19.12.1988

Die ganze Welt ist eine Börse SPIEGEL-Redakteur Urs Jenny über

Peter Zadeks „Kaufmann von Venedig“ am Wiener Burgtheater
Venedig ist eine Hausnummer, keine bunte Postkarten-Wirklichkeit. Falls Shakespeare gewußt hat, daß es dort Paläste, Kanäle und Gondeln gibt, hat er doch nicht davon gesprochen; Venedig ist für ihn - in seinem einzigen Stück, dessen Hauptfiguren Geschäftsleute sind - ein Zentrum des Waren- und Geldhandels und sonst nichts. Konkurrenzkampf, Spekulationsrisiko, Einsatz, Verlust und Profit sind die Begriffe, die das Spiel bestimmen, sogar wenn es - angeblich oder wirklich - um Liebe geht. Die ganze Welt ist eine Börse.
Venedig auf der Bühne des Wiener Burgtheaters ist ein riesiger leerer Platz - der riesigste, den sich Peter Zadek je für eine Shakespeare-Inszenierung hat freiräumen lassen (Ausstattung: Wilfried Minks und Johannes Grützke) -, begrenzt durch eine hohe Fassade aus Glas und Metall: eine Wall-Street-Lobby vielleicht, die den Blick freiläßt auf die nächste Wolkenkratzerfront dahinter.
Unentwegt öffnen und schließen sich die automatischen Türen des Fahrstuhls im Hintergrund (sie sind, als Gruß an Venedig, mit geflügelten Löwen geschmückt); unentwegt kreuzen eilige Herren die Bühne, immer bestens in Schale, eine Börsenzeitung unter den Arm geklemmt, das Aktenköfferchen schwenkend, von Berufs wegen immer gut aufgelegt und immer zu geschäftig, um Zeit für mehr als ein Häppchen Small talk zu haben.
Einer dieser Herren ist Shylock, vielleicht der kühlste und souveränste von allen, schnell, präzis und in seinem mattseidenen Zweireiher förmlich gepanzert mit lässiger Selbstsicherheit. Anspielungen darauf, daß er Jude sei, steckt er mit einem verächtlichen Lächeln weg; erstens ist das seine Privatsache, und zweitens ist dieser Antisemitismus meist nur Würze der branchenüblichen Mißgunst, der geschäftsfördernden Lust an Verleumdung und Schadenfreude. Nie gäbe dieser Shylock sich die Blöße, seinen Geschäftspartnern zu zeigen, wie tief ihre Verachtung ihn verletzt, ihn zerfrißt; er lächelt; der Augenblick der Revanche wird schon kommen.
Er kommt durch Antonio, den honorigen Kaufmann von Venedig, der seinen Börsenfreunden, bei allem Respekt, gelegentlich durch eine gewisse Schwunglosigkeit Kummer macht. Diesem Antonio fehlt die obligate gute Laune, ihm fehlt, auch wenn er Erfolg hat, Begabung zum Glücklichsein, ihm fehlt der merkantile und gesellige Eros. Antonios Ich, so scheint es, ist eine Grauzone, und um so mehr liegt ihm daran, sich dauernd der Zuneigung seiner Umgebung zu versichern: Er ist großzügig bis zur Erschöpfung, er hilft jederzeit einem Freund aus der Klemme, er verausgabt sich und will nicht wissen, daß manche dieser Freunde keineswegs honorige Kaufleute sind, vielmehr Glücksritter, Spielernaturen, vergnügte Verschwender.
Antonio haßt Shylock, teils aus moralischem Hochmut - der freie Handelsherr hält das Geschäft des Bankiers, der mit Geld Geld macht, indem er Zinsen kassiert, für schäbige Halsabschneiderei -, teils aus dunklem, irrationalem Antisemitismus, aus Neid. Und doch liefert Antonio sich Shylock aus: Er braucht dringend einen Kredit, sozusagen um jeden Preis, weil er es nicht lassen kann, wieder einmal einem Freund mit einem Darlehen gefällig zu sein.
So beginnt der Zweikampf zwischen diesen beiden Männern, den - so, wie sie beschaffen sind - nur beide verlieren können. Er beginnt in Zadeks Wiener Inszenierung rasch, gutgelaunt, schwungvoll, in verführerischem Parlando, täuschend leicht, während die Spannung sich aufbaut. Wenn sich da der eine beim anderen für den Kredit mit einem Pfund seines Fleisches verbürgt, dann zeigt das doch nur: Geldmenschen haben Humor.
In der Tat, Zadek hat es wieder einmal geschafft, das kleine Wunder, die wirkliche Überraschung jenseits aller schönen Tricks: Ein altes Stück ist neu zu sehen. Bildungsballast, sozialhistorischen Hintergrund oder schlimme Vergangenheit mögen andere auf der Bühne beschwören, Zadek ist ganz auf das Heute neugierig, auf Crash und Boom und Business. Er findet in Shakespeares Venedig das Bild einer glatten, selbstgefälligen und vergnügungssüchtigen Männerwelt, zu deren Normal-Infamie auch der normale Antisemitismus gehört; mehr muß ja nicht sein.
Zadeks Shakespeare-Lust ist immer auch elementare Lust auf Schauspieler. Hier sind es Gert Voss und Ignaz Kirchner, die er gegeneinanderführt und in einen scharfen Psycho-Clinch verstrickt, fast bis zur Umkehrung der konventionellen Rollenklischees. Voss als Shylock hat alles an Helligkeit, Vernunft, Glanz für sich, und er hält die Figur, mit scheinbar winzigen Mitteln, so straff, daß eine Sekunde der Fassungslosigkeit - ein Brechen der Stimme, Wegwischen einer Träne - genügt, um einen Abgrund an Schmerz aufzureißen und wieder zu schließen. Wenn er seinen Prozeß um das Pfund Fleisch verloren hat, und sein ganzes Vermögen dazu, geht er mit der Unnahbarkeit eines Mannes davon, der kein Mitleid will.
Kirchner dagegen, hoffnungslos kurzbeinig und plump neben diesem Strahler, gewinnt im Gang der Geschichte eine starke, sehr eigentümliche Aura von Düsternis. Ist er denn nicht der Gute? Und ist er nicht der Sieger, am Ende mit Reichtümern überschüttet? Das schon, doch was hat er davon, so dunkel, stumm und unheilbar einsam, wie er im Trubel-Finale herumsteht? Geliebtwerden wäre schöner.
Shakespeares Stück handelt ja nicht nur vom Geld, sondern auch von der Liebe, und spielt deshalb nur zum Teil in Venedig. Der andere, schönere Schauplatz, der Belmont heißt, ist auf der Märchenlandkarte zu finden. Dorthin reist, auf Antonios Kosten natürlich, sein Freund Bassanio, einer jener Leichtfüße, die gut und gern auf Pump zu leben verstehen: Er will sich sanieren, indem er eine schwerreiche Erbin heiratet, die, wie angenehm, zudem noch jung und schön ist.
Die Liebesprüfung, die ihn dort erwartet, ist eine Märchenvariante des Börsenspiels um Risikoeinsatz, Totalpleite oder Gewinn. Bassanio (Friedrich-Karl Praetorius) gewinnt, er kriegt die Braut, auch wenn er sie schwerlich verdient hat, und sie ist keine süße Märchenprinzessin, sondern eines dieser zauberhaft heiteren, klugen, tatkräftigen Shakespeare-Mädchen, die einen Mann an sich reißen und dann rasch auch das ganze Stück: Fortan hat Portia alle Handlungsfäden straff im Griff, und da diese Portia Eva Mattes ist, schafft sie das so strahlend sicher, als wäre es überhaupt keine Kunst.
Das Belmont-Idyll in die Wall-Street-Sphäre herüberzuzerren versucht Zadek nicht. Es muß ja nicht immer alles zusammenpassen und aufgehen, das tut es bei Shakespeare doch auch nicht, und Zadek hält seit je mehr von Widerspruch als von Harmonie. Er will, daß die Clownsnummern dreist bis zur Unverschämtheit sind (und er hat in Uwe Bohm als Lancelot Gobbo einen hamburgisch quasselnden Clown, dessen Charme sogar die Wiener schafft); er läßt dem Märchen alle Naivität, mehr als je in seinem skeptischen Umgang mit Shakespeare-Komödien; und er verschenkt keinen Augenblick des Spiels, um das es ihm wirklich geht, des Kampfes zwischen Antonio und Shylock.
Shakespeare - von dem man so wenig weiß und doch sicher zu wissen meint, daß er ein tüchtiger Geschäftsmann war - zeigt in diesem Geschäfts-Stück eine erstaunliche Nachsicht und Zuneigung für die Verschwender, die Nassauer, die leichtfertigen Glücksritter, die mit Lust das Geld anderer Leute verjubeln. Das Schlußbild, wie Zadek es intoniert, preist nicht nur die Liebe, sondern auch Rausch, Unvernunft, Überschwang: Theater ist immer Verschwendung.
Anarchischer Furor, Schweißbäche, Schmutz und entfesselte Spiellust früherer Zadek-Shakespeare-Kollisionen sind sehr fern. Über diesem "Kaufmann von Venedig" liegt eine seidige Melancholie. Sieh an, Zadek ist weise geworden, daran muß man sich erst gewöhnen.
Von Hellmuth Karasek

DER SPIEGEL 51/1988
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