26.12.1988

„Einziges Licht im arabischen Morast“ Als Scharlatan und

Terroristen beschimpften ihn seine arabischen Brüder, Israelis halten ihn für „schlimmer als Hitler“. Doch mit Geschick und Beharrlichkeit hat PLO-Chef Jassir Arafat die zahlreichen Niederlagen seiner Laufbahn überstanden. Daß die USA ihn jetzt als Verhandlungspartner anerkannten, ist sein größter Erfolg.
Ein Minister qualifizierte ihn in einem einzigen Satz gleich dreimal ab: Er sei ein "Lügner", ein "charakterloser Lump" und überdies ein "niederträchtiger Mensch".
Ein anderer Politiker, weltberühmt und hochgeehrt, hegte über die Herkunft dieses Menschen niedrige Gedanken: "Ich bin überzeugt, daß seine Mutter sich mit einem Skorpion gepaart hat und dann diese Mißgeburt zur Welt brachte."
Ein dritter Staatsmann schließlich, von Ost und West gleichermaßen gefürchtet, nahm ihn tierisch an: "Dieser Mann ist eine Ratte, eine häßliche, eklige Ratte."
Solche Beschimpfungen ist Rahman Abd el-Rauf Arafat el-Kudwa el-Husseini - so heißt der Führer der Palästinensischen Befreiungsorganisation PLO mit vollem Namen - gewohnt. Dabei stammen derlei Verwünschungen nicht mal von Arafats israelischen Feinden, sondern - in der Reihenfolge - von prominenten Arabern: dem ehemaligen syrischen Informationsminister Ahmed Iskander Ahmed, dem ermordeten ägyptischen Staatschef Anwar el-Sadat, dem libyschen Revolutionsführer Muammar el-Gaddafi.
Die Liste der Haßtiraden seiner arabischen, selbst seiner palästinensischen Brüder auf den PLO-Chef ist beliebig verlängerbar. Wie kein anderer Politiker im Nahen Osten hat der so oft verfluchte Jassir Arafat es dennoch ein Vierteljahrhundert lang verstanden, inmitten von Intrigen und blutigen Kämpfen politisch und physisch zu überleben - schon das grenzte an ein Wunder.
Am 14. Dezember 1988 aber gelang diesem so übel beleumdeten Palästinenser ein historischer Durchbruch mit noch unabsehbaren Folgen für die gesamte Nahost-Szene: Seine PLO, eine Befreiungsorganisation mit großem Anspruch, aber noch ohne Staat und Regierung, wurde von der Supermacht USA als Gesprächspartner anerkannt.
Damit beendeten US-Präsident Ronald Reagan und sein Nachfolger George Bush nicht nur 13 Jahre politischer Quarantäne gegen die PLO, sie beschlossen auch die bislang weitestreichende Wende ihrer Politik gegenüber Israel: Im 41. Jahr seiner Existenz ist der Judenstaat unversehens unter den Druck seines unverbrüchlichen Freundes im Weißen Haus zu Washington geraten, der entschlossen scheint, gemeinsam mit der anderen Supermacht in Moskau den gefährlichen Brandherd in Nahost auszutreten.
Wie 1973 im Jom-Kippur-Krieg von der ägyptischen Armee, wurde Israel diesmal diplomatisch völlig überrascht. Vier Tage brauchte der rechtsextreme Premier Jizchak Schamir, immer noch mit Koalitionsschacher befaßt, ehe er den "schweren und schmerzlichen" Beschluß der USA rügte. Aber er gestand: "Wir werden noch lange darüber nachdenken müssen, was da geschehen ist, und warum es geschehen ist."
Seinem Parteifreund Benjamin Netanjahu, einem früheren Uno-Botschafter Israels, entfuhren gar Sätze wie "Arafat ist schlimmer als Hitler", oder die Welt versuche, Israel einen "Versailler Vertrag aufzuzwingen".
Verbittert über ihre Unfähigkeit, mit dem nun schon über ein Jahr währenden Palästinenseraufstand in den besetzten Gebieten politisch oder auch nur militärisch fertig zu werden, hatten die Israelis nicht zur Kenntnis genommen, wie sehr ihr Ansehen in den USA und bei liberalen US-Juden gelitten hat: durch die waffenstarrende Repression ihrer Armee gegen steinewerfende Palästinenser wie auch durch die Aussichten, daß der einstige Pionierstaat Israel einer klerikalkonservativen Regierungskoalition anheimfallen könnte.
Als US-Botschafter Vernon Walters die Israelis am 14. Dezember auf der Genfer Uno-Vollversammlung im Befehlston zum Abzug aus den seit 1967 besetzten Arabergebieten aufforderte, wurde klar, daß die Großisrael-Träume der jüdischen Ultras von Amerika nicht länger geduldet würden und sich die palästinensische Nationalbewegung neben der zionistischen doch noch durchsetzen kann.
"In fünf Jahren", meinte der in Wiens Hofburg als Staatsgast empfangene Arafat vorigen Montag, werde der Palästinensische Staat entstanden sein, den der Palästinensische Nationalrat am 15. November in Algier proklamiert hatte.
So oft war Jassir Arafat von Freund wie Feind gedemütigt und verhöhnt worden, so oft schien er am Ende seiner Laufbahn angekommen, daß ihm diesen Durchbruch noch vor einem Jahr niemand mehr zugetraut hätte.
Doch mit unerschütterlicher Zuversicht und unerhörtem taktischen Geschick überdauerte der kleingewachsene Mann, der mit seinen reichlichen Überpfunden und seinem schlurfenden Gang so gar nichts Dämonisches oder wenigstens Heroisches ausstrahlt, alle Krisen und Niederlagen.
Dafür wird Arafat, 59, bei seinen fünf Millionen Landsleuten in den armseligen Flüchtlingslagern ebenso wie in den Häusern vermögender Diaspora-Palästinenser geehrt: als Symbolgestalt des palästinensischen Volks im Kampf um ein eigenes Land.
In den Regierungszentralen in aller Welt gilt der Überlebenskünstler als menschliches Chamäleon, als Staatsmann und Terrorist, Träumer und Pragmatiker in einem. Neben ihm, urteilte "The New York Times Magazine", wirke Machiavelli "wie ein aufrechter netter Kumpel".
Doch nur wer Eigenschaften wie Wendigkeit und Fähigkeit zum Finassieren hatte, konnte so lange Zeit an der Spitze einer so hochexplosiven Organisation wie der PLO überstehen. Hinter all den gefinkelten Schachzügen, hinter den oft großsprecherischen Tiraden des Jassir Arafat steckte immer sein Glaube an die palästinensische Sache, die er zum Inhalt seines Lebens gemacht hat. "Ich bin mit einer Frau namens Palästina verheiratet", so erklärte er seine Junggesellenschaft.
Als Sohn eines begüterten Geschäftsmanns in Jerusalem geboren, beteiligte er sich schon als Teenager an Aktionen gegen die britische Mandatsmacht in Palästina und gegen militante zionistische Gruppen. Nach einem Ingenieurstudium in Kairo gründete er in Kuweit mit einem Partner ein Bauunternehmen, dessen Geschäfte angeblich hervorragend liefen. Doch eine bürgerliche Karriere schien Arafat nicht zu befriedigen: 1957 gründete er die palästinensische Kampforganisation El-Fatah, die jedoch zu Anfang kaum Bedeutung hatte.
Jassir Arafat legte sich den Kampfnamen Abu Ammar (Vater des Ammar) zu - nach einem frühen islamischen Märtyrer, dessen Vater Jassir hieß. Doch weder politisch noch militärisch machte er bei den arabischen Potentaten großen Eindruck.
Das änderte sich erst 1967 nach der demütigenden Niederlage dreier Araberstaaten im Krieg gegen Israel, die zum Verlust Ost-Jerusalems, der Golanhöhen, des Jordan-Westufers und des Gazastreifens führte. Wie schon nach der israelischen Staatsgründung strömten abermals Hunderttausende Palästinenser in die arabischen Nachbarstaaten oder wurden von den Besetzern vertrieben. Plötzlich war die PLO, der Arafat damals noch nicht angehörte, ein Faktor im nahöstlichen Kräftespiel geworden.
Ein Jahr nach dem verlorenen Krieg stieg Arafat zum Vorsitzenden der PLO auf, seine Fatah wurde die mächtigste Organisation im Dachverband der Palästinensergruppen. In dieser Zeit machte der neue PLO-Chef die Erfahrung, daß gerade die Niederlage der arabischen Staaten gegen den gemeinsamen Erzfeind seinen Guerrilleros Auftrieb und Ansehen gab.
In dieser Zeit auch entstand jene PLO-Charta, die den Israelis wie den USA stets als Nachweis für die Absicht der Palästinenser galt, die Juden wieder zu vertreiben: Artikel 15 legt als "nationale Pflicht" die "Eliminierung des Zionismus in Palästina" fest.
Das Versagen der arabischen Staatsführer, die allesamt in ihrem Kampf gegen den winzigen Judenstaat gescheitert waren und vorläufig keinen neuen Krieg wagen wollten, brachte den angriffslustigen Palästinensern außer Solidarität in Worten vor allem millionenschwere Hilfe der reichen Öl-Araber.
Damit finanzierten PLO-Terrorkommandos Anschläge auf jüdische Einrichtungen innerhalb und außerhalb Israels. Obwohl Arafat schon damals als Vertreter eines gemäßigten Kurses in der PLO galt, pflegte der im Untergrund lebende Palästinenser-Chef sein Image als stiller Teilhaber angeblich heldenhafter Terroranschläge und Flugzeugentführungen.
Arafat, der sein damals schon schütteres Haupthaar fortan unter dem traditionellen Kopftuch Kufija versteckte, wurde ein Volksheld.
Getragen auch international von einer Welle der Sympathie, überschätzte er 1970 erstmals kraß seine Möglichkeiten: Mit Hilfe seiner Fatah-Kämpfer versuchte er, den Staat Jordanien unter seine Kontrolle zu bringen. Doch König Hussein und seine Beduinen-Truppe metzelten Tausende Palästinenser nieder. Das Blutbad war die Geburtsstunde der Terrororganisation "Schwarzer September", die zwei Jahre später in München das Massaker unter der israelischen Olympia-Mannschaft anrichtete.
Arafat entkam den Truppen des arabischen Bruders nur mit knapper Not. Er und seine Fatah fanden, nachdem Ägypten abgewinkt hatte, Zuflucht in Syrien und im Libanon. Der angeschlagene PLO-Chef damals: "Die palästinensische Revolution ist das einzige Licht im arabischen Morast. Aber die Tragödie ist, daß der Morast das Licht verschlingen will."
In den folgenden Jahren bekam die PLO Blutgeruch. Mörderische Attentate gegen israelische Zivilisten und auch gegen Bürger von Staaten, die am nahöstlichen Konflikt gänzlich unbeteiligt waren, nahmen zu. Kommandos entführten Flugzeuge, 1970 etwa eine BOAC-Maschine, die sie in der jordanischen Wüste sprengten. Zwar versicherte Arafat damals: "Wir führen keinen Krieg gegen Zivilisten", besonders verwerfliche Terrorakte nannte er "Aktionen verzweifelter und unverantwortlicher Individuen". Aber eindeutig distanzierte er sich nie von ihnen.
Der Lösung der palästinensischen Frage kam die PLO keinen Schritt näher. Die arabischen Brüder waren allen Lippenbekenntnissen zum Trotz an der Gründung eines weiteren Staates - noch dazu durch Krieg mit Israel - nicht interessiert.
Wenigstens erkannte die arabische Gipfelkonferenz von Rabat im Oktober 1974 die PLO unter Arafats Führung "als einzige rechtmäßige Vertreterin des palästinensischen Volkes" an. Selbst König Hussein beugte sich diesem Alleinvertretungsanspruch.
Einen Monat später durfte Arafat vor der Uno-Vollversammlung am New Yorker East River die Eröffnungsrede zur Palästina-Debatte halten, ein erster diplomatischer und propagandistischer Durchbruch für die Palästinenser. In den darauffolgenden Jahren wurden in allen Teilen der Welt PLO-Büros eröffnet, palästinensische Abgesandte erhielten in Uno-Organisationen Beobachterstatus.
Im März 1979 scherte Ägypten, der größte Araberstaat, aus dem bewaffneten Kampf gegen Israel aus und machte, gegen Rückgabe des Sinai, seinen Frieden mit dem Judenstaat - zur Genugtuung der PLO brach die Arabische Liga daraufhin mit Ägypten.
Arafat reiste hektisch durch die Welt, traf noch 1979 erstmals seit dem Schwarzen September wieder mit Jordaniens Hussein zusammen. Im gleichen Jahr kam es in Wien zu einem spektakulären Treffen Arafats mit dem österreichischen Bundeskanzler Bruno Kreisky und Willy Brandt. Der Jude Kreisky sorgte dann auch dafür, daß Österreich im Jahr darauf als erstes Land die PLO diplomatisch voll anerkannte.
Nach der bitteren Niederlage gegen Hussein hatte sich die PLO im Libanon eine neue Machtbasis zugelegt. Gegen ihren Staat im Staat kämpfte vor allem Syriens Präsident Hafis el-Assad, der Arafats Aufstieg mißtrauisch verfolgt hatte. Denn Assad betrachtet Palästina ebenso als Bestandteil eines historischen Groß-Syrien, wie israelische Ultras es ihrerseits zu Groß-Israel rechnen. Außerdem träumt er von einer panarabischen Führungsaufgabe Syriens und sieht sich selbst als einzigen Sachwalter der palästinensischen Sache.
In den Häuserschluchten der libanesischen Hauptstadt Beirut lieferten sich israelische und PLO-Soldaten 1982 wochenlang erbitterte Gefechte. Schließlich, nachdem die Israelis den Großteil des moslemischen Westteils Beiruts in Schutt und Asche gebombt hatten, mußten Arafats Kämpfer aufgeben.
Per Schiff verließ Arafat mit Tausenden Getreuen den Libanon; sie wurden über acht arabische Länder zerstreut. Immerhin aber hatten sie den Israelis mehr zu schaffen gemacht als alle arabischen Armeen seit dem Jom-Kippur-Krieg.
Sein neues Hauptquartier mußte Arafat in der weit entfernten tunesischen Hauptstadt Tunis aufschlagen. Die arabischen Brüder erleichterten ihr schlechtes Gewissen, weil sie die Palästinenser abermals im Stich gelassen hatten, mit neuen Geldspenden.
Bald darauf nahm Arafat - alles ist möglich im Nahen Osten - Verhandlungen mit seinem Uralt-Feind Hussein auf. Vorangegangen war ein Friedensvorschlag von US-Präsident Ronald Reagan, der eine weitgehende Selbstverwaltung der Palästinenser in den besetzten Gebieten und eine lockere Verbindung mit Jordanien vorsah.
Arafat zeigte sich dem Vorschlag aufgeschlossen - sehr zum Widerwillen der radikaleren Kräfte in seiner PLO, die den Schwenk zu Hussein nicht mitvollziehen wollten: Georges Habasch mit seiner marxistischen "Volksfront für die Befreiung Palästinas" (PFLP), NaIf Hawatmeh mit seiner "Demokratischen Volksfront für die Befreiung Palästinas" (PDFCP) sowie Achmed Dschibril mit seinem "PFLP-Generalkommando", alle drei von Syrien unterstützt.
Im Mai 1983 brach in einer Fatah-Einheit im Osten des Libanon die offene Meuterei gegen den Vorsitzenden aus. Hinter dem Anführer Abu Mussa stand Syriens Staatschef Assad.
Mit dessen und auch mit libyscher Hilfe konnte Abu Mussa etliche Fatah-Positionen erobern. Dann warf Assad seinen einstigen Schützling Arafat kurzerhand aus seinem Land. Mit 4000 Getreuen flüchtete der PLO-Chef in die nordlibanesische Hafenstadt Tripoli. Sein politisches wie militärisches Ende schien besiegelt.
Auf Druck der Supermächte USA und UdSSR sowie mit Unterstützung gemäßigter arabischer Länder kam Arafat, die Schlinge buchstäblich schon um den Hals, abermals davon. Unter dem Schutz französischer Marineeinheiten flüchtete er über See - wie im Jahr zuvor, aber diesmal als gedemütigter Krieger.
Für Arafat und die PLO folgten nun bittere Jahre. Der Vorsitzende verschwand für lange Zeit von der internationalen Bühne, krampfhaft damit beschäftigt, die Einheit seines Dachverbands zu erhalten. Israelische Kampfflugzeuge zerstörten Ende 1985 Arafats Hauptquartier in Tunis - als Vergeltung für angebliche PLO-Anschläge.
Nachdem ihm Tunesien im Oktober 1986 seinen Diplomatenpaß entzogen hatte, fanden Arafat und seine Rumpforganisation Schutz und Zuflucht beim irakischen Diktator Saddam Hussein.
Der sogenannte Lagerkrieg in den südlichen Slumvororten Beiruts, wo palästinensische Flüchtlinge viele Wochen lang unter einer Hungerblockade der PLO-feindlichen Schiiten-Miliz Amal zu leiden hatten, brachte nur vorübergend Schlagzeilen.
Wie isoliert die PLO in der arabischen Welt damals tatsächlich dastand, mußte Jassir Arafat Ende 1987 auf der arabischen Gipfelkonferenz in Amman erfahren.
Das Schicksal seines Volkes, den Arabern sonst wenigstens bombastische verlogene Treueschwüre wert, wurde auf dem Gipfel gar nicht mehr behandelt. Wichtigste Tagesordnungspunkte waren, wie es schien, endgültig der Golfkrieg und die Angst der konservativen Golf-Anrainer vor dem aggressiven Revolutionsexport des Ajatollahs Chomeini geworden.
Nach Amman stand Arafat abermals kurz vor dem Ende. Doch dann, am 8. Dezember 1987, begann in den besetzten Gebieten spontan, weder von Israel noch von der PLO vorausgeahnt, die Intifada, der Aufstand der Palästinenser gegen ihre israelischen Unterdrücker.
Er zwang die Araber, wieder eine politische Initiative für Palästina zu ergreifen. König Hussein entließ das besetzte Westjordanien - verklausuliert - aus dem jordanischen Staatsverband, die PLO beriet monatelang, wie sie reagieren sollte.
Gegen zähen Widerstand der Radikalen in der PLO setzte Arafat schließlich durch, daß die PLO den Anspruch auf einen einzigen eigenen Staat in ganz Palästina aufgab und sich endlich mit einer Teilung des Landes abfand, wie sie von der Uno 1947 beschlossen, von den Arabern, Palästinenser inklusive, aber 40 Jahre lang abgelehnt worden war.
Doch inzwischen hatten sich die Israelis an den Gedanken gewöhnt, daß ganz Palästina historisch ihnen gehöre, und 120 Siedlungen für 70 000 Menschen in "Samaria und Judäa" errichtet. Nicht mal die sozialdemokratische Arbeitspartei brachte eine glaubwürdige Alternative zu der schleichenden Annexion der besetzten Gebiete zustande, die von den Ultras offen proklamiert wurde.
Alle Kompromißvorschläge, die etwa US-Außenminister George Shultz auf zahllosen Nahostreisen ventilierte, wurden in Jerusalem brüsk zurückgewiesen.
So entstand in Washington eine gewisse Geneigtheit, gegenüber Israel eine härtere Sprache zu führen, sofern nur die PLO ihre Forderungen so mäßige, daß jedenfalls der liberalere Teil der US-Juden nicht gegen die Regierung Front mache.
Die Gelegenheit schien günstig, zumal Israels Schamir eine klerikal-konservative Koalition ansteuerte, die jede friedliche Lösung verbauen würde. Als Arafat zunächst in Algier, dann auf der Konferenz mit US-Juden in Stockholm sowie vor der Uno-Generalversammlung in Genf und schließlich - nach erheblichem Druck - auf seiner anschließenden Pressekonferenz das Existenzrecht Israels anerkannte und dem Terrorismus entsagte, ließen Reagan und Shultz die jahrzehntelang gewährte Unterstützung der USA für Israel in der PLO-Frage fallen.
Sosehr die Israelis Verrat schrien, die Reaktion der meisten führenden US-Juden bestätigte die US-Politiker in ihrer Entscheidung.
Der jüdische Publizist Charles Krauthammer schrieb in "The New Republic", daß es in der US-Öffentlichkeit zwei Israel-Bilder gebe. Das erste sei durch den Otto-Preminger-Film "Exodus" bestimmt, das zweite durch die allabendlichen Fernsehbilder aus den besetzten Gebieten: Je mehr das Bild knüppelnder und schießender israelischer Soldaten die Erinnerung an das Exodus-Israel verdränge, desto inbrünstiger hofften die US-Juden auf Bewegung im israelisch-arabischen Konflikt.
In Israel selbst löste die jähe Wende der amerikanischen Nahostpolitik vorwiegend Schrecken aus. Nur wenige klarsichtige Israelis werteten die neueste Entwicklung positiv, etwa der Schriftsteller Amos Os: "Lange haben wir auf diesen Augenblick gewartet, nun haben sich unsere ärgsten Feinde mit unserer staatlichen Existenz abgefunden." Und der Politologe Schlomo Avineri mahnte, der Zionismus sei schließlich "die Befreiungsbewegung des jüdischen Volkes, nicht aber eine Bewegung zur Unterdrückung der Palästinenser".
Doch Israels nächste Regierung, wohl wieder eine Große Koalition und wieder unter dem Superfalken Schamir, wird weiterhin versuchen, eine Annäherung an die PLO zu blockieren. Schamir will in wenigen Wochen nach Washington fliegen, um der Bush-Administration "neue Pläne" vorzulegen und ihr gleichzeitig klarzumachen, die PLO bleibe "der größte Terrorverband der Welt". Verhandlungen mit Arafat seien für Israel nationaler Selbstmord - "das kann niemand von uns verlangen".
Am Ziel ist Arafat noch lange nicht - und jetzt lebt er noch gefährlicher als bisher schon. Sogar seine engsten Vertrauten läßt er bis zum allerletzten Moment im unklaren, wo er übernachtet. In fast jeder arabischen Metropole stehen mehrere Apartments oder Villen ständig für ihn bereit.
Die exakten Routen des rastlos Reisenden werden erst im letzten Moment festgelegt - von Arafat persönlich. Der Asket Arafat - er raucht und trinkt nicht - schläft meistens an Bord seiner Privatmaschine, die ihm der irakische Präsident Saddam Hussein zur Verfügung stellte.
Grundsätzlich, so Jassir Arafat, fliege er "nachts nie über arabischem Territorium oder über dem Mittelmeer. Wenn ich schon nachts fliegen muß, dann nur über Europa. Da fühle ich mich viel sicherer als über arabischen Ländern".
Seit dem tödlichen Anschlag eines israelischen Killerkommandos auf seinen Stellvertreter Abu Dschihad im April dieses Jahres bei Tunis hat der PLO-Vorsitzende seine Sicherheitsmaßnahmen nochmals verstärkt. Bis auf seinen langjährigen Leibwächter Fathi wird seine Bodyguard-Truppe spätestens alle vier Wochen ausgetauscht. Selbst die Piloten seiner Maschine erfahren erst unmittelbar vor dem Start den Kurs und das Ziel.
Bei allen Sicherheitsmaßnahmen hat Arafat genaue Vorstellungen von seinem Ende: "Ich weiß ganz genau, daß ich im Bett sterben werde."
Ob dieses Bett aber in einem Haus in Palästina stehen wird, hat er nicht gesagt.

DER SPIEGEL 52/1988
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