06.06.2015

ProzesseNichts sehen, viel reden

Im Gerichtsverfahren um die tote Studentin Tuğçe Albayrak schildern Zeugen, was sie erlebt haben – und vor allem, was nicht. Von Julia Jüttner
Ihre Freundin Tuğçe Albayrak ist tot. Auf einem Parkplatz vor einer McDonald's-Filiale in Offenbach verpasste ein Junge ihrer Freundin einen Schlag, sie stürzte und erlitt schwerste Hirnverletzungen. Dieser Junge steht nun wegen Körperverletzung mit Todesfolge vor Gericht. Ajdina ist als Zeugin geladen. Sie soll einen Beitrag leisten, damit die Wahrheit ans Licht kommt. Aber das ist offenkundig nicht der Auftrag, den sie sich gegeben hat.
Der Junge habe den Schlag angekündigt, sagt Ajdina. "Du wirst schon sehen, was du davon hast, du Schlampe!", soll er Tuğçe Albayrak nach einem Wortgefecht im Restaurant zugerufen haben. Jens Aßling schaut zweifelnd. Er ist der Vorsitzende Richter der Jugendkammer des Landgerichts Darmstadt, die über den 18-jährigen Sanel M. Mitte Juni das Urteil fällen soll. Aßling ist bekannt für seine unaufgeregte, faire Verhandlungsführung und berüchtigt für seine harte Bestrafung.
"Diese Drohung taucht in Ihrer Vernehmung mit keinem Wort auf", sagt Aßling. Ajdina: "Ich weiß, dass er es gesagt hat." Eine andere Freundin sagt das Gleiche, Sanel M. habe Tuğçe Albayrak schon im McDonald's "mit einem so wütenden Blick angeguckt", er sei regelrecht fixiert auf sie gewesen und habe gedroht: "Wir werden uns noch sehen!" Im Polizeiprotokoll steht davon ebenfalls kein Wort.
Der Prozess gegen Sanel M. zeigt exemplarisch, wie schlecht Zeugenaussagen als Beweismittel taugen. Dabei wurden schon mehr als 40 Zeugen in Saal 3 des Darmstädter Landgerichts angehört. Viele widersprechen sich selbst, sagen plötzlich etwas anderes als noch in der Tatnacht oder in den Tagen danach bei Vernehmungen auf dem Polizeirevier.
Und erst recht widersprechen sich die Zeugen untereinander, selbst wenn sie in jenen Minuten auf dem Parkplatz nebeneinanderstanden. Manche Aussagen hingegen gleichen sich aufs Wort. Viele Zeugen biegen sich die Wahrheit zurecht, erinnern sich nur vage oder fantasieren schlichtweg etwas hinzu. Egal auf welcher Seite sie stehen: auf der des mutmaßlichen Täters oder der des Opfers.
Tun sie es mit Absicht? Sprechen sie sich ab? Oft vermischen sich eigene Erinnerungen mit fremden Eindrücken, Interpretationen und Schlussfolgerungen, was die Wahrheitsfindung enorm erschwert. "Ich sah nur noch, wie der Typ Tuğçe ins Gesicht schlug", hat Kristina bei der Polizei ausgesagt. "Haben Sie das überhaupt gesehen?", fragt Richter Aßling im Gerichtssaal nach. "Nein." Ihre Wahrnehmung habe sich "mit Details vom Hörensagen vermengt", gibt Kristina zu. Dafür sorgte auch das Video, das nach der Tat auf Bild.de veröffentlicht wurde. Es ist ein Zusammenschnitt von Filmen aus den Überwachungskameras des Parkplatzes. Fast jeder Zeuge hat es angeguckt. "Dadurch habe ich erst Sachen gesehen, die ich vor Ort gar nicht sehen konnte", sagt Kristina.
Im Gericht versammeln sich auf der einen Seite die Freundinnen der verstorbenen Studentin Tuğçe Albayrak, alle zwischen 20 und 29 Jahre alt. Tuğçe hatte mit den meisten von ihnen in einem Klub mit einer Flasche Jack Daniel's und Cola gefeiert, getanzt und viel gelacht. Auf der anderen Seite stehen die Jungs, alle zwischen 17 und 19 Jahre alt, auf die Tuğçe und ihre Freundinnen zufällig in dem Fast-Food-Restaurant stießen und mit denen sie aneinandergerieten. Vor dem Lokal eskalierte der Streit, Sanel M. versetzte Tuğçe Albayrak den Schlag, sie stürzte mit voller Wucht auf den Asphalt.
Vor Gericht gibt es zig verschiedene Versionen, wie es dazu kam: Die Jungs beschwören, ihr Kumpel Sanel M. sei "ziemlich besoffen" und "null aggressiv" gewesen, die Mädchen hätten ihn jedoch "voll provoziert", bis Sanel M. "die Sicherungen durchgebrannt" seien. Sanel M.s bester Freund Amin schildert, wie er mehrfach versucht habe, Sanel auf dem Parkplatz einzufangen. Immer wieder sei dieser zu den Mädchen gelaufen. Die Aufnahmen der Überwachungskameras belegen Amins Aussagen. Was sie nicht belegen, ist, ob Tuğçe Albayrak kurz vor dem Angriff Sanel M. hinterherrief: "Komm doch her, du kleiner Hurensohn!" Das behaupten die Jungs. Nur deshalb habe dieser zugeschlagen. "Er wurde wirklich bis aufs Letzte provoziert", sagt Amin.
Tuğçe Albayraks Freundinnen streiten das ab und sagen, sie hätten die Jungs für Halbstarke, Milchbubis, kleine Kinder gehalten. Nur einige geben zu, auch gepöbelt zu haben. Ihre Aussagen vor Gericht wirken oft einstudiert, als hätten sie sich zu gut abgesprochen. Anders die Jungs: Sie plappern fast wortgleich eine Version der Geschichte herunter, verwickeln sich in Widersprüche. Wer lügt, braucht ein gutes Gedächtnis.
Für die Prozessbeteiligten sind diese wackligen Aussagen mühsam. Hartnäckig fragen sich die Verteidiger Stephan Kuhn und Heinz-Jürgen Borowsky durch den Einheitsbrei der Mädchenclique, sie kapitulieren bei einem 17-jährigen Zeugen, einem Bekannten des Angeklagten, einem, den der Leiter der polizeilichen Ermittlungen als "objektivsten Zeugen" angekündigt hatte. Vor Gericht aber stammelt der Schüler nur herum. Der Richter entlässt ihn seufzend: "Möchte sonst wer den Zeugen befragen?" Auch Oberstaatsanwalt, Nebenklägervertreter und Sachverständiger winken ab; was sollen sie ihm schon glauben, viel jedenfalls nicht.
Einer der wenigen brauchbaren Zeugen ist Ali, 24, Student, mit keinem der Beteiligten bekannt, er gehört also zu keinem Lager.
Er sagt vor Gericht, von beiden Seiten seien "perverse" Beleidigungen gekommen. "Von Sanel auf jeden Fall, leider von Tuğçe auf jeden Fall." Ali will beobachtet haben, dass sich Sanel M. den Mädchen genähert hat, ohne aggressiv zu wirken oder auf sie loszugehen. Das könnte ein Indiz dafür sein, dass Sanel M. kurz vor dem Ausrasten von Tuğçe Albayrak tatsächlich gereizt wurde. Ein Beweis ist es aber nicht.
Jede dieser Aussagen, auch die glaubhaften, sind Mosaiksteine, die sich zu unterschiedlichen Bildern zusammensetzen lassen, aber am Ende muss die Kammer daraus ein Bild machen. Das richtige? Und was nützt juristische Wahrheit, wenn es auch danach doch immer mehr als diese eine Wahrheit geben wird, immer weiter eine Wahrheit für die Familie und Freunde von Tuğçe und eine andere für die von Sanel M. Weil jetzt schon klar ist, dass keine Seite eine andere als ihre Wahrheit zulassen würde.
Selbst die Aussagen von Polizeibeamten stimmen argwöhnisch. Er könne nicht bestätigen, dass Sanel M. aggressiv gewesen sei, als er ihn nach der Festnahme aus der Gewahrsamszelle geholt habe, sagt ein Kommissar. Im Gegenteil, Sanel M. sei kooperativ, ruhig, fast schweigsam gewesen. Woher er überhaupt die Information gehabt habe, dass Sanel M. aggressiv gewesen sein soll, will Verteidiger Kuhn wissen. Von dem Streifenbeamten, der den Jungen aufgelesen und in die Zelle gesteckt habe, sagt der Polizist. Doch der wiederum sagt vor Gericht: "Sanel M. war in keiner Weise aggressiv."
Nur einmal in fast jeder Befragung blitzt die Wahrheit in ihrer Gnadenlosigkeit auf: wenn es um den Augenblick geht, in dem Tuğçe Albayrak stürzte. Dann scheinen alle aufrichtig das zu beschreiben, was sie wirklich gesehen, gehört haben. "Tuğçe ist zurückgefallen wie ein Brett", sagt ihre Freundin Anja. Es habe geklungen, als wäre "eine Wassermelone zersprungen". "Es war ein Geräusch, als würde jemand einen Fernseher aus dem Fenster werfen", erinnert sich Kristina. "Als würde ein Auto gegen die Wand fahren", sagt Ali. Es sind die besonders unerträglichen Momente für Tuğçe Albayraks Familie. Ihre Mutter weint dann still, ihr Vater stützt den Kopf auf, ihre beiden Brüder blicken hilflos um sich. Sie alle treten als Nebenkläger in dem Verfahren auf.
Dass Tuğçe Albayrak zwei Teenagern auf der Damentoilette von McDonald's zur Hilfe eilte, wird vor Gericht zwar aufgearbeitet, ist im Verlauf der Hauptverhandlung aber in den Hintergrund gerückt. Zentral ist, was auf dem Parkplatz geschah: Sanel M. war schon kurz davor, ins Auto seines Freundes einzusteigen und wegzufahren, warum kehrte er noch einmal um? Folgte er nur einem Kumpel? Welche Rolle spielte die Beleidigung, die ihm Tuğçe Albayrak nachrief? In ihrer polizeilichen Vernehmung hat Tuğçes Freundin Anja gesagt, Tuğçe habe Sanel M. etwas hinterhergerufen, danach sei er kaum noch zu halten gewesen; vor Gericht verstrickt sie sich in Widersprüche.
Die Kammer wird es schwer haben, in dem Wust von Aussagen die Orientierung zu behalten. Dabei ist genau die wichtig, wenn ein Fall zwei so konträre Perspektiven bietet, sich zwei Lager so gegensätzlich gegenüberstehen, wenn die Lage so verfahren und wirr erscheint. Und der Fall so im Fokus der Öffentlichkeit steht. Das Urteil wird erneut spalten, egal ob Sanel M. ins Gefängnis muss oder mit einer Bewährungsstrafe davonkommt.
Für ihn geht es um sein Leben danach. Ein Leben in seiner deutschen Heimat Offenbach scheint nicht mehr möglich. "Den kennt hier jeder, hier kann er auf keinen Fall bleiben", sagt ein Kumpel. "Er ist und bleibt der 'Tuğçe-Schläger'." Denn Tuğçe ist tot. Nach einem Schlag von ihm. Das ist eine Wahrheit, an der keiner vorbeikommt. ■
Von Julia Jüttner

DER SPIEGEL 24/2015
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