26.12.1988

„Die Affäre kostete mich den Titel“

Ex-Schachweltmeister AnatolijKarpow über den Fall Jungwirth und den Streit mit seinem Nachfolger Kasparow
SPIEGEL: Anatolij Jewgenjewitsch, das Urteil des Hamburger Landgerichts gegen Ihren früheren Vertrauten Helmut Jungwirth - zwei Jahre acht Monate Freiheitsstrafe - ist noch nicht rechtskräftig, aber 800 000 Mark muß er Ihnen auf jeden Fall zahlen. Was werden Sie mit dem Geld anfangen?
KARPOW: Das Geld bekomme ich, aber ich gebe es weiter, und es wird zur Förderung des sowjetischen Sports und insbesondere des Schachs verwendet.
SPIEGEL: Wer hat das entschieden?
KARPOW: Das war meine eigene Entscheidung, als ich bei den westdeutschen Behörden Strafanzeige gegen Jungwirth erstattet habe, Mitte 1985.
SPIEGEL: Warum verzichten Sie auf das Geld?
KARPOW: Ich habe in meinem Leben des öfteren Geld weitergegeben, zum Beispiel 1986 gemeinsam mit Kasparow, als wir das gesamte Preisgeld des Londoner WM-Matchs für den Tschernobyl-Fonds gespendet haben.
SPIEGEL: In der Bundesrepublik gibt es Gerüchte von einem Junktim in Moskau: Sie verzichten auf Ihr Geld zugunsten des Staates, daraufhin verzichtet der Staat zu prüfen, ob Sie gegen Devisenbestimmungen verstoßen haben.
KARPOW: Es gibt kein solches Junktim. Ich habe in Moskau nichts zu befürchten.
SPIEGEL: Zwischen Ihrer Strafanzeige und dem Urteil sind weit mehr als drei Jahre vergangen. Die ersten Berichte über die Affäre erschienen in der deutschen Presse im Herbst 1985, als Sie in Moskau das zweite Weltmeisterschafts-Match gegen Kasparow spielten.
KARPOW: Sie können es doch wesentlich genauer sagen. Der erste Bericht Ihres Nachrichten-Magazins erschien am 30. September 1985.
SPIEGEL: In der Zeit vom 1. bis 24. Oktober verloren Sie drei von neun Partien und gewannen keine einzige. Sie spielten, wie uns scheint, so schlecht wie weder vorher noch nachher in irgendeinem Ihrer vier Matchs gegen Kasparow.
KARPOW: Ich stimme in dieser Einschätzung völlig mit Ihnen überein.
SPIEGEL: Gibt es da einen Kausalzusammenhang?
KARPOW: Ohne den damaligen Bericht im SPIEGEL, also ohne Ihre Hilfe, hätte Kasparow mich 1985 nicht besiegt, wäre er zumindest damals nicht Weltmeister geworden. Insofern weiß ich nicht, ob der SPIEGEL oder ob Kasparow gegen mich gewonnen hat.
SPIEGEL: Wieso haben Sie während des Matchs von dem Artikel erfahren? Wir haben immer gehört, beide Spieler würden bei Weltmeisterschaften vollständig von der Außenwelt abgeschottet.
KARPOW: Ich habe damals sehr schnell den Inhalt des SPIEGEL-Artikels erfahren, weil die andere Seite sehr darum bemüht war. Es gab immer Treffen und Gespräche mit Offiziellen, und denen konnte ich nicht fernbleiben, zumal das Match in der Sowjet-Union stattfand. Und bei diesen Gelegenheiten konnte ich natürlich nicht "abgeschottet" werden.
SPIEGEL: Aber warum hat Sie der Artikel aus der Bahn geworfen?
KARPOW: Weil der Artikel eine Reihe von Aspekten enthielt, die darauf zielten, mich zu diskreditieren; es wurde insbesondere nicht ausgeschlossen, daß ich das Geld schon erhalten haben könnte. Das wurde dann von Leuten, die nicht meine Freunde sind, genutzt, ebenso wie die Tatsache, daß ich mich im Alleingang an die Gerichte in der Bundesrepublik gewandt hatte.
SPIEGEL: Halten Sie Ihre damalige Entscheidung heute für falsch?
KARPOW: Aus der Sicht der Weltmeisterschaft habe ich es falsch gemacht, ich habe den Titel verloren. Im Blick auf Gerechtigkeit und reines Gewissen habe ich es richtig gemacht. Als ich 1984 die Dokumente erhielt, die Jungwirth überführten, stand mein Kampf mit Kasparow vor der Tür. Ich habe ein halbes Jahr gezögert, ob ich trotzdem gegen Jungwirth vorgehen sollte. Aber dann hörte ich, daß es in der Bundesrepublik eine Verjährungsfrist von fünf Jahren gibt. Wäre sie verstrichen, hätte Jungwirth ohne Widerspruch behaupten können, er hätte mir das Geld gegeben. Und dann wäre ich in eine ganz entsetzliche Lage gekommen. Deshalb mußte mir daran liegen, die Sache durch deutsche Gerichte klären und entscheiden zu lassen.
SPIEGEL: Jungwirth hat nach Überzeugung des Hamburger Landgerichts darauf spekuliert, daß Sie den Vertrag in Moskau verheimlicht hätten und deshalb nicht gegen ihn vorgehen würden.
KARPOW: Eine naive Annahme. Wie könnte ich etwas verheimlichen wollen, was nicht verheimlicht werden konnte? Die Schachcomputer mit meiner Werbung standen in vielen Geschäften der Bundesrepublik.
SPIEGEL: Hatten Sie denn den Vertrag, den Sie, Jungwirth und der Computerhersteller Auge, der Inhaber der Hongkonger Firma Novag, unterschrieben hatten, in Moskau gemeldet?
KARPOW: Jungwirth hatte mir gesagt, wir hätten einen Vorvertrag unterschrieben, und deshalb ließ er sich von mir noch zusätzlich eine Vollmacht ausstellen. Später behauptete er, die Schachcomputer-Firma sei bankrott. Und dann sagte er, das Geld sei irgendwo in Amerika, man müsse es dort suchen. Ich hätte mich mit den zuständigen Behörden in Moskau in Verbindung setzen können, wenn ich Geld bekommen hätte, aber das war nicht der Fall.
SPIEGEL: Wann haben Sie die Moskauer Behörden informiert?
KARPOW: 1984, als ich erfuhr und die Belege erhielt, daß die Firma Novag eine halbe Million Dollar an Jungwirth gezahlt und daß Jungwirth das Geld behalten hatte.
SPIEGEL: Haben wir Ihre Aussage im Jungwirth-Prozeß richtig verstanden, daß Sie öffentlich erklären dürfen, wieviel Sie bei einem Turnier im Westen als Sieg- und Preisgeld bekommen, daß es aber ein "amtliches Geheimnis" ist, wieviel Sie an den Staat abführen müssen?
KARPOW: Jedes Land hat seine eigenen Finanzvorschriften, und nicht alle werden publik gemacht.
SPIEGEL: Kasparow hat des öfteren berichtet, wieviel oder, besser gesagt, wie wenig Geld ihm bleibt, meist wohl nur 20 bis 30 Prozent. Verletzt er damit die Geheimhaltungspflicht?
KARPOW: Im Prinzip ja, aber das ist eine persönliche Angelegenheit Kasparows.
SPIEGEL: Sie haben sich vor Gericht über Ihre West-Konten so zögernd geäußert, daß mancher da auch ein Geheimnis - etwas anderer Art - vermutet.
KARPOW: Ich verstehe die Aufregung um meine West-Konten nicht. Ich habe in Moskau ein großes Konto, und zwar in verschiedenen Währungen. Als erster Sportler habe ich der Sowjet-Union zwei Millionen Dollar eingebracht. Wenn Jungwirth das Geld zurückzahlt, werden es sogar zweieinhalb Millionen Dollar sein. Deshalb glaube ich, daß der Staat mir keine Vorhaltungen machen kann und wird. Ich habe alles ordnungsgemäß abgerechnet.
SPIEGEL: Wenn das alles so einfach und klar ist, warum haben Sie sich bei Ihrer Vernehmung in Berlin erst mit Ihren Anwälten auf dem Flur beraten, bevor Sie die Frage beantworteten, wie viele Konten Sie im Westen haben?
KARPOW: Bei der ersten gerichtlichen Vernehmung im Dezember 1986 in Hamburg hatte ich zwei Konten angegeben, in der Zwischenzeit war es notwendig geworden, ein drittes zu eröffnen. Diese Frage habe ich mit den Rechtsanwälten erörtert.
SPIEGEL: Und warum haben Sie sich immer so konspirativ bei der Filiale der Deutschen Bank am Hamburger Klosterstern über Ihr Konto informiert? Sie haben sich, so der Filialleiter Sander vor der Polizei, die Belege sehr genau angesehen und dann "klein zerrissen", statt sie nach Moskau mitzunehmen.
KARPOW: Warum hätte ich sie mitnehmen sollen? Ich habe sie mir angesehen, festgestellt, daß alles in Ordnung ist, dann brauchte ich sie nicht mehr. Ich behielt für mich jeweils nur den Beleg über den letzten Kontostand.
SPIEGEL: Ihr Nachfolger und Rivale Kasparow hat kürzlich in Köln gesagt, er könne sich nicht vorstellen, daß Sie sich völlig entsprechend den sowjetischen Devisenbestimmungen verhalten haben.
KARPOW: Ich kann keine Verantwortung für all das übernehmen, was Kasparow sagt und denkt.
SPIEGEL: Die Namen Karpow und Kasparow seien ein Synonym für Hund und Katze, hat mal ein deutscher Schachkolumnist geschrieben. Noch nie gab es soviel Feindschaft zwischen zwei Schachweltmeistern. Warum?
KARPOW: Sie haben doch schon öfter mit Kasparow gesprochen, diese Frage hätten Sie besser ihm stellen sollen. Ich bedaure, daß unsere Beziehungen so schlecht sind, aber weder ist das meine Schuld, noch kann ich allein dafür sorgen, daß sie besser werden.
SPIEGEL: Unsere Frage haben Sie noch nicht beantwortet: Warum gibt es diese Feindschaft?
KARPOW: Wir sind sicher vom Charakter her sehr verschieden. Sicher spielt auch der Abbruch des ersten Weltmeisterschafts-Match im Februar 1985 eine Rolle . . .
SPIEGEL: . . . als Kasparow sich um seine Chance gebracht glaubte, Weltmeister zu werden.
KARPOW: Das ist eine der vielen Geschichten, die Kasparow erzählt hat, leider auch in einem Journal wie dem SPIEGEL. Aber die Schwierigkeiten, die wir miteinander haben, lassen sich weder auf unsere Charaktere noch auf irgendein bestimmtes Ereignis zurückführen. Ich sehe sie in der Umgebung Kasparows begründet. Die hat ihn von vornherein darauf eingestellt: Karpow ist dein Feind.
SPIEGEL: Wer? Die Mutter?
KARPOW: In erster Linie Alexander Nikitin, der einzige Trainer, der ihn von Anfang an bis heute betreut. Der hat auf Kasparows Mutter eingewirkt.
SPIEGEL: Braucht ein Schachspieler, der Weltmeister werden oder bleiben will, ein Feindbild? Vielleicht muß er seinen Rivalen hassen?
KARPOW: Ich brauche das nicht. Ich könnte gar keinen Haß gegen einen Gegner entwickeln.
SPIEGEL: Was ist denn Kasparow für Sie: ein Kollege, den Sie nicht sonderlich mögen, ein Rivale, dem Sie die kalte Schulter zeigen, ein Feind?
KARPOW: Ich schätze ihn nur als Schachspieler. Seine menschlichen Züge gefallen mir nicht. Je weniger ich mich damit befassen müßte, desto lieber wäre es mir.
SPIEGEL: Kasparow hat Sie zum Mitglied einer "Schachmafia" erklärt, es gibt noch etliche andere scharfe Bezeichnungen. Welches sind Ihre stärksten Ausdrücke? Wir haben "flegelhaftes Verhalten" gefunden und den Vorwurf, Kasparow verbreite Lügen.
KARPOW: Grobes Verhalten habe ich ihm vorgeworfen, nicht flegelhaftes. Und was die Lügen angeht: Kasparow denkt sich manches aus, um seine Geschichten glatter, wirkungsvoller zu machen. Es kommt auch vor, daß er sich ganze Geschichten ausdenkt. Und dann sage ich eben: Das sind Lügen.
SPIEGEL: Haben Sie Geschichten parat, von denen Sie sagen, daß sie nur halb oder überhaupt nicht stimmen?
KARPOW: Nehmen Sie doch nur die kleine Geschichte von der Uhr, die er bei unserem WM-Match in Sevilla, Ende 1987, vergessen hat zu drücken.
SPIEGEL: Das stand in vielen Zeitungen. In der zweiten Partie lief seine Zeit weiter, obwohl Sie am Zuge waren, aber Sie haben ihn nicht darauf aufmerksam gemacht, und am Ende hat er die Partie verloren.
KARPOW: Ja, das ist die Geschichte. Aber hier handelt es sich um eine Komödie. Als Kasparow vergaß, seine Uhr zu drücken, war er schon in einer völlig hoffnungslosen Lage. Das steht mittlerweile auch in allen Büchern über das Match in Sevilla. Aber damals hat er die Geschichte mit der Uhr hochgespielt, dadurch bekam die Sache in den Zeitungen einen völlig anderen Akzent. Das war es, was Kasparow erreichen wollte und erreicht hat.
SPIEGEL: Was mißfällt Ihnen am meisten von all dem, was Kasparow über Sie sagt und schreibt?
KARPOW: Es empört mich, daß er zusammen mit einzelnen Journalisten, und das gilt leider in einigen Fällen auch für den SPIEGEL, versucht hat, meinen Ruf als Schachspieler und überhaupt meinen Namen in Mißkredit zu bringen.
SPIEGEL: Sogar in seinem Buch "Politische Partie" hat er geschrieben, daß er Sie als Schachspieler hoch schätze.
KARPOW: Das kann ich nicht leugnen. Aber Kasparow sagt immer wieder, ich hätte den Titel des Weltmeisters geschenkt bekommen, und wenn Fischer zu einer Weltmeisterschaft angetreten wäre, dann wäre ich nicht Weltmeister geworden.
SPIEGEL: Hat es Sie selbst gestört, daß Fischer seinen Titel gegen Sie nicht verteidigt hat?
KARPOW: Natürlich hätte ich gern gegen Fischer gespielt. Ich habe mich nicht zufällig dreimal mit ihm getroffen, um ihn für einen Titelkampf zu gewinnen. Ich hatte ja 1974 alle Kandidaten-Wettkämpfe gewonnen, das heißt, ich war abgesehen von Fischer der beste Schachspieler der Welt. Aber weil ich nie gegen ihn gespielt habe, konnte ich nicht sagen: Ich bin besser als Fischer.
SPIEGEL: Wie groß wären Ihre Chancen gewesen, wenn es 1975 zu einem Match um den Titel zwischen Fischer und Ihnen gekommen wäre?
KARPOW: 1975 war Fischer etwas besser, meine Chancen damals würde ich mit 40 zu 60 Prozent einschätzen.
SPIEGEL: Und danach?
KARPOW: Dann habe ich eine ganze Reihe von Turnieren gewonnen. 1976 war ich schon sehr stark, zu dieser Zeit war ich mit Sicherheit bereits besser als Fischer.
SPIEGEL: Wieviel hätten Sie aus Kasparows Buch "Politische Partie" gestrichen, weil es nach Ihrer Meinung nicht stimmt oder übertrieben ist?
KARPOW: Ich habe dieses Buch nicht von Anfang bis Ende gelesen, um ehrlich zu sein. Mir haben einige Seiten genügt. Deshalb kann ich nicht sagen, wieviel Prozent ich gestrichen hätte.
SPIEGEL: Dann könnten schreckliche Dinge drinstehen, von denen Sie gar nichts wissen?
KARPOW: Das glaube ich nicht, davon hätte man mir schon erzählt. Ich bin der Meinung, daß Kasparow mit diesem Buch keine Ehre eingelegt hat. Er hat sich damit selbst geschadet.
SPIEGEL: Politisch sind Sie laut Kasparow ein Mann von gestern, er ist ein Mann von heute, oder anders gesagt: Sie waren ein Mann Breschnews, er ist ein Mann Gorbatschows.
KARPOW: Ist er nicht ein Mann Alijews?
SPIEGEL: Er schildert in seinem Buch das damalige Politbüromitglied Alijew aus Baku als seinen Förderer, heute ist Alijew weder im Politbüro, noch hat er sonst ein wichtiges Amt, und er wird der Korruption beschuldigt.
KARPOW: Also muß Kasparow befürchten, bald ein Mann von vorgestern zu sein. Aber lassen wir das, genug davon. All das, was Kasparow über seine und über meine politische Einstellung schreibt, ist schierer Unsinn.
SPIEGEL: Sie gehören beide der Kommunistischen Partei an, aber das spielt in Ihrer Auseinandersetzung offenbar keine Rolle.
KARPOW: Wir sind in der Tat beide Mitglieder der Kommunistischen Partei. Aber uns unterscheidet nicht, daß Kasparow für Perestroika ist und daß ich dagegen bin. Er behauptet das zwar, aber das ist Unsinn. Wir wollen beide, daß sich unser Land verändert, aber darüber, wie das geschehen soll, mögen sich unsere Ansichten unterscheiden.
SPIEGEL: Wir haben, ehrlich gesagt, von Ihnen noch nicht sehr viel darüber gelesen und gehört, was "Perestroika" und "Glasnost" für Sport und Schach bedeuten sollen.
KARPOW: Ist es nicht ein Stück "Glasnost", wenn in der Schachzeitschrift "64", deren Chefredakteur ich bin, das SPIEGEL-Gespräch vom Juni 1988 im Wortlaut nachgedruckt wurde, in dem Kasparow mich wütend angreift und beschimpft?
SPIEGEL: Wohl wahr.
KARPOW: Und ich habe in "64" mit Glasnost schon begonnen, als das Wort noch nahezu unbekannt war. Früher durften Namen von Schachspielern nicht genannt werden, die in den Westen gegangen waren. Wir haben Material sogar über Bogoljubow veröffentlicht, der 60 Jahre lang in sowjetischen Schachzeitungen und -büchern totgeschwiegen wurde*.
SPIEGEL: In der Auseinandersetzung zwischen Kasparow und Ihnen ist laut Kasparow sein früherer Trainer Jewgenij Wladimirow eine Hauptfigur, weil er - so der erste Vorwurf - insgeheim für Sie gearbeitet hat und weil Sie ihn später - so der zweite Vorwurf - in Ihr Team aufgenommen und mit ihm in den Trainingslagern Taschkent und Odessa zusammengearbeitet haben.
KARPOW: Wladimirow kenne ich gut, wir haben früher in der sowjetischen Jugendmannschaft zusammengespielt. Aber natürlich war er nicht mein "Spion" in Kasparows Team, und natürlich gehörte er weder in Taschkent noch in Odessa zu meinem Team.
SPIEGEL: Wer behauptet, ihn dort gesehen zu haben, lügt?
KARPOW: Ja. Die Geschichte paßt so schön in den Rahmen, den sich Kasparow zurechtgezimmert hat: Es kann nicht seine Schuld gewesen sein, es muß an anderen gelegen haben, daß er das Match in Sevilla nicht gewonnen hat, sondern mit der letzten Partie gerade noch einen Gleichstand erreicht und damit seinen Titel gerettet hat.
Und er äußert sich immer so sicher, als habe er unwiderlegbare Beweise. Aber solche Beweise kann er nicht beibringen, das ist völlig unmöglich. Ich habe nie daran gedacht, Wladimirow um Hilfe zu bitten. Ich habe ihn überhaupt in letzter Zeit nur ein einziges Mal gesehen, als wir in derselben Mannschaft um die Europameisterschaft spielten.
SPIEGEL: Und Sie haben auch die Aufzeichnungen nicht gesehen, die Wladimirow als Kasparows Trainer heimlich gemacht und mitgenommen hat?
KARPOW: Nein.
SPIEGEL: Eine andere Hauptfigur ist laut Kasparow ein gewisser Tofik Dadaschew, der nicht nur Hellseher, sondern auch sonst zu allerlei Übersinnlichem fähig sein soll. Der war früher für Kasparow tätig und soll zu Ihnen übergelaufen sein. Hat Dadaschew Sie denn früher gestört, wenn er bei einer WM im Saal auftauchte?
KARPOW: Ich habe ihn öfter im Saal gesehen, auch als beim dritten Match 1986 in Leningrad die 22. Partie gespielt wurde. Laut Kasparow hat sich Dadaschews Anwesenheit ja verhängnisvoll auf meinen Zustand ausgewirkt**.
SPIEGEL: Hatten Sie denn das Gefühl, daß von Dadaschew übersinnliche Kräfte ausgingen?
KARPOW: Ich empfand seine Anwesenheit als Belastung, als Druck. Mehr kann ich nicht dazu sagen.
SPIEGEL: War es eine Art Fernhypnose?
KARPOW: An Hypnose glaube ich nicht so recht.
SPIEGEL: Irgendwann zwischen dem dritten und vierten Match, also 1986/87, ist dann Dadaschew zu Ihnen übergewechselt?
KARPOW: Nein. Er ist nur zu mir gekommen, weil er sich mir gegenüber wegen der 22. Partie in Leningrad schuldig fühlte.
SPIEGEL: Dadaschew hat Sie nicht beraten?
KARPOW: Er war für mich kein Ratgeber. Ich wollte von ihm nur wissen, was er Kasparow über mich erzählt hat, welche meiner Schwächen er erforscht hat. Ich meine, ich hatte ein Recht darauf, das zu erfahren.
SPIEGEL: Und was hat er Ihnen erzählt?
KARPOW: Ich möchte da nicht ins Detail gehen. Es ist ein Berufsgeheimnis, denn es geht nicht nur um Kasparow, sondern auch um andere Schachspieler, mit denen ich im Wettbewerb stehe. Wenn der frühere Weltmeister Smyslow in einer Partie schlecht steht, bekommt er rote Ohren. Auch bei Kasparow gibt es Eigenheiten, auch bei mir. Manches ist bekannt, manches nicht.
SPIEGEL: Kasparow könnte doch publik machen, was er von Dadaschew über Sie erfahren hat.
KARPOW: Das wäre seine Sache. Was Dadaschew herausgefunden haben will, muß ja nicht alles stimmen. Ich habe Dadaschew nicht gesagt, was an seiner Beobachtung und Analyse zutrifft und was nicht.
SPIEGEL: Herr Karpow, der Fall Dadaschew bringt uns auf ein altes Thema. Russische Schachspieler gelten als noch abergläubischer, noch wundergläubiger als andere. Wie steht es mit Ihnen, glauben Sie, daß es Übersinnliches gibt?
KARPOW: Ich habe nie mit Parapsychologen gearbeitet. Wenn Kasparow dem Dadaschew so dankbar ist, muß der für ihn ja irgend etwas getan haben.
SPIEGEL: Lassen wir Kasparow mal einen Moment beiseite. Was halten Sie, was hält der gebildete Russe, der Akademiker Karpow von Parapsychologie?
KARPOW: Ich denke, ganz ablehnen kann man sie nicht. Es gibt Dinge, die sich noch nicht genau definieren lassen. Man wußte ja lange Zeit nicht, daß es so etwas wie Elektrizität gibt, aber es gab sie immer. Früher haben die Leute gelebt, ohne sie zu nutzen, heute sitzen wir bei elektrischem Licht.
SPIEGEL: Kann sich bei einer wichtigen Schachpartie, in die man seinen ganzen Geist steckt, der Gedanke, den ein Spieler hat, auf seinen Gegner übertragen?
KARPOW: Durchaus.
SPIEGEL: Der berühmte Spieler Akiba Rubinstein - er starb 1961 - hat sich nach jedem Zug in die entfernteste Ecke des Saals zurückgezogen, damit sich seine Gedanken nicht übertragen. War das verrückt oder vernünftig?
KARPOW: Wenn mein Gegner vom Brett weggeht, dann ist das für mich schon ein Zeichen. Er sieht etwas, was ich auch sehen müßte. Dann fange ich an zu suchen.
SPIEGEL: Nun gut, Rubinstein ist immer weggegangen, da hätten Sie sich totgesucht.
KARPOW: Ich pflege fast immer spazierenzugehen, wenn ich nicht am Zuge bin. Aber Spieler, die sich wechselnd verhalten und dann plötzlich verschwinden, geben einem schon einen Hinweis.
SPIEGEL: Das sind dann äußere Zeichen. Aber gibt es auch Übertragung, unsichtbar, stumm, von Gehirn zu Gehirn?
KARPOW: Ja, das gibt es. Man "erfährt" einen Zug, den der Gegner fürchtet oder den er plant.
SPIEGEL: Was tun Sie, um Ihre Gedanken zu verbergen?
KARPOW: Das ist mein Geheimnis!
SPIEGEL: Sind Sie abergläubisch?
KARPOW: Ich habe ein paar diesbezügliche Gewohnheiten, aber ich weiß nicht, ob ich das Aberglauben nennen soll.
SPIEGEL: Fragen wir doch einfach mal. Gehen Sie während einer Weltmeisterschaft zum Friseur?
KARPOW: Kurz vorher und gleich danach, aber nicht während eines Matchs.
SPIEGEL: Gibt es Anzüge, die Ihnen Glück bringen?
KARPOW: Wenn ich in einem Anzug eine Partie verliere, ziehe ich zur nächsten Partie einen anderen an. Der Anzug kommt in den Schrank, bis zum Ende des Matchs gilt er als Unglücksanzug.
SPIEGEL: Und wenn Sie in einem Anzug eine Partie gewinnen?
KARPOW: Dann ziehe ich ihn zur nächsten Partie wieder an. Das mache ich auch nach einem Remis so. Aber nach einem Remis könnte auch ein anderer Anzug drankommen.
SPIEGEL: Kasparow und Sie unterscheiden sich auch, wie es scheint, in ihrem Lebensstil. Sie beschäftigen sich fast nur mit Schach, er kümmert sich um sehr viele andere Dinge.
KARPOW: Er redet nur einfach mehr über sich selbst, dadurch entsteht dieser Eindruck.
SPIEGEL: Herr Karpow, zum Schluß ein paar Fragen zur Vergangenheit und zur Zukunft. Der Abbruch des ersten WM-Matchs mit Kasparow, als es zwar 5 zu 3 für Sie stand, aber ihr Gegner die beiden letzten Partien gewonnen hatte, scheint Sie beide ein für allemal entzweit zu haben. Sie haben ja damals dem Abbruch zugestimmt. War das aus heutiger Sicht ein Fehler?
KARPOW: Der Abbruch war schon erfolgt, als ich ihm zustimmen sollte und ihm zugestimmt habe. Der Abbruch war ein sehr großer Fehler, besonders aus meiner Sicht. Kasparow sollte für den Weltschachbund-Präsidenten Campomanes, der die Entscheidung traf, in der Kirche eine Kerze anzünden, statt ihn anzugreifen.
SPIEGEL: Campomanes hat kürzlich erklärt, der Abbruch sei die großartigste Entscheidung seines Lebens gewesen, er hätte für das Schach nichts Besseres tun können.
KARPOW: Um seinen Namen bekanntzumachen, und zwar in skandalöser Weise, hätte er nichts Besseres tun können. Für das Schach und für mich war der Abbruch die denkbar schlechteste Entscheidung.
SPIEGEL: Hingen Sie nicht in den Seilen, wie ein Reporter schrieb?
KARPOW: Wir waren beide erschöpft, anders konnte es gar nicht sein, nachdem wir 22 Wochen lang 48 Partien gespielt hatten. Jeder Zug Kasparows hätte sein letzter sein können, es stand 5 zu 3 für mich, bei 6 zu 3 wäre Schluß gewesen. Und ich hätte immerhin noch drei Partien verlieren müssen.
SPIEGEL: Wie groß ist Ihre Chance, 1990 wieder Herausforderer oder sogar wieder Weltmeister zu werden?
KARPOW: Das hängt sehr davon ab, in welcher Verfassung, in welcher Form ich bin. In meiner jetzigen habe ich sehr gute Chancen, Herausforderer zu werden. Die Chance, wieder Weltmeister zu werden, ist geringer.
SPIEGEL: Stehen Ihre Chancen 50 zu 50?
KARPOW: Wenn ich in der Form bleibe, in der ich jetzt bin, sind sie wesentlich größer.
SPIEGEL: 60 Prozent? 70 Prozent?
KARPOW: Mindestens 60 Prozent. Mindestens!
SPIEGEL: Könnte es sein, daß die Ungarin Judit Polgar den Weltmeister von 1990, mag er weiterhin Kasparow oder wieder Karpow heißen, in den neunziger Jahren entthront? Sie ist gerade zwölf Jahre alt und besitzt schon den Titel "Internationaler Meister", den Bobby Fischer, Sie und Kasparow erst später erworben haben.
KARPOW: Fischer war mit 14 Jahren bereits US-Meister, er war auch mit zwölf Jahren schon besser als Judit Polgar heute. Aber das Mädchen ist eine erstaunliche Begabung. Für ihr Alter spielt sie brillant, wenn es auch noch eindeutige Schwächen gibt. Ich glaube trotzdem nicht, daß sie in den neunziger Jahren mich oder Kasparow in einem WM-Match schlagen kann. Die Zeit ist viel zu nahe. Aber vielleicht - wirklich nur vielleicht - gelingt ihr dies im dritten Jahrtausend.
SPIEGEL: Wie groß ist die Chance, daß sich die Beziehungen zwischen Kasparow und Karpow normalisieren?
KARPOW: Die Initiative zur Verbesserung müßte von Kasparow ausgehen. Ich mag keine Beziehungen, die mit Lärm und Skandal verbunden sind. Den Journalisten mag das gefallen, mir nicht. Ich habe lieber gar keine Beziehungen als schlechte. Soll doch Kasparow mit seinem Krieg aufhören, der absolut überflüssig ist und dem Schach schadet. Ich habe jahrelang geschwiegen, zum erstenmal habe ich mich vor dem Match in Sevilla in einer Pressekonferenz geäußert.
SPIEGEL: Und danach in sowjetischen Zeitungen. Wie werden Sie sich verhalten, wenn Kasparow Sie weiter angreift?
KARPOW: Es gibt beim Militär einen Ausdruck, mit dem will ich Ihnen antworten. Ständiges wildes Knallen wird mit wenigen gezielten Schüssen erwidert.
SPIEGEL: Herr Karpow, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Volkswirt und Schachspieler *
gab Anatolij Karpow, 37, als seine Berufe an, als er in West-Berlin von der 11. Großen Strafkammer des Hamburger Landgerichts als Hauptzeuge in dem Prozeß gegen seinen früheren Vertrauten Helmut Jungwirth vernommen wurde.
Jungwirth, früher NDR-Redakteur und heute Musicalmanager, wurde zu zwei Jahren acht Monaten Freiheitsstrafe verurteilt, weil er eine halbe Million Dollar, die Karpow gehörten, veruntreut habe. Staatsanwalt und Jungwirth beantragten Revision. In einem rechtskräftig gewordenen zivilgerichtlichen Vergleich hat sich Jungwirth zur Zahlung von 800 000 Mark an Karpow verpflichtet.
Anatolij Karpow war Schachweltmeister von April 1975, als sein Vorgänger Bobby Fischer den Titel nicht verteidigte, bis November 1985. Dann entthronte ihn der 12 Jahre jüngere Garri Kasparow. Karpow lebt in Moskau, Kasparow in Baku und in Moskau.
Von W. Harenberg

DER SPIEGEL 52/1988
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