28.11.1988

Mit Höschen Der Erfolg der TV-Serie „Oh Gott, Herr

Pfarrer“ hat sogar die Macher überrascht. Schwarze Aussichten: Immer mehr Talarträger sollen den Bildschirm bevölkern.
Programm-Machern sind Gottesmänner eigentlich ein Kreuz. Wenn so ein Schwarzkittel, und sei er noch so forsch gestylt, zum "Wort zum Sonntag" anhebt, eilt so mancher Zuschauer zu einem noch stilleren Ort.
Auch all die anderen christlichen Sendungen, in denen Moderatoren mit brav gescheitelter Konfirmantenmiene den kirchlichen Sauerteig von der Dritten Welt bis zum Reich Gottes zu kneten haben - selig mögen sie werden, die's sehen, doch ihrer sind nicht viele.
Doch nun, beim Himmel, ist alles anders. Die Pfarrer sind los. Den modischen Serienpelz über den Talar gezogen, machen sie sich auf die Suche nach der Zuschauerherde. Das ZDF schickt im nächsten Jahr die Serie "Mit Leib und Seele" auf den Sender, und zumindest der Leib ist garantiert - den katholischen Pfarrer spielt der gewichtige Günter Strack.
Die Münchner Eikon-Film produziert vom Februar nächsten Jahres an ebenfalls für die Mainzer eine Serie über einen streitbaren Pastor, der sich für die Arbeiterbewegung einsetzt.
Doch den Zuschauersegen, den die Geschäftemacher in Christo erst noch erstreben, die ARD hat ihn schon. 8 der insgesamt 13 Folgen von "Oh Gott, Herr Pfarrer" sind bisher angelaufen, die Fernsehherde wächst von Woche zu Woche. Nach anfänglicher Einschaltquote von 29 Prozent hat das allmontagliche Theodisakum vom Südfunk in Stuttgart inzwischen die Rekordhöhe von 44 Prozent Sehbeteiligung erreicht - ein Zuspruch, der sogar die Macher der Serie überrascht hat.
Dabei bietet das wöchentliche Spiel vom schlaffen Pfarrer Wiegandt im Schwabenmief wenig, was Vorbilder im Gottesdienersujet sonst so bieten: keinen kleinen Plausch mit Jesus am Kruzifix wie in "Don Camillo und Peppone", nicht mal kriminalistischen Kitzel, wie ihn Heinz Rühmann im Pater Brown mit verbissener Verschmitztheit versuchte. Und brünstige Verfehlungen, mit denen der schöne Richard Chemberlain in den "Dornenvögeln" die Seelen massierte - nix isch im Schwobeländle.
Dieser Pfarrer Wiegandt geriert sich nicht nur geistlich. Eine Protestwelle schwappte in den Sender, als der Schwabenpastor in der zweiten Folge nach allzu ausgiebigem ehelichen Liebesspiel nur noch in Jeans unterm Talar die Beerdigung erreicht und, kaum das Amen von den Lippen, zurück ins Ehebett hastet.
"So möchte ich nicht beerdigt werden", barmten gottesfürchtige Zuschauer, eine Perspektive, die den Autor der Sendung, Felix Huby, Pseudonym für den Ex-SPIEGEL-Redakteur, Krimiautor und TV-Serienvielschreiber ("Schimanski", "Salü Palü") Eberhard Hungerbühler, nicht schreckt: "Das würde mich freuen, wenn ein Pfarrer frisch von der Liebe an mein Grab käme."
Doch solche ehelichen Ausschweifungen bleiben die Ausnahme. Hubys Pfarrspiel soll in den Bahnen der Amtszucht verlaufen, worauf der Sender strikt geachtet habe, wie Fernsehspielchef Werner Sommer betont.
Wenn Wiegandt zuviel Trollinger schlotzt, am Automaten zockt, als Altdrummer das Schlagzeug seines Sohnes malträtiert oder den pietistischen Mief im Kirchenrat und unter den Kanzelschwalben aufwirbelt, schäumen nur noch protestantische Hardliner. Den meisten anderen gefällt's, selbst leibhaftige Pfarrer können mit Hubys Seelsorgerseife leben.
Karlheinz Stoll, Bischof von Schleswig, will in "Hörzu" nicht ausschließen, "daß die Leute durch diese Serie motiviert werden, wieder in die Kirche zu gehen". Ein Würzburger Studentenpfarrer reagiert da schon deutlicher: "Die höllische Verwicklung von Privat- und Gemeindeleben war so typisch, genauso, wie ich sie kenne." Und für die Theologentochter und Kennerin des einschlägigen Milieus im Württembergischen, Gabriele Neukamm, stimmt die ganze Richtung: "Das Pfarrhaus muß entzaubert werden."
Genau dies macht das Spiel mit den Gottesmännern für erfahrene Seifenopernsieder wie Huby attraktiv. Kriminalkommissare sind längst so erfolgreich entmythologisiert, daß sie schon wieder anmythisiert auf den Bildschirm gebracht werden: Daß Schimanski kein ordentlicher Beamter ist, reicht allein nicht mehr zur TV-Reife, er muß mindestens in Tangahöschen gesteckt werden oder wie der Saarbrücker Freßkommissar Palü mit dem Rennrad den Bösewichtern nachradeln.
Beim Pfarrerthema stehen solche dialektischen Umschwünge erst noch bevor. Jeder glaubt, etwas vom Beruf des Geistlichen zu wissen (nach einschlägigen Statistiken einer der angesehensten Berufe). Pfarrhaus, das ist ohne aktuelle Kenntnisse im Bewußtsein der meisten, nicht nur Ort von Frömmigkeit, sondern Geistesschmiede und Terroristenbrutstätte.
Angesichts solcher Phantasielage brauchte Huby kein Übersoll an dramaturgischer Gedankenarbeit zu erfüllen. Er steckte seinen Wiegandt einfach in Jeans und ließ ihn in dem Bewußtsein durch die Welt tappen, daß die wenig Lust auf sein religiöses Sinnangebot hat, sofern dieser Pfarrer dann überhaupt an Gott glaubt.
Religion, so erkannte ein Pfarrer in der "SZ", stört die Serienseiche, wenn sie mehr wird als bloßes Dekostück: "Die geballte Kraft des Evangeliums findet sich in Wiegandt privatisiert, die öffentliche Sache Religion wird verharmlost durch Veröffentlichung der Privatheit des Pfarrers."
So beglaubigt Hubys gottfernes Krippenspiel kaum mehr als andere Serien: daß auf der Welt viel passiert, aber die Familie, so locker und cool sie auch miteinander umgeht, bleibt. Mutter ist trotz Emanzipation lieb, der Sohn trotz respektloser Sentenzen gegen seinen "Padre" immer letztlich braver Sohn und der knorzig pietistische Schwiegervater das bewährte alte Eisen. Daß dennoch Leben in solch gerasterte Familiendynamik kommt, liegt an den Schauspielern: Robert Atzorn spielt den Wiegandt hinter seiner Nickelbrille so rührend hilflos distanziert, als hätte er die seriellen Schwachstellen durchschaut. Ähnliches gilt für Volksschauspieler Walter Schultheiß und Pfarrersgattin Maren Kroymann, die als Diseuse ("Auf du und du mit dem Stöckelschuh") weiß, was Distanz beim Spielen heißt.
Sie war es auch, die Autor Huby vor einem Fehlgriff warnte: Der hatte im Drehbuch vorgesehen, daß der Herr Pfarrer mit seiner Flamme, einer Schülerin, den Jahrmarkt besucht. Das Mädchen weigert sich, mit ins Karussell zu steigen und errötet - sie hat, oh je, kein Höschen an.
"Männerphantasien", entschied die Kroymann bei einer Drehbuchbesprechung. Huby strich die Szene.
Vergelt's Gott, Frau Pfarrer.

DER SPIEGEL 48/1988
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