31.10.1988

„Ich muß den Trainer hassen“

Interview mit Torwart Andreas Thiel über Handball-Coach Petre Ivanescu Torhüter Andreas Thiel, 28, wurde zum fünftenmal in Folge zum „Handballer des Jahres in der Bundesrepublik gewählt. Der Gummersbacher Jurastudent absolvierte 134 Länderspiele, ist seit zwei Jahren Kapitän der Nationalmannschaft. *
SPIEGEL: Herr Thiel, haben die bundesdeutschen Handballer einen Hang zum Masochismus?
THIEL: Nur weil wir bereit sind, uns von Bundestrainer Petre Ivanescu schinden zu lassen, sind wir doch keine Masochisten. Wir verhalten uns nach den brutalen Gesetzen des Leistungssports, wir wollen Erfolg haben.
SPIEGEL: Ivanescu vertritt die These, daß nur von ihm produzierte und gesteuerte Konflikte Erfolge garantieren. Haben Sie Ihren Trainer schon hassen gelernt?
THIEL: Haß ist ein großes Wort, es wird im Sport häufig benutzt. Aber es stimmt wohl, so wie ich den Ball hassen muß, damit ich gut spiele, so muß ich auch den Trainer hassen.
SPIEGEL: Dennoch werden seine Anweisungen widerspruchslos ausgeführt?
THIEL: Ich gehöre zu denen, die auf Druck reagieren. In den letzten Wochen war ich in einer Formkrise. Da hat Ivanescu mich im Training so richtig fertiggemacht - und ich bin ihm bedingungslos gefolgt, weil ich wußte: Er kriegt mich wieder hin.
SPIEGEL: Wie wird man denn von Ivanescu fertiggemacht?
THIEL: Da ist einmal das harte Training, dazu kommen extreme verbale Auseinandersetzungen, die jedoch stets fachlich bleiben, nie ins Persönliche abgleiten. Deshalb erwächst daraus eine wahnsinnige Motivation. Jochen Fraatz wurde nach einem undisziplinierten Spiel in der Teamsitzung von Ivanescu ungeheuer hart attackiert. Im nächsten Spiel warf er dann zwölf Tore.
SPIEGEL: Wie lange dauert es noch, bis der Trainer alle gegen sich aufgebracht hat?
THIEL: Es ist ja nun nicht so, daß ständig alle 16 Spieler im Kader mit der geballten Faust in der Tasche herumlaufen. Die Konflikte werden von Ivanescu klug gesteuert, er sucht sich dazu auch die Spieler aus, die eine ganze Menge Druck aushalten können.
SPIEGEL: Aber die explodieren doch irgendwann mal.
THIEL: Nein, das ist ja Ivanescus Stärke. Er treibt einen vielleicht an den Rand des Wahnsinns, doch er kennt die Grenze genau, die er nicht überschreiten darf. Jeder von uns glaubt dem Trainer, wenn der behauptet: "Ihr seid mir alle sympathisch." Und jeder akzeptiert auch, wenn er anfügt: "Wenn es um die eigentliche Arbeit geht, kenne ich nicht mal meine eigene Mutter".
SPIEGEL: Das klingt ein bißchen so, als lege es Ivanescu darauf an, den Willen seiner Spieler zu brechen.
THIEL: Nein, es ist keineswegs so, daß wir zu unmündigen Spielern erzogen werden. Jeder von uns hat schon eine eigene Meinung, Ivanescu hört sie sich auch an. Nur, dann entscheidet er allein.
SPIEGEL: Handballer werden gemeinhin zum intelligenteren Teil der Athleten gezählt. Ist Ihnen nicht schon mal der Gedanke gekommen, Sie könnten von Ivanescu manipuliert werden?
THIEL: Solange der Erfolg da ist, ganz sicher nicht. Da holt jemand das Letze an Leistungsbereitschaft aus dir heraus, und du gibst es, weil du gewinnen willst.
SPIEGEL: Vor anderthalb Jahren, als die Qualifikation für Olympia verpaßt wurde, galten Handballer als Schlaffis.
THIEL: Vielleicht war die Bereitschaft schon da, sie wurde nur nicht geweckt. Andererseits aber sind die entscheidenden Spieler auch älter, reifer und leistungsbereiter geworden.
SPIEGEL: Also liegt Ivanescus Vorgänger, der im März 1987 entlassene Simon Schobel gar nicht so falsch, wenn er behauptet, daß Ivanescu die Früchte seiner Arbeit ernte?
THIEL: Schobel war ein kumpelhafter Typ, Ivanescu ist ein harter Hund, der für sich in Anspruch nimmt, immer Recht zu haben, und damit basta. Tatsache ist auch, daß wir mit Ivanescu auch dann noch gewinnen, wenn wir schlecht spielen - das war bei Schobel anders.
SPIEGEL: Bei einer solchen Fixierung auf den Trainer besteht die Gefahr, daß das konstruierte Konfliktgebilde wie ein Kartenhaus zusammenbricht. Dormagen, Ivanescus letzter Klub, steht in der Bundesliga am Tabellenende.
THIEL: Ivanescu ist ja nicht mehr Trainer in Dormagen. Und ich halte die älteren Nationalspieler für erfahren genug, um zu erkennen, wie weit jeder gehen kann.
SPIEGEL: Was versprechen Sie sich von Ivanescus Arbeit?
THIEL: Eine Medaille bei der A-Weltmeisterschaft 1990.

DER SPIEGEL 44/1988
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