26.12.1988

Guillaume: Wer war der Schurke? Kanzlerspion Günter Guillaume war

ein Patriot aus Leidenschaft, der seinen Kanzler Willy Brandt verehrte - so jedenfalls liest es sich in seinen Memoiren, die jetzt in den Westen gelangten. Er schildert seine Agententätigkeit, seine zahllosen Treffs mit Agentenführern, die Übermittlung geheimster Norwegen-Fernschreiben in die DDR - und sieht sich dennoch, wie sein Vorbild Brandt, als Opfer: „Die eigentlichen Verräter“ waren andere.
Er stürzte einen Chef, den er menschlich und politisch leiden mochte. Der Staatsbürger der DDR, ihr bisher bester Agent, trieb jenen deutschen Kanzler aus dem Amt, der mit Ostpolitik und Entspannung Ernst gemacht, der "im Interesse der Menschen" - wie er zu sagen pflegte - die DDR als zweiten deutschen Staat de facto anerkannt hatte.
Der Kanzlerreferent Günter Guillaume war der bekannteste Spion der deutschen Nachkriegszeit. War er überhaupt Spion? Hatte das Gericht nicht Schwierigkeiten mit diesem Nachweis?
Günter Guillaume, heute 61, legt jetzt ein Geständnis ab. Ja, er war jahrzehntelang Agent. Ja, er verriet Dutzende von Kanzler-Fernschreiben höchster Geheimhaltungsstufe und ließ sie in die DDR übermitteln, nachdem er mit Willy Brandt den Sommerurlaub 1973 in Norwegen verbracht hatte.
Heute noch quält sich der Spion mit den Paradoxien seiner Biographie seit der Verhaftung am 24. April 1974 und seit dem Sturz "des Chefs" - so nannte er Brandt auch im direkten Umgang - knapp 14 Tage später. Die Ermittlungen und deren Schlampigkeit lösten damals, im fünften und letzten Amtsjahr des ersten sozialdemokratischen Kanzlers der Bundesrepublik, eine mittlere Staatskrise aus - und Fragen, die bis heute offenblieben: Was alles verriet der Kanzlerspion? Auf welchen Wegen, mit welchen Helfern?
Wer war verantwortlich dafür, daß der Referent trotz grober Verdachtsmomente noch elf Monate im Vorzimmer des Allerheiligsten schalten und, vor allem in Norwegen, wichtigste Geheimdokumente einsehen durfte? War es der damalige Innenminister Hans-Dietrich Genscher, oder war es der damalige Abwehrchef Günther Nollau, der vor dem Parlamentarischen Untersuchungsausschuß und dem Oberlandesgericht Düsseldorf die Wahrheit bog?
Bundesanwälte, Abgeordnete, Richter, Geheimdienstler konnten oder wollten die Fragen nicht klären. In einem seltsamen Indizienprozeß - die Angeklagten gaben nur Biographisches zu Gerichtsprotokoll - wurde Guillaume am 15. Dezember 1975 zu 13 Jahren, Ehefrau Christel zu acht Jahren Gefängnis verurteilt; am 1. Oktober 1981 wurde er begnadigt und in die DDR abgeschoben im Tausch gegen ein paar kleine Lichter aus dem Agentenmilieu.
In der sozialistischen Heimat wurde der "Kundschafter des Friedens" von Ministern und Geheimdienstchefs belobigt, befördert und bald stillgestellt. In einer Villa am Bötzsee in der Nähe von Berlin wurde es ruhig um ihn; nur einmal, 1983, stöberte ihn ein Korrespondent der "Süddeutschen Zeitung" zufällig auf.
Günter Guillaume hat die Ruhe gut genutzt: Seit 1985 werkelte er über ein Jahr lang gemeinsam mit einem befreundeten DDR-Journalisten, der kurz darauf starb, an seinen Memoiren, die seit vielen Monaten beim "Militärverlag" in Ost-Berlin liegen und jetzt auf verschlungenen Pfaden in den Westen gelangten - 428 Druckseiten, "Die Aussage" betitelt, über ein deutsches Leben, das von Tiefen in Höhen und vice versa geschubst wurde. Ein Kenner weiß, daß das Manuskript "von anderen" bearbeitet und gesäubert wurde, Guillaume habe sich den Text durchaus "schärfer" gewünscht. In DDR-Buchhandlungen liegt das Œuvre bis heute nicht aus; es zirkuliert gebunden im Umfeld des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS), des Arbeitgebers des Memoirenschreibers, wo letzte Hand an das Werk gelegt und eine kleine Auflage genehmigt wurde.
Dessen Chefs sind aktuell in reichlich Intrigen und Machtkämpfe verstrickt: Erich Mielke, der Minister, ist mit seinen 80 Jahren Nestor der altkommunistischen Gerontokratie und hat wohl nicht mehr viel im Griff. Guillaumes unmittelbarer Dienstvorgesetzter, der langjährige Leiter der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) im MfS, Markus ("Mischa") Wolf, 65, verlor 1987 seinen Job und, wie Berufskollegen im Westen wissen, nicht ganz freiwillig.
Unklar freilich, ob in jenen Rankünen die Erinnerungen des Kanzlerspions hängenblieben oder ob, wahrscheinlicher, eine offene Vermarktung der DDR-Führung derzeit nicht ins Konzept paßt, weil SED und SPD politisch miteinander turteln - das Buch hat Leser verdient und das Zeug zum Bestseller, wenn es denn in den Handel gerät. In spannender Weise, unschwülstig, ohne den für Ost-Politbücher sonst obligatorischen Ideologie-Phrasenteil, gelegentlich mit zarter Ironie, liefert der Autor
▷ den langgesuchten Beweis, daß er wirklich Spion war;
▷ Offenbarungen, was er seinen Auftraggebern verriet;
▷ Aufklärung darüber, wie Kopien von Kanzlerfernschreiben und geheimen Schriftstücken - etwa von einem Brief des US-Präsidenten Richard Nixon - aus Brandts Norwegen-Urlaub im Sommer 1973 in die DDR gelangten;
▷ Hinweise und Aufschlüsse über die Agentenführer des Ehepaars Guillaume ("Paul, Max, Fritz, Arno, Nora");
▷ die Erkenntnisse, wie ungemein schludrig westdeutsche Sicherheitsbehörden und ihre politische Führung ihre Aufgaben noch zu einer Zeit erfüllten, als Guillaume schon in schlimmen Verdacht geraten war.
Ganz schön viel Inhalt für einen Memoirenband, der dafür auf zweifelhafte Indiskretionen aus dem Geheimdienstdunst verzichtet. Er hatte ja in den späteren Jahren kein Funkgerät mehr, keinen toten Briefkasten; keine Mata Hari, kein Judaslohn, keine Minox - der Agent GG, obwohl Photograph, beging in seiner Zeit als Kanzlerspion keinen Geheimnisverrat nach dem klassischen Muster etwa des Richard Sorge. Er gab seinen Kontaktleuten Arno und Nora Kretschmann, die er quasi unaufhörlich - bis zum letzten Mal am 7. April 1974 - in Bonn, Köln oder Holland, in Autos, in Kneipen oder Hotels getroffen haben will, wenig oder kein Papier mit, dafür aber Informationen über politische Trends, SPD-interne Machtverhältnisse und Aufschluß über das Klima am Hofe Brandt. Er war der Beobachter, nicht - niemals, auch wenn er's manchmal weismachen will - der Akteur.
Auch in den Memoiren hält er Diskretion. Nichts über Schlüpfrigkeiten aus den Sonderzugreisen Willy Brandts, bei denen der Referent des Kanzlers Nachbar im Salonabteil war, während Wichtigere - wie Hans-Jürgen Wischnewski, den und der Guillaume nicht ausstehen konnte - in den billigen Compartments im Nachbarwaggon logieren mußten. Nichts direkt Hilfreiches für das Kölner Bundesamt für Verfassungsschutz, die Abwehr mag jetzt recherchieren: Könnten präzise Hinweise etwas über Theorie und Praxis östlicher Nachrichtendienste verraten, wird Guillaume nebulös, schreibt von einem Einsatz "in einer Industriestadt im Ruhrgebiet", obwohl er sonst Daten und Fakten verschwendet.
Ganz konkret und strikt wird er immer dann, wenn er die "Ringtheorie" dementieren und deren Erfinder Genscher attackieren will, den damaligen (bis Mai 1974) Innenminister, der vor dem Bundestag sagte:
Aus der Verantwortung meines Amtes heraus erkläre ich: Ich hätte die Sicherheitsorgane rügen müssen, wenn sie sich nicht so verhalten hätten, denn anderenfalls hätten wir möglicherweise nicht einmal Guillaume überführen können. Auf keinen Fall aber hätten wir den Ring, dem er angehört, zerschlagen können. Das allein entscheidet.
Guillaume, hier etwas gernegroß, gesteht und beschwört, einen solchen Ring habe es nicht und nie gegeben; auch das Gericht fand dafür ja keine Anhaltspunkte. Den geheimnisvollen "F" jedenfalls, dessen Existenz die Abwehrexperten aus alten DDR-Funksprüchen kannten und in dem sie den Mitarbeiter der hessischen Landesvertretung Horst Förster vermuteten ("er war eine Liaison zum französischen Geheimdienst eingegangen", behauptet Guillaume), entblättert der Autor: Es ist ein "Fritz", ein "großer erfahrener Sozialdemokrat", NS-Gegner und offenbar aus Schwaben, mit dem sich Guillaume in den fünfziger Jahren konspirativ traf.
Nein, Nollaus Erben - Präsident Boeden, übernehmen Sie! - werden an den Enthüllungen zu knacken haben; leicht macht Guillaume es ihnen nicht. Aber er liefert Indizien zuhauf.
Die waren es ja auch, die dem Gericht zum Urteil reichten (das die Guillaumes übrigens auf DDR-Weisung nicht in einer Revision anfochten). Und als Hauptindiz galt damals bis heute der so überlieferte Spruch des Günter Guillaume, als er am 24. April 1974 morgens um 6.32 Uhr im Bademantel - spektakuläre Verhaftungen finden immer im Morgengrauen statt - seine Häscher in der Godesberger Wohnung Ubierstraße 107 empfing:
Ich bin Offizier der Nationalen Volksarmee der DDR und Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit. Ich bitte, meine Offiziersehre zu respektieren.
In ungewöhnlicher Selbstkritik bekennt der Spion heute, mit seinen Begrüßungsworten habe er einen Fehler gemacht. Wie wahr! Sein Gegenspieler Nollau etwa, der ihn ja fast ein Jahr lang hatte observieren lassen, ohne Beweise fürs Agentendasein zu finden, war heilfroh, als ihm der Satz berichtet wurde. Ihm war das so gut wie ein Geständnis, so gut wie ein Beweis, wie er in seinen Memoiren schrieb:
Guillaumes Geständnis befreite mich von einigen Sorgen, weil es die Beweisführung erleichterte.
Guillaume ("es war falsch") wundert sich - mit Recht -, daß jener Satz so in den Zeitgeschichtsbüchern steht, obwohl er weder stimme noch so gefallen sei: "Da ich kein Offizier der Nationalen Volksarmee war, konnte ich nie auf den Gedanken kommen, mich als solcher auszugeben." Auch von "HVA" habe er nicht geredet - vielmehr so:
"Ich bitte Sie", rief es mehr, als daß ich es einfach sagte: "Ich bin Bürger der DDR und ihr Offizier - respektieren Sie das!" Es war ein völlig spontanes Wort.
Das Spontangeständnis, das Guillaumes Chef Wolf noch nach dessen Rückkehr in die DDR heftig kritisierte, habe immerhin Gutes gestiftet: Seine Agentenführerin Nora konnte, nachdem dpa die Blitzmeldung von der Verhaftung des Kanzlerreferenten gesendet hatte, auf Tour in West-Berlin, Kurier Arno aus dem Zug nach Köln "im letzten Moment" in Sicherheit gebracht werden.
Abseits der Pflicht-Sprüche, er habe eine "Mission als Kundschafter des Friedens" erfüllen müssen, reflektiert Guillaume wenig über die Motive seines Handelns: Gold und Silberlinge kommen nicht vor, die DDR-Villa wird nicht erwähnt. Auch Herostratos, der sinnlos eine Feuersbrunst entfachte bloß um der Tat willen, ist wohl nicht sein Anverwandter. In und zwischen den Zeilen teilt er mit, was ihn wirklich umtrieb: Zeit seines aktiven Lebens suchte er einen Vater; und gelegentlich - dies sein und unser Problem - fand er einen.
Der erste war der leibliche Vater, Karl Ernst Guillaume, geboren am 17. Mai 1904 in Berlin, Pianospieler in Stummfilmtagen, arbeitsloses NSDAP-Mitglied, Registrator in einer Ordenskanzlei der Berliner Gauleitung, der - da wurde Günter gerade 21 - Selbstmord beging. Der Sohn:
Als er spät, 1948, aus englischer Kriegsgefangenschaft, nach Hause kam und in der Wohnung einen anderen Mann vorfand, überwand er das nicht. Mit einem Sprung aus dem Fenster nahm er sich das Leben, das er nicht mehr für wert hielt, es durchzustehen. Die Nachricht von seinem Tod traf mich wie ein Hammer vor den Kopf.
Vater Nummer zwei wurde Theo alias Paul Laufer, gleichaltrig mit dem Vater, Altkommunist und für die KP "Aufklärer" am Ende der Weimarer Zeit, danach verurteilt und in der jungen DDR führender Mitarbeiter der Stasi - "der große Paul". Er war Lehrer, Ausbilder, Gefährte, Vorbild "in den rund zwölf Jahren unserer Zusammenarbeit". Laufer starb 1969.
Vater Nummer drei, Günters Halt während einer ständigen Ausnahmesituation, war Willy Brandt, den er bewunderte und zugleich auskundschaftete: "Es gab ein gewisses Maß an Identifikation." Er bewundert, so sagen's die Memoiren, ihn heute noch und zitiert Hermann Schreibers Notizen aus dessen Kenntnis von Willy Brandt 1978:
In Wahrheit rätselt der an Günter Guillaume herum, vielleicht nicht oft, aber engagiert - und erfolglos. Und wenn das nicht Wirbel machen, wenn das nicht grausam mißverstanden würde, so wie die Verhältnisse nun eben sind, dann würde Willy Brandt mit Günter Guillaume mal eine Stunde reden wollen - wenigstens versuchen wollen zu ergründen, wie der Mann tatsächlich denkt, wie er so hat handeln können.
Guillaumes Kommentar dazu:
Mehr als tausend Stunden sind es wohl, die ich in Willy Brandts Gesellschaft oder Nähe verbracht habe, und so will ich einräumen, daß es auch mir auf diese eine Stunde nicht ankommen würde. Aber könnte eine Stunde genügen, um jene Verkettung der Motive und des daraus entspringenden gegenseitigen Tuns und Antuns zu ergründen und wie es gewesen und dazu gekommen war? Und im übrigen - die Verhältnisse, sie sind wohl auch heute noch nicht so, daß man sich auf einen Klönschnack zusammensetzen könnte.
In der ersten Aufwallung nach unserer Enttarnung, als das Nachdenken noch nicht eingesetzt hatte, wollte Brandt in mir einen Verräter sehen, der ganz persönlich an ihm schuldig geworden war. Diese Empfindung war subjektiv vielleicht ebenso echt, wie sie objektiv falsch war. Möglicherweise war es persönliche Kränkung, aus der die Fehleinschätzung der Sachlage unseres Verhältnisses entsprang.
Und was hat er seinem Vorbild zugefügt, wie zielstrebig hat er dessen Partei über Jahrzehnte ausgehorcht!
Günter Guillaume war 18 Jahre alt, als er im Dezember 1945 - nach kurzer Gefangenschaft - ins zerstörte Berlin zurückkehrte. Was tun? Er hatte im Krieg eine Photofachschule besucht, er hatte noch eine Kamera, er photographierte - der "Opernkalender 48" war sein erstes größeres Werk.
Er kommt beim Ost-Berliner Schulbuchverlag "Volk und Wissen" unter, zuerst als Photograph, dann als Redakteur; er wird Gewerkschafter, er macht Agitationseinsätze in West-Berlin, fährt einmal sogar nach Bayern, um Streikende zu unterstützen.
Die Staatssicherheitsorgane werden auf ihn aufmerksam: ein "Bruder Leichtfuß", aber geschickt; sie entsenden ihn mehrere Male in die Bundesrepublik - Guillaume wird, ohne inneren Antrieb, Spion unter Paul Laufers Fittichen.
Das Ministerium für Staatssicherheit bereitet die Übersiedlung in die Bundesrepublik - nach Frankfurt - vor. Laufer lobt ihn: "Ein richtiger Tschekist", also ein guter Agent für die kommunistische Sache. Günter, Christel und Schwiegermutter Erna Boom machen ein Schreib- und Kopierbüro auf, sie eröffnen, weil Paul es so will, eine kleine Kaffeestube: "Boom am Dom".
Guillaume muß Verbindung zu zwei SPD-Politikern halten, die aus der Zeit des antifaschistischen Widerstands alte Kontakte zu KP-Genossen in Ost-Berlin haben, zu "Fritz" und "Max". Die beiden Politiker wurden nie enttarnt; sie sind wohl inzwischen tot. Die beiden, Gegner der Wiederaufrüstung, berichten Guillaume auf langen Spaziergängen, was sie in der SPD gehört, gesehen und gelesen haben; seine Berichte darüber hätten "Gewicht" für die damalige DDR-Sicherheitspolitik gehabt.
Dann aber muß Guillaume die Verbindung zu seinen Informanten abbrechen; er macht - inzwischen SPD-Mitglied - bei den Frankfurter Sozialdemokraten Karriere. Er dient sich vom stellvertretenden Ortsvereinsvorsitzenden hoch zum Unterbezirkssekretär, wird schließlich sogar Geschäftsführer der Frankfurter SPD-Stadtratsfraktion, Wahlkampfmanager und Vertrauter von Georg Leber, damals Bundesverkehrsminister im Kabinett der Großen Koalition.
Guillaume ist bald unentbehrlich - hüben wie drüben. In Frankfurt heißt er "Julio", weil Heinrich Hemsath, damals Sozialminister in der hessischen Landesregierung, den Namen Guillaume nicht aussprechen kann; in der DDR empfängt Mischa Wolf, der Spionagechef, den jungen Mann, der so gut über die kleinen und großen Affären in Hessen, über den Klatsch und Tratsch in Frankfurt und über Georg Lebers Erzählungen aus dem Kiesinger/Brandt-Kabinett Bescheid weiß und - damals noch über Funk und tote Briefkästen - nach Ost-Berlin berichtet. "Niemanden drängen, alles auf sich zukommen lassen", lautet Wolfs Rat.
Guillaume beherrscht perfekt die Kunst, sich "unter Feinden Freunde zu machen". Nicht ohne Eitelkeit zitiert er das Urteil eines Verfassungsschützers: Er habe eine "natürliche Begabung für die nachrichtendienstliche Tätigkeit".
Die große Gelegenheit - "alles auf sich zukommen lassen" - für einen weiteren Aufstieg kommt 1969. Willy Brandt entschließt sich nach der Wahl zu einer Koalition mit der FDP, die SPD braucht an der Schaltstelle der Macht Leute ihres Vertrauens. Leber und der spätere Arbeitsminister Herbert Ehrenberg vermitteln ihren Julio, den Mann für alle Fälle, ins Kanzleramt. Nur kurz hat Guillaume Zweifel, ob er nicht "eine Sprosse zu hoch greift", doch dann denkt er an seinen ersten Förderer Laufer: "Zu Befehl, lieber Paul."
Die Sicherheitsbehörden melden Bedenken an, es gibt alte Notierungen über Guillaume, seine früheren Agitationseinsätze im Westen und über den Verlag "Volk und Wissen":
Der Untersuchungsausschuß freiheitlicher Juristen teilte im Schreiben vom 22.11.1955 mit, daß ein Günter Guillaume, ca. 1925 geb., wohnhaft: Birkenwerder (SBZ), beschäftigt als Fotograf beim Ostberliner Verlag "Volk und Wissen", der Agententätigkeit in Berlin (West) und der BRD verdächtigt wird. Im Juli 1956 soll Günter G. in die BRD geflüchtet sein. Personengleichheit kann vermutet werden.
Es gibt widersprüchliche Angaben in seinem Lebenslauf, vor allem über die Flucht von Berlin-Ost nach Frankfurt-West. Doch der Verdacht bleibt vage, zu vage, wie Horst Ehmke, Chef des Bundeskanzleramts, meint.
Ehmke knöpft sich Guillaume selbst vor. Und der übersteht auch die kritische Situation. Es gebe da, sagt Ehmke zu Guillaume, eine "genau feststehende Quelle", die den Verdacht habe, daß er für die DDR arbeite: "Wenn wir dich der Quelle gegenüberstellen, dann würden wir schnell heraushaben, wer mogelt." Guillaume stimmt zu, Ehmke muß passen: "Leider - der Mann ist tot, gestorben also auch für uns."
Guillaume wird, rückwirkend zum 1. Januar 1970, als Hilfsreferent eingestellt, er macht auch hier, fleißig, hilfsbereit, diensteifrig, schnell Karriere. Die DDR ist am Ziel ihrer Wünsche; sie hat das, was sich jeder Geheimdienst wünscht: einen Mann in der Zentrale der Macht.
Ob auf Reisen mit dem Kanzler, bei Gesprächen im Bundeskanzleramt, bei Sitzungen des SPD-Vorstandes und der SPD-Fraktion - Guillaume ist dabei, er notiert fleißig, berichtet viel: "Ich verfüge über eine ganz flotte Handschrift."
Die DDR - in Bonn toben die Auseinandersetzungen um die Ost-Verträge - will alles wissen: Wer gegen wen? Wo gibt es in der SPD Widerstände? Wer wackelt in der FDP? Guillaumes Auftraggeber setzt "Arno" und "Nora" ein, zwei Agenten, die die Guillaume-Berichte in die DDR transportieren sollen. Arno arbeitete offiziell in einem "großen Konzern der Autobranche".
Weil die Zeit oft knapp ist, treffen sich Arno und Nora, Günter und Christel - mal zu zweit, mal zu viert - sogar in bekannten Bonner Restaurants, weil sie in der "Höhle des Löwen" nach Guillaumes Meinung am sichersten sind. Und wenn's irgend geht, bestellt Guillaume sein Lieblingsgericht: Hammelkotelett mit gedünsteten Bohnen.
Langsam wächst das Vertrauen des Kanzlers in den Mann, der nie fragt, nie widerspricht, aber immer da ist, wenn er gebraucht wird, der Termine macht, Fahrten arrangiert und auch privat aushilft. Zum 1. Dezember 1972 wird er Parteireferent des Kanzlers, hat immer direkten Zugang zu Brandt.
Die "Sternstunde" für Guillaume kommt, als er, nach neuerlichen Sicherheitsüberprüfungen, zum zweitenmal in Verdacht gerät, Spion der DDR zu sein. Ausgerechnet zu einer Zeit, da die Kölner Abwehr - wenn auch noch ohne Beweis - in Guillaume den seit Jahren gesuchten Spion "G" vermutet, darf er - mit Billigung des inzwischen alarmierten Innenministers Hans-Dietrich Genscher und wohl auch des Verfassungsschutzpräsidenten Günther Nollau - den Kanzler im Sommer 1973 als einziger Referent in den Norwegen-Urlaub begleiten.
Und dort - zu Beginn der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) in Helsinki - gehen haufenweise Papiere der höchsten Geheimhaltungsstufe durch seine Hände: Botschafter-Berichte, Nato-Fernschreiben, ein Brief Nixons, Studien über das Kräfteverhältnis zwischen Warschauer Pakt und Nato - Informationen, die, so Guillaume, "noch heute einen hohen Wert" haben; das DDR-Ministerium für Staatssicherheit habe sich, als er seine Erinnerungen abfaßte, geweigert, "zur Abstützung" seines Gedächtnisses ein "paar der Fundstücke von damals aus dem Archiv" herauszugeben.
Auch das Gericht sah in dem Norwegen-Urlaub den "mit Abstand wichtigsten Teil" der Beweisaufnahme. Es konnte aber, da die Guillaumes schwiegen, nicht beweisen, ob und wie das Material in die DDR gebracht wurde.
Guillaume, sonst so verschwiegen und oft mit Decknamen operierend, gibt das Geheimnis preis: Er legte die von BND-Mitarbeitern entschlüsselten Fernschreiben, wenn Brandt sie gelesen hatte, zunächst einmal säuberlich im Wäschefach seines Kleiderschrankes ab. Bei der Abreise füllte er einen der zahlreichen, einander zum Verwechseln ähnlichen Aktenkoffer mit Souvenirs und Kleinkram; den ließ er vom Leibwächter Brandts, dem Kriminalhauptkommissar Ulrich Bauhaus, in der Kanzlermaschine nach Bonn zurückbringen: "Da sind wichtige Papiere drin."
Einen anderen, äußerlich fast identischen Koffer mit den Geheimunterlagen packte Guillaume in sein Auto und fuhr zum Hallandia-Hotel ins schwedische Halmstad; dort wartete der per Postkarte bestellte Kurier "Peter" an der Bar:
Neben seinem Fuß stand eine kleine Tasche. Er war auf das Rendezvous gut vorbereitet. Wir wechselten nur wenige Worte, was er brauchte, war der Zimmerschlüssel.
Der Kurier photographierte die Dokumente und fuhr davon - "Tschüß!" - "Gute Fahrt!" - "Mach's gut!"
In Bonn tauschte Guillaume den Inhalt der Aktenkoffer, die Geheimpapiere wanderten in die Geheimregistratur.
Noch im gleichen Sommer fühlten sich die Guillaumes beobachtet und stellten ihre Spionagearbeit auf Rat der Zentrale vorläufig ein. An Flucht dachten sie nicht, sie fühlten sich nach Norwegen "wie berauscht", schreibt Guillaume - sie fingen wieder an.
Als "Reisemarschall" fuhr er sogar noch einmal mit dem Kanzler an die französische Riviera. Brandt war, da er weder von Genscher noch von Nollau über den neuesten Stand der Ermittlungen informiert worden war, völlig ahnungslos. Er behandelte den Referenten wie immer - so wie es ihm die Experten geraten hatten.
Und Guillaume gelingt noch einmal ein tollkühnes Stück. In Vallauris, in einer zu einem Picasso-Museum umgestalteten Kapelle des 12. Jahrhunderts, trifft er den "hohen Mann", einen führenden Mann des Ost-Berliner Ministeriums für Staatssicherheit, wahrscheinlich Mischa Wolf. Der bietet ihm an, sich sofort in die DDR abzusetzen. Doch Guillaume will nicht, gerade jetzt nicht, da er als "ein geradezu ideal vorgeschobener Beobachtungsposten im Machtzentrum des Gegners" sitze. Der "hohe Mann" akzeptiert.
Guillaume wird weiter observiert, bleibt weiter an der Seite seines Chefs.
Das "Aberwitzige der Situation", so schildert es der Spion jetzt, "bestand darin, daß der Bundeskanzler den gegen seinen Referenten entfachten Spionageverdacht nicht ernst nahm und der Referent selbst nicht das geringste von diesem Verdacht wußte"; Auffälligkeiten führten die Guillaumes darauf zurück, daß Christel wegen einer Bewerbung für das Verteidigungsministerium sicherheitsüberprüft wurde.
Im Mai 1973, vor dem Ausflug nach Norwegen, war Genscher von Nollau informiert worden, der mit Sicherheit seinem Freund Wehner längst Bescheid gegeben hatte; Genscher trug die Information an Brandt weiter:
Die ganze Art und Weise, wie diese Informationen an den Kanzler gebracht wurden, ließ bei manchem Eingeweihten in Bonn den Verdacht aufkommen, daß beide, sowohl Genscher als auch Nollau, und das aus Gründen, die nur sie selbst kennen, darauf aus waren, Brandt hinters Licht zu führen und im dunkeln tappen zu lassen. Bastelten sie, und zwar jeder unabhängig vom anderen, damals schon im geheimen an der Falle, die elf Monate später hinter Brandt zuschnappen sollte? Ihre späteren Bekundungen zum Vorgang widersprechen sich in einer Weise, daß man selbst bei großzügiger Auslegung zumindest von einer Verschleierung der Wahrheit sprechen muß. Auch der vom Bundestag eingesetzte parlamentarische Untersuchungsausschuß, vor dem Genscher und Nollau als Zeugen aussagten, vermochte die Widersprüche nicht aufzuhellen. Einer von beiden muß vor dem Ausschuß die Wahrheit verdreht haben.
Damals wie heute bleibt aber offen, wie umfassend der Innenminister seinen Kanzler über den Spionageverdacht unterrichtete und ob er wirklich, auf eine Frage Brandts, den Ratschlag Nollaus einholte, Guillaume solle durchaus am Norwegen-Urlaub Brandts teilnehmen. Nollau will davon erst später erfahren haben.
Will sagen: Guillaume, der in Norwegen so erfolgreiche Spion, teilt mit, er habe ja nur deswegen nach Norwegen mitfahren dürfen, weil entweder Genscher oder Nollau ihn fahren ließen - und einer der beiden verfolgte dabei einen höheren Zweck, wohl mit einer "großen Intrige, der Brandt als Kanzler schließlich zum Opfer fiel", einer Intrige also des Koalitionspartners oder des Abwehrchefs, der ja wiederum Handlanger seines Mentors Wehner sein mochte.
Und die ging laut Guillaume so: "Nollau hielt das Messer hin, und Genscher gab Brandt den Schubs, der nötig war, um in das Messer hineinzulaufen."
Wem nützt das? Oder soll es schaden? Dem alten Nollau, 77, der im Oberbayrischen seine Pension verzehrt? Dem verklärt gezeichneten Brandt, zwar Ehrenvorsitzender seiner Partei, aber, 75jährig, nicht mehr am Hebel? Dem immer noch amtierenden Außenminister, der doch heute die Wenderegierung zu beeinflussen sucht, der Sowjet-Union Gorbatschows entgegenzukommen und eine zweite Entspannungspolitik aufzulegen?
Klar hat Guillaume recht: Nollau und Genscher können sich aussuchen, wer von ihnen Brutus war und wer den Schubs gab. Genscher immerhin kann ein Alibi in Gestalt eines spät, sehr spät aufgefundenen Aktenvermerks seines Adlatus Klaus Kinkel vorzeigen, der ihn von Schuld frei- und Nollau als Obergeheimniskrämer darstellt, der jede Unterrichtung des Kanzlers verhindern wollte. Dagegen, so Kinkel, machten Genscher und er
Bedenken geltend und wiesen darauf hin, daß es wohl nicht angängig sei, den Bundeskanzler über einen so schwerwiegenden, allerdings bisher in keiner Weise erhärteten Verdacht gegenüber einem seiner engsten Mitarbeiter nicht zu unterrichten.
Aber selbst wenn, nicht von Guillaume, bewiesen werden könnte, daß etwa Genscher der Schurke im Stück gewesen sei - es wäre nur die halbe Wahrheit. Brandt fiel 1974 nicht in ein Messer von Intriganten, schon gar nicht stark geschubst; er fiel von allein und schmerzhaft auf den Boden der Realität, der Fall Guillaume war äußerer Anlaß.
Der SPD-Fraktionschef Herbert Wehner, der Guillaume laut Guillaume erst wahrnimmt, als sein Freund Nollau ihm den Verdacht berichtet hat, hatte den Kanzler Brandt längst aufgegeben, unter anderem von sowjetischem Boden aus ("Der badet gern lau"). Der SPIEGEL hatte längst vom "bröckelnden Monument" geschrieben (50/1973), und Kronprinz Helmut Schmidt hatte längst, und seit März 1974 parteiöffentlich, seine Bewerbung in den Ring geworfen, weil Brandts Reformeifer erlahmt, der Schub dahinwar und die Gewerkschaften, etwa die ÖTV, ihm die Treue gekündigt hatten.
Da gab Guillaume den letzten Stoß für einen ohnehin Strauchelnden, mehr nicht. Es wäre sonst zu viel der Ehre; und nicht die des Offiziers ist gemeint. Guillaume in leichter Übertreibung, die der historischen Wahrheit nicht allzu nahekommt: "Der Sturz Willy Brandts war es, der die Guillaumes mit sich riß."
Der Referent war ja im Bonner Machtgeflecht nur ein Empfänger, an dem die größeren Ereignisse vorbeiflackerten; sein Verrat hat die Weltpolitik nicht beeinflußt und dem Gang der Dinge keine entscheidende Wende gegeben: Auch Schmidt suchte sein Auskommen mit der DDR, Helmut Kohl noch mehr; und Franz Josef Strauß verschaffte Guillaumes Staatsführung sogar reichen Kredit.
Was hat die DDR von ihrem Superagenten Guillaume gehabt? Mehr als den Vorteil dessen, der beim Schach kraft Erfahrung oder, selten, aus Indiskretion den nächsten Zug des Gegners ins Kalkül ziehen kann? Die DDR wußte Bescheid, was Brandt, was die SPD, was die Regierung wollte und wer gerade gegen wen intrigierte. Das ist mehr, als der Zeitungsleser erfährt - denn es war authentisch.
Was hat Guillaume von seinem Verrat gehabt? Der materielle Lohn blieb klein. Sein Sohn Pierre ging vor kurzem in den Westen, die Ehe mit Christel zerbrach, ein DDR-Luxusleben zwischen Ostsee und Harz lockt nicht so sehr - wenn man Südfrankreich so viel schöner findet.
Da fällt auf, was in seinem Buch fehlt: auch nur ein Ansatz von selbstkritischer Frage, welchem Zwecke der Verrat in Friedenszeiten dienen soll, wenn zugleich die Spionagesatelliten - fast - alles wissen. Verrat, so will er seinen Lesern weismachen, ist gut an sich, wenn er dem Frieden oder dem Sozialismus dient.
Das meinen zum Glück nicht alle, die den Frieden wollen. Ein subalterner Bürokrat aus der Mitte der Stasi, einer jener Aktenhengste, die jedem real existierenden Geheimdienst auch nur den Anschein von James Bond rauben, muß hier gewaltet und jede Spur von Reue oder Selbstzweifel getilgt haben. Bekenntnisse dazu hätten die Memoiren noch glaubwürdiger und lesbarer gemacht. Andererseits wird selbst der kleine Sachbearbeiter aus West oder Ost, der Kopien aus der Behördenregistratur zieht, um sie für ein paar Blaue in Ost oder West zu verhökern, seine Bedeutung höher einschätzen, als ihr zukommt, und wird das eigene Lebenswerk nicht in Zweifel zu ziehen vermögen.
Wäre Guillaume nicht aufgeflogen oder hätte er auf Verrat verzichtet - er könnte heute (wie sein Amtsvorgänger im Kanzleramt) Oberbürgermeister oder Parteifunktionär oder mittelhoher Beamter sein.
Oder ein guter Historiker und ein begabter Schrifsteller: Er kann ja beobachten und das Registrierte gutsortiert wiedergeben. Und kann sogar, westliche Historiker hüten sich meist davor, seine Gefühle glaubhaft wiedergeben: Er kann Willy Brandt immer noch gut leiden. Er weigerte sich, mit seinem ersten Verteidiger Karl-Hans Rother weiterzuarbeiten, als der ihm ein, wie Guillaume es sieht, unsittliches Angebot in den ersten Tagen nach des Kanzlers Rücktritt machte: "Sie haben doch Brandt in der Hand! Damit läßt sich doch was anfangen. Lassen Sie mich nur machen!"
Er ließ "ihn nicht machen, selbstverständlich".
Und er ließ um den 10. Mai 1974 herum, kurz nach dem Rücktritt des Kanzlers, von seinen Vernehmern zu Protokoll nehmen, woran er sich bis jetzt gehalten hat: Brandt habe zu Unrecht "Furcht vor privaten Indiskretionen" gehabt; er habe deswegen bisher geschwiegen und werde weiter schweigen.
Als der Spion sein Opfer wiedersah, zum letzten Mal, am 24. September 1975 bei Brandts Zeugenvernehmung vor Gericht, war Guillaume "erleichtert":
Er wirkte offen und blieb doch zurückhaltend. Er verniedlichte nichts, dramatisierte aber auch nichts . . .
Sosehr sich das Gericht und andere Instanzen mühten, mich auch noch als Einflußagenten zu qualifizieren - es gab dafür keine Beweise. Brandt konnte sich immer darauf berufen, daß ich zwar mit einigem Geschick - als ein guter Adjutant - vorgegebene politische Konzeptionen organisatorisch durchzudrücken half, daß es aber geradezu absurd wäre, mir nachträglich politische Einflußnahme zu unterstellen. In keiner Phase der Zusammenarbeit, so sagte Brandt mehr als einmal, und man mußte ihm glauben, wäre ich ein adäquater Gesprächspartner gewesen.
Cui bono also? Die Memoiren sind durchgehend dem Chef gewidmet, gegen Genscher und "die Dienste" zugespitzt und auch an die westdeutschen Ermittlungsbehörden gerichtet: Mögen die ermitteln, wenn sie immer noch Prozesse führen oder einen Schuldigen finden möchten - heiße er Max oder Arno, Günther oder Hans-Dietrich.
Geschrieben hat er's, klar, für die Nachwelt. In den Westen geschmuggelt wurde das Werk, weil jemand - die Auftraggeber des Spions? eine Fronde im MfS? - sich von dieser "Aussage" politisch etwas versprechen mag. Aber gedacht sind die Memoiren - "Brauchte er nicht etwas, an das er sich würde halten können?" - für Pierre, dessen Vater Verrat beging und dessen Großvater aus dem Fenster sprang. Dieser Sohn soll wenigstens erfahren, was auch Günter Guillaume bewog, aus dem Fenster zu springen.
Es ist das Vorrecht des Sohnes - er kehrte am 14. Mai 1988 mit Hilfe der Bundesregierung in die Bundesrepublik zurück -, den Vater nicht oder erst später begreifen zu lernen. Allerdings stehen die Chancen schlecht. Pierre hat sich vom Vater losgesagt und trägt einen anderen Namen.
Aber er wählte einen, der in Vaters Memoiren vorkommt und von dessen Träger der Vater mit Ehrfurcht spricht.
Mutter Christel fühlt sich vom Ex-Gatten schlecht getroffen, weil doch sie "die Wühlarbeit geleistet" habe. Sie sprach ihre Version der gemeinsamen Zeit auf Tonband - und sucht jetzt einen Verlag.

DER SPIEGEL 52/1988
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Guillaume: Wer war der Schurke? Kanzlerspion Günter Guillaume war

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