06.06.2015

ParteienSonne der Gerechtigkeit

Spitzenpolitiker der Grünen dominieren den Evangelischen Kirchentag. Bei den Frommen sind sie Volkspartei.
Wenn Jesus jetzt hier wäre: Er würde die Grünen wählen. Da ist sich Renate Künast sicher. Allein schon wegen der Sache mit dem Veggie-Day. "Da gibt es andere, die kaufen billig-billig", sagt die grüne Exministerin, und das Buntglasfenster der Stuttgarter Friedenskirche wirft einen Schatten auf ihr Gesicht. "Aber wir sagen: Schluss mit der Lust nach billigem Fleisch!" "Amen", sagt Pfarrerin Rajah Scheepers. "Amen", sagt Künast. "Amen, Amen, Amen", singt die Gemeinde. Auf die Predigt folgt das Lied "Sonne der Gerechtigkeit": "Weck die tote Christenheit".
Es ist Kirchentag in Stuttgart; noch bis zum Sonntag feiert die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) ein großes Fest. Etwa Hunderttausend Besucher sind seit Mittwoch in der Stadt und haben den Schlossplatz und den Cannstatter Wasen in eine Art Pfadfinderlager verwandelt. Überall flattern rote Fähnlein im Wind, darauf das einem Bibelvers entnommene Kirchentagsmotto "damit wir klug werden". Man trägt bequeme Schuhe und kurze Hosen und isst Biobrezeln mit rosa Himalajasalz. Und ständig wird irgendwo gesungen, auf der Gitarre gespielt und zum Friedenslied Reigen getanzt, dass es eine helle Freude ist, außer vielleicht für jene, die dann doch lieber schnell weitergehen.
Wer wissen will, wie eine grüne Dominanzgesellschaft aussieht, in der Renate Künast Bundeskanzlerin werden könnte: Hier auf dem Kirchentag kommt man dieser Utopie sehr nahe. Religionssoziologen der Universität Leipzig haben vor einigen Tagen eine Studie vorgestellt. Bei Umfragen unter mehreren Tausend Kirchentagsbesuchern der vergangenen Jahre fanden sie bestätigt, dass viele sehr gern über politische Themen diskutieren, am liebsten über Umweltpolitik. Es gebe eine starke Verbindung zum sozialökologischen Milieu, so das Urteil der Wissenschaftler; die politischen Präferenzen seien ganz eindeutig: "Etwa die Hälfte der Kirchentagsbesucher würde die Partei der Grünen wählen."
Kein Thema des Kirchentags, das nicht auch bei einem Grünen-Parteitag auf der Agenda stehen könnte. Es gibt eine Resolution zum Thema "Freihandelsabkommen TTIP & Ceta stoppen"; sie wird unterstützt vom grünen Europaparlamentarier Sven Giegold, seine Bibelarbeit hatte er unter die Überschrift "Mammon" gestellt. Grünen-Parteichef Cem Özdemir trat derweil auf dem Schlossplatz zum Thema "Migration ist Vielfalt" auf.
Sein Kollege Anton Hofreiter ist für diesen Samstag auf einer Diskussion zum Thema "Sparen reicht nicht" eingeplant. Man ahnt, dass er den großen Bogen von der Recyclingtonne zur Griechenland-Krise schlagen wird. Und schließlich ist auch Volker Beck an der Reihe, das Thema "Sexualität. Lustvoll, männlich, weiblich und mehr" so einzubetten, dass es seinem Amt als Sprecher für Religionspolitik der grünen Bundestagsfraktion frommt.
Der Kirchentag von Stuttgart macht deutlich, wie tief die Grünen im Zuge ihrer Verbürgerlichung in das protestantische Buß- und Bettagsmilieu vorgedrungen sind.
In Stuttgart pilgert die geistliche Prominenz vom EKD-Ratsvorsitzenden und bayerischen Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm bis zum Kirchentagspräsidenten Andreas Barner nach dem Eröffnungssegen am Mittwoch zur "Parlamentarischen Nacht" der Grünen-Bundestagsfraktion. Baden-Württembergs grüner Ministerpräsident Winfried Kretschmann und Stuttgarts grüner Oberbürgermeister Fritz Kuhn sind natürlich auch da. Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt gibt nur halb im Scherz die Losung aus, dass es jetzt darum gehe, auch noch die restliche Hälfte der Kirchentagsbesucher von den Grünen zu überzeugen.
Tatsächlich ist es vor allem ihr Verdienst, dass die Ökopartei nicht nur im Stuhlkreis der Gemeinden angekommen ist, sondern auch auf der Funktionärsebene. Dem "Synode" genannten Parlament der Evangelischen Kirche stand sie von 2009 bis 2013 als Präses vor, bevor sie sich bei der Urwahl der Spitzenkandidaten zur Bundestagswahl gegen Claudia Roth durchsetzte, denn auch die grüne Basis hat es jetzt lieber fromm als freakig. Die wenigen verbliebenen Konservativen in der EKD-Synode wiederum sind von Göring-Eckardt angetan, weil sie zu allen wirklich wahnsinnig nett ist und ihre grünbewegten Friedens-, Umwelt- und Eine-Welt-Gruppen vielerorts noch zu den wenigen gehören, die eine Gemeinde am Leben erhalten.
"Die Farbenlehre an der Spitze der evangelischen Kirche ist, dass rosarot bis feuerrot vertreten ist und pastellgrün bis tiefgrün", beklagte sich der CSU-Politiker Günther Beckstein, der bei der Präses-Wahl 2013 gern Nachfolger von Göring-Eckardt geworden wäre, aber bei der Abstimmung chancenlos war.
Tatsächlich ist unklar, ob die Grünen die Protestanten gekapert haben – oder die Protestanten einen wesentlichen Teil der Grünen. Mitte Januar trafen sich die Mitglieder des grünen Bundesvorstands mit einer zehnköpfigen Delegation der EKD zu einer Art Kirchengipfel in Berlin. Für das Treffen, das "in außerordentlich harmonischer Atmosphäre" ablief, konnte "hohe Übereinstimmung in allen angeschnittenen Problemkreisen festgestellt werden", fasste die grüne "Bundesarbeitsgemeinschaft Christinnen und Christen" die Ergebnisse hinterher zusammen.
Nur noch wenige Grüne fordern eine klarere Trennung von Staat und Kirche. Die Privilegien, die die beiden großen christlichen Konfessionen etwa beim Arbeitsrecht genießen, werden nicht ernstlich infrage gestellt. Es gibt auch kaum noch einen prominenten Grünen, der sich gegen das Tanzverbot an stillen Feiertagen wie etwa Karfreitag ausspricht. Und die Abschaffung des sogenannten Gotteslästerungsparagrafen 166 im Strafgesetzbuch hat auch schon lange kein Spitzengrüner mehr gefordert. Göring-Eckardt ist dafür, das Blasphemieverbot erst einmal beizubehalten.
Mitte Januar veranstalteten die Grünen in Düsseldorf den ersten religionspolitischen Kongress in ihrer Parteigeschichte und kamen zu einem klaren Votum: Kirche und Staat gehören zusammen. Die Partei hat ihren Frieden mit der christlichen Werteordnung gemacht. "Wir sind uns einig darüber, dass wir kein laizistisches Modell wie in Frankreich fordern", so der Chef des grünen NRW-Landesverbands Sven Lehmann.
Die Frage ist, ob es der Kirche auf Dauer gut bekommt, wenn sie sich in eine Vorfeldorganisation der Grünen verwandelt. Etwa acht Millionen Mitglieder sind seit 1970 bereits verloren gegangen, fast doppelt so viele wie bei den Katholiken, und der Trend hält unvermindert an. Die Verweltlichung der Gottesdienste scheint nicht allen zu gefallen. Kapitalismuskritik, Veganismus oder die Angst vor der Klimakatastrophe haben auch andere Gruppen wie Greenpeace und Attac im Angebot.
In seinem berühmten Aufsatz "Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus" stellte der Soziologe Max Weber vor über hundert Jahren die These auf, dass der evangelische Glaube wesentlich zum wirtschaftlichen Wohlstand beigetragen habe. Zwischen Protestanten und dem Kapital bestehe eine Art "Wahlverwandtschaft", so Weber. Die protestantischen Tugenden Fleiß und Bescheidenheit mehrten den Reichtum des Einzelnen, aber auch den Wohlstand der Gesellschaft.
Beim Kirchentag allerdings lässt sich feststellen, dass das Verhältnis der Evangelischen zum Kapitalismus total zerrüttet ist, während die protestantische Ethik und der grüne Ökologismus eine innige Beziehung eingegangen sind. Weiße Hinweisschilder fordern die Besucher auf, fleißig ihren Müll zu trennen, rote Hinweisschilder mahnen zum Verzicht auf fleischhaltige Speisen. Auch das kennt man von Grünen-Parteitagen.
Von Alexander Neubacher

DER SPIEGEL 24/2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 24/2015
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Parteien:
Sonne der Gerechtigkeit

  • Schülerrede auf dem UN-Klimagipfel: Wie eine 15-Jährige mit Politikern abrechnet
  • Unterwegs mit einem Jäger: Darum ist Wild das bessere Fleisch
  • Angriffe auf Frauen in Nürnberg: Tatverdächtiger hat zahlreiche Vorstrafen
  • Bester Deutscher Big-Wave-Surfer: Sebastian Steudtner reitet Riesenwellen