29.08.1988

„Der ungeschützte Verkehr ist Standard“

Ein westdeutscher Bordellbetreiber über Aids und Prostitution In der August-Ausgabe der Zeitschrift „Aids-Forschung“ analysiert Heinrich Maiworm Gefahren der Aids-Ausbreitung und Möglichkeiten der Aids-Prävention bei weiblichen Prostituierten. Maiworm, der als Religionspädagoge gearbeitet hat und mehrere Bordelle unterhält, plädiert in seinem Beitrag für die Gründung eines Verbandes von „Clubbetreibern“, die verbindliche Selbstschutzmaßnahmen festlegen sollen. Auszüge aus Maiworms Text: *
Seit der Reform des Sexualstrafrechtes und der Abschaffung des Kuppeleiverbotes sind zunächst in den großen Städten, inzwischen aber flächendeckend Clubs und Studios entstanden. Clubs sind größer als Studios und aufwendiger eingerichtet. In ihnen teilen die Prostituierten ihre Einnahmen mit dem Inhaber; Studios werden zu einem kleinen Teil von unabhängigen Prostituierten betrieben, meist aber hat die Prostituierte, ähnlich wie im Bordell, eine von der Höhe ihrer Einnahmen unabhängige Tagesmiete plus Nebenkosten - zusammen täglich 100 bis 200 Mark - an den Betreiber des Studios zu bezahlen.
In den Clubs wurde bisher nur auf Wunsch des Freiers mit Kondom gearbeitet, in den Studios gibt es Staffelpreise, der ungeschützte Verkehr ist je nach Verhandlungsgeschick des Freiers und - gegen Schichtende - entsprechend der bisherigen Tageseinnahme der Prostituierten mit oder ohne Aufpreis möglich.
Als Folge bieten seit wenigen Jahren spezielle Clubs sogenannten "Pauschal-Service" an. Die Pauschale besteht in einem Betrag, der gar nicht oder unwesentlich über dem ortsüblichen Tarif für den Verkehr mit einer Prostituierten liegt, der Service in dem Recht, für diesen Betrag in zum Beispiel drei Stunden mit drei Prostituierten - allerdings nicht exklusiv - verkehren zu dürfen.
Auch bei anderen wichtigen Anbietern wie in Bars und Bordellen ist der ungeschützte Verkehr seit Jahren Standard.
Außenstehende sind leicht geneigt zu unterstellen, Freier würden die Dienste von Prostituierten hauptsächlich als eine Art Notlösung in Anspruch nehmen. Das mag gelegentlich zutreffen (es gibt sogar den vielbeschworenen Freier, der die Prostituierte mit dem Psychotherapeuten verwechselt), für den überwiegenden Teil der Freier aber bedeutet Prostitution eine eigenständige Form von Sexualität, deren Reiz gerade darin liegt, bezahlen zu müssen.
Selbstverständlich stellen Motive und Verhaltensweisen von Freiern ein breites Spektrum dar. Das gilt auch für ihre Bereitschaft, Kondome zu benutzen. Diese Bereitschaft wird weder durch reine Aufklärung noch durch strafbedrohte Anordnungen nachhaltig gefördert. Da Aufklärung Verantwortlichkeit und Vernunft und wirksame Strafandrohung die Angst vor Entdeckung voraussetzen, all dies aber in der speziellen Situation zwischen Prostituierter und Freier noch weniger als sonst vorausgesetzt werden kann, ist von solch einfachen Rezepten wenig zu erwarten.
Ein verschwindend geringer Teil der Freier wünscht von sich aus Kondome, ein kleiner Teil setzt dem Wunsch der Prostituierten keinen Widerstand entgegen. Von den übrigen soll hier nicht die große Gruppe der angetrunkenen, forschen Möchtegern-Yachteigner und -Golfspieler betrachtet werden, deren Eitelkeit durch das Ansinnen der Prostituierten tief getroffen werden kann, sondern die "Karriere" eines "typischen" Nachmittagsfreiers.
Der muß, um zu einer Prostituierten gehen zu können, zunächst einmal über längere Zeit kleine Beträge ansparen, ohne daß seine Ehefrau etwas bemerkt. Kommt er in die Nähe des erforderlichen Betrags, wählt er - sozusagen als erstes Vorspiel - die Nummer eines Clubs oder Studios, legt aber sofort auf, wenn auf der Gegenseite der Hörer abgenommen wird. Erst wenn dieses Spiel langsam seinen Reiz verliert, wird er anfangen, so lange tatsächlich Telephongespräche mit Prostituierten zu führen, bis ihm auch das ohne starkes Herzklopfen möglich ist. Der nächste Reiz besteht darin, an den diversen Lokalitäten langsam vorbeizufahren und sogar - falls vorhanden - kurz den Parkplatz anzusteuern. Irgendwann einmal - der erforderliche Betrag ist, wie er von früheren Besuchen her weiß, fast zusammen - wird er mit jetzt wieder stark klopfendem Herzen die Schelle eines Etablissements drücken, eine Cola bestellen und fast fluchtartig das Haus verlassen, ehe er diese ganz ausgetrunken hat.
Jetzt allerdings wird es nicht mehr lange dauern, bis er bei einem solchen völlig unverbindlichen Besuch zufällig ein
Mädchen entdeckt, in das er sich ganz gegen seine sonstige Art verliebt, obwohl ihm sein Verstand sagt, daß er verheiratet und sie eine Nutte ist. Er setzt sich zu ihr, und das Gespräch kommt bald irgendwie auf die Frage, warum sie denn überhaupt so etwas mache und ob er sie nicht hier herausholen könne. Bevor er sie endlich bittet, ihn zu lieben, wird er nicht versäumt haben, sich zu erkundigen, was sie für sein mühsam erspartes Geld zu bieten bereit ist (Französisch total, Analverkehr?).
An dieser Stelle droht der wochenlang mühsam aufgebaute Spannungsbogen jäh abzureißen: Der Wunsch der Prostituierten, sich zu schützen, nimmt diesem Erlebnis viel von seinen abenteuerlichen Qualitäten und zerstört die zur Selbstrechtfertigung so wichtige Illusion, auf beiden Seiten wäre etwas wie Liebe mit im Spiel gewesen. Außerdem - wer weiß - ist nicht auszuschließen, daß das Überziehen des Kondoms so oder so zum vorzeitigen Ende dieses außergewöhnlichen, von langer Hand vorbereiteten Abenteuers führt.
Besteht die Prostituierte bei ihrem Freier auf Kondomgebrauch, muß sie damit rechnen, daß er zu einer anderen abwandert, die seinem Wunsch nach ungeschütztem Verkehr keinen Widerstand entgegensetzt.
Die Prostituierte verletzt bei ihm ein Gefühl, das nicht mit dem eines promisken homosexuellen Freiers vergleichbar ist, für den sein promisker Lebensstil Voraussetzung zur Gruppenzugehörigkeit, Befriedigung einer Sucht oder Befreiung von den Fesseln bürgerlicher Moral sein mag.
Als Zielgruppe von Aufklärungskampagnen haben Freier neben mangelnder Homogenität noch einen erheblichen Nachteil: Sie leugnen häufig nicht nur gegenüber ihrer Umgebung, Freier zu sein, sondern mit großem Erfolg auch sich selbst gegenüber. Da sie sich also im Alltag von einer gezielten Kampagne nicht betroffen fühlen, bleibt nur die Möglichkeit, der Prostituierten so den Rücken zu stärken, daß sie dem Druck des Freiers, ungeschützt verkehren zu wollen, zum beiderseitigen Nutzen standhält. Die dazu erforderlichen Maßnahmen müssen sowohl auf die Persönlichkeitsstruktur der Prostituierten ausgerichtet sein als auch auf ihre geschäftliche Konkurrenzsituation Rücksicht nehmen.
Die von mir betriebenen Privatclubs befinden sich in einem mittelgroßen Landkreis, wo die Zahl der Frauen, die ständig oder gelegentlich der Prostitution nachgehen, schätzungsweise zwischen 250 und 500 liegt. Bei einer Einwohnerzahl von knapp 250 000 Menschen kommt also eine Prostituierte auf 500 bis 1000 Einwohner. In den Metropolen mag das Verhältnis etwas kleiner sein (vor allem während Messen und sonstiger Großereignisse), im ländlichen Bereich etwas größer. Mir scheint realistisch, in der Bundesrepublik von 60 000 bis 120 000 ständig oder gelegentlich der Prostitution nachgehenden Frauen auszugehen.
Untersuchungen über die Verbreitung der HIV-Infektion haben übereinstimmend ergeben, daß nicht registrierte Prostituierte erheblich häufiger infiziert waren als registrierte. Aus statistischer Sicht ist eine solche Kategorisierung "registriert - nicht registriert" sinnvoll, wobei davon ausgegangen wird, daß ein erheblicher, wenn auch nicht genau bekannter Anteil der drogenabhängigen Prostituierten den Kontakt mit dem Gesundheitsamt scheut.
Daraus allerdings den gesundheitspolitischen Schluß zu ziehen, es gäbe eine klare Trennungslinie zwischen registrierten und nicht registrierten Prostituierten oder gar zwischen Freiern, die mehr oder weniger ausschließlich zu der einen oder anderen Kategorie von Prostituierten gehen, wäre verhängnisvoll. Beide Gruppen pendeln zum Beispiel zwischen Bars und Clubs, und die in den Bars arbeitenden Frauen lassen sich nicht registrieren, aus Angst, das könnte als Eingeständnis der Ausübung der in den Bars oft verbotenen Prostitution gewertet und verfolgt werden.
Unbegründet und gefährlich wäre auch die annahme, HIV-Infektionen würden dauerhaft auf den Kreis der nicht registrierten Prostituierten beschränkt bleiben.
Hinsichtlich möglicher Präventivmaßnahmen unterscheiden sich registrierte und nicht registrierte Prostituierte allerdings oft grundlegend: Letztere sind durch behördliche und sonstige Aufklärungsarbeit kaum erreichbar oder belehrbar und daher nur über ihre Freier zu beeinflussen, was - wie gesagt - wiederum fast aussichtslos ist; registrierte Prostituierte sind durch geeignete Aufklärungsarbeit im Vergleich zu der wenig homogenen Gruppe der Freier leicht erreichbar und zur Mitarbeit motivierbar.
Sosehr ich Bemühungen begrüße, Prostitutierten den Ausstieg aus dem Milieu zu erleichtern, und sosehr ich dies bei infizierten Prostituierten für unumgänglich erachte, so sehr sind mir auch die Schwierigkeiten bewußt, die dem entgegenstehen. Zur Prostituierten wird eine Frau normalerweise nicht durch das Wirken dunkler Mächte, sondern weil sie den Verlockungen dieser Welt nicht widerstehen konnte und sich hoch verschuldet hat.
Die dem Entschluß, sich zu prostituieren, zugrunde liegende Persönlichkeitsstruktur wird durch den anfänglich meist gehegten Wunsch, schnell die Schulden zu begleichen und dann auf den Pfad der Tugend zurückzukehren, nur vorübergehend verdrängt. Bald verführt der - vor allem bei Anfängerinnen - hohe Verdienst wieder zum gewohnten,
weit über den eigenen Verhältnissen liegenden Lebensstil.
Wer dazu neigt, auf zu großem Fuß zu leben, wird durch höheres Einkommen nicht sparsamer. Vermutlich gibt es mehr Prostituierte, die bedauern, nicht eher den Entschluß gefaßt zu haben, sich zu prostituieren, als solche, die aussteigen wollen.
Doch wegen der enormen Bedeutung des Geldes für sie, das ja tatsächlich von Frauen mit den für Prostituierte typischen Startchancen nur auf diese Weise in dieser Größenordnung verdient werden kann, wird die Ansteckungsgefahr mit HIV letztlich nur bei wenigen Prostituierten mehr bewirken als den ständig mal wieder auftauchenden Wunsch nach Rückkehr ins bürgerliche Leben etwas öfter auftauchen zu lassen. "Rückfallquoten" in der Größenordnung, wie sie von Langzeitprogrammen für Drogenabhängige bekannt sind, dürften auch bei Programmen für Aussteigerinnen an der Tagesordung sein.
Dem Außenstehenden mag die Aussage, daß mehr Männer von Prostituierten zu Zuhältern gemacht werden als Frauen von Zuhältern zu Prostituierten, provokativ und unverständlich erscheinen, vor allem angesichts der Tatsache, daß letzteres oft sehr brutal geschieht. Im Leben der mir bekannten Prostituierten kam jedoch Gewaltanwendung eines Zuhälters als Ausgangspunkt ihrer Prostituiertenkarriere nicht vor. Vielmehr standen immer finanzielle Motive in Form von Verschuldung oder Konsumwünschen im Vordergrund.
Gewöhnlich entsteht die Idee, sich zu prostituieren, in Partnerbeziehungen zuerst bei der Frau. Überwindet der Mann im Laufe einiger Monate seine Eifersucht und gewöhnt sich an die neue Rolle seiner Partnerin, wird er bald entsprechend ihrer neuen Ansprüche und Möglichkeiten als Präsentationsobjekt ausstaffiert. Kommt es zur Trennung, sucht die Prostituierte nicht nur einen im Kolleginnenkreis vorzeigbaren Partner, sie hat auch trotz alltäglicher Angebote von Freiern, sie "da rauszuholen", kaum eine andere Chance, als einen der wenigen in ihrer Branche tätigen Männer zu bekommen.
Vor allem junge Prostituierte sind nicht selten sogar stolz darauf, wenn ihr Zuhälter noch eine Reihe weiterer "Partien" hat, solange ihnen das Gefühl verbleibt, als einzige von ihm wirklich geliebt zu werden. Berichte über Gewalt und Drogen im Milieu verkennen nicht nur, daß Gewalt und Drogenkonsum in den Schichten, aus denen sich Prostituierte und Zuhälter rekrutieren, ebenso verbreitet sind, das Prostituiertenmilieu also in dieser Hinsicht keine Außenseitererscheinung darstellt; sie verkennen auch, daß hart umkämpfte umsatzstarke Märkte in Millionenstädten mit regem Sextourismus nicht repräsentativ für das Gros der Branche sind.
Die Bereitschaft, Kondome zu benutzen, ist auf seiten der Freier in meinem Erfahrungsbereich schon wieder erheblich zurückgegangen. Aber auch zumindest eine Prostituierte hat aufgehört, bei mir zu arbeiten, weil sie es vorzog, irgendwo tätig zu sein, wo sie nicht ständig an ihre Gefährdung erinnert wird.
Wöchentliche Vergleiche zwischen der Zahl der in Anspruch genommenen Kondome und der Zahl der bezahlten "Nummern" lassen auf einen seit Anfang des Jahres von über 80 Prozent auf jetzt maximal 50 Prozent gesunkenen Kondomgebrauch schließen. Der tatsächliche Gebrauch ließe sich nur durch vertrauensschädigende Maßnahmen genauer ermitteln, denn weder ist den Aussagen der Prostituierten in dieser Hinsicht zu glauben, noch stimmt die Zahl der bezahlten mit der stattgefundenen "Nummern" überein, noch ist ausgeschlossen, daß Prostituierte und Freier sich für andere Gelegenheiten bei mir mit Kondomen eindecken.
Verbote der Clubbetreiber und Anweisungen der Behörden, ohne Kondom zu arbeiten, helfen den Prostituierten in ihrem täglichen Kampf um Marktanteile nicht, die ewig gleiche Diskussion über den Gebrauch eines Kondoms immer wieder geduldig und charmant zu eröffnen - im Gegenteil, sie beschleunigen unter Umständen den Umschlag vom ausschließlich risikoarmen zum ausschließlich risikoreichen Verhalten.
In Zusammenarbeit von Prostituierten, Clubbetreibern und Wissenschaftlern aus Erziehungswissenschaften, Sozialwissenschaften und Psychologie müssen daher Konzepte erarbeitet werden, die es ermöglichen, Prostituierten durch Solidaritätsgefühl dauerhaft den Rücken zu stärken.
Motivation, ihrer Arbeit nachzugehen, ist für Prostituierte in der Regel der überdurchschnittlich starke Wunsch nach auf andere Weise nicht erreichbarem Luxus. Für die momentane Verwirklichung werden momentane und vor allem langfristige Nachteile in Kauf genommen.
Wenn selbst bei bis dahin als verantwortungsbewußt geltenden Menschen als Folge eines positiven Testergebnisses mit "Anomie, Panik, Depression, Hysterie, Verlust rationaler Handlungskontrolle, Rückzug ... Ignorieren, Verdrängen" gerechnet werden muß und auf vernunftgesteuerte Verhaltensweisen bestenfalls gehofft werden kann, warum sollten dann gerade Prostituierte eine rühmliche Ausnahme bilden? Nur, weil sie - wie jeder andere - von der Nachricht "sehr betroffen" sind?
Seit dem Beginn der öffentlichen Aids-Diskussion hat sich in meinem Erfahrungsbereich das Durchschnittsalter der Freier erheblich nach unten verschoben. Es gibt jetzt Tage, an denen Gäste unter 30 Jahren - früher eine Seltenheit - in der Überzahl sind. Ein Grund dafür mag sein, daß jüngere Frauen sich zunehmend, mit Rücksicht auf Kinderwünsche, spontanen sexuellen Begegnungen außerhalb einer festen Partnerschaft verweigern; ein anderer könnte darin bestehen, daß junge Männer in der Bereitschaft einer Gelegenheitsbekanntschaft zu spontanem Sex fast schon einen Grund zu schlimmsten Befürchtungen sehen und sich bei einer Prostituierten sicherer fühlen.
Auf keinen Fall gibt es Grund zu der Annahme, Prostitution würde durch Aids mehr oder weniger von selbst verschwinden. Sollten historische Erfahrungen auf die heutige Situation übertragbar sein, spricht vieles für eine gegenteilige Entwicklung. Mit der von Aids-Experten prognostizierten "Renaissance bürgerlicher und religiös geprägter Moral" kann jedenfalls nur die alte Doppelmoral gemeint sein, unter deren Ägide die Prostitution blühte.
Von Maiworm, Heinrich

DER SPIEGEL 35/1988
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