19.12.1988

Stimmen von rechts Julian Jaynes: „Der Ursprung des Bewußtseins

durch den Zusammenbruch der bikameralen Psyche“. Rowohlt Verlag, Reinbek; 560 Seiten; 48 Mark.
Wann immer die Helden Homers im Krieg um Troja unter Streß gerieten, nahm ihnen eine innere Stimme die Last fälliger Entscheidungen ab: Laut und klar vernahmen Achill wie Agamemnon halluzinierte Befehle, die ihnen wie vom Tonband aus dem Sprachzentrum der rechten Hirnhälfte übermittelt wurden.
Heute hört nur noch die archaische Nachhut der Schizophrenen die Botschaft aus dem Rechtshirn; beim Normalmenschen herrscht dort Funkstille. Als die einst hilfreichen Stimmen vor ungefähr 3000 Jahren allmählich, dann für immer verstummten, erlebte die Menschheit den Verlust als schwer erträgliche Katastrophe.
Das klingt, zugegeben, wie ein neues Phantasieprodukt der als windig bekannten Psychologen-Zunft - ist aber ein wohldurchdachtes Konzept von der Evolution des menschlichen Bewußtseins. Julian Jaynes, 65, Psychologie-Professor an der Princeton University, bedient sich bei seinen Spekulationen aus einem immensen Wissensfundus.
Daß es in den frühesten Schriftzeugnissen von inneren Stimmen nur so schwirrt, daß die Wort-Halluzinationen jedoch keineswegs Furcht auslösten, sondern als Ratgeber in schwierigen Lebenslagen geschätzt, gar als göttlich verehrt wurden - all das weist Jaynes in gelehrten Textanalysen überzeugend nach: Die Stimmen, glaubt er, dienten der "sozialen Kontrolle" in einer Menschheitsepoche, in welcher der einzelne noch kein entscheidungsfähiges Selbst, kein modernes "Bewußtsein" besaß.
Damals, im "bikameralen" Entwicklungsstadium, so lautet Jaynes' Kernthese, verfügte das Menschenhirn über zwei Sprachzentren: Das linke war zuständig für die Alltagssprache, das rechte (inzwischen funktionslos gewordene) "blieb frei für die Sprache der Götter", die in Streßsituationen das Erfahrungswissen der Vorfahren artikulierte.
Denn, so lehrt Jaynes, halluziniert wurden in den Hirnen der bikameralen Menschen die Kommandos der Häuptlinge oder Könige: "Ist der König tot, wird er zum Gott", dessen Stimme in den Köpfen weiterlebt.
Was aber verschlug den göttlichen Stimmen schließlich die Sprache? Es waren, Jaynes zufolge, Naturkatastrophen wie der verheerende Vulkanausbruch in der Ägäis (im zweiten Jahrtausend v. Chr.), darauf folgende Völkerwanderungen und die Ausbreitung der Schriftkultur, die dazu führten, daß die inneren Stimmen als Ratgeber immer weniger taugten und am Ende überflüssig wurden - an ihre Stelle trat das reflektierende, individuelle Bewußtsein.
Bis heute, meint Jaynes, werde der ernüchternde Wandel als schmerzlich empfunden, davon zeuge die Fülle der Trance-Techniken in allen Religionen. Selbst in Freuds Psychoanalyse sieht Jaynes nur einen wissenschaftlich verbrämten Versuch, die hilfreichen Stimmen der Vergangenheit heraufzubeschwören - vergebliche Mühe. Die Herrschaft des Bewußtseins, glaubt Jaynes, sei endgültig etabliert, die "Suche nach den verlorenen Göttern" bleibe sinnlos: "Da draußen ist nichts."

DER SPIEGEL 51/1988
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