31.10.1988

FILMSpäter Triumph

„Die Kommissarin“. Spielfilm von Alexander Askoldow. Sowjet-Union 1967/1988. Schwarzweiß; 108 Minuten. *
Irgendwo in der Ukraine, mitten im russischen Bürgerkrieg zwischen der Roten Armee und der weißen Konterrevolution. Eine bolschewistische Kampfeinheit zieht in ein anscheinend ausgestorbenes, wie lauernd daliegendes Dorf ein. Vornweg reitet ein Späher, dessen Blick argwöhnisch die Dächer und die mit Balken verrammelten Tür- und Fensterhöhlen nach versteckten Heckenschützen absucht. Sekunden dehnen sich wie Minuten, verschwindend klein ist in dieser feindseligen Stille der Abstand zwischen Leben und Tod.
In der vordersten Gruppe der einrückenden Abteilung bewegt sich, mit harten, männlichen Gesichtszügen, von den Soldaten kaum zu unterscheiden, eine Frau. Der grobe Militärmantel verhüllt ihre klobige Gestalt. Das grimme Flintenweib heißt Wawilowa (Nonna Mordjukowa) und ist die Politkommissarin des Regiments. Mit kurzen Befehlen dirigiert sie, die wegen ihrer Unförmigkeit nur mit Mühe aus dem Sattel kommt, die absitzende Truppe. Kein Erbarmen findet ein gerade eingefangener Deserteur. Verächtlich nennt sie den Unglücklichen eine erbärmliche Memme und läßt ihn auf der Stelle erschießen. Der Kampf geht um die Menschheit, die Menschlichkeit im großen und ganzen, um die Befreiung der Arbeiter, das Glück der Zukunft. Das Leben eines einzelnen, eines Abweichlers gar, zählt nichts.
Aber die Natur hat der Revolution einen bösen Streich gespielt. Was den Leib der Kommissarin aufgetrieben hat, ist eine weit fortgeschrittene Schwangerschaft. Zur Abtreibung läßt sich der Regimentsarzt auch mit vorgehaltener Pistole nicht zwingen, es ist zu spät.
Als sich das Regiment vor einer weißen Übermacht zurückziehen muß, wird die lästig gewordene Kommissarin bei dem nahebei wohnenden jüdischen Kesselflicker Jefim Magasanik einquartiert (Rolan Bykow spielt ihn als paradoxe Mischung aus quirliger Lebensfreude und melancholischer Todesahnung).
Vergebens rauft sich Magasanik die wenigen Haare, schimpft, er sei kein Rothschild, und verflucht seine Vorfahren bis ins siebte Glied. Eine Kammer der engen Behausung, in der er mit seiner Frau Marija, der Schwiegermutter und sechs kleinen Kindern lebt, muß für die Fremde geräumt werden.
In der bettelarmen jüdischen Familie lernt die Kommissarin eine für sie neue, unmittelbare Menschlichkeit kennen. Trotz seines anfänglichen Grolls akzeptiert Magasanik "die Russin", da sie nun einmal da ist, wie ein Familienmitglied. Seine Frau Marija trifft mit leiser Umsicht alle Vorbereitungen für die Niederkunft von "Madame", wie sie Wawilowa so respektvoll wie mütterlich nennt.
Alexander Askoldows Film "Die Kommissarin" handelt nicht nur vom Sieg des Lebensprinzips über das des Todes, von der Verwandlung der eisernen Kriegskommissarin in eine Frau, die ihre Weichheit entdeckt, auf ihrem Matratzenlager bei der Geburt vor Schmerzen schreit und mit dem Neugeborenen zärtlich lallt. Der Film ist vor allem ein Requiem für die Juden, die ewigen Opfer der Geschichte.
Die Wawilowa wird Zeugin der tödlichen Gefahr, in der die jüdische Familie angesichts des mörderischen Antisemitismus in der Ukraine schwebt. Askoldow kommt ohne die naturalistische Schilderung von Greueln aus, er verfügt über stärkere Mittel. In Bildern, die man nicht vergißt, zeigt die Kamera Magasaniks Kinder beim Pogromspiel: Ein Opfer wird bestimmt, von den Geschwistern in naiver Grausamkeit gequält und als "dreckiger Jude" beschimpft.
Askoldow konzentriert das ganze Entsetzen der Szene in der Großaufnahme eines Details. An Händen und Füßen gefesselt, schwingt das vor Angst wimmernde Opfer in einer Art Affenschaukel durch die Luft, während sich die kleinen Täter vor Lachen kaum halten können.
Manche Szenen strahlen große poetische Intensität aus. Wenn die alte Großmutter, mitten im Gewusel der Hütte ganz in ihren Glauben versunken, jiddische Gebete vor sich hin spricht (die ersten jiddischen Sätze in einem sowjetischen Film), dann gehört das Feierliche ganz selbstverständlich zum Alltag. Umgekehrt bekommt die schlichteste Verrichtung etwas Feierlich-Religiöses, wenn Magasanik seiner unermüdlichen Marija zärtlich die Füße wäscht.
Immer wieder wird die realistische Filmerzählung von Traumszenen unterbrochen und überlagert. Eine von ihnen, eine Vision der Kommissarin, schlägt den Bogen vom russischen und ukrainischen Antisemitismus zum Massenmord, den zwei Jahrzehnte später die Nazis organisierten: Mit dem gelben Stern auf der Brust werden die Magasaniks in die Vernichtungsstätten getrieben.
Aufgrund dieser Vision vor allem läßt die Kommissarin am Ende ihr Baby in der Obhut ihrer Gastgeber zurück, um in ihrem Regiment für eine Internationale zu kämpfen, die endlich auch den Juden ein Leben ohne Angst garantieren soll.
Sofort nach der Fertigstellung wurde dieser außerordentliche Film 1967 als "antisowjetisch" verboten. Er blieb es 20 Jahre lang. Erst bei den Moskauer Filmfestspielen 1987 kam es zur öffentlichen Aufführung. Sie wurde zum triumphalen Erfolg.
Bei der diesjährigen Berlinale gewann der mit vergleichsweise geringen Kosten in Schwarzweiß gedrehte Film einen "Silbernen Bären". Auch die internationale Kritikervereinigung und kirchliche Filmjurys haben in seltener Einmütigkeit die "Kommissarin" ausgezeichnet. Zu Recht: Mit seinem meisterlichen Debütfilm hat Askoldow an die große Tradition des frühen sowjetischen Kinos angeknüpft. _(Mit Raissa Nedaschkowskaja, Rolan Bykow. )
Mit Raissa Nedaschkowskaja, Rolan Bykow.

DER SPIEGEL 44/1988
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