28.11.1988

ERICHFRIED

Er war der Journalist unter den Poeten, unermüdlich verwandelte er Tagesaktualitäten in Lyrik. In einigen haltbaren (und vielen weniger haltbaren) Gedichten hat Erich Fried dabei etwas geschaffen, was es vor ihm in deutscher Sprache so nicht gab: den Widerspruch als Kalenderblatt, die Lyrik als Plakatkunst. Aber nicht mit den agitatorischen, sondern mit seinen leisen Tönen prägte er sich am meisten ein: "Zweifle nicht/an dem/der dir sagt/er hat Angst/aber hab Angst/vor dem/der dir sagt/er kennt keinen Zweifel."
Im Jahre '68, dem Jahr der Apo, deren lyrischer Hausgott er wurde, war Erich Fried 47 Jahre alt: ein Greis also aus der Sicht jener, welche die Parole "Trau keinem über 30" auf ihr Fähnlein schrieben. Erich Fried hielt den radikalen Ideen der Jungen noch als kranker alter Mann die Treue - und er hat ihnen das Gefühl vermittelt, daß ihr Protest und ihre Utopien mehr ausdrücken als einen vorübergehenden Generationskonflikt. Mindestens ebenso populär machte ihn seine Liebeslyrik.
Geboren 1921, gelang dem jüdischen Wiener Gymnasiasten 1938 die Flucht nach England; das Londoner Exil wurde ihm zur zweiten Heimat. Kaum angekommen, gab er zur Erheiterung seiner Umgebung, die er bald eines Besseren belehrte, das Berufsziel "deutscher Dichter" zu Protokoll.
Das erste Lyrik-Bändchen, das der 23jährige Emigrant 1944 im von deutschen Bombern verwüsteten London veröffentlichte, trug den patriotisch klingenden Titel "Deutschland"; es enthielt Klagen um, nicht Anklagen gegen Deutschland.
Die professionellen Patrioten und Philosemiten der Bundesrepublik freilich reizte der militante politische Lyriker ("und Vietnam und", 1966, "Höre Israel!", 1974) und Vortragsredner Fried vor allem in den beiden letzten Jahrzehnten seines Lebens immer wieder bis zur blinden Wut.
Nachdem er die Erschießung des anarchistischen Ex-Studenten Georg von Rauch in einem Leserbrief "Vorbeugemord" genannt hatte, erstattete der Berliner Polizeipräsident Anzeige wegen Beleidigung; das Verfahren, in dem Heinrich Böll als Sachverständiger zugunsten seines Kollegen aussagte, endete mit Freispruch. Die Ermordung des Generalbundesanwalts Buback durch die RAF inspirierte Fried zu einem Gedicht, das es nach Meinung der entrüsteten Konservativen an der schuldigen Terror-Verurteilung fehlen ließ. Der CDU-Bürgerschaftsabgeordnete Bernd Neumann wollte ein in Bremer Schulen behandeltes Fried-Gedicht sogar "lieber verbrannt sehen".
Nur durch eine Eigenschaft wurde des Dichters Lust an der Provokation, sein selbstauferlegter Zwang zur permanenten Empörung gegen das Unrecht dieser Welt übertroffen: durch seine Feindesliebe. Frieds einziger, im Gegensatz zu seiner frappierend erfolgreichen Lyrik wenig gelesener Roman "Ein Soldat und ein Mädchen" handelt von der Liebe zwischen einem Juden und einer zum Tode verurteilten KZ-Aufseherin, deren historisches Modell die gefürchtete, 1945 von den Briten gehängte und bis zum Ende trotzig bekennende Nationalsozialistin Irma Grese war. Und noch vor wenigen Jahren hat Fried seine politischen Freunde mit dem Eintreten für Michael Kühnen in größte Verwirrung gestürzt. Bei aller ideologischen Verblendung hielt er dem jungen Neonazi "subjektive Ehrlichkeit" zugute.
Der paradoxe Moralist Fried war ebenso unbeugsam wie versöhnlich. Das Recht auf Irrtum zählte er zu den unveräußerlichen Menschenrechten; wie alle seine Überzeugungen praktizierte er auch diese mit Nachdruck selbst. Die Häme, mit der ihn manche als "Fachmann für Menschlichkeit" abtaten, hat ihn geschmerzt. Wie sein Freund Rudi Dutschke, dem er nach dem Berliner Attentat zur Einreise nach England verhalf, war der rebellische Menschenfreund Fried eine Verkörperung dessen, was Ernst Bloch den emotionalen "Wärmestrom" der sozialen Bewegungen genannt hat. 1987 wurde Fried mit dem Georg-Büchner-Preis geehrt, der neben dem Poeten dem bedeutenden Shakespeare-Übersetzer galt.
Auf die "Proust"-Frage, wie er sterben möchte, hat er vor drei Jahren geantwortet: "Erst nach den meisten heute herrschenden Politikern." Erich Fried starb am Dienstag vergangener Woche.

DER SPIEGEL 48/1988
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FRIED

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