19.12.1988

„In Geburtswehen lag die Erde“

SPIEGEL-Korrespondent Jörg R.Mettke in der Erdbebenstadt Spitak
Am Ortsrand werden neue blau-weiße Schilder mit aufgemalten großen Wasserhähnen abgeladen - trinkbares Wasser ist knapp geworden. Gleich dahinter, an einem abgeknickten Laternenmast, warnt ein altes, abgeblättertes Verkehrszeichen: "Vorsicht, Kinder". Daneben liegt, wie achtlos weggeworfen, ein Haufen roter Springreifen. Die Kinder, die sich damit noch vor kurzem vergnügten, sind fast alle tot. Ihre Schule ein Stück weiter - ein Trümmerhaufen.
Zu allem Unglück hat es angefangen zu schneien. Die Temperatur sinkt unaufhörlich. Überall brennen kleine Feuer, daneben liegen Decken, Matratzen, Schlafsäcke, nur selten eine Plastikplane darunter oder darüber zum Schutz gegen die kalte Nässe. In den Straßen riecht es nach frischem Fichtenholz. Särge, rasch und roh zusammengezimmert, sind zu Hunderten an jeder Straßenecke aufgeschichtet wie zur Selbstbedienung.
Spitak, die nordarmenische Kleinstadt mit einstmals 20 000 Einwohnern, rüstet sich zur zweiten Woche nach dem Beben - doch von Spitak ist nichts mehr da.
"In Geburtswehen lag der Himmel", berichtet die mythologische Wahagn-Sage, ältestes Bruchstück armenischer Volksdichtung, "in Geburtswehen lag auch die Erde."
Aber es wurde nichts Gutes geboren, als am 7. Dezember zwei Minuten lang in Armenien die Erde bebte. "Nur Chaos, nur Leid", klagt ein Geistlicher aus Spitak: "Wir sind ein leidgeprüftes und leidgewohntes Volk, aber warum hat Gott ausgerechnet uns und ausgerechnet jetzt die Apokalypse schauen lassen?"
An Zäunen, Bäumen, Resten von Hauswänden, hinter denen niemand mehr wohnt, Dutzende von schnell hingekritzelten Zetteln. "Anna, lebst Du? Ich helfe in der Fabrik. Eduard" steht auf einem. "Anna ist tot" hat eine ungelenke Hand daruntergemalt, dazu ein Datum, eine Uhrzeit und den Zusatz: "Eben gefunden."
Mit scheinbarer Nüchternheit gepanzerte Nachrichten wie nach einem langen Krieg. Und Gesichter verfroren, stoppelbärtig, mit Augen, die von Tränen und Schlaflosigkeit rotgerändert sind.
Awram trägt mit zwei Helfern einen Sarg an die Straße. "Mein Kollege Rafik", erklärt er unaufgefordert, "vier Tage lang habe ich nach ihm gesucht. Doch trotz fünf Jahren Arbeit nebeneinander konnte ich ihn nicht erkennen. Sein Gesicht - schrecklich." Als sei er einen Beweis für das Unaussprechliche schuldig, hebt er noch einmal kurz den Holzdeckel an und nagelt ihn dann mit einem Stein und vier krummen Nägeln provisorisch zu.
Wie viele seiner Bürger Spitak unter den Trümmern verloren hat, weiß noch niemand genau zu sagen. Die extremste Schätzung meint: drei von vieren. Den Bergungsmannschaften fehlen Einheimische zum Identifizieren der unaufhörlich geborgenen Toten.
50 000, vielleicht 55 000 Menschen seien insgesamt umgekommen, lautet die letzte Zahl, die per Radio aus dem so fernen Moskau herüberdringt. Sehr viel größer, verheißt der Sprecher mit geschäftsmäßiger Stimme, würde sie nun wohl nicht mehr werden. Überlebende, wie schwer auch immer verletzt, finden die aus Italien, Frankreich, der Bundesrepublik, sogar aus Israel eingeflogenen Rettungstrupps mit ihren Spürhunden jedenfalls kaum noch.
Der deutsche Schäferhund "Arko" aus Rheinland-Pfalz liegt bereits wieder in der Flughafenhalle der armenischen Hauptstadt Eriwan und wartet auf seinen Abtransport. Diese Deutschen sind zufrieden: Sechs Verschüttete haben sie lebend herausholen können: "Und es wären mit Sicherheit noch mehr gewesen", sagt ein Feuerwehrmann, "wenn wir rechtzeitig hätten hier sein können."
"Wenn es nur zehn, nur fünf Minuten später geschehen wäre", hadern die Überlebenden von Spitak mit ihrem Schicksal, dann wäre Pause gewesen in Schulen und Fabriken, wären viele ins Freie gegangen, am Leben geblieben.
"Wenn die Hunde, wenn Kräne und schweres Räumgerät schneller an Ort und Stelle gelangt wären", sagt der Arbeiter Albert Sardarjan, 26, "würden viele meiner Verwandten noch leben." Onkel, Tanten, Cousins - insgesamt elf Angehörige hat er verloren.
Alberts Haus gehört zu den ganz wenigen in Spitak, die fast unversehrt blieben. Seine Frau, sein kleines Kind sind nicht unter den Toten, die auf einem rasch planierten Acker ohne jede Zeremonie bestattet werden - in Gräberreihen, die bereits eine Fläche so groß wie zwei Fußballfelder bedecken.
Fast 20 Stunden dauerte es, bis fremde Hilfe eintraf. "Worauf haben sie gewartet", fragt Albert sich und die Umstehenden noch immer, die während dieser schier endlosen Frist planlos eine geborstene Betonplatte zu heben versuchten, dort eine Leiche aus dem Schutt zogen. "Wie viele hätten sie in dieser Zeit retten können?" fragt ein anderer. Er umarmt den fremden Reporter stellvertretend für "eure Hilfe von draußen" und schlägt dann wie in einem archaischen Klageritual mit dem Kopf gegen die Mauer, wieder und immer wieder.
Sie - damit sind allemal "die Russen" gemeint. Zu langsam, zu spät hätten sie auf die Katastrophe reagiert - aus Schlamperei, meinen die einen; mit überlegtem Kalkül, wittern die Argwöhnischen oder Böswilligen, die ihr kleines Volk nicht mehr anders denn als Opfer eines russisch-aserbaidschanischen Komplotts zu sehen vermögen.
Jedenfalls seien erst am dritten Tag nach und nach Bagger, Fahrkräne, schwere Transportfahrzeuge eingetroffen. "Noch immer reicht die Technik hinten und vorn nicht", moniert ein Schweizer Rettungsmann.
Und noch immer sind Organisation und Koordination im makabersten Sinne des Wortes katastrophal: Hilflos irrt ein junger Soldat die Spitaker Hauptstraße hinunter auf der Suche nach einem Hundeführer. Er gehört zu einer Einheit, die ihre Abrißarbeiten eingestellt hat, weil sie meint, im verschütteten Erdgeschoß könne es Überlebende geben. Nur eine Hundenase vermöchte da Gewißheit zu bringen, aber sie ist eine kostbare Stunde lang nicht aufzutreiben.
Sprechfunkgeräte, mobile Funk-Einsatzzentralen sind Mangelware. Nur die zahlreich in blankgeputzten Stiefeln und stäubchenfreiem Uniformtuch umherstolzierenden Milizmänner, die Maschinenpistole schußbereit vor dem Bauch, sind üppig mit derlei Überlebensmitteln ausgerüstet. Aber Rettung ist nicht ihr Geschäft, sie kümmern sich ausschließlich um Ruhe, Ordnung - und die Sicherung der Spendenlager vor Plünderern.
Viele Bürger Spitaks möchten Generalsekretär Michail Gorbatschow glauben, der alle erdenkliche Hilfe und den vollständigen Wiederaufbau der Stadt binnen zwei Jahren versprach. Aber sein Besuch vor Ort am vierten Tag nach der Katastrophe hinterließ auch Bitterkeit.
Fast drei Stunden lang wurde Spitak allein des Spitzenbesuchs und der damit verbundenen Sicherheitshysterie wegen völlig abgeriegelt. Selbst die ausländischen Bergungstrupps, die ohnehin auf eigene Faust ans Werk gehen mußten, durften nicht hinein.
Empört meinte noch bei der Abreise, unter lautstarker Zustimmung armenischer Helfer, ein deutscher Freiwilliger vom Technischen Hilfswerk: "Wer in dieser Zeit gestorben ist und vielleicht hätte gerettet werden können, geht auf das Konto der Bonzen oder jedenfalls ihrer KGB-Leibgarde."
Gerüchte laufen um in Spitak, bereits am kommenden Tage solle die Stadt wegen drohender Seuchengefahr dem Erdboden gleichgemacht werden. General Turanski von der Sowjetarmee bestätigt diese Planungen: Dazu werde man Dynamit einsetzen, und die Bergungsarbeiten müßten aufhören.
"Wir wollen wenigstens unsere Toten anständig begraben", sagen die Armenier, und: "Solange noch eine winzige Hoffnung besteht, muß gesucht werden."
Gerade sind erst wieder neue Hoffnungsträger in Eriwan eingetroffen: eine britische Feuerwehr-Spezialeinheit mit Infrarotkameras zum Aufspüren von Hohlräumen. "Unsere Philosophie ist", sagt einer von ihnen, "daß auch nur ein Menschenleben Vorrang vor allen anderen Überlegungen haben muß; und unsere Erfahrungen zeigen, daß man in solchen Fällen auch noch nach drei Wochen Überlebende finden kann."
Von Jörg R. Mettke

DER SPIEGEL 51/1988
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