *___Das Risiko, in einen schweren Verkehrsunfall verwickelt ____zu werden, steigt auf das Vier- bis Fünffache. *___Die Sterblichkeitsrate ist auf das 2,5fache erhöht - ____die freundlichen Pillen töten meist durch Selbstmord ____oder in Kombination mit Alkohol und anderen ____Arzneimitteln.
Schon Ende der sechziger Jahre hatten Wissenschaftler darauf hingewiesen, daß die gewinnträchtigen Pillen des Leo Sternbach zu Entzugssymptomen führen. Von Mitte der sechziger Jahre an waren in der ärztlichen Fachpresse Berichte und Falldokumentationen aufgetaucht, in denen die Abhängigkeit von den Glückspillen beschrieben wurde.
Schätzungsweise 1,5 Millionen US-Bürger waren Anfang der siebziger Jahre von Valium abhängig. Doch zwischen 1975 und 1980 schafften die Amerikaner - nach dramatischen Buchveröffentlichungen, Senatshearings und einer breiten öffentlichen Debatte über die Pillen - den Absprung von der "tranquilisierten Gesellschaft".
Anders in der Bundesrepublik. Die ausschließliche Abhängigkeit von Benzodiazepinen, so argumentieren die Pharma-Firmen noch immer, sei extrem selten. Beim Verwischen der Spuren stehen der Lobby einflußreiche Mediziner dienstbar zur Seite.
"Eindeutige Beweise" für ein Suchtverhalten von Benzodiazepin-Konsumenten, dozierte beispielsweise der Würzburger Psychiatrie-Professor Helmut Beckmann noch Ende 1984 vor Ärzten in Regensburg, gebe es "bisher
nicht". Nur eine "kleine Zahl von Individuen" nehme die Beruhigungspillen über Jahre hinweg: "Der Begriff ''Benzodiazepin-Sucht'' sollte vermieden werden", so der Professor fürsorglich.
Zur gleichen Zeit, als Beckmann in Regensburg auftrat, war jeder fünfte Patient, der an der Psychiatrischen Uniklinik in München wegen Medikamentenmißbrauch oder Medikamentenabhängigkeit behandelt wurde, ausschließlich von Benzodiazepinen abhängig. Bei einer ebenfalls 1984 veröffentlichten Studie hatte es sich bei 157 Suchtfällen in fast jedem dritten Fall um eine reine Benzo-Sucht gehandelt (und nicht um einen polytoxischen Mix von Alkohol, Rauschgift und Medikamenten).
Schon 1983 waren unter den zehn bei der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft wegen Mißbrauch und Abhängigkeit am häufigsten gemeldeten Arzneimitteln allein sieben Benzodiazepine. Die Plätze eins bis drei belegten "Tavor", "Valium" und "Lexotanil" ("Aufwind für die Psyche"). Auf Platz fünf lag "Adumbran" ("Die Angst entweicht"), auf Platz acht "Tranxilium", auf Platz neun "Rohypnol" und auf dem zehnten Platz das Schlaf- und Beruhigungsmittel "Dalmadorm".
"Stoppt die Tranquilizer!" forderte im November das französische Nachrichtenmagazin "Le Point". Die Franzosen sind nach Angaben des Blattes "Weltmeister" im Verbrauch der Psychopillen. Die vermeintlich lockeren Lebenskünstler schlucken jährlich die gleiche Benzodiazepin-Menge wie die fünfmal so zahlreichen Bürger der USA. Gemessen am Pro-Kopf-Verbrauch, ist der Konsum der Franzosen zwei- bis dreimal so hoch wie bei Briten oder Westdeutschen und zehnmal so hoch wie bei den depressionsanfälligen Schweden.
In Großbritannien brachte eine Kampagne des "Observer" Mitte Februar eine Lawine ins Rollen. Nach Artikeln über die Tranquilizer-Sucht der Briten (geschätzte Zahl der Süchtigen: 400 000) meldeten sich bei Zeitungen und Hilfsorganisationen Hunderte von Abhängigen und Betroffenen. Anwälte werden mittlerweile überall im Land damit beauftragt, Entschädigungsklagen gegen die Pharma-Industrie einzureichen. "Mutters-kleine Helfer", kommentierte der "Observer", seien der "Fluch für Tausende von britischen Familien". Die Tranquilizer-Misere wachse sich auf der Insel zum "größten Arzneimittel-Skandal seit der Contergan-Affäre" aus.
Ungestört von öffentlicher Anteilnahme ist es dagegen bis jetzt der westdeutschen Pharma-Lobby gelungen, die kleinen Pillen mit den großen Umsätzen vor geschäftsschädigenden Eingriffen zu bewahren. Zwar sind auf Betreiben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) Benzodiazepine seit 1984 den Betäubungsmitteln gleichgestellt. Doch im Clinch mit der Pharma-Lobby beließen es die Arzneimittelaufseher des Bundesgesundheitsamtes bei einer großherzigen Geste.
Statt die heimtückischen Pillen für den Alltagsgebrauch zu sperren und ihre Verschreibung unter die strengen Auflagen des Betäubungsmittelrechts zu stellen - der Tranquilizer-Boom hätte über Nacht ein Ende -, einigten sich Arzneimittelüberwacher und Firmen auf ein paar kaum abschreckende Warnhinweise auf den Medikamenten-Waschzetteln.
Am Konsum der Benzodiazepine, so Kritiker Kornhuber, habe das Kleingedruckte "nur wenig geändert". Dennoch droht Ärzten mittlerweile auch in der Bundesrepublik die Verurteilung wegen vorsätzlicher Körperverletzung selbst dann, wenn sie die Abhängigkeit nicht selbst ausgelöst, sondern durch Rezepte nur aufrechterhalten haben (siehe Kasten Seite 168).
"Einer Bevölkerung", so hatten Warner schon Mitte der siebziger Jahre prophezeit, "die ein überwältigendes Bedürfnis hat, das Erlebnis ihrer Umwelt chemisch zu verändern, wird der Arzt in Zukunft hilflos gegenüberstehen." Die Mediziner in den Praxen sind, wie es scheint, nur die willigen Fluchthelfer für diesen Ausstieg aus der Realität.
Sie nehmen die Abhängigkeit ihrer Schutzbefohlenen in den Wartezimmern nicht wahr, sie verdrängen sie, oder sie verschreiben die Pillen, wider besseres Wissen, aus purer Hilflosigkeit: weil sie nur die Medizin des Rezeptblocks beherrschen und weil Entzugssymptome ihrer Patienten den gefährlichen Selbstbetrug auffliegen lassen würden.
"Von meinen Problemen", so eine 40jährige Valium-Abhängige, deren Suchtkarriere im Kinderheim begann, "brauchte ich nur eines auf den Tisch zu bringen, da haben die Ärzte gesagt: ''Ach Gott, nun müssen Sie erst mal ruhig werden'', und haben mich mit einem Tranquilizer-Rezept nach Hause geschickt."
An ihrer chemischen Krücke humpeln die Tranquilizer-Abhängigen "im Schnitt zehn Jahre" durchs Leben, wie die Psychologinnen Angelika Nette und Sybille Ellinger, Leiterinnen einer Medikamenten-Beratungsstelle in Hamburg, bei ihren Anrufern herausgefunden haben. Siebeneinhalb Jahre lang etwa versorgten Mediziner den unglücklichen
Uwe Barschel mit immer neuen Rezepten für das angeblich angstlösende "Tavor". Um einen psychischen Befund haben sie sich in der ganzen Zeit nie gekümmert.
Drei Jahre nach dem Beginn seiner Sucht, Ende Mai 1983, klagte Barschel beim Kieler Professor Arnold Bernsmeier über Schlafstörungen, Antriebsprobleme, Leeregefühle im Kopf und vorübergehende Vitalitätsstörungen - da hatte sich die anfangs schützende Wirkung der Pillen schon ins Gegenteil verkehrt; Entzugserscheinungen am Morgen und die nach längerer Enthaltsamkeit verstärkt hervorbrechenden Ursprungsängste ("Rebound Syndrom") machten dem Politiker zu schaffen.
Auf 4,5 Milligramm "Tavor", so haben Medizingutachter nach Barschels Tod rekonstruiert, war die Tagesdosis des Politikers bis zum Mai 1987 gestiegen. Mit über 10 Milligramm täglich, dem Äquivalent von 50 Milligramm Valium, mußte er während der Aufdeckung des Waterkantgate-Skandals durch den SPIEGEL im September und Oktober seine Nerven beruhigen.
Eine "ausgeprägte Tachykardie" (Herzrasen) hatten Kliniker nicht zu deuten gewußt, die Barschel nach seinem Flugzeugabsturz im Mai desselben Jahres behandelt hatten. Sie tippten auf eine "reaktive Hyperzirkulation", eine Folgereaktion des Organismus auf die durch den Unfall entstandenen Blessuren und Belastungen. In Wirklichkeit lief der Körper wegen des unvorhergesehenen Tavor-Entzugs im Klinikbett auf Hochtouren. Ein Herzmittel und die Benzos "Valium" und "Mogadan" zur
Nacht brachten Barschel Erleichterung - wie dem Manne zu helfen gewesen wäre, sahen die Mediziner nicht.
Erst im nachhinein ging auch ihnen auf, was für eine Sucht-Karriere da gelaufen war. "Tageshöchstmengen", wie sie Barschel in den letzten Monaten seines Lebens zu sich genommen hatte, seien an seiner Klinik, wie der Lübecker Professor Horst Dilling in einem Gutachten vermerkte, "nur in seltenen Fällen als Begleitmedikation bei psychisch schwerkranken Patienten benötigt" worden.
Gewöhnlich ist es die tiefverwurzelte Kumpanei der Mediziner mit der Chemie und ihre geradezu panische Angst vor "therapeutischem Nihilismus", die sie über die Folgen ihres Tuns hinwegsehen läßt. Wer sich vom eingehenden Gespräch mit dem Patienten überfordert fühlt, dem geben die Psychopillen die verlorene Sicherheit zurück: Der ärztliche Nimbus bleibt gewahrt, das "Helfersyndrom", so der Düsseldorfer Arzneimittel-Epidemiologe Gerd Glaeske, "ist abgesättigt".
Zwischen 300 000 und 400 000 Benzodiazepin-Rezepte wurden 1982/83 in der Bundesrepublik für Kinder unter zwölf Jahren ausgestellt. Jedes achte Kind in dieser Altersgruppe wird mehr oder minder häufig mit Psychopillen eingedeckt, um es dem Ruhebedürfnis der Erwachsenenwelt anzupassen, wie der Erziehungswissenschaftler Reinhard Voß im April bei einer Fachtagung in Dortmund mitteilte.
Für Sucht und Ordnung sorgen die praktischen Pillen aber hauptsächlich in zwei anderen Bevölkerungsgruppen: *___Zwei Drittel aller verordneten Tranquilizer werden in ____der Bundesrepublik von Frauen geschluckt. *___Die Gefahr, in den Teufelskreis aus Schwäche, ____Hilfsbedürftigkeit und Sucht zu geraten, ist - für ____Männer wie Frauen gleichermaßen - im Alter am größten: ____Etwa zehn Prozent der über 65jährigen Westdeutschen, ____nach Schätzungen des Bremer Arzneimittelkritikers Peter ____S. Schönhöfer sogar jeder vierte, nehmen die ____Beruhigungspillen täglich.
Mit einer schwarzgekleideten alten Dame vor dem frisch aufgeworfenen Grab warb die Biberacher Pharma-Firma Thomae - stellvertretend für den Werbezynismus der Branche - noch vor wenigen Jahren für ihr Mittel Adumbran. "Jetzt bin ich von allen verlassen", legten die Werbetexter der Trauernden in den Mund. Doch mit Adumbran, so die Botschaft, sterben die wahren Freunde nie aus.
In Wahrheit bezahlen ältere Patienten für die Sirenengesänge der Hersteller oft mit dem Verlust ihrer Lebenskraft. Jedem zehnten älteren Menschen, der unter fortschreitendem Verfall seiner körperlichen und geistigen Regheit gelitten hatte, ließ sich nach Angaben von US-Medizinern auf einfache Weise helfen: Die alte Frische kam zurück, wenn der täglich konsumierte Arzneimittel-Berg kritisch gesichtet wurde und die Tranquilizer in den Müll wanderten.
Ältere Patienten, die langwirksame Beruhigungsmittel einnehmen, stürzen überdurchschnittlich oft (wie amerikanische Epidemiologen und Medizinstatistiker feststellten) und ziehen sich dabei den im Alter gefürchteten Oberschenkelhalsbruch zu. Die Erklärung ist einfach: Das Gehirn der Alten ist empfänglicher für die unerwünschten Nebenwirkungen der Pillen; Leber und Nieren arbeiten nicht mehr so wirkungsvoll, deshalb halten sich Stoffwechselprodukte der Benzos, die bei jüngeren Menschen etwa schon nach 24 Stunden wieder ausgeschieden sind, im Körper der älteren bis zu viermal so lange und sammeln sich zu einem gewaltigen Polster an - Unfälle und Verwirrtheit nehmen auf scheinbar mysteriöse Weise zu.
Der Griff des Arztes zum Rezeptblock, so einer der entschiedensten Kritiker der Anpassungs- und Dämpfungsmedizin, der Düsseldorfer Gerd Glaeske, könne "sehr wohl als Gewalt gegen alte Menschen aufgefaßt werden, als eine Form der Entwertung von Persönlichkeiten, denen nicht mehr zugetraut oder zugemutet wird, eigene Lebens- und damit Bewältigungsformen zu finden".
Mehr als doppelt so oft wie bei den männlichen Patienten diagnostizieren die Mediziner bei ihrer weiblichen Klientel psychische Befindlichkeitsstörungen, die sie mit blumigen Formeln wie vegetative Dystonie, Psychosomatose oder psychovegetative Dysregulation umschreiben. Der Nicht-Diagnose folgt in aller Regel die Nicht-Therapie: "Mother''s little helper", die Beruhigungspille, deckt die Probleme zu.
"Ohne zwingende Indikation", so etwa warnte das Bundesgesundheitsamt im Juni, werden die Tranquilizer bei Schwangerschaftsbeschwerden und nach der Geburt verschrieben. Bei Neugeborenen, die die Benzodiazepine über den Mutterkuchen oder über die Muttermilch aufgenommen haben, kann es deshalb zu gefährlichen Entzugserscheinungen und zur Säuglingsschlappheit ("Floppy Infant Syndrom") kommen: Die Muskeln der Kleinen sind schlaff, ihre Reflexe lassen nach, die Körpertemperatur sinkt bedrohlich ab, schlimmstenfalls droht plötzlicher Atemstillstand.
Weil der Körper in der Vorstellungswelt der Mediziner noch immer männlich ist, die Psyche hingegen weiblich, werden Frauen bei identischen Beschwerden eher die dämpfenden Psychopillen, Männern dagegen stimulierende und kausal wirkende Mittel verschrieben. Das "Zähmungsinstrument in den Händen der männlichen Medizin" (Glaeske) hindert die Patientinnen daran, den Grund für ihre Befindlichkeitsstörungen zu erkennen und Konflikte
auszutragen: Sie "Schlucken und Schweigen" _(So der Titel eines im September beim ) _(Verlag Kiepenheuer & Witsch ) _(erscheinenden Buches, in dem die ) _(Journalistinnen Andrea Ernst und Ingrid ) _(Füller die Nöte medikamentenabhängiger ) _(Frauen aufgezeichnet haben. ) .
Sogar beim "typisch männlichen" Herzinfarkt lassen sich die Mediziner vom "Frauen-Syndrom" in ihrem Hinterkopf leiten. Sie verschreiben Männern deutlich häufiger den hochwirksamen Calciumantagonisten "Adalat", Frauen hingegen das veraltete "Persumbran", in dem neben einem nutzlosen Koronarmittel der Tranquilizer-Wirkstoff Oxazepam ("Adumbran") verborgen ist.
Bei Frauen, erklärt Epidemiologe Glaeske, werde eben "auf jeden Fall ein Stück Hysterie und Labilität assoziiert und behandelt". Den Schaden haben die nichtsahnenden Patientinnen möglicherweise doppelt: Ihre Therapie ist schlechter, wenn nicht gar schädlich, und sie laufen Gefahr, von ihrem Herzmittel abhängig zu werden.
Etwa 40 verschiedene Benzodiazepine, zum Teil Tages-Tranquilizer, zum Teil Schlafmittel für die Nacht, sind in der Bundesrepublik zugelassen. Das Abhängigkeitspotential ist bei allen gleich. Denn so vielfältig die Benzodiazepin-Erstlinge Librium und Valium inzwischen abgewandelt wurden - einen harmlosen Nachfolger gibt es nicht.
Wie eine physiologische Servobremse verstärken die Pillen im Gehirn die hemmende Wirkung des Botenstoffes Gamma-Aminobuttersäure (GABA). Auf dem Umweg über den Neurotransmitter lösen sie Ängste, machen sie müde, erhöhen sie die Schwelle, jenseits derer es zur Verkrampfung kommt, und entspannen sie die Muskeln.
Die Benzodiazepin-Pillen wirken auf (erst 1977 entdeckte) Rezeptoren, die in der Großhirnrinde, vor allem aber an den Zellwänden des sogenannten limbischen Systems sitzen, jenes Teils im Stamm- und Zwischenhirn, der das Gefühlsleben steuert. Dabei agieren die unscheinbaren Alltagshelfer bedrohlich nahe an der Grenze zur Krankheit.
Gerät das GABA-System im Gehirn aus dem Lot, drohen dem Betroffenen Veitstanz (Chorea Huntington), Epilepsie und Schizophrenie. Vorformen von genau diesen Erkrankungen stellen sich beim Entzug in schweren Fällen ein: Gliedmaßen und Kopf zucken tagelang, als würden sie von einer unsichtbaren Kraft bewegt; die Patienten verlieren das Bewußtsein, haben Schaum vor dem Mund und krampfen, oder sie werden wochenlang von Wahnvorstellungen gepeinigt.
Einem Steppenbrand gleich, so vermuten US-Wissenschaftler aufgrund von Tierversuchen, breitet sich die Medikamentensucht im Gehirn aus. Schon der chemische Reiz auf einige hundert der Milliarden Gehirnzellen genügt, wie die Forscher glauben, um die Sucht im Gehirn wie einen Befehl zu codieren. Den Rest bewerkstelligt ein Lernprozeß, der mehr und mehr Zellen involviert - der Abhängige gehorcht der immer mächtigeren Botschaft aus dem Kopf.
Die Wirkung der Pillen ist in den ersten vier bis sechs Wochen der Einnahme am größten, danach bringt auch eine höhere Dosis keine weitere Gemütsaufhellung mehr. Das allein wäre Grund genug, die Tranquilizer nicht länger zu verschreiben. Doch den ahnungslosen Schluckern tun die Mittel auch danach noch gut - sie vertreiben die Entzugserscheinungen, die Ängste, Unruhe und Schlaflosigkeit, die sie selbst hervorrufen. Im Laufe von Monaten und Jahren erzeugt so der kleine Schaden den immer größeren.
Nach jeweils 30 bis 45 Stunden etwa ist die Hälfte des Valium-Wirkstoffes Diazepam aus dem Körper wieder ausgeschieden. Doch das als Stoffwechselprodukt entstehende Desmethyldiazepam bleibt auch nach dieser Zeit noch aktiv, erst nach zwei bis vier Tagen ist es ebenfalls zur Hälfte eliminiert. Auch bei regulärer Einnahme der Pillen bildet sich daher im Körper ein Wirkstoffpolster, das womöglich böse Folgen hat: Wegen der Tablette am Abend zuvor ist das Glas Bier 24 Stunden später vielleicht schon eines zuviel - die wirkliche Ursache des Verkehrsunfalls wird nie geklärt. Größere Mengen Alkohol können, wie bei der amerikanischen Schauspielerin Judy Garland 1969 und sicherlich Tausenden namenloser Leidensgenossen, eine tödliche Überkreuz-Reaktion auslösen.
Zwölf verschiedene Wirkstoffe, darunter große Mengen Valium, fanden Biochemiker im Körper des toten Elvis Presley. Dasselbe Benzodiazepin brachte Liza Minnelli 1984 an den Rand der Katastrophe.
Gegen den verhängnisvollen Kumulationseffekt im Gehirn sind regelmäßige Benutzer der langwirksamen Benzodiazepine noch immer nicht gefeit. Doch auch schnellebige Benzos mit Halbwertszeiten von nur wenigen Stunden
sind für Überraschungen gut. Sie können schlagartig einsetzende Entzugssymptome verursachen. Der Preis für den tiefen Schlaf in der Nacht sind dann am frühen Morgen schon Nervosität, aufsteigende Angst und Verwirrtheit.
Patienten, die das Benzodiazepin-Schlafmittel "Halcion" (Halbwertszeit: zwei bis vier Stunden) eingenommen hatten, litten nach Angaben des schottischen Suchtexperten Ian Oswald nach wenigen Tagen verstärkt unter Ängsten, die sich bis zu Panikattacken steigerten. Ihre Schrift wurde unleserlich, sie halluzinierten, waren depressiv, nahmen ab und fühlten sich untertags müde und abgeschlagen.
Vollends ins Staunen gerieten Ende letzten Jahres amerikanische Neurologen, die mit einer Halcion-0,5-Milligramm-Tablette versucht hatten, den Jetlag beim Flug nach Europa zu überlisten. Die kleine Tablette löste stundenlange Filmrisse aus. In der Zeitspanne, für die den Reisenden hinterher jede Erinnerung fehlte, hatten sie die Flugzeuge gewechselt, Formulare ausgefüllt und mit Freunden zu Abend gegessen, sie waren anstandslos durch den Zoll gekommen, hatten Geld getauscht, Züge und Taxis benutzt.
Die Pharma-Industrie, so Psychiater Platz, habe sich bei den Benzodiazepinen "wie ein Angeklagter verhalten, der nur zugibt, was man ihm Schritt für Schritt nachweisen konnte". Obwohl seit beinahe drei Jahrzehnten kein Zweifel daran besteht, daß die Beruhigungspillen abhängig machen und das Leben ihrer Benutzer zerstören können, durften es engagierte Einzelkämpfer noch bis vor wenigen Jahren kaum wagen, auf Symposien und Ärztekongressen vor den Folgen des Tranquilizer-Booms zu warnen. Die Firmen, so die Erfahrungen, schickten ihnen Briefe ins Haus, in denen sie in maliziös-unverfänglichem Ton um nähere Ausführungen baten - die Drohung mit einem kostspieligen Prozeß war zwischen den Zeilen zu lesen.
Umsätze zwischen 400 und 500 Millionen Mark jährlich stehen für die westdeutschen Benzo-Hersteller auf dem Spiel. Seit der Markteinführung der Psycho-Pille in der Bundesrepublik haben die rosa Brillen für die Seele den Firmen nach Hochrechnungen Glaeskes allein auf dem westdeutschen Pharmamarkt einen Umsatz von dreieinhalb Milliarden Mark beschert. Nach wie vor bürstet die Pharma-Lobby deshalb unbequeme Kritiker wie den Ulmer Kornhuber in bemerkenswert rüdem Ton ab.
Das Abhängigkeitspotential des Roche-Benzos "Lexotanil" ist nach Ansicht von Medizinexperten größer als das seines Vorgängers "Valium". Bei dem erst im Oktober 1984 in der Bundesrepublik eingeführten Benzo "Tafil" (Wirkstoff: Alprazolam) sind laut Angaben des Berliner "Arznei-telegramm" vom Januar schon jetzt Fälle von "schwerer Abhängigkeit" dokumentiert. Bei den Valiumgeschädigten Amerikanern hat das Mittel unter dem Markennamen "Xanax" in der Liste der meistverordneten Medikamente den vierten Rang erklommen.
In einer Multicenter-Studie war der Wirkstoff Alprazolam scheinbar ausreichend getestet worden. Doch in einer im Mai vergangenen Jahres veröffentlichten Nachuntersuchung referierten US-Mediziner über bis dahin unbekannte Nebenwirkungen der Pillen.
Patienten mit Platzangst und panischen Angstattacken war es danach dank Alprazolam zum erstenmal seit langem wieder gutgegangen - aber nur für eine Weile. Schon nach wenigen Wochen befanden sie sich in depressiver Verfassung, sie mochten nicht mehr essen und verloren Gewicht, sie trugen sich mit Selbstmordgedanken, waren unfähig, sich zu konzentrieren, und wurden von Weinkrämpfen geschüttelt - jedem Dritten hatten die Pillen auf diese Weise "geholfen".
Noch immer sind in der Bundesrepublik Kombinations-Arzneimittel auf dem Markt, die ihre Benzodiazepin-Komponente wie einen getarnten Agenten in den Körper nichtsahnender Patienten schleusen: das Herzmittel "Persumbran", das Antidepressivum "Limbatril", das Schmerzmittel "Silentan" und das muskelentspannende (Mono-) Präparat "Musaril".
Über Wochen und Monate hinweg eingenommen, können die psychoaktiven Mischpillen Abhängigkeit und Sucht erzeugen. Ihren Herstellern bescheren die verkappten Schädlinge vor allem deshalb sichere Gewinne: *___"Persumbran" (Benzo-Komponente: "Adumbran"): Über ____1,3millionenmal haben Ärzte das Mittel 1986 ____verschrieben; unter allen Herzpräparaten lag es auf dem ____dritten Rang; dem Hersteller Thomae bescherte der ____dubiose Oldie 42,5 Millionen Mark Umsatz - "der echte ____Skandal", so Arzneimittelkritiker Schönhöfer, "den wir ____haben". *___"Limbatril" ("Librium"): Mit ebenfalls 1,3 Millionen ____Verordnungen war das Präparat 1986 das in der ____Bundesrepublik mit Abstand am häufigsten verkaufte ____Antidepressionsmittel. Hoffmann-La Roche erzielte
mit dem süchtigmachenden Mix, zusätzlich zu den hauseigenen Nur-Benzos, einen Umsatz von 27,5 Millionen Mark. *___"Silentan" ("Valium"): 800 000mal verschrieben ____Mediziner 1986 die "völlig irrationale Kombination" (so ____der Göttinger Pharmakologe Wolfgang Poser) gegen simple ____Kopfschmerzen und Migräne. Der Jahresumsatz des Mittels ____verdoppelte sich im selben Jahr auf 14 Millionen Mark, ____nachdem Hersteller Krewel 1985 ein Drittel des ____Silentan-Umsatzes in die Werbung für das ____Kombinationsmittel gesteckt hatte. *___"Musaril" ("Tetrazepam"): 775 000 Patienten bekamen das ____Mittel 1986 gegen Verspannungen und Muskelschmerzen ____(Umsatz: 31,4 Millionen Mark), darunter auch solche, ____die eine Benzodiazepin-Entwöhnung gerade hinter sich ____hatten. Daß sich unter dem Präparat ein lupenreines ____Benzodiazepin verbirgt, habe die Firma, so Pharmakologe ____Poser, "mit Liebe vertuscht".
Vor den verschlossenen Augen der Berliner Arzneimittelwächter vom BGA geht die über Kombinationspräparate "induzierte" Sucht mittlerweile ins dritte Jahrzehnt.
Bei den als Tages-Tranquilizern angebotenen Benzodiazepinen sind die Verordnungszahlen seit einigen Jahren leicht rückläufig; 1986 etwa sank die Menge der verschriebenen Tagesdosen um 5,7 Prozent. Die Pharmahersteller versuchen ihre Kritiker deshalb schon wieder in den Wald zu schicken. Die weggefallenen Beruhigungsmittel-Rezepte, so schmeichelten sie den Medizinern im "Deutschen Ärzteblatt", seien offenbar durch intensivere Gespräche mit den Patienten ersetzt worden.
Doch die Benzo-Produzenten spielen nur auf zweierlei Tastaturen. Wie bei kommunizierenden Röhren haben sie in den vergangenen Jahren die leichten Einbußen im Geschäft mit den Tages-Benzos durch entsprechende Zuwächse bei den Benzodiazepinen für die Nacht aufgefangen. Dem fließenden Übergang von Tages-Tranquilizern zu den weniger auffälligen Schlafmitteln verdankten die beiden westdeutschen Benzo-Spitzenreiter für die Nacht, "Rohypnol" und "Halcion", 1986 Verordnungszuwächse von 9,4 und 16,7 Prozent.
Tages- und Nacht-Benzos zusammen wurden im selben Jahr nur um 0,8 Prozent weniger verschrieben. Der Abhängigkeitseffekt der Medikamentengruppe insgesamt ist mithin, trotz aller Appelle an die Mediziner zu mehr Zurückhaltung, kaum geringer geworden.
Mit Erfolg werben die Pharmaproduzenten neuerdings für eine langfristig sogar noch gefährlichere Ausstieghilfe aus der Realität. "Licht für die Psyche", so versprechen sie, sollen schon bei den kleinen Problemen des Alltags, bei Stimmungsschwankungen und Antriebsschwäche Antidepressiva und die für die Behandlung schwerer Geisteskrankheiten vorgesehenen Neuroleptika bringen. Begründung: Die starken Psychopharmaka machen nicht abhängig.
Wie bei der Tranquilizer-Seuche haben die Marketing- und Werbeabteilungen der Pharmakonzerne auch hierbei das Heft in der Hand. In Anzeigen und auf Kongressen verwässern sie die Indikationen der allemal potenten Mittel: Aus höchst zweischneidigen, nebenwirkungsreichen Medikamenten zaubern die Pillenverkäufer sanfte Helfer gegen den simplen Frust.
Ihre Umsätze mit den Antidepressions-Mitteln konnten die Pharmahersteller auf diese Weise im vergangenen Jahr um 13 Prozent steigern. Die Umsätze bei den Neuroleptika wuchsen - ebenfalls 1987 - um neun Prozent. Bei einem typischen Benzodiazepin-Ersatz, den 1,5-Milligramm-Ampullen des Neuroleptikums "Imap", sorgten die Ärzteverschreibungen sogar für ein Umsatzplus von 28 Prozent.
Als wären sie bei den harmlosen Alltagsbeschwerden ihrer Patienten von allen guten Geistern verlassen, gehen die Mediziner den Werbesprüchen der Psychopharmaka-Hersteller ("Ausweg aus der Abhängigkeits-Problematik") erneut auf den Leim; wider besseres ärztliches Wissen, denn mit den Psychopräparaten der Pharma-Industrie läßt sich nicht spaßen.
Fast jeder vierte Patient reagiert auf die Antidepressionsmittel mit innerer Unruhe, Müdigkeit, Schwindelgefühlen oder Schlafstörungen. Das Sexualleben geht häufig gegen Null. Bis zu 20 Prozent der Neuroleptika-Patienten erkranken nach mehrjähriger Therapie, mitunter aber schon nach wenigen Monaten, an sogenannten Dyskinesien; bei den meisten von ihnen (60 Prozent) läßt sich
der Schaden nicht mehr beheben: Sie leiden zeitlebens unter unkontrollierbaren Bewegungen ihrer Kau- und Schlundmuskulatur.
Britische Ärzte, so fanden Medizinwissenschaftler in Großbritanniens größtem Entgiftungszentrum in Edinburgh heraus, hatten ihren Patienten die Benzo-Tranquilizer häufig in dem vergeblichen Versuch verschrieben, soziale Probleme, vor allem das Elend der Arbeitslosigkeit, chemisch zu lindern. Die Mehrheit von ihnen, so stellten die Forscher fest, war "vom Glück verlassen, enttäuscht, frustriert oder unglücklich". Viele von ihnen wurden von den Pillen an die Schwelle zum Selbstmord getrieben.
In den Forschungslaboratorien der Hersteller wird dennoch mit Hochdruck an den Nachfolgern der Benzodiazepine gearbeitet. Bis zum Beweis des Gegenteils können die Produzenten auch bei der Kampagne für die Benzo-Erben wieder den Mund vollnehmen. Hellsichtigen Experten wie der britischen Psychopharmakologin Heather Ashton sind die Verheißungen dagegen ein Dorn im Auge. Jedes Arzneimittel, das Ängste beseitige, warnte die Wissenschaftlerin, mache abhängig - "by its very nature". Doch das Geschäft mit der Seele wird auch in Zukunft weitergehen.
Ihren Bedarf an risikoärmeren Nachfolgern der Benzos stillen westdeutsche Mediziner schon jetzt mit einem neuartigen Wirkstoff namens Buspiron (Handelsbezeichnung: "Bespar"). Eine Million Tagesdosen des Mittels wurden 1986 in der Bundesrepublik verschrieben. Der Herstellerfirma Bristol-Myers brachte der Vorbote einer gänzlich neuen Familie von Tranquilizern im selben Jahr ein Verkaufsplus von 46,7 Prozent - ähnlich erleichtert und vorschnell hatten die Mediziner Anfang der sechziger Jahre die Benzodiazepine als vermeintlich ungefährliche Nachfolger der tückischen Barbiturate begrüßt.
Buspiron, so fanden die Wissenschaftler heraus, wirkt nicht auf die Benzodiazepin-Rezeptoren, sondern auf Botenstoffe im Mittelhirn. Den Hunderttausenden von Benzodiazepin-Abhängigen in der Bundesrepublik kann das Mittel deshalb nicht über die Not des Entzugs hinweghelfen.
Bei den durch den Benzodiazepin-Skandal verunsicherten britischen Ärzten wirbt Buspiron-Hersteller Bristol-Myers für seine Pillen mit einem klassisch verharmlosenden Slogan: "Angsttherapie pur und einfach" - ein weißer Schwan gleitet auf den Anzeigen majestätisch und würdevoll über eine im ersten Morgenlicht blau schimmernde Lagune.
In den USA gingen die Werbe-Strategen der Firma bis an den Rand des guten Geschmacks. In Werbesendungen an die Ärzte zeigten sie einen überanstrengten Fluglotsen vor dem Radarschirm - der Text empfahl Buspiron als rechten Helfer gegen die Angst, der den Streß bekämpfe und die Konzentration nicht mindere.
Ende letzten Jahres wurde dem Hersteller die Verbreitung der gemeingefährlichen Bilder untersagt.
So der Titel eines im September beim Verlag Kiepenheuer & Witsch erscheinenden Buches, in dem die Journalistinnen Andrea Ernst und Ingrid Füller die Nöte medikamentenabhängiger Frauen aufgezeichnet haben.

DER SPIEGEL 35/1988
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