28.11.1988

„Wir haben oft alle Augen zugedrückt“

Bayrische Behörden-Schlamperei ermöglichte den Quecksilber-Skandal von Marktredwitz Eine Chemie-Fabrik im Fränkischen gefährdet die Umwelt in alarmierendem Ausmaß. Im Strafprozeß gegen die Giftbuden-Betreiber werden „katastrophale Folgen behördlicher Schlamperei“ offenkundig: Bayrische Regierungsstellen haben auf skandalös leichtfertigen Umgang mit dem Nervengift Quecksilber jahrelang kaum reagiert.
Als der Geheimrat Johann Wolfgang von Goethe im August 1822 in das fränkische Fichtelgebirgsstädtchen Marktredwitz reiste, um die ortsansässige "Chemische Fabrik" zu besichtigen, schien er sehr beeindruckt gewesen zu sein.
Der Dichterfürst und passionierte Naturwissenschaftler blieb fünf Tage als Gast der Unternehmerfamilie, verehrte den Töchtern des Hauses eine Haarlocke und notierte in seinem Tagebuch, daß in der Chemie-Fabrik alles "auf das Reinlichste" hergestellt werde, etwa "schwefelsaures Quecksilber mit zugesetztem Kochsalz".
Goethes Gunstbezeigung gereichte der Firma, dem ältesten deutschen Betrieb in der Chemie-Branche, noch viele Jahrzehnte später und bis in die jüngste Vergangenheit zur Zierde. Auch im neuen Marktredwitzer Rathaus kündet ein "Goethe-Zimmer" mit Dichterbüste und appliziertem Laborgerät vom "Ruhm" der "Chemischen", wie Einheimische das Traditionsunternehmen nennen, das sich in moderner Zeit auf die Produktion von Pflanzen- und Insektenbekämpfungsmitteln spezialisierte.
Doch von der angedichteten Reinlichkeit kann bei der "Chemischen Fabrik Marktredwitz" (CFM) schon lange keine Rede mehr sein. Der Ruf ist vielmehr restlos ruiniert - spätestens seit Juli 1985, als das Werk von Amts wegen aus Sicherheitsgründen geschlossen werden mußte.
Statt dessen wurde allmählich "eine unglaubliche Sauerei", so die zuständige Staatsanwaltschaft beim Landgericht Hof, ruchbar. Ans Licht kam der bislang womöglich spektakulärste Umweltskandal der Bundesrepublik.
Die Dimensionen der Umweltgefährdung durch das fränkische Werk übersteigen noch die Risiken der giftverseuchten Hamburger Chemie-Klitsche Stoltzenberg - eines Skandalfalles, der 1979 zum Rücktritt des Justizsenators führte und zum späteren Sturz des Hamburger Bürgermeisters Hans-Ulrich Klose (SPD) beitrug.
Die Suche nach der politischen Verantwortung für die bayrischen Versäumnisse führt in die Bayreuther Bezirksregierung und in das Münchner Arbeits- und Sozialministerium, dem bis zur Schließung des Werkes die CSU-Politiker Fritz Pirkl und Franz Neubauer vorstanden. Die strafrechtliche Verantwortlichkeit versucht derzeit die bayrische Justiz zu klären.
Statt in diesem Jahr das 200jährige Bestehen ihrer Firma zu feiern, stehen die CFM-Betreiber wegen "schwerer Umweltgefährdung", "umweltgefährdender Abfallbeseitigung", "Gewässerverunreinigung" und anderer Beschuldigungen vor dem Landgericht Hof. Angeklagt sind die CFM-Chefs und Vettern Rolf Tropitzsch, 44, und Oskar Tropitzsch, 43, die 46jährige Tropitzsch-Schwester Lydia, die für den Abfall zuständig war, sowie der 59jährige CFM-Betriebsleiter Willi Köllner.
Ein weiterer Quecksilber-Skandal zeichnet sich seit vorletzter Woche in Frankfurt-Griesheim ab. Auf dem Gelände der in Liquidation befindlichen Firma Elwenn & Frankenbach, die Quecksilber aus alten Batterien herausdestillierte, wurde eine Bodenverseuchung festgestellt, die bis in 28 Meter Tiefe reicht.
Wie die alte "Chemische" in Oberfranken, so arbeitete auch dieser Betrieb nach dem Eindruck des Frankfurter Umweltreferenten Ernst Tesar mit einer Ausstattung, die es "wert war, unter Denkmalschutz gestellt zu werden". Gegen die Geschäftsführer des hessischen Unternehmens, das zu 75 Prozent der "Degussa" gehört, ermittelt inzwischen die Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts der Grundwasserverunreinigung.
Die gefährlichen Chemie-Betriebe in Franken wie in Frankfurt hatten vor allem mit dem hochgiftigen Schwermetall Quecksilber zu tun - einem Nervengift, mit dem extrem sorgfältig umgegangen werden muß und dessen Gefährdungspotential lange vor Gründung der Marktredwitzer Fabrik bekannt war.
"Es ist ein tödliches Gift von großer Hitze" - das wußte, vor mehr als tausend Jahren schon, der arabische Alchimist Dschabir ibn Hajjan über das einzige Metall auf Erden, das bei Normaltemperatur flüssig ist. Für Plinius den Älteren, im ersten Jahrhundert nach Christi Geburt, war Quecksilber "das stärkste aller Gifte". Dem Menschen bringe es, notierte im 16. Jahrhundert Paracelsus, "Lungenfeule, dazu Leberfeule, Magenfeule, Hirnfeule, Nierenfeule".
Krepieren ließ das silbrige Teufelszeug antike Spezialisten, die das Wundermittel nutzten, um Gold und Silber aus edelmetallhaltigen Sanden zu lösen, Syphilitiker, denen vom Quacksalber graue Salben aus Quecksilber verabreicht wurden, Minenarbeiter und Spiegelmacher, die unter Krämpfen dahinschieden.
Daß das chemische Element Hg (von Hydrargyrum: flüssiges Silber) schon in Milligramm-Mengen unheilbare Schädigungen bewirkt, offenbarte sich in den fünfziger Jahren, als in Japan Dutzende von Menschen starben und Hunderte erkrankten, nachdem sie Fisch aus der quecksilberverseuchten Minamata-Bucht gegessen hatten.
Seit langem ist auch bekannt, daß Quecksilber, einmal in die Umwelt entlassen, sich in Organismen zu lebensbedrohlichen Konzentrationen anhäuft. Forscher entdeckten hohe Hg-Werte beispielsweise in Seehunden und in Elbaalen, in Füchsen und in Wildvögeln, die, verblödet durch Vergiftung, Nester ohne Boden bauten.
Trotz all der bekannten Tücken war das Marktredwitzer Werk, unter den Augen der bayrischen Behörden, mit dem Glitzergift jahrzehntelang in schier atemberaubender Weise umgegangen.
Auf Wänden, Decken und Böden, in Nischen und Dachrinnen der Fabrik haftete, wie der Umweltschutzbeauftragte Gerhard Kuhbandner vom Landratsamt Wunsiedel bei der Werkschließung konstatierte, "Quecksilber, überall Quecksilber".
In einem Abluftkamin hatte sich der Stoff derart reichhaltig abgelagert (416 Gramm pro Kilogramm Trockensubstanz), daß sich ein ehemaliges CFM-Partnerunternehmen zum Abbau anbot - just jene Frankfurter Firma Elwenn & Frankenbach, die nun selber in einem Quecksilber-Skandal steckt.
Mindestens seit 1969 wurden in dem Marktredwitzer Werk, das keineswegs in einem peripheren Gewerbegebiet, sondern mitten im Stadtzentrum liegt, Unmengen schwermetallhaltiger Abwässerschlämme "ohne jegliche Sicherheitsmaßnahmen" (so die Anklage) verbuddelt oder auf einen Haufen gekippt. Hunderte von Müllfässern, in Lagerräumen bis unter die Decke gestapelt und größtenteils durchgerostet, enthielten Abfälle mit nahezu 50prozentiger Quecksilber-Konzentration.
Hochprozentiges entdeckten die Ermittler auch in mehr als 100 Kubikmeter großen verborgenen Kammern, die einfach zugemauert und verputzt worden waren: In alten Kesseln und Kanistern fanden sich diverse Giftstoffe, darunter Arsen, Antimon, chlorierte Kohlenwasserstoffe, Cadmium- und Cyanidverbindungen - meist ohne Kennzeichnung.
Ein angeblich stillgelegter und sandgefüllter unterirdischer Tank enthielt noch 1000 Liter Äther, ein anderer Stauraum 200 Liter Äthylquecksilberphosphat. Und in einem als "privat" deklarierten Kellerloch waren 112 zunächst undefinierbare Giftstoffe deponiert, darunter neun Liter Kaliumcyanid - eine Menge, die theoretisch ausreicht, um etwa 10 000 Menschen umzubringen.
Im Fall eines "Brandes in der ,Chemischen' hätte", so schlau war auch der Landrat Christoph Schiller hinterher, die Einwohnerschaft von Marktredwitz "mit Sicherheit evakuiert werden müssen". Nur: Einen Katastrophenplan für diesen Fall gab es nicht.
Seit drei Jahren wird die "Fabrik des Schreckens", so der Hofer SPD-Landtagsabgeordnete Bernd Hering, von einem Spezial-Entsorgungsunternehmen aus Berlin entgiftet. Tätig sind 20 Mann in Schutzkleidung und Atemmasken, die täglich nur je eine Stunde eingesetzt werden können und voraussichtlich noch Jahre benötigen, um mit der Giftbude fertig zu werden. Die Kosten, mindestens 50 bis 60 Millionen Mark, trägt der Steuerzahler - die "Chemische" ist pleite.
Der Berliner Räumtrupp hat bislang 3000 Tonnen an quecksilberverseuchtem Boden und Bauschutt abgetragen. Der Giftmüll wird nun waggonweise in die hessische Untertagedeponie Herfa-Neurode geschafft - lediglich ein Bruchteil von schätzungsweise 60 000 Tonnen, die auf dem 11 500 Quadratmeter großen Werksgelände wegsaniert werden müssen.
Auch das Bachbett der Kösseine, die durchs Fabrikgelände fließt und von der CFM mit hundertfach überbelasteten Abwässern malträtiert wurde, soll auf zehn Kilometern Länge ausgebaggert werden.
Die eklatante Bodenverseuchung hat dazu beigetragen, daß die oberfränkische Quecksilber-Klitsche zu einem "Fall von geradezu apokalyptischen Dimensionen" geriet, so der Umweltausschuß-Vorsitzende im bayrischen Landtag, Herbert Huber. Im Werksareal ist das Erdreich, wie Bohrungen ergaben, bis zur Gneisschicht in sieben Metern Tiefe kontaminiert, die oberen Bodenlagen sind teilweise mit mehr als 50 Gramm Quecksilber pro Kilo angereichert; das entspricht etwa der Konzentration in der weltgrößten Quecksilber-Mine im spanischen Almaden.
Zumindest besorgniserregend sind auch einige Meßwerte, die bei Erdproben im ganzen Stadtgebiet von Marktredwitz festgestellt wurden. Fast ein Drittel der 275 Testate lag über der von einer Bodenschutzkommission der Bundesregierung erst 1985 festgelegten Toleranzgrenze von zwei Milligramm je Kilo, 13 Bodenproben enthielten mehr als 50 Milligramm, eine Flußinsel der Kösseine erreichte den Spitzenwert von 340 Milligramm.
Für den Marktredwitzer Arzt Hermann Rühl, Vorsitzender der örtlichen "Bürgerinitiative ,Chemische'", ist es "schlicht unbegreiflich", warum die Stadtverwaltung die "Lage verniedlicht". Obschon nach wie vor vom Verzehr von Gartengemüse und Salaten aus der Umgebung der Fabrik abgeraten wird, behauptet der parteilose, mit CSU-Stimmen gewählte Marktredwitzer Oberbürgermeister Hans-Achaz von Lindenfels: "Eine Gefährdung der Bevölkerung ist nicht zu befürchten."
Rühl, Spezialist für Hals-, Nasen- und Ohren-Erkrankungen, hält dagegen, daß zu ihm "immer häufiger" Patienten mit Symptomen einer Quecksilber-Vergiftung kommen: Handzittern, Herzrhythmusstörungen, Gedächtnisabfall. Der Arzt: "Die Stadt macht wohl immer noch einen Knicks vor der ,Chemischen'."
Mitbedingt war die devote Haltung der Stadtpolitiker sicherlich durch die Nöte der von hoher Arbeitslosigkeit und öder Grenzlandlage geplagten Gemeinde. Noch 1982, als es bei der CFM schon stank, beklagte der Oberbürgermeister den "entscheidenden Kostennachteil" der CFM gegenüber der rheinischen Chemie-Industrie, die sich eines ordentlichen "Vorfluters" und nicht bloß der "kleinen Kösseine" bedienen könne.
Dabei waren gerade von dem Flüßchen schon Ende der siebziger Jahre reichlich Warnsignale ausgegangen:
Das Wasserwirtschaftsamt Bayreuth hatte wiederholt Quecksilber-Konzentrationen gemessen, die den zulässigen Grenzwert um ein Mehrhundertfaches überstiegen;
im Überschwemmungsgebiet der Kösseine waren des öfteren Bodenbelastungen von fast 100 Milligramm festgestellt worden;
tschechische Behörden führten Klage über die hohe Quecksilber-Belastung im Sediment ihres Trinkwasserspeichers Skalka an der Eger, in die das Wasser der Kösseine nach dem Zusammenfluß mit der Röslau fließt;
seit 1983 gibt es in der Kösseine noch etliche Kilometer unterhalb der "Chemischen" keinen einzigen Fisch mehr.
Der "eigentliche Knackpunkt" ist nach Ansicht regionaler SPD-Abgeordneter, daß die Gewerbeaufsicht in zehn Jahren mehr als 60mal das marode Marktredwitzer Werk besichtigt hat, ohne ein einziges Mal nachhaltig Konsequenzen durchzusetzen. Obschon mancher Beamte nachweislich von Begehungsprotokollen "sehr betroffen" gewesen sei, habe das Gewerbeaufsichtsamt bei der Bezirksregierung in Bayreuth die Mißstände "über Jahre hinweg toleriert" und damit "seine Amtspflicht in ganz eklatanter Weise verletzt".
Woran es lag, daß die Gewerbekontrolleure ihren Besuch stets vorher anmeldeten, steht dahin. Ehemalige CFM-Arbeiter berichten jedenfalls, sie hätten jedesmal Gelegenheit gehabt, ganze Werksbereiche mit Sperren ("Betreten verboten. Lebensgefahr!") zu sichern, die von den Beamten beachtet worden seien. Auch seien die Gewerbeprüfer manchmal "nur zum Kaffee" mit der Firmenleitung gekommen.
Als "nicht sehr gut" bezeichnete sogar der Angeklagte Rolf Tropitzsch vor Gericht manche Meßmethoden der Behörde: "Ein Beamter, der die Abflußmenge des Abwassers feststellen wollte, hielt einen Becher eine Sekunde lang unter den Auslauf. Die Sekunde wurde mit der Armbanduhr gemessen." Aus der freihändig geschöpften Menge sei dann die Quecksilber-Fracht des Abwassers errechnet worden, eine kuriose Form der Kontrolle.
Ein Beispiel dafür, wie sich die Aufsicht an der Nase herumführen ließ, steht in der Anklage gegen die Tropitzsch-Vettern. Da räumt der mitangeklagte Betriebsleiter Köllner offenherzig ein, daß eine von der Behörde vorgeschriebene Abluftreinigungsanlage für die Produktion von Saatbeize nur unvollständig installiert wurde; die Luftsäuberung sei, so Köllner, "nicht mehr nötig" gewesen, weil das quecksilberhaltige Beizmittel seit 1982 in der Bundesrepublik verboten ist. Was Köllner verschwieg: Die CFM produzierte dennoch die Beize weiter - für den Export.
Anhaltspunkte, daß es sich beim Marktredwitzer Umweltskandal um ein "Musterbeispiel für die katastrophalen Folgen behördlicher Schlamperei" (MdL Hering) handeln könnte, lieferte vor zwei Jahren auch ein bis 1984 verantwortlicher Beamter des Landratsamts. Der Regierungsdirektor a. D. Horst Boehm berichtete der Hofer Zeitung "Frankenpost":
Wir haben schon Anfang der siebziger Jahre die Betriebserlaubnis lediglich für noch ein Jahr erteilt, falls bestimmte Auflagen nicht erfüllt werden. Die Auflagen wurden aber nie erfüllt. Immer, wenn die Frist auslief, wandten wir uns an die Regierung, ob denn nun geschlossen werden soll. Aus Bayreuth hieß es dann immer: noch ein Jahr. So ging das bis 1985.
Die Aussage eines anderen Zeugen, des von 1978 bis 1981 in der "Chemischen" tätigen Betriebsarztes Hans Wieding, erlaubt Rückschlüsse auf die Tatsache, daß es in der Firma eine Reihe nie aufgeklärter Todesfälle und schwerer Erkrankungen gegeben hat. Der Arzt:
Die Quecksilber-Werte der Arbeiter waren immer erschreckend hoch, zum Teil um das Hundertfache der erlaubten Menge. Gewerbeaufsicht und Berufsgenossenschaft waren immer über die Werte informiert. Aber wir haben oft alle Augen zugedrückt, um die Arbeitsplätze nicht zu gefährden.
Mitte der siebziger Jahre wurden in dem verlotterten Werk überhaupt erst arbeitsmedizinische Untersuchungen angestellt. Doch dabei habe man "auf hinterfotzige Weise", so HNO-Arzt und Bürgerinitiativen-Sprecher Rühl, die Werte für die sogenannte Maximale Arbeitsplatzkonzentration für Quecksilber "einfach raufgesetzt".
Nach Rühls Einschätzung spricht "fast alles, auch das Krankenblatt" eines 1982 verstorbenen CFM-Arbeiters dafür, daß der Mann an den Folgen einer chronischen Quecksilber-Vergiftung zugrunde gegangen ist - an Urämie nach Nierenversagen.
"Es waren", erinnert sich der Marktredwitzer Frührentner Hans Bäuml, 59, der von 1970 bis 1983 bei der CFM arbeitete und zeitweilig Betriebsrat war, "dauernd irgendwelche Leute krank mit Unfällen und Verletzungen." Offiziell, von der Werksleitung, sei, so Bäuml, "überhaupt nichts gefährlich gewesen", es habe "immer nur geheißen, wir müssen mit der Produktion fertig werden".
Doch "praktisch war alles gefährlich", wie Bäuml schildert, "teilweise so gefährlich, daß man an der bloßen Hand riesige, äußerst schmerzhafte Blasen" bekommen habe und "auch unter dem Gummihandschuh durch giftigen Staub verätzt" worden sei.
Bäuml, der seit 1982 an schweren Kopfschmerzen und Konzentrationsstörungen leidet und nicht mehr Auto fahren kann, sagt: "Die Berufsgenossenschaft, das sind Verbrecher, die haben dafür gesorgt, daß die ,Chemische' so lange existiert hat." Auch die Gewerbeaufsicht habe "immer nur mit Maßnahmen gedroht", aber "gar nix ausgerichtet".
Der ehemalige CFM-Betriebsmeister Winfried Marth, 59, hatte noch nach der Werksschließung Aufräumungsarbeiten verrichtet - bis er erkrankte: "Ich habe keine Luft mehr bekommen, und ein Jahr später stellte man fest, daß das vom Herz kommt."
Marth ist seitdem arbeitslos und in ständiger ärztlicher Behandlung. "Man hat", sagt er, "Quecksilber-Depots im Körper festgestellt und ist dabei, diese aufzulösen. Aber die Schädigungen am Herz und am Nervensystem sind nicht mehr rückgängig zu machen."
Woher das in erster Linie rührt, weiß Marth inzwischen auch: Die Filter der Atemschutzmasken, die normalerweise täglich ausgetauscht werden, wurden in der "Chemischen" von Marktredwitz "oft ein halbes Jahr nicht gewechselt". Als Meister mußte Marth beispielsweise eine Anlage für Quecksilber-Sublimat bedienen, die wöchentlich rund 2000 Kilogramm verarbeitete und aus der jeden Abend kochendes Quecksilber abgelassen wurde.
"Die Absaugung war ungenügend", erinnert er sich, "und wir hatten noch die kaputten Maskenfilter. Da habe ich wahrscheinlich das meiste erwischt. Das hat sich bei mir im Körper deponiert und ist erst später zum Ausbruch gekommen."
Dabei sind die Folgen von Langzeitvergiftungen nicht zu unterschätzen. Verbindungen wie Methylquecksilber werden vom menschlichen Körper restlos absorbiert und in Muskeln und Nieren, im Nervensystem und im Gehirn zu höchsten Konzentrationen angereichert - so wie sich der rote Tomatenfarbstoff in den Fettaugen auf der Suppe sammelt.
Methylquecksilber vermag nicht nur die biologischen Membranen zwischen Blut und Hirn zu durchdringen, sondern auch die sogenannte Plazenta-Schranke. Im japanischen Katastrophen-Ort Minamata wurden daher Kinder mit Gehirnlähmung geboren, deren Mütter kaum Vergiftungssymptome zeigten. Jahrelang kam dort nahezu jedes dritte Kind mit körperlichen und geistigen Schäden, blind oder stumm zur Welt.
Der menschliche Fötus, hat das Berliner Umweltbundesamt (UBA) in einer Quecksilber-Studie festgestellt, sei diejenige Lebensstufe, "in der die stärkste Empfindlichkeit gegen Methylquecksilber besteht". Auch Tierversuche, so das UBA, sprächen dafür, "daß Erbschäden durch Methylquecksilber möglich sind".
"Kranckheit so viel, dass sie nicht wol alle zu erzehlen sind" - was Paracelsus vor 400 Jahren dem Quecksilber zuschrieb, hat die medizinische Forschung seither bestätigt. Von Kopfschmerz, Zahnfleischentzündungen, Sprach- und Konzentrationsstörungen, Schlaflosigkeit, Haarausfall, Kontaktscheu, Nervosität, Schläfrigkeit bis zu Schwindelgefühlen reichen die Folgen chronischer Methylquecksilber-Vergiftung - bis hin zu lebensgefährlichen Störungen des Immunabwehrsystems: Weiße Blutkörperchen werden zerstört, banale Infekte können tödlich ausgehen.
Warum die Gesundheit der Marktredwitzer Arbeiter und Anwohner so lange aufs Spiel gesetzt werden konnte, ist unklar. Mutmaßungen über höhere Protektion durch einen leitenden Regierungsbeamten, der ein Studienkollege eines CFM-Chefs gewesen sei, scheinen verfrüht, solange die Staatsanwaltschaft in Richtung Beamtenschaft nur ermittelt, nicht aber anklagt. Spekulationen über einen Verteidiger der Tropitzsch-Vettern, Anwalt Michael Lang aus Weiden, der ein Bruder des bayrischen Wirtschaftsministers August Lang ist, gehen gleichfalls ins Leere.
Fest steht jedoch nach den ersten Hofer Verhandlungstagen, daß der Angeklagte Rolf Tropitzsch, studierter Chemiker, sich auffallend eifrig an der Fertigung eines "Horrorgemäldes" ("FAZ") von seiner Firma beteiligt. Ausgerüstet mit Skizzen und Lichtbildern, beschreibt er etwa die "Uraltanlage" mit einer "Granitwanne aus Goethes Zeiten", die eine "einzigartige Katastrophe" gewesen und "wunderbar fürs Deutsche Museum in München" geeignet sei.
Sanierungsversuche seien, so Tropitzsch in aller Öffentlichkeit, eine "Sisyphusarbeit" gewesen, "wie eine Hydra mit zwölf Köpfen" habe sich das marode Werk dargestellt, in dem man immer wieder auf "neue Stoffe" gestoßen sei, "die wir ja irgendwo unterbringen mußten". Beim Baggern, berichtet der Angeklagte, "lag plötzlich ein Rohr da, voll mit Quecksilber".
Wohin die Argumente zielen, wird deutlich: Seine Arbeiter hätten laut Tropitzsch kein Umweltbewußtsein gehabt, weil die Berufsgenossenschaft nur arbeitsrechtliche "Belehrungen" erteilte, während "Gesichtspunkte des Umweltschutzes" allenfalls "Beigaben für die Belehrungen" gewesen seien. So hätten die Arbeiter sogar Erdbeeren verzehrt, die auf dem Werksgelände wuchsen.
Vor allem beklagte Tropitzsch, ganz Unschuld, er habe von den Behörden "keinerlei Beratung" erhalten, wie er mit dem verseuchten Abfall fertig werden solle.
"Ein zuständiger Beamter hat mir geantwortet", beteuerte der Angeklagte, "er kenne sich weniger aus als ich." #

DER SPIEGEL 48/1988
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