31.10.1988

Brisante Lieferung

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Im Skandal um illegale Atomexporte kommt jetzt auch eine staatliche Forschungsstelle ins Gerede. Zur Verschleierung seiner Geschäfte mit Indien (SPIEGEL 42/1988) hat der Düsseldorfer Kaufmann Alfred Hempel im Dezember 1983 nicht nur seine Schweizer Tochterfirma Orda, sondern auch das staatliche Kernforschungszentrum in Jülich als Deckadresse benutzt, um die für den Transfer notwendigen behördlichen Ausfuhrgenehmigungen zu bekommen.
In geheimer Sitzung des Bonner Atom-Untersuchungsausschusses berichtete Hempels Geschäftsführer Helmut Swyen am vergangenen Freitag Einzelheiten einer brisanten Lieferung, die mit dazu beitrug, daß Indien eine eigene Atombombe bauen konnte.
Demnach war der Transport von insgesamt 15 Tonnen norwegischen Schwerwassers (Deuteriumoxid D2O) "für die Blasenkammer" (Swyen) des Jülicher Reaktors bestimmt. Das Kernforschungszentrum hat aber nach Auskunft seines Sprechers Siegfried Weinhold gar keine "Blasenkammer". Und im Gegensatz zu Swyen kann sich Weinhold auch nicht an angebliche Jülicher Kaufwünsche von Schwerwasser erinnern. "Für sehr unwahrscheinlich" hält er es schließlich, daß für den Jülicher Reaktor 15 Tonnen geordert worden seien: "Solche Mengen brauchen wir nicht."
Für Hempel war die Jülicher Adresse dennoch von großem Nutzen. Deuteriumoxid ermöglicht die Umwandlung von Natururan in bombenfähiges Plutonium; es steht daher unter internationaler Kontrolle. Um an den norwegischen Stoff zu kommen, brauchte Hempel eine Ausfuhrgenehmigung der Osloer Behörden. Diese bekam er nur, weil er eine Internationale Einfuhrbescheinigung des Bundesamtes für Wirtschaft vorlegen konnte, in der der Endverbleib des D2O-Transports in der Bundesrepublik garantiert wurde. Statt nach Jülich gelangte das Atomwasser nach Basel, und dort übernahm Hempels Firma Orda den weiteren Transport nach Indien.
Nicht nur aus Norwegen, sondern auch aus China und der Sowjet-Union besorgte Hempel den Bombenstoff. Innerhalb von 15 Jahren lieferte er vornehmlich nach Indien und Argentinien 200 bis 300 Tonnen Schweren Wassers.

DER SPIEGEL 44/1988
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