19.12.1988

PRESSELange gesucht Den Boulevard-Zeitungen laufen die Leser weg.

Frankfurts „Abendpost/Nachtausgabe“ wurde eingestellt.
Zu den großen Zeitungen der Republik hat die "Abendpost/Nachtausgabe" nie gehört. Dazu waren die Schlagzeilen meist zu deftig, die Meldungen allzu leichthin. Doch gut sortierte Presseläden hatten die Straßengazette aus Frankfurt immer dabei, Tag für Tag.
Am vergangenen Dienstag warteten Händler und Leser vergeblich. Ohne Vorankündigung hatte der Verlag, die Frankfurter Societäts-Druckerei, das Blatt mit sofortiger Wirkung eingestellt.
Keine Zeile vom plötzlichen Ende stand in der letzten Ausgabe. Selbst die Redakteure erfuhren erst davon, als sie am Montag vormittag wie gewohnt ihren Dienst antraten.
Der tägliche Straßenkampf um das Boulevard-Publikum ist hart geworden, nicht nur in Frankfurt. In München gewinnen "Abendzeitung" und "tz", in Köln der "Express", in Hamburg die "Morgenpost", in Berlin die "BZ" kaum noch Leser hinzu. Die Konkurrenz anderer Medien macht den Blättern schon lange zu schaffen.
Für die Frankfurter "Abendpost" kam das Aus zwar sehr plötzlich, aber nicht unerwartet. Monatelang hatte Societäts-Geschäftsführer Peter Kluthe einen Käufer für die Boulevard-Zeitung gesucht. Alle winkten ab.
Nur ein Branchenfremder zeigte bis zum Schluß Interesse. Der Frankfurter Geschäftsmann Botho Jung, 60, ein ehemaliger Journalist, der als Teilhaber der Bad Homburger Spielbank zu einigem Wohlstand gekommen war, machte ein eigenes Angebot. Zum symbolischen Preis von einer Mark wollte Jung die "Abendpost" übernehmen und mindestens bis Ende 1989 weiterführen.
Doch die Eigentümer mochten sich nicht auf dieses Spiel einlassen. "Es ist für alle Beteiligten besser", wehrte Kluthe die Offerte ab, "unsere Zeitung ganz schnell sterben zu lassen."
Zu retten gab es wohl tatsächlich nichts mehr. Allein im vergangenen Jahr verbuchte die Societäts-Druckerei, in deren Verlag auch die "Frankfurter Neue Presse" erscheint, einen Verlust von gut zehn Millionen Mark. Gewinne gab es bereits seit Jahren nicht mehr. In diesem Jahr sank die Auflage unter 130 000 - zuwenig zum Überleben.
Damit haben auch andere Boulevard-Blätter Sorgen. Die überall präsente "Bild" aus dem Springer-Verlag etwa verkauft derzeit bundesweit rund 4,5 Millionen Exemplare - fast 650 000 weniger als vor einem Jahr.
Ein neues Konzept wird dringend gebraucht, viel weiter nämlich darf die Auflage nicht abfallen. Schon bei vier Millionen Exemplaren würde "Bild" kaum noch Gewinne abwerfen - zu teuer ist der Apparat mit seinen 700 Reportern, Redakteuren und Mitarbeitern.
Konkurrenten wie der Hamburger "Morgenpost" allerdings geht es noch schlechter. Die ehemalige SPD-Zeitung, vor zwei Jahren vom Pressekonzern Gruner + Jahr übernommen, dümpelt immer noch tief in den roten Zahlen.
Mit dem ehemaligen SPD-Pressesprecher Wolfgang Clement wurde zwar ein politischer Kopf an die Spitze der Zeitung geholt. Doch für ein Straßenblatt sind offenbar andere Qualitäten gefragt.
Ende vergangenen Jahres mußte Clement die Bremer "Mopo"-Ausgabe einstellen, das Blatt lag wie Blei an den Kiosken. In Hamburg geht es nicht viel besser. Trotz aufwendiger Werbekampagnen und dubioser Mordfabeln findet die "Morgenpost" nur wenige zusätzliche Leser.
Der Sozialdemokrat zog die Konsequenzen. Anfang Januar wird er Chef der Düsseldorfer Staatskanzlei. "Wir schaffen es einfach nicht", klagt ein "Mopo"-Redakteur, "dem Blatt ein eigenes, auf Hamburg zugeschnittenes Profil zu geben." Befürchtungen allerdings, die "Morgenpost" könnte eingestellt werden, müssen weder Redaktion noch Leserschaft haben, vorerst jedenfalls. Verlagschef Gerd Schulte-Hillen will die einzige Tageszeitung des Pressekonzerns unbedingt halten. Schließlich war er es, der das marode Blatt 1986 unbedingt kaufen wollte.
In Frankfurt indes profitiert "Bild" bereits vom Ende der Konkurrenz. Am vergangenen Montag, als das Ende der "Abendpost/Nachtausgabe" verkündet wurde, ließ der Springer-Verlag zusätzlich 100 000 "Bild"-Exemplare an die Verkaufsstellen liefern.
Der Frankfurter Boulevard-Markt gehört jetzt "Bild" allein.

DER SPIEGEL 51/1988
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