31.10.1988

VERLAGEHeimlich hinterm Rücken

Burda gegen Burda - die Verlegerbrüder prozessieren um ein Aktienpaket des Axel-Springer-Konzerns. Werden die Springers wieder enteignet? *
Aller Streit schien endlich begraben, da brach in der badischen Verlegerfamilie Burda ein neuer Bruderzwist los.
Unter spektakulären Umständen hatten Franz und Frieder Burda im letzten Frühjahr ein lange umkämpftes Aktienpaket an die Erben des Großverlegers Axel Springer verscherbelt und damit das Geschäft ihres Lebens gemacht: 530 Millionen Mark kassierten sie für rund 26 Prozent am Springer-Konzern, die sie gut fünf Jahre zuvor für gerade 255 Millionen erworben hatten. Doch abrupt legte Hubert Burda, 48, der Jüngste des Trios, sein Veto ein und ging gegen seine Brüder vor Gericht.
Mit einem Federstrich kann das von ihm angerufene Landgericht in Offenburg jetzt den Verkauf in Frage stellen und den mühsam befriedeten Springer-Verlag ("Bild", "Welt", "Hörzu") in neue Turbulenzen stürzen. Am Dienstag kommender Woche wollen die Offenburger Richter entscheiden, ob dem "Bunte"-Verleger Hubert Burda ein Vorkaufsrecht an der verhökerten Springer-Schachtel zusteht, auf das er sich in seiner Klage beruft.
Fast drei Jahre lang hatten, nach Axel Springers Tod im September 1985, die Familien Springer, Burda und der Münchner Filmgrossist Leo Kirch, 62, um die Führung des größten deutschen Zeitungskonzerns gekämpft. Eine Zeitlang sah es so aus, als könnte der konservative Medienmogul Kirch den Springer-Verlag erobern - als Prunkstück eines von ihm geplanten Medienverbunds mit seinen eigenen Filmvorräten und dem Fernsehsender Sat 1.
Doch mit dem Rückkauf des Burda-Pakets, das Axel Springer einst den drei Brüdern übereignet hatte, entschied die Springer-Sippe den Erbfolgekrieg für sich. Verlegerwitwe Friede Springer, 46, und ihre Miterben erreichten dadurch die Aktienmehrheit - Springer-Parole: "Wir sind wieder wir."
Bekäme Hubert Burda den umstrittenen Anteil gerichtlich zugesprochen, wären die Springer-Erben ihre Majorität, exakt 50,1 Prozent, wieder los. Manches spricht allerdings dafür, daß der Verleger nur seine Brüder unter Druck setzen will, um einen Teil vom großen Verkaufspreis abzubekommen.
Der Hausfrieden bei den Burdas ist jedenfalls dahin. Die Klage ihres jüngeren Bruders Hubert beantworteten die Älteren, Franz, 56, und Frieder, 52, mit einer Gegenklage. Der Streitwert kletterte von ursprünglich zwei auf mittlerweile 230 Millionen Mark. Schon für das erstinstanzliche Urteil werden Gerichtskosten, ohne Anwaltsgebühren, von mindestens 1,2 Millionen Mark fällig.
Mit wachsendem Einsatz erhitzten sich auch die Gemüter der Parteien. Das Duo Franz und Frieder, rügte Hubert Burdas Geschäftsführer Jürgen Todenhöfer, habe den Bruder überrumpelt und die Springer-Aktien "in wenigen Stunden heimlich hinter seinem Rücken verkauft". Die Gegenanwälte konterten den CDU-Bundestagsabgeordneten Todenhöfer mit dem Argument, Hubert Burda berufe sich "treuwidrig" auf ein
Vorkaufsrecht, das für den Springer-Deal gar nicht vorgesehen gewesen sei.
Der Junior wiederum ließ vortragen, Axel Springer habe weniger seine Brüder als gerade ihn, Hubert, für sein verlegerisches Erbe auserkoren, und untermauerte diesen Anspruch mit Presseberichten etwa aus dem SPIEGEL.
Die "F-Brüder" (Hauskürzel) gingen daraufhin vor Gericht in die Offensive, um ihr schlechtes Image als unsichere Kantonisten und hochkarätige Beutelschneider loszuwerden. Nicht sie, versicherten ihre Anwälte, seien Zauderer, wie sie immer dargestellt würden, sondern ihr Bruder, der "Bunte"-Verleger Hubert, sei geschäftlich zu passiv. Das Springer-Paket könne er übrigens, selbst wenn seine Klage Erfolg habe, aus seinen Konzernerträgen gar nicht bezahlen.
Schon durch sein Gejammer über die Gefahren der Springer-Transaktion für seine eigene Marktlage stelle er sich ein Armutszeugnis als Verleger aus, dem es an unternehmerischer Initiative fehle. Sie selbst dagegen ließen sich vor der Zweiten Zivilkammer in Offenburg als dynamische Unternehmer preisen und verwiesen auf große Erfolge bei geschäftlichen Aktivitäten.
Der brüderliche Hickhack im Prozeß spiegelt das Zusammenleben der drei Burda-Buben, wie es immer war: der sensible, zu intellektuellen Ausflügen neigende Muttersohn Hubert, der gern anderen die Schuld an eigenen Mißerfolgen in die Schuhe schiebt, im Clinch mit den schlichter gewirkten, robusteren Brüdern. Doch bei lukrativen Geschäften fand sich der "Denver-Clan von Offenburg", wie die Burdas daheim genannt werden, noch immer zusammen.
So tätigte Hubert Burda Mitte Oktober gemeinsam mit dem Verlag seiner Mutter Aenne ("Burda Moden"), an dem die drei Brüder mit je einem Viertel beteiligt sind, einen überraschenden Abschluß in Moskau: Die Burdas akquirieren vom nächsten Jahr an die gesamte Werbung aus der westlichen Welt für eine neue Wochenbeilage der sowjetischen Regierungszeitung "Iswestija".
Quelle des parallel laufenden Gerichtsstreits ist das Erbe des Vaters Franz, das die drei Brüder untereinander aufgeteilt haben. Nach einer sogenannten Grundsatzvereinbarung vom Dezember 1986 erhielt Hubert den Großverlag in Offenburg und München mit der "Bunten", "Freundin", "Bild + Funk". Franz und Frieder übernahmen die Unternehmensbeteiligungen an Druckereien, Papierfabriken, Grossofirmen sowie den Springer-Anteil.
Doch das Terzett gewährte sich, laut Grundsatzvertrag, "gegenseitig für die übernommenen Beteiligungen Vorkaufsrechte". Darauf pocht nun Bruder Hubert, weil beim Handel mit Springer angeblich dagegen verstoßen worden sei.
Franz und Frieder wenden ein, es gebe ein vorrangiges Rückkaufrecht der Springers, das auch Hubert im Kaufvertrag mit Axel Springer seinerzeit anerkannt habe. Doch dieses Recht, hält Hubert dagegen, sei im vorliegenden Fall nicht anwendbar, weil es nur bei einem geplanten Verkauf der Springer-Aktien an "Dritte" vorgesehen sei; er aber sei als Vertragspartner Axel Springers kein "Dritter".
Diese prozeßentscheidende Frage ist nach Meinung von Juristen die Schwachstelle in Huberts Argumentation, denn er habe sich nun mal von der Springer-Beteiligung getrennt. Dennoch besteht der Verlegerbruder darauf, eine so grundlegende Streitfrage "objektiv feststellen zu lassen". Der denkbare Weiterverkauf des Aktienpakets durch die Springers, etwa an Konkurrenten wie Bertelsmann ("Stern") oder den Bauer-Verlag ("Quick"), würde den Wettbewerb verschärfen und könne "verheerende Folgen" für die Burda-Blätter haben.
In Burda-Chefetagen verbreiten Spötter, Hubert wolle sich durch den Prozeß wohl ein Alibi für Fehlschläge im schwieriger werdenden Zeitschriftengeschäft besorgen. Andere Insider meinen, er ziele auf finanzielle "Nachbesserungen" der Realteilung ab: eine Ausgleichszahlung der Brüder für den Riesengewinn aus der Springer-Transaktion.
So oder so - gewinnt Hubert Burda den Prozeß, muß er, um ein kartellrechtlich zulässiges Aktienpaket von höchstens 24,9 Prozent zu bekommen, anschließend noch einmal vor Gericht. Notwendig würde eine gesonderte Klage gegen die Springer-Familie auf Herausgabe der Anteile.
Der Vorsitzende Richter Hans-Christoph Bechthold in Offenburg schätzt, eine rechtskräftige Entscheidung werde es nicht vor der Jahrtausendwende geben.

DER SPIEGEL 44/1988
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