31.10.1988

„Die Deutschen haben doch wirklich alles“

In der Apartheid-Festung Südtirol fühlen sich die Italiener als Opfer *
Der vierjährige Marco reibt sich die verschlafenen Augen, drückt sich ganz fest an seine Südtiroler Tagesmutter und weint hemmungslos. "Er fremdelt bei die Deitschn", entschuldigt sich Teresa Erschbaumer bei ihren Gästen. Kopfschüttelnd fügt sie hinzu: "Des wor friar gonz ondersch."
Früher, im vergangenen Jahr, redete der jetzt so scheue Bub aus Branzoll noch lieber deutsch als italienisch. Seine Eltern, die Italiener Enzo und Antonietta Filippi, arbeiten im 13 Kilometer entfernten Bozen.
Die Tagesmutter sprach "mit dem Kloanen nur deitsch, weil man bei ins zwoa Sprochn braucht". Seit 1976 dürfen in Südtirol alle Stellen im öffentlichen Dienst nur noch mit Bewerbern besetzt werden, die das "patentino", die amtliche Zweisprachigkeitsprüfung, bestanden haben. Italiens Regierung beschloß diese Sonderregelung "zum Schutz der deutschen Volksgruppe", als Eckpfeiler der Südtirol zugestandenen Autonomie.
Ohne gute Deutschkenntnisse läuft auch in der Privatindustrie kaum noch etwas. Marcos Eltern - er ist Lkw-Fahrer, sie Näherin in einer deutschen Firma - können fast nur Italienisch und bekamen das oft genug zu spüren. Ihr Sohn sollte deshalb den öffentlichen deutschen Kindergarten in Branzoll besuchen.
Doch die Obfrau des Kindergarten-Komitees, Gräfin Cunigunde Mamming, lehnte die Aufnahme des Buben ab. Vergebens appellierte die Mutter, eine ehemalige Nonne, an die christliche Nächstenliebe der adligen Dame, die sonntags standesbewußt hinter der verzierten Namensplakette ihres Geschlechts in der Kirchenbank Platz nimmt.
Teresa Erschbaumer bringt Marco nunmehr in den italienischen Kindergarten. Deutsch hat er inzwischen "Tog fir Tog verlernt", sagt sie enttäuscht.
Cunigunde Mamming redet über das Schicksal des Kindes so wie wohlmeinende Buren über die Lage der Schwarzen in Südafrika - vor lauter eingebildetem Verständnis völlig verständnislos: "Die italienischen Kinder leiden doch so wahnsinnig darunter, wenn sie in eine fremde, deutsche Umgebung kommen."
Die Gräfin, eine Nachfahrin der altösterreichischen Adelsfamilie Kielmannsegg, übersiedelte nach einem Soziologiestudium vor 17 Jahren von Wien nach Branzoll, wo sie fünf Kinder großzog. Das unverwechselbare, nasale Schönbrunner Deutsch behielt sie ebenso wie ihren elitären Dünkel: "Das Niveau in der Schule wird durch die italienischen Kinder erheblich gedrückt, die Italiener müssen sich schon selbst entwickeln."
In Südtirol braucht sich Gräfin Mamming solcher Ansichten nicht zu schämen. 70 Jahre nachdem italienische Truppen den Südbalkon der Alpen besetzten (vom 4. November 1918 an), ist unter "Deitschn" das Ausgrenzen der Italiener zur alles beherrschenden Landesdoktrin geworden.
"Es stimmt, daß wir uns abkapseln wollen", sagt Silvius Magnago, Chef der Südtiroler Volkspartei (SVP) und als
Landeshauptmann zumindest auf dem Papier Repräsentant aller 430000 in Südtirol lebenden italienischen Staatsbürger. Der rüstige 74jährige fühlte sich aber trotz seines italienischen Namens immer nur als Interessenwahrer der deutschsprachigen Mehrheit.
Gemeinsam mit seinem Stellvertreter Alfons Benedikter, einem ausgefuchsten Juristen, baute Magnago das Land an Etsch und Eisack mit seinen 350 historischen Burgen und Schlössern zu einer beklemmenden Apartheid-Festung um.
Innerhalb der Mauern sitzen die Bewohner auf einem Pulverfaß. In diesem Jahr explodierten bislang 19 Sprengkörper, der Sachschaden beträgt um die 16 Millionen Mark. Die Anschläge gelten vor allem Wohnsiedlungen, Wasserkraftleitungen sowie Strommasten der staatlichen Elektrizitätswerke. Nur durch Zufall kam dabei niemand ums Leben.
Als Attentäter werden viele verdächtigt: bundesdeutsche Neonazis zusammen mit radikalen Südtirolern, die wie ihre Väter Anfang der sechziger Jahre das Selbstbestimmungsrecht Südtirols herbeibomben wollen; italienische Neofaschisten, die ihre Landsleute gezielt provozieren möchten; und sogar italienische Geheimdienstleute.
Tausende Polizisten mußten aus anderen Regionen angefordert werden, um gefährdete Politiker und Gebäude zu bewachen. Italiens Staatspräsident Cossiga sagte einen geplanten Meran-Urlaub aus Sicherheitsgründen ab. Nachts erinnert Südtirol heute an Spanien während der letzten Jahre der Franco-Diktatur: Militärjeeps patrouillieren durch die engen Gassen, Hubschrauber kreisen über den Städten, Geheimpolizisten kontrollieren die Gästelisten der Hotels.
Landeshauptmann Magnago äußerte lange Zeit Verständnis für die Bombenleger, falls sie Deutsche sein sollten. Sie hätten ein "Recht auf Angst", denn seine Stammesgenossen seien "noch immer Staatsbürger zweiter Klasse". Mit der ersten Klasse, "dem italienischen Staatsvolk", will er "nur net zuviel Kontakt".
Das Schlimmste wäre für ihn ein "einseitiges Assimilierungsgeschäft" - also "wenn ich deutsche Namen behalten darf, aber in den Sog der italienischen Mentalität und Denkungsweise hineinkäme". Dabei sorgt sich Magnago besonders um die Jugend: "Mischehen", warnt er, "sind eine Plage."
Für die bevorstehenden Landtagswahlen am 20. November kandidiert der unerbittliche Kulturseparatist nicht mehr, Parteichef der seit je regierenden SVP will er aber bleiben. Seine Machtfülle ähnelt der seines verstorbenen Vorbilds Franz Josef Strauß: Die SVP kopierte den Stil der bayrischen CSU.
Magnago, selbst Sohn eines italienischen Richters und einer Österreicherin aus Bregenz, hinterläßt als Lebenswerk einen engmaschigen Zaun, der die Deutschen und die Italiener in Südtirol strikt voneinander trennt. Das Gitter besteht aus unzähligen Paragraphen, kunstvoll geflochten in 137 juristische "Maßnahmen", die Rom in den vergangenen Jahrzehnten Schritt für Schritt abgehandelt wurden. Die Italiener glaubten, damit die rebellischen "Deitschn" endlich befrieden zu können.
Das Ergebnis ist die streng reglementierte Apartheid-Gesellschaft Südtirol: Darin müssen alle Kindergärten nach Volksgruppen getrennt geführt werden, ebenso alle Schulen, Sport- und Jugendklubs.
Aber auch Trachten- und Kulturvereine erhalten nur dann öffentliche Förderungsmittel, wenn sie sich zu einer Seite bekennen.
Beim Neubau eines Schulzentrums in Meran wurden ein italienisches naturwissenschaftliches Gymnasium und eine deutsche Mädchenoberschule im selben Gebäude untergebracht - allerdings ohne räumliche Verbindung. Dennoch trafen sich die Schüler in den Pausen im Freien. Als einige Jugendliche ein ausdrückliches Kontaktverbot ("Ihr dürft da nicht hinüber") mißachteten, ließ die Schuldirektion den Lehrerparkplatz zwischen die beiden Schulhöfe legen.
Andere Südtiroler Schulen behelfen sich mit Zäunen oder staffeln die Pausenzeiten. In Schwimmbädern warnen volksbewußte deutsche Eltern ihre Kinder: "Spielt nicht mit denen, das sind Italiener." Eine neue Wohnsiedlung in Sinich bei Meran, offiziell als "Volkswohnheim" bezeichnet, erhielt nach Sprachgruppen getrennte Eingänge.
Segregation bis in unscheinbare Details bestimmt auch den Alltag der Hauptstadt Bozen: Nur Touristen auf der Durchreise empfinden die 100000-Einwohner-Stadt als gelungenen deutsch-italienischen Schmelztiegel, weil sie die Mischung aus mittelalterlichen Tiroler Gäßchen, prachtvollen k.u.k.-Jugendstilhotels und pompösen Straßenzügen aus der Mussolini-Zeit bezaubert.
In Wirklichkeit leben die beiden Volksgruppen aneinander vorbei. "Die Deitschn", beobachtet die Rezeptionsdame im Traditionshotel "Laurin", "kommen meist um zwölf Uhr zum Mittagessen, die Italiener erst um halb zwei."
In deutschen Lokalen antwortet die Kellnerin auf die Bitte nach einem "Cappuccino" unwirsch: "Wir haben Milchkaffee." In italienischen Cafes wird eine Bestellung auf deutsch oft gar nicht entgegengenommen. Italiener bevorzugen in der kulturell geteilten Hauptstadt das "Teatro Stabile" (Stadttheater), Deutsche das "Waltherhaus".
Vor einigen Wochen spielte die "Volksbühne Bozen" das bei Deutschen populäre Hugo-von-Hofmannsthal-Stück "Jedermann" auf dem geschichtsträchtigen Waltherplatz. Als sich in der Schlüsselszene des Dramas der mahnende Rufer vom Dach des nahe gelegenen Biedermeier-Hotels "Greif" meldete, schrien einige italienische Zuschauer erschreckt auf: Sie hielten den Schauspieler irrtümlich für einen "butatti" ("Stürz dich runter"). Das sind verzweifelte italienische Familienväter, die von Hausdächern aus mit Selbstmord drohen, um eine Sozialwohnung zugewiesen zu bekommen.
Manche deutsche Besucher fühlten sich durch die Zwischenrufer provoziert. Dieses Mißverständnis wurde später zwar belacht, ein bitterer Nachgeschmack aber blieb - auf beiden Seiten.
Bald drei Generationen nach dem Einmarsch der Italiener begegnen sich die zwei Volksgruppen in Südtirol noch immer argwöhnisch wie einander fremde Häftlinge, die soeben in dieselbe Zelle gesperrt wurden.
Nur eine kleine Minderheit ist in beiden Kulturen zu Hause. Autor Jul Laner etwa kann "ohne die ethnische Vielfalt gar nicht leben. Wenn ich deprimiert bin, wechsle ich einfach den Stadtteil".
Viele Italiener würden es ihm gern gleichtun. Aber ihnen fällt das Deutschlernen wesentlich schwerer als den Deutschen die Beherrschung des Italienischen - für Rassisten ein Beweis ihrer Unterlegenheit, für sie selbst ein Resultat fehlender Gelegenheiten. Besondere Schwierigkeiten bereitet den Italienern die amtliche Zweisprachigkeitsprüfung. Sie sei "ein rein theoretischer Test", kritisiert die Oberschullehrerin Felicita Marchesi. Er belohne Grammatikkenntnisse, aber Kommunikationsfähigkeit sei nicht gefragt. Die Folge: Viel mehr Italiener fallen durch als Deutsche.
Statt die Lernbereitschaft der Italiener zu fördern, verhinderte die SVP bis _(Vor der Bozner Mittelschule Egger-Lienz. )
zu diesem Herbst, daß italienische Volksschüler schon von der ersten Klasse an Deutschunterricht erhalten können.
Seit 1978 schickt der italienische Landeshauptmann-Stellvertreter, der Christdemokrat Remo Ferretti, mehrere hundert Schüler jedes Jahr für einige Wochen in die Bundesrepublik. Bei ihrer Rückkehr machen sie zumeist eine frustrierende Erfahrung: Den Südtiroler Dialekt verstehen sie trotz Sprachkurs nicht. Und "für die Südtiroler ist es oft schwieriger, hochdeutsch zu reden als italienisch", bedauert Ferretti.
Die italienischen Jugendlichen kommen deshalb aus ihren Gettos schwer heraus - genausowenig wie ihre Eltern, die Mussolini nach Südtirol lockte.
In Bozen leben "die Italiener fast so isoliert wie die Schwarzen in Washington", so der Historiker Günther Pallaver: Sie stellen die Mehrheit (73,8 Prozent), haben aber wenig Einfluß. "Das Zentrum ist total von Deutschen besetzt", meint der Oberschüler Massimiliano Germozzi, "fast alle Geschäfte gehören ihnen."
In den italienischen Vierteln jenseits der Talferbrücke, hinter dem faschistischen "Siegesdenkmal", wandelt sich das Bild schlagartig: An einem Freitagabend vergnügen sich die Jugendlichen dort wie an der Spanischen Treppe in Rom, das Zentrum hingegen ist ausgestorben wie die Fußgängerzonen in Biberach oder Celle. Viele Deutsche stört das bunte Treiben, die italienischen Reservate nennen sie verächtlich "Schanghai".
Bei einem Lokaltermin im Bozner Gymnasium "Liceo Scientifico Torricelli" erklärten alle Schüler der Abschlußklasse, sie hätten lieber eine gemischtsprachige Oberschule besucht, gemeinsam mit den Deutschen. Zweisprachige Schulen sind aber in Südtirol gesetzlich verboten.
"Die politische Macht will, daß wir uns wie Schwarz und Weiß fühlen", klagt Massimo Dentamaro. Sein Vater stammt aus Bari, seine Mutter ist Boznerin. Mischlinge wie er wurden bei den Verhandlungen um das Südtiroler Autonomiestatut, das den "Deitschn" enorm viele Vorteile brachte, einfach vergessen. Über 20000 Deutschitaliener mußten sich zuletzt bei der "Sprachgruppen-Zugehörigkeitserklärung" 1981 einer Seite zurechnen - eine Entscheidung, die wegen des festgeschriebenen Proporzes bei der öffentlichen Stellen- und Wohnungsvergabe den weiteren Lebensweg oft nachhaltig beeinflußt.
Die Volkstumskämpfer der SVP lassen lieber einen Posten - egal ob im Schulwesen, im Krankenhaus oder in der Verwaltung - unbesetzt, als daß sie ihn einem "Falschen" gäben. Die Falschen sind immer die "Walschen", wie viele Deutsche die Italiener schimpfen.
"Sie müssen unsere Minderheitenpsychose verstehen", beschwört Landeshauptmann Magnago seine Zuhörer. Warum eigentlich?
Noch nie lebten so viele deutschsprachige Südtiroler in der "Heimat aus Gottes Hand" (Titel eines Luis-Trenker-Romans) wie heute: gezählte 283356. Zwar erklärten etwa 85 Prozent der "Deitschn" 1939 nach dem "Umsiedlungsabkommen" zwischen Adolf Hitler und Benito Mussolini, sie würden ins Deutsche Reich "heimkehren". Doch von den 75000 Umsiedlern kamen viele nach dem Zweiten Weltkrieg wieder zurück.
Der Bevölkerungsanteil der Italiener in Südtirol ist hingegen in den vergangenen Jahrzehnten ständig gesunken, derzeit
liegt er bei 28,7 Prozent. Tendenz: weiter rückläufig.
Noch nie auch ging es den Südtirolern so gut. Nach den Enteignungen durch die italienischen Faschisten sind inzwischen wieder 99,5 Prozent des Bodens fest in deutscher Hand. Südtirol, in Italien offiziell "Provincia Autonoma di Bolzano" genannt, erhält jährlich pro Einwohner 2,29 Millionen Lire (3060 Mark) Staatszuschüsse zum Landesbudget.
Andere Gebiete mit Sonderstatus - etwa Sardinien oder Friaul-Julisch-Venetien - müssen mit viel weniger auskommen. Südtirols Gemeinden können aufgrund dieser Begünstigung "pro Kopf ihrer Bevölkerung rund doppelt soviel ausgeben wie der gesamtitalienische Durchschnitt", errechnete der Bozner Wirtschaftswissenschaftler Thomas Benedikter.
Der anhaltende Tourismusboom rund um die "schönsten Bauwerke der Welt", so Architekt Le Corbusier über die Dolomiten, erschließt weitere gewaltige Einnahmequellen. Jährlich beherbergt Südtirol 3,4 Millionen zahlende Gäste, davon sind 1,9 Millionen meist ältere Reisende aus der Bundesrepublik.
Außerdem genießt die Autonome Provinz Bozen erhebliche Steuervorteile. Und schließlich machen besondere EG-Förderungen (1988 mindestens 23 Millionen Mark) die Südtiroler zur vermutlich wohlhabendsten Volksminderheit der Welt.
Sogar im italienisch dominierten Bozen ist die Arbeitslosenrate bei den deutschsprachigen Jugendlichen nur etwa halb so hoch wie bei ihren italienischen Alterskollegen.
Solche Daten halten die Politiker unter Verschluß. Sie könnten das sorgfältig gepflegte Bild von der ewig notleidenden Minderheit stören - insbesondere bei großzügigen Spendern in Österreich und in der Bundesrepublik.
Mehrere bundesdeutsche Organisationen ("Stille Hilfe für Südtirol", "Kulturwerk für Südtirol") überweisen jedes Jahr mehr als eine Million Mark - beispielsweise für Kuren in Heimen des deutschen Müttergenesungswerks. "Wir sollten endlich mit der Bettelei aufhören", fordert dagegen der prominente Südtiroler Reinhold Messner: "Das macht uns mehr kaputt als der Faschismus unter Mussolini."
Der Gipfelstürmer stieß viele seiner Landsleute vor den Kopf, als er sich weigerte, 1978 bei seiner Besteigung des Mount Everest die Südtiroler Flagge zu hissen. "Das Wort Heimat", meint er, "ist in Südtirol nicht mehr möglich. Dazu gab es unter Mussolini zu viele Verräter, die das Land verlassen wollten."
Mit Abscheu bemerkt Messner, "daß für die Südtiroler, wenn sie naiv reden, das Großdeutsche Reich nie untergegangen ist". In zahlreichen Pensionen teilen die Wirte ihre Besucher weiterhin in "Reichsdeutsche" und "Walsche" ein.
Viele bundesdeutsche Gäste schätzen diese Atmosphäre: Kaum ein Abend vergeht, an dem nicht am Fuß der "unfaßbaren Harmonie des majestätischen Langkofel" (so der monomane Verkünder des Bergheimwehs Luis Trenker) alte Lieder aus der Zeit des tausendjährigen Reichs angestimmt werden. In den Leserbriefspalten der deutschsprachigen Tageszeitung "Dolomiten" wird manisch darüber diskutiert, welche _(An der Wand ein Porträt von Benito ) _(Mussolini. )
Schuld die Deutschen am Zweiten Weltkrieg nun wirklich hatten.
"Schöne Welt, böse Leut", nannte der renommierte Publizist und Historiker Claus Gatterer seine Autobiographie und beschrieb mit dieser Kurzformel Südtirol wohl am treffendsten. "Weil man sich mit der eigenen Identität nicht mehr zurechtfindet", so Gatterer, "wird alles ins Nationalistische übersteigert."
"Mir sein koane Nazis", beteuert aber Hans Stieler, Führer des "Heimatbunds", einer "Gewissensgemeinschaft", die der SVP seit 1983 hart von rechts zusetzt. "Die Nazis haben uns mehr geschadet als alle anderen." Doch ein "friedliches Zusammenleben konn es mit die Italiener net geben, mir sein grundverschieden".
Stieler stand selbst schon als Bombenleger vor Gericht, die sogenannten Bumser wurden in den sechziger Jahren zu insgesamt 500 Jahren Gefängnis verurteilt. Fanatische Unterstützung erhält er von Eva Klotz, einer Tochter des Attentäters Georg Klotz, der 1976 "wegen der Besetzung unserer Heimat an zerbrochenem Herzen starb", wie die 37jährige pathetisch erklärt.
Eva Klotz sitzt für den "Heimatbund" als Abgeordnete im Südtiroler Landtag. Stets tritt sie auf wie eine Zeugin Jehovas im Alpenlook - den Haarzopf streng über den Scheitel hochgesteckt, Unmengen Propagandamaterial griffbereit: "Sie müssen wissen, es geht bei uns um einen Kampf wie in Berg-Karabach."
Von der Schutzmacht Österreich fühlen sich die Heimatbündler verraten: "Jeder Negerstaat wird besser geschützt als wir", klagt Hans Stieler, "in Wien ist eine halbslawische Mafia an der Macht."
Gemeinsam mit einflußreichen SVP-Politikern will der "Heimatbund" jetzt verhindern, daß Südtirol dem mit Rom ausgehandelten "Maßnahmenpaket" endgültig zustimmt und Österreich vor der Uno in New York das Südtirol-Problem für erledigt erklärt.
Dabei würden die 283356 deutschen Südtiroler durch das Autonomiepaket zur am großzügigsten abgesicherten Minderheit in Europa werden. Nur eine Handvoll Schweden in Finnland genießt noch mehr Rechte.
"Die Deutschen haben doch wirklich alles", meint der Bozner Baugewerkschafter Vittorio Carsaniga, "Banken, Gasthäuser, Apfelbäume, Diskotheken, Traditionen und Paragraphen." Trotzdem habe sich das Verhältnis zu den Italienern in den vergangenen Jahren wieder deutlich verschlechtert, warnt der Grün-Alternative Abgeordnete Alexander Langer, einer der wenigen Politiker, der sich ernsthaft für eine Versöhnung zwischen den Volksgruppen einsetzt.
"Wegen der Bomben haben die Leute wieder fürchten sich begonnen", erklärt Landeshauptmann-Stellvertreter Ferretti in nicht ganz perfektem Deutsch. Vor zwei Jahren galt ein Anschlag seinem Apartment. Statt Mitgefühl zu zeigen, so Ferretti, "behandelten mich die Leute in das Mehrwohnungenhaus wie der Attentäter".
Die politische Stimmung heizt sich auf. Das selbstgerechte Auftreten der Deutschen fordert radikale Reaktionen frustrierter Italiener heraus. Italienische Wähler laufen den Neofaschisten vom Movimento Sociale Italiano (MSI) hinterher, viele halten sich für "Ausländer in der Heimat". 1985 machten 22,5 Prozent der Bozner den MSI unter der Leitung der Brüder Andrea und Pietro Mitolo zur stärksten Fraktion. Seither ist die Stadt "die faschistischste Europas", so die italienische Tageszeitung "Alto Adige". Bei den Parlamentswahlen 1987 stimmte gar jeder dritte italienische Bozner für den MSI, die Neofaschisten steigerten sich auf 27,3 Prozent.
Das Programm der Mitolos ist denkbar einfach: Weg mit dem Proporz, weg mit der Zweisprachigkeitsprüfung, dem verhaßten "patentino".
65 Prozent der Bozner Italiener halten dennoch das friedliche "Zusammenleben der Sprachgruppen" für die wichtigste Aufgabe der Politiker, ermittelte der Jurist Rudolf Benedikter mit einem Forschungsteam. Sein Vater Alfons, seit 1948 fast ununterbrochen SVP-Regierungsmitglied, sorgt allerdings dafür, daß es immer weniger werden.
"Ich scheiße auf die Wähler und die Wahlen", sagt der 70jährige Landeshauptmann-Stellvertreter. Kurz vor den Landtagswahlen im November kündigte er seinem jahrzehntelangen Kampfgefährten Magnago die Gefolgschaft. Mit seiner Behauptung, ein Abschluß der Verhandlungen mit Rom würde "zu weiterer Überfremdung führen", gießt er Öl ins lodernde Feuer.
Dabei könnte Benedikter es besser wissen. In seiner Schublade verwahrt er zwei brisante Gutachten: eines vom Innsbrucker Institut für Völkerrecht, das andere vom Washingtoner Procedural Aspects of International Law Institute.
Haben die Verfasser der beiden Schriftstücke recht, so sind die tragenden Stützen der Südtiroler Autonomie von der Verwirklichung des EG-Binnenmarktes Ende 1992 an in Gefahr. Denn: "Die hier Ansässigen dürften nicht mehr bevorzugt werden, und auch der Proporz wäre gefährdet", gesteht Benedikter.
Landeshauptmann Magnago ahnt offenbar noch nicht, daß seine kunstvoll zusammengezimmerte Apartheid-Enklave bald in sich zusammenstürzen könnte. Bis spät in die Nacht hinein empfängt er frohen Muts Besucher im Bozner Landhaus, seinem Burgfried.
Im Halbdunkel hämmert er mit der Faust auf die Tischplatte, wenn er beteuert: "Es gibt bei uns keine Apartheid, weil es keine Südtiroler Rasse gibt. Die gibt es nur bei den Viechern."
Im Zweiten Weltkrieg verlor Magnago im Rußlandfeldzug ein Bein, nachdem er von der faschistischen italienischen Studentenorganisation Guf zur Deutschen Wehrmacht übergewechselt war. "Ich wollte unbedingt überleben", sagt er von damals. Und von heute? "Ich habe immer nur meine Pflicht getan." _(Vor seinem Schloß. )
[Grafiktext]
BUNDESREPUBLIK München Zürich Innsbruck ÖSTERREICH Brenner- Autobahn Bern SCHWEIZ Meran Bozen Südtirol Trient Mailand Turin ITALIEN Venedig Mittelmeer
[GrafiktextEnde]
Vor der Bozner Mittelschule Egger-Lienz. An der Wand ein Porträt von Benito Mussolini. Vor seinem Schloß.

DER SPIEGEL 44/1988
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