19.12.1988

SCHRIFTSTELLER

Auszug des Löwen Der Verband deutscher

Schriftsteller steht ohne handlungsfähige Führung da. Prominente treten aus, die Flügel sind verzankt - ist der Verband am Ende?

Wenn der Löwe aus dem Zoo austritt, wird doch nicht der Zoo geschlossen." Mit diesem Bild versucht Dieter Lattmann, der ehemalige Gründungsvorsitzende des "Verbandes deutscher Schriftsteller" (VS), Gelassenheit zu demonstrieren: Keineswegs sei der VS am Ende, auch nach dem spektakulären Austritt von Günter Graß, der Vorsitzenden Anna Jonas und einiger anderer Mitglieder werde der Verband seinen Geist nicht aufgeben.

Mit dem launigen Vergleich aus der Fauna gelang dem desorientierten Ex-Funktionär aber nur das Selbsttor des Monats. Allzugut paßt die Vorstellung eines zoologischen Kuriositätenkabinetts zu den selbstzerstörerischen Auseinandersetzungen, die am dritten Adventssonntag im großen Sitzungssaal des Stuttgarter Rathauses zur Führungslosigkeit und zur völligen Lähmung des Schriftstellerverbandes führten.

Bemerkenswert kühl registrierten die Feuilletons das Desaster: "Eine Ruine wird geschleift", so leitete die "Frankfurter Allgemeine" ihren Kommentar ein. Und die "Süddeutsche Zeitung" entdeckte "keinen Grund, dieser Karikatur eines Schriftstellerverbandes, der sich am Wochenende so kläglich selbst aus dem öffentlichen Leben der Bundesrepublik wegradiert hat, auch nur eine Träne nachzuweinen".

Tatsächlich ist die Geschichte des VS in den letzten Jahren die Geschichte seines Niedergangs. Der 1969 unter Heinrich Bölls Motto "Ende der Bescheidenheit" gegründete Schriftstellerverband, der in den siebziger Jahren einige beachtliche sozialpolitische Verbesserungen für die Autoren erreicht hatte und sich dank der Mitarbeit bekannter Schriftsteller wie Böll und Graß öffentlicher Wertschätzung erfreute, verfing sich in den achtziger Jahren zunehmend im Gestrüpp innerer Querelen.

Ein Hauptproblem war dabei, nach dem 1974 erfolgten Beitritt zur IG Druck und Papier, die relative Autonomie im Verhältnis des kleinen Schriftstellerverbandes zum Kollektiv der Gewerkschaften. Die "Einigkeit der Einzelgänger", die der VS auf seine Fahnen geschrieben hatte, wurde nämlich von den auseinanderdriftenden Flügeln des Verbandes sehr unterschiedlich interpretiert.

Eine Gruppe von altlinken Gewerkschaftern um die ehemaligen Bundesvorsitzenden Bernt Engelmann, Hans Peter Bleuel und Dieter Lattmann, deren Bastion der bayrische Landesverband des VS ist, versprach sich alles Heil von der "Einigkeit", der Arbeitnehmersolidarität in einer mächtigen Gewerkschaft.

Dagegen fürchteten vor allem die inzwischen ausgetretenen Autoren des Berliner Landesverbandes, unter anderen Günter Graß, Friedrich Christian Delius und die Lyrikerin Anna Jonas, als "Einzelgänger" majorisiert zu werden: Die Individualität der Literaten werde durch die Großorganisation geschluckt.

Die Auseinandersetzungen verschärften sich in dem Maße, in dem die für April 1989 vorgesehene Gründung einer neuen Einheitsgewerkschaft "IG Medien - Druck und Papier, Publizistik und Kunst" näherrückte. Unter dem Dach dieser Mediengewerkschaft soll neben den knapp 150 000 derzeitigen Mitgliedern der IG Druck und Papier, 30 000 Mitgliedern der Gewerkschaft Kunst (deren Großteil die Rundfunk-Fernseh-Film-Union stellt) und verschiedenen anderen Berufsverbänden auch der mit 2400 Mitgliedern vergleichsweise winzige Fachverband der Autoren Platz finden.

Die Reibungen mit der Gewerkschaftsspitze, die es seit 14 Jahren immer wieder gegeben hatte, konkretisierten sich im vergangenen Jahr im Tauziehen um die Statuten der Fachgruppe Literatur in der künftigen IG Medien. Dem alten VS-Vorstand mit Anna Jonas und Günter Graß, der sich um den Spielraum für die "kreativen Verrücktheiten" (Graß) der Schriftsteller sorgte, gelang es zwar, der Gewerkschaftsführung einen Kompromiß abzutrotzen, der den Forderungen der Schriftsteller nach größerer Autonomie im Rahmen der künftigen Mediengewerkschaft ein Stück weit entgegenkam, aber der verlangte Sitz im Hauptvorstand und ein Vetorecht der Fachgruppe Literatur in der Tarifpolitik wurden nicht gewährt.

Trotz einer gewissen Kompromißbereitschaft auch auf seiten der Gewerkschaftsführung und ungeachtet verschiedener Vermittlungsversuche noch auf dem Stuttgarter Kongreß waren die Fronten schon vorher so sehr verhärtet, war das gegenseitige Mißtrauen innerhalb der Fraktionen schon so verfestigt, daß sich die Meinungsverschiedenheiten als unüberbrückbar erwiesen.

Mit "verzweifeltem Humor" begründete Delius in Stuttgart einen Berliner Antrag, den "Automatismus, daß der VS in die IG Medien eintritt, zu stoppen": "Der Aufstieg in die IG Medien bringt uns nun die Deklassierung vom ,Mitglied' zum ,Angehörigen' - als wären wir schon, was wir noch nicht sind, die ,Hinterbliebenen' . . . Statt um unsere Rechte in dieser Gesellschaft zu kämpfen, müssen wir immer mehr um unsere Rechte in dieser Gewerkschaft kämpfen." Der von den gewerkschaftlichen Hardlinern innerhalb und außerhalb des Verbandes geforderten "Solidarität im Namen der Einheit" setzte er die "Solidarität im Namen der Wahrheit" entgegen.

Der Antrag wurde abgelehnt, die Mehrheit sah, wenn auch unter erheblichen Bauchschmerzen, keine Alternative zum Eintritt in die IG Medien. Als es dann aber darum ging, einen neuen Vorstand zu wählen, kam es zum Offenbarungseid des VS: Kein einziger Kandidat erklärte sich mehr bereit, angesichts der verfahrenen Situation die Verantwortung zu übernehmen, die zudem gleichbedeutend ist mit "50 bis 70 Tagen ehrenamtlicher Arbeit im Jahr", so der Dortmunder Schriftsteller Josef Reding, der auf fünfjährige Erfahrungen im Bundesvorstand zurückblickt.

Höchstens 40 der rund 2400 Mitglieder des VS, schätzt Reding, könnten allein von ihren Büchern leben. Die kargen Einkünfte der übrigen entstammten zu jeweils einem Drittel Funk- und Fernsehhonoraren, Autorenlesungen und Büchern. Schon aus materiellen Gründen sah sich beispielsweise der in Stuttgart um Vermittlung bemühte Johano Strasser außerstande, als Vorsitzender anzutreten: "Ich habe drei Kinder."

Der Schiffbruch des VS läßt alle Beteiligten ratlos zurück. Auch wenn die Austrittswelle nicht mehr als die von Reding geschätzten zehn Prozent der Mitglieder erfassen sollte, ist die selbständige Handlungsfähigkeit des Verbandes, der bislang vor allem die wenigen in der Öffentlichkeit bekannten Schriftsteller wie Graß und Delius verloren hat, auf lange Zeit dahin.

Zählbare Erfolge des letzten VS-Vorstands, wie die vor wenigen Monaten abgeschlossenen Firmenverträge mit acht deutschsprachigen Verlagen über die Zahlung von zehn Prozent des Nettoladenpreises an alle Autoren, unabhängig von ihrer Prominenz, "unser wichtigstes Arbeitsergebnis", so Graß nach seinem Austritt, wird es wohl so bald nicht mehr geben. Freuen kann sich da höchstens der Börsenverein des Deutschen Buchhandels, der angesichts der aus seiner Sicht nur kostentreibenden Firmenverträge unlängst Alarm schlug und schon "ein Stück Freiheit der Literatur" in Gefahr sah.


DER SPIEGEL 51/1988
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