26.12.1988

ATOMENERGIEGroße Schlamperei Neuer Höhepunkt der Pannenserie in

Atommeilern: Brokdorf wurde ohne funktionstüchtige Notaggregate betrieben, in Biblis versagten extra entwickelte Schutzschaltungen - der Reaktor ist abgeschaltet.
Die Inspektionsarbeiten im Kernkraftwerk Brokdorf waren reine Routine. Wie jeden Monat seit Inbetriebnahme des Atommeilers an der Unterelbe überprüften Techniker die vier Notspeise-Dieselaggregate. Sie sollen bei Katastrophen außerhalb des Reaktors, etwa bei Flugzeugabstürzen oder schweren Explosionen, die Nachkühlung sicherstellen und automatische Abschaltung gewährleisten.
Der fast alltägliche Kontrollgang geriet zum außergewöhnlichen Vorfall. Beim Check von Schaltvorgängen konnte ein Monteur plötzlich, wie der Kieler Energieminister Günther Jansen (SPD) hernach erklärte, einen Hebel "zu weit" umlegen. Da gingen bei dem Techniker, rühmt die Betreiberfirma PreussenElektra, sogleich "alle Warnleuchten an".
Die Alarmsignale lösten umfangreiche Nachforschungen aus. Bundesumweltminister Klaus Töpfer (CDU) will nun alle 25 bundesdeutschen Reaktoren überprüfen lassen. Denn schier Unfaßbares war in dem Meiler zutage gekommen: An allen vier Dieseln fehlten, und zwar schon seit Betriebsbeginn im Oktober 1986, "wichtige Teile". Im Notfall hätten die Aggregate deshalb versagen und "ganz große Probleme bis zur Kernschmelze" (Jansen) auslösen können.
Jedem der Motoren, die bei Stromausfall im Reaktor unabhängig voneinander die Dampferzeuger mit Frischwasser zur Kühlung speisen, aber auch Energie erzeugen sollen, fehlte in einem Kupplungsteil das unentbehrliche Schmiermittel: Das Öl war ausgelaufen. Die Ingenieure hatten vergessen, in einem Stutzen zwischen Generator und Getriebe bestimmte Dichtungen, sogenannte Abschlußdeckel, einzubauen.
Die Brokdorfer Entdeckung in der Vorweihnachtswoche zeigt, knapp 14 Tage nach den Enthüllungen über den vertuschten Störfall im hessischen Biblis, wie fragwürdig selbst die Sicherheit der Notsysteme ist, die das Restrisiko minimieren sollen. Zum ersten Mal war die Gefahr eines Super-GAU, eines nicht mehr beherrschbaren Störfalls, quasi von Betriebs wegen eingebaut. Der Montagefehler war weder bei der Abnahme durch Betreiber und Aufsichtsbehörden noch bei den monatlichen Probeläufen der Dieselmotoren aufgefallen.
Die "große Schlamperei" (Jansen) in dem Meiler stellt aufs neue die Sicherheitsphilosophie der Reaktor-Betreiber in Frage, die ohnehin ihre Pannen traditionell erst einmal zu vertuschen suchen. Ein gutes Dutzend Störfälle, die wie in Brokdorf zur zweithöchsten Gefährdungsstufe der Kategorie E (Eil) gehören, sind Jahr für Jahr nach offiziellen Angaben zu vermelden. Viele von ihnen werden erst sehr viel später publik.
Im bayrischen Meiler Gundremmingen etwa konnte eines von elf Überdruckventilen zwar geöffnet, aber nicht wieder geschlossen werden. Der Betriebsleiter schaltete den Reaktor von Hand ab. Der Störfall vom 8. August wurde erst jetzt durch eine Veröffentlichung der "Augsburger Allgemeinen" bekannt und dann gleich wieder als "nebensächlich" (Kraftwerksdirektor Reinhardt Ettemeyer) abgetan.
Nach Andeutungen des Kieler Ministers Jansen über einen "schweren Störfall" im niedersächsischen "Schrottreaktor" Stade bequemten sich zwei Wochen vor Weihnachten auch Politiker und Betreiber in Hannover zur öffentlichen Beichte. Ein automatisch verschlossenes Ventil einer Frischdampfleitung verursachte eine Schnellabschaltung der Turbine. Dabei kam es zu starken Vibrationen der überalterten Leitungen - Bruchgefahr inbegriffen.
Bereits vier Monate zuvor war in Stade ein Ventil im nichtnuklearen Speisewassersystem abgerissen. Nachdem der Vorfall den Behörden zunächst verheimlicht worden war, leitete der niedersächsische Umweltminister Werner Remmers (CDU) ein Ordnungswidrigkeitsverfahren gegen die Betreiber ein, das wochenlang unter Ausschluß der Öffentlichkeit betrieben wurde.
Der bislang letzte Störfall der Kategorie E ereignete sich am 4. Advent im niedersächsischen Atommeiler Lingen II. Wegen eines falschen elektrischen Steuerbefehls öffnete die Reaktormannschaft ein "Abblaseventil" des primären Kühlmittelkreislaufs; 32 Sekunden lang strömte radioaktives Kühlwasser in einen "Abblasetank".
Einen eindrucksvollen Beleg, wie Atomindustrie und politische Atomlobby Störfälle vertuschen, druckte das US-Fachmagazin "Nucleonics Week" Anfang Dezember in einem Bericht über Biblis. Dort war, am 16. Dezember 1987, die Außenwelt 15 Stunden lang nur noch durch eine Barriere, die sogenannte Zweitabsperrung, vor einer Verstrahlung durch hochradioaktives Kühlwasser aus dem Reaktor-Block A geschützt.
Gleich drei Schichten der Bedienungsmannschaft hatten eine Warnlampe übersehen und nicht bemerkt, daß ein Ventil, die Erstabsperrung, offenstand. Franz Mayinger, Biblis-Experte der Reaktor-Sicherheitskommission, räumte ein, dies hätte zu einem "auslegungsübergreifenden Störfall" führen können - bürokratische Umschreibung für den Super-GAU vom Typ Tschernobyl.
Seit Mittwoch dieser Woche, nach einem "aufsichtlichen Gespräch" von Hessens Umweltminister Karlheinz Weimar (CDU) und dem Biblis-Betreiber Rheinisch-Westfälisches Elektrizitätswerk (RWE), ist das Kraftwerk stillgelegt - mindestens bis 3. Januar. Der Chef des Atommeilers und der Leiter des Blocks A wurden "bis auf weiteres von ihren Aufgaben entbunden" (RWE).
Bis Anfang Januar muß Weimar dem Bundesumweltminister und dem hessischen Verwaltungsgerichtshof berichten, ob das RWE noch die vom Atomgesetz geforderte "Zuverlässigkeit" als Kraftwerksbetreiber besitzt; überdies muß der Minister klären, ob die von ihm erteilten Auflagen erfüllt werden und wann Biblis wieder ans Netz darf.
Das Beispiel des Pannen-Reaktors Biblis läßt erkennen, weshalb die Atomgemeinde Informationen zurückhält. Denn nicht einmal die "technischen Verbesserungen", die Bundesumweltminister Töpfer eilends präsentierte, können garantieren, daß es an den alten Ventilen nicht wieder zu Fehlfunktionen kommt.
So wurde der Nachbarblock B des Hessen-Meilers am 14. Dezember abgeschaltet - wegen "kleiner Leckagen" im Nachkühlsystem. Der Störfall wurde ausgerechnet von der neuen Schutzschaltung mitverursacht. Sie soll Manipulationen von Hand am Prüfventil, wie sie Techniker in Biblis A versucht hatten, unmöglich machen, solange die Erstabsperrung offen ist. Erst wenn eine Kontrollampe die Schließung des Erstventils anzeigt, hebt ein elektrischer Kontakt die Blockade des Prüfventils auf.
Schon zweimal bescherte die technische Neuerung den Betreibern Probleme. Das Prüfventil ließ sich bei Tests im November plötzlich nicht mehr öffnen, obwohl die Erstabsperrung nachweislich dicht war. Wegen eines Defekts im elektronischen Meldesystem der Erstabsperrung wurden falsche Signale an das Prüfventil gegeben - die Schutzschaltung erwies sich als untauglich.
Angesichts immer neuer Horrormeldungen erhalten AKW-Gegner wieder Zulauf. Rund 10 000 Demonstranten aus 120 Organisationen protestierten am 4. Advent in Biblis gegen die unheimliche Bedrohung: "Stillegen - Aussteigen - Zurücktreten". Rund 83 Prozent der Bundesbürger glauben, daß Unfälle in deutschen Atomkraftwerken mit schwerwiegenden Folgen möglich sind.
Zu den "zahlreichen nicht identifizierten Restrisiken" (Jansen) in der Atomwirtschaft, so zeigte sich in Brokdorf und Biblis erneut, gehört ein altbekanntes: das Risiko Mensch.

DER SPIEGEL 52/1988
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