21.11.1988

DDR

Auf gut Glück

Zwei West-Bürger erbten eine DDR-Kneipe - und traten die Erbschaft an.

Das Gasthaus "Zum Anker" in Malz bei Oranienburg sieht aus wie Tausende anderer Dorfkneipen in der DDR: unscheinbare graue Fassade, im Innern eine schlichte Theke, einfaches Mobiliar, ein Kachelofen.

Auffällig allenfalls: Die Gaststube wirkt freundlicher und adretter als viele Etablissements der häufig schmuddeligen volkseigenen Gastronomie. Die Tischtücher sind frisch, und die Blumen auf dem Tresen gehören nicht zum Standard ostdeutscher Gastlichkeit.

Tatsächlich ist der Anker in Malz eine Rarität in Deutsch-Ost. Die Wirtsleute, Ingeborg und Werner Künz, sie 49, er 50 Jahre alt, sind so etwas wie ein deutschdeutsches Weltwunder. Sie stammen aus Deutsch-West, genauer aus dem hessischen Städtchen Zwingenberg bei Darmstadt.

Die beiden haben die Wirtschaft vor drei Jahren von einer Tante geerbt und sich entschlossen, das Erbe anzutreten. Zusammen mit ihrem damals siebenjährigen Sohn Udo zogen sie am 1. Juli 1986 in die DDR.

Seit anderthalb Jahren betreibt das Ehepaar das Lokal, zunächst noch als Angestellte der Konsumgenossenschaft, dann, wie Anno dazumal die Erbtante von Ingeborg Künz, in eigener Regie - als normale DDR-Bürger, ohne Privilegien, ohne Rückfahrkarte in den Westen. Auf die legen beide keinen Wert. "Wir wußten, was wir taten", sagt Werner Künz. "Noch mal zurück? Nee, das wollen wir nicht. Wir wollen hier unsere Brötchen verdienen."

Der Brötchen wegen sind die Künzens nicht nach Malz verzogen. Ihr Auskommen hatten sie auch im Hessischen, Werner Künz als Maler, seine Frau als Verkäuferin. Das Einkommen der Familie langte zum eigenen Haus. Das Ehepaar Künz hat seine Jobs fristgerecht gekündigt, bevor es auswanderte. Noch heute nimmt es der in seiner Handwerkerehre gekränkte Werner Künz ("Ich habe bis zum letzten Tag gearbeitet") einem DDR-Grenzer übel, daß der ihn als erstes gefragt hat: "Seit wann sind Sie denn arbeitslos?"

Daß zwei ohne jede Not in den realen Sozialismus übersiedeln, mit dem Gedanken hatte nicht nur der DDR-Soldat seine Mühe. "Unsere erwachsenen Söhne", sagt Werner Künz, "haben unsere Entscheidung schließlich akzeptiert." Die beiden, der eine 29, der andere 27, blieben in Zwingenberg.

Aber die Verwandten und Bekannten in der hessischen Kleinstadt waren sich einig, als das Ehepaar seinen Entschluß verbreitete. "Ihr spinnt", lautete der häufigste Kurzkommentar. Den hören die Wirtsleute von Gästen des Ankers bis heute, selbst von solchen, denen das SED-Abzeichen am Revers klebt. Der örtliche Parteisekretär fragte unlängst besorgt: "Habt ihr es noch nicht bereut?"

Sie haben nicht, beteuern beide. "Unser Umzug", erklärt Frau Künz, "war eine rein persönliche und menschliche Sache. Denn hier war mein Zuhause. Ich hing immer sehr dran."

Politische Gründe, versichern die Eheleute, spielten so wenig eine Rolle wie wirtschaftliche. "Wir haben in Zwingenberg die Arbeiterpartei gewählt", sagt Werner Künz und meint die SPD, nicht die DKP, "das tun wir auch hier." In die SED eintreten wollen sie nicht. "Daran haben wir kein Interesse."

Ingeborg Künz ist bei ihrer Tante in Malz groß geworden. 1956 ging sie illegal zu ihrer Mutter, die zwei Jahre zuvor bei einem Verwandtenbesuch im Westen geblieben war. 1959 heiratete sie in Zwingenberg Werner Künz. Der stammt von dort.

Sieben Jahre durfte Frau Künz nicht nach Malz. Seit das Verdikt aufgehoben worden war, hielten sie und ihr Mann engen Kontakt nach drüben. Nach Abschluß des Grundlagenvertrages zwischen Bonn und Ost-Berlin 1972 "normalisierten" sich die privaten Beziehungen: Die Familie fuhr häufig in den Ferien zur Tante nach Malz, Herr Künz packte beim Renovieren des Wirtshauses an, seine Frau half in der Kneipe. Ingeborg Künz: "Wir waren hier schon zu Hause, als wir noch drüben waren."

"Seit langem", sagt Frau Künz, "war eigentlich klar, daß wir das Anwesen meiner Tante mal erben würden." Und irgendwann setzte sich bei ihr die Idee fest, dann in die DDR zurückzugehen. Ihr Mann war einverstanden. Die Realisierung war weit einfacher als erwartet. Nach dem Tod der Tante 1985 fragte Ingeborg Künz bei der Volkspolizei in Oranienburg an, wie sie nach Malz übersiedeln könnten.

Sie möchten sich, so die Antwort, an die Ständige Vertretung der DDR in Bonn wenden. Von dort kam die Antwort, das Ehepaar Künz solle alles zusammenpacken und sich samt Sohn an der Grenze einfinden.

Ingeborg und Werner Künz meldeten sich in Zwingenberg vorschriftsmäßig ab und fuhren mit ihren Wagen, einem Mercedes und einem VW Golf, am 1. Juli 1986 "auf gut Glück" (Werner Künz) zum Grenzübergang Herleshausen/ Wartha. Dort wiesen sie das Schreiben der Vertretung vor und wurden nach gründlicher Befragung und Gepäckkontrolle von zwei Polizisten in Zivil in Empfang genommen. Die eskortierten die Künzens quer durch die Ost-Republik ins Aufnahmelager bei Zepernick nahe Ost-Berlin.

Dort trafen die Eheleute auf Gleichgesinnte, 25 bis 30 waren meistens da. Sie erinnern sich an Mitinsassen: eine Familie, die wegen der Arbeitslosigkeit des Mannes aus der Bundesrepublik weggegangen war, eine Frau, die im Osten heiraten wollte, einen Junggesellen, der vor 30 Jahren aus der DDR gekommen war und nun zu seinen alten Eltern zurückkehrte.

Sechs Wochen blieb das Ehepaar Künz im Lager, kürzer als die meisten, die in der DDR Einlaß begehren und die von den Behörden in der Regel mit äußerstem Mißtrauen behandelt werden.

Die Familie Künz hat davon bis heute wenig gespürt. Die Eheleute verließen das Lager bei Zepernick als eingebürgerte DDR-Menschen. Westreisen zu den Söhnen und Freunden, so der Bescheid, seien zwar möglich; sie müßten aber dafür einen Antrag stellen wie andere Bürger auch.

Über die Praxis kann sich die Familie bisher nicht beklagen: Viermal sind beide, mal zusammen, mal allein, mal mit Sohn Udo, bereits zu Besuch in Zwingenberg gewesen. Sogar zum Klassentreffen durfte Werner Künz, obwohl die Behörde "leichte Schwierigkeiten hatte", da dieser Anlaß im Katalog für Westreisen nicht vorgesehen ist. "Wenn wir nicht fahren dürften", gesteht er freimütig, "das könnten wir nicht ertragen." Doch er weiß auch: Sie sind, wie alle im SED-Staat, auf das Wohlwollen von oben angewiesen.

In Zwingenberg brachte das Wiedererscheinen der Eheleute das Weltbild vieler Einheimischer durcheinander. Ingeborg Künz: "Beim erstenmal haben die gedacht, die ist ein Geist." Inzwischen haben sich einige Zwingenberger höchstpersönlich in Malz davon überzeugt, daß es dort nicht ganz so grau ist. Werner Künz: "Die hatten sich vorgestellt, sie kommen in die Hölle."

So sieht Malz wirklich nicht aus: Das Dorf wirkt wie eine freundliche Idylle, gepflegte Häuschen, liebevoll angelegte Vorgärten. Den Ort durchzieht eine schmale Straße mit Pflastersteinen aus dem vorigen Jahrhundert. Die meisten Leute arbeiten auf der kleinen Schiffsreparaturwerft am Oder-Havel-Kanal oder in zwei kleinen Betrieben am Ort. Jeder zweite in Malz hat Verwandte im Westen; das erklärt den für DDR-Verhältnisse ungewohnt guten Zustand vieler Häuser.

Mit ihrem Dasein im realen Sozialismus kommen die Neubürger zurecht. Sohn Udo macht ihnen bislang wenig Probleme. Schwierigkeiten gab es lediglich zu Anfang in der Schule. "Alle hier", sagt die Mutter, "wollten ihn umprogrammieren. Doch das ging schief. Der Udo war Freiheit gewöhnt, hier muß alles strammstehen." Inzwischen ist Udo begeistertes Mitglied bei den staatlichen "Pionieren", einmal die Woche geht er zudem in die Christenlehre nach Friedrichsthal - wenn auch, meint seine Mutter, mit weit weniger Begeisterung.

Die Schule hat mit dem Jungen aus dem Westen einen Kompromiß geschlossen: Er paßt sich einigermaßen an, dafür sehen ihm die Lehrer manches nach - etwa daß er als einziger in der Klasse einen Ohrring trägt. Auf die Schulkameraden übt Udo, so seine Lehrerin, sogar positiven Einfluß aus: Er schwärmt nicht wie die anderen unentwegt von drüben.

Über Udos Zukunft machen sich seine Eltern keine Sorgen. Und wenn der ihnen mit 18 mal vorwirft, sie seien schuld, daß er hier in der DDR festsitzt? "Wir haben es auch für ihn getan. Er soll die Wirtschaft mal übernehmen."

Daß sie fürs Beschaffen vieler Dinge des täglichen Lebens - vom Holz bis zur Schraube - mehr Zeit aufwenden müssen als früher in Zwingenberg, daran hat sich die Familie längst gewöhnt. Das Gröbste haben sie aus dem Westen mitgebracht: die Wohnungseinrichtung, Fernseher und eine maßgeschneiderte Küche inbegriffen, sowie die zwei Westwagen.

Und die Erbtante hat vorgesorgt: Sie vermachte ihrer Nichte die Option auf einen Wartburg oder einen Lada, Lieferzeit weit mehr als zehn Jahre. Irgendwann, wenn der Golf oder der Mercedes hin ist, hofft Werner Künz, werde der DDR-Wagen fällig. Der Umstand, daß sie mit ihrem Gasthaus nur bescheidenes Geld erwirtschaften können, stört die Eheleute nur mäßig.

Die Preise sind, wie alles im realen Sozialismus, bis auf den Pfennig vorgeschrieben, für freundliche Bedienung gibt es sowenig einen Bonus wie für die Qualität des Essens. Zwei Bratwürste nebst Selters und Kaffee kosten im Anker laut Vorschrift weniger als neun Mark.

"Die freie Marktwirtschaft würde ich hier schon begrüßen", gibt Künz zu, aber seine Frau ergänzt: "Mit dem Geld kommen wir zurecht, wir können nicht meckern." Zum Sparen reicht es nicht, obwohl die Kosten, etwa für Strom und Miete, günstiger sind. Was sie erwirtschaften, wollen die Wirtsleute in den Ausbau ihres Geschäfts stecken: Es soll zwar eine Dorfkneipe bleiben, aber sie denken auch an Urlaubsgäste aus dem nahen Berlin, vier Gästezimmer sind schon ausgebaut.

Soviel Energie, räumt Werner Künz etwas zögernd ein, befremdet manchen im Ort; Arbeitseifer und Kreativität seien in der DDR weit weniger entwickelt als in der Bundesrepublik. Das scheint aber auch das einzige zu sein, was die meisten Malzer an den Zuzüglern aus dem Westen stört. Ansonsten haben sie die Familie Künz offenbar akzeptiert. Der Anker ist abends meist voll, unter den Gästen sind häufig Neugierige.

Die Wirtsleute haben sich inzwischen an das nicht endende Staunen gewöhnt. "Uns begreift eben keiner", sagt Ingeborg Künz und zuckt mit den Schultern. #


DER SPIEGEL 47/1988
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