22.04.1985

„Eine eigenartige geistige Gymnastik“

Das Vorhaben von Kanzler Kohl, mit seinem Gast Ronald Reagan auf einem deutschen Soldatenfriedhof auch vor SS-Gräbern vorzuführen, daß aus Feinden Freunde wurden, schlug gegen die Planer in Bonn und Washington zurück. Geschockt vom Entrüstungssturm in den USA, wurde in einer Kette von Peinlichkeiten das Besuchsprogramm um eine Fahrt in das KZ Bergen-Belsen ergänzt. Der US-Präsident, sonst als Showmaster erfolgreich, manövrierte sich durch Fehleinschätzung in das größte PR-Debakel seiner Amtszeit. *
Eilig und gestreßt suchte Michael Deaver nach einer Bühne für seinen Chef. Drei Tage reiste der stellvertretende Stabschef des Weißen Hauses letzte Woche durch die Lande, um dem amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan die Show zu retten.
Mit einem Bunker in der Normandie war es diesmal nicht getan; auch nicht mit einem schnellen Bier in einer irischen Dorfkneipe - Auftritte, die Deaver im vergangenen Jahr noch perfekt inszeniert hatte. Reagans Image-Pfleger hielt Ausschau nach einer Gedenkstätte des deutschen Holocaust, möglichst verkehrsgünstig und telegen.
Die beiden jüdischen Synagogen in Köln und Worms fielen, weil räumlich beengt, beim TV-Eignungstest durch. Dann besuchte Deaver, der Reagan seit dessen Amtszeit als Gouverneur in Kalifornien vermarktet, drei Mahnmale der NS-Vergangenheit in Dachau, Flossenbürg und Bergen-Belsen.
Doch das Interesse des Amerikaners galt nicht einer Aufarbeitung der Greueltaten aus der Hitler-Zeit, galt nicht den Opfern des Faschismus. Michael Deaver suchte, wie immer, nur den richtigen Blickwinkel für die Kameras.
Das KZ im bayrischen Dachau, das schon seit Monaten im Gespräch war, erhielt nicht den Zuschlag. Grund: Die Deutschen selbst waren sich nicht mehr sicher, ob ein Auftritt des US-Präsidenten in Dachau reibungslos über die Bühne gehen werde. Ehemalige Häftlinge, womöglich kommunistisch gesteuert, könnten die Feierstunde zu einer antiamerikanischen Demonstration nutzen, argwöhnte etwa Bayerns Ministerpräsident Franz Josef Strauß. Das KZ Flossenbürg
in der Oberpfalz, das der CSU-Führer als "noble Geste" empfahl, war den Amerikanern zu abgelegen. Sie bezweifelten, daß 300 US-Journalisten, die Reagan begleiten, rechtzeitig in Stellung gebracht werden könnten. Das Argument der Deutschen, in Flossenbürg könnten auch deutsche Widerstandskämpfer geehrt werden, ließen die PR-Herren aus Washington nicht gelten.
Flossenbürgs Nachteil aus ihrer Sicht: In dem Lager litten zu viele politische Häftlinge und Kriminelle, aber "zuwenig Juden" (ein Deaver-Begleiter). Auch der deutsche Hinweis verfing nicht, in diesem KZ sei ein Bruder des italienischen Staatspräsidenten Sandro Pertini ermordet worden.
Als Favorit unter den KZ-Kulissen der Gegenwart, bestens geeignet für weiträumige TV-Schwenks, erwies sich schließlich das im April 1945 von den Briten befreite Lager Bergen-Belsen in der Lüneburger Heide. 50 000 Häftlinge, darunter zahlreiche Russen, hatten in Bergen-Belsen ihr Leben lassen müssen. Auch das jüdische Mädchen Anne Frank, deren Tagebuch der Präsidenten-Berater Deaver als US-Bestseller kennt, gehört zu den Opfern.
Die hektische Fahndung nach mediengerechten Schauplätzen des vor 40 Jahren beendeten Nazi-Terrors war, zwei Wochen vor Reagans Ankunft in der Bundesrepublik, der letzte Versuch, eine Galavorstellung zu retten, die sich Kanzler Helmut Kohl und sein amerikanischer Freund so schön ausgemalt hatten.
Hand in Hand wollten der deutsche Kanzler und der US-Präsident vor die Weltöffentlichkeit treten - wie es Kohl und der französische Staatspräsident Francois Mitterrand über den Gräbern von Verdun schon mal geübt hatten. Vierzig Jahre nach dem Ende der Hitler-Diktatur wollten Kohl und Reagan vorführen, daß aus den Feinden von einst nicht nur Alliierte, sondern Freunde geworden sind.
Doch die Show ist mißraten, bevor sie in der nächsten Woche beginnen kann.
Die geplante Demonstration deutschamerikanischer Eintracht säte überall nur Zwietracht. Der Versuch, mit großen Gesten die gemeinsame Zukunft zu beschwören, hat, dilettantisch ins Werk gesetzt, vor allem in Amerika die Vergangenheit wiederaufleben lassen.
Statt freundschaftlicher Gefühle für die deutschen Alliierten riefen die US-Medien in der letzten Woche Erinnerungen an Judenmord und Hakenkreuz, SS und Weltkrieg wach. Der häßliche Nazi-Deutsche ist wieder da, so lebendig, gegen- und widerwärtig wie vor Jahren die Peiniger der jüdischen Familie Weiss im US-Fernseherfolg "Holocaust".
Reagans Entschluß, gemeinsam mit Kanzler Kohl auf dem Soldatenfriedhof des Eifelstädtchens Bitburg der NS-Opfer zu gedenken, ansonsten aber die Vergangenheit ruhenzulassen, hatte den Sturm der Entrüstung entfacht. US-Kriegsveteranen und jüdische Organisationen, die demokratische Opposition im Kongreß, aber auch Senatoren aus Reagans Republikanischer Partei protestierten gegen die Bitburg-Entscheidung. Die "New York Times" nannte sie "eine der peinlichsten und politisch gefährlichsten Episoden in Reagans Regierungszeit".
Besonders empört sind Reagans Kritiker darüber, daß der Präsident in der nächsten Woche einen Friedhof betreten will, auf dem auch 50 Angehörige der Waffen-SS begraben sind.
Reagans Rechtfertigung, "diese jungen Männer" seien letztlich "ebenso Opfer des Nationalsozialismus" gewesen wie die Opfer in den Konzentrationslagern, riß die Erinnerungen an die Vergangenheit erst recht auf. Jüdische Organisationen in den USA forderten ihren Präsidenten zur Rücknahme dieses Satzes auf. 53 US-Senatoren verlangten in einem Brief an Reagan, er solle "nicht Soldaten ehren, die im Kampf für das Dritte Reich mit seinen vielen Greueln gefallen sind".
Auch Kanzler Kohls rhetorisches Talent sorgte für Peinlichkeiten. Deutschen Bankern schlug er vor, sie sollten auf die Zukunft setzen - wie vor 40 Jahren, "im Angesicht des Galgens", der im KZ Flossenbürg von Nazis ermordete Pastor Dietrich Bonhoeffer: "Was im Konzentrationslager Flossenbürg möglich war, müßte heute auf einem Bankentag oder anderswo auch möglich sein" - mit dieser im offiziellen Bulletin der Bundesregierung vom 2. April veröffentlichten Sentenz zeigte sich der Kanzler seinem amerikanischen Gast ebenbürtig: als Tolpatsch in höchst sensitivem Gelände.
Jetzt schon steht fest, daß - angesichts der verkorksten Vorbereitung - der gemeinsame Auftritt der beiden Hauptdarsteller in Bonn, Bitburg und Bergen-Belsen verpatzt sein wird.
Kohl hatte sich, wenige Tage vor den Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen (12. Mai), auch im Glanz des Bonner Weltwirtschaftsgipfels als großer Staatsmann sonnen wollen. Mit dem US-Präsidenten sollte dann das Ende des Zweiten Weltkrieges vor 40 Jahren als Beginn der Freundschaft mit Amerika herausgestellt, Optimismus für die Zukunft verbreitet und dabei verdrängt werden, daß der 8. Mai 1945 auch der Tag der Befreiung vom Hitler-Faschismus und dessen Mordtaten war.
Nun wird der Weltwirtschaftsgipfel der sieben wichtigsten westlichen Industrienationen im Schatten der Holocaust-Debatte bleiben, und die Beschwörung der deutsch-amerikanischen Freundschaft hat bei Ronald Reagans Landsleuten vor allem Erinnerungen an die Untaten des heutigen Alliierten und damaligen Feindes geweckt.
Daran ist der fröhliche Landmann aus der Pfalz, Jahrgang 1930, nicht unschuldig. Immer wieder hat er auf die "Gnade der späten Geburt" (Kohl) verwiesen und damit besonders bei NS-Opfern und beim Besuch in Israel den Eindruck erweckt, er wolle sich aus der geschichtlichen Verantwortung verabschieden. Seine Waffen-Offerten an die Saudis haben die empfindlichen Israelis und deren Lobby in Amerika zusätzlich verstört.
Auch das läppische Taktieren um die sogenannte Auschwitz-Lüge macht die Kohl-Regierung unglaubwürdig. In Israel hatte der Kanzler noch versprochen, er werde dafür eintreten, das Leugnen des Holocaust unter Strafe zu stellen. Dann begann die christliberale Koalition einen kleinlichen Kuhhandel: Strafbar wird eine Verharmlosung des Judenmords nur dann, wenn auch eine Verharmlosung der deutschen Vertreibung strafbar wird.
Bei der Antwort auf die eigentlich simple Frage, ob der amerikanische Präsident nur einen Friedhof oder nur eine Mordstätte oder beides besuchen solle, scheiterten zwei Regierungen, in Bonn und Washington. Deren Anführer, die theatralisch die Zukunft beschwören wollten, erkannten nicht, daß die Vergangenheit allen Politikerreden zum Trotz noch keineswegs bewältigt scheint.
Im politischen Alltag und im kleinen Geschäftsverkehr bereitet oft genug die Gegenwart schon Probleme. Kohl und seine christliberale Koalition haben die Zu-, oft auch die Unterordnung gegenüber den USA zur Staatsräson erhoben;
häufig genug setzten die Bündnisführer ihre europäischen Partner großmächtigen Zumutungen aus.
Selbst manche Christdemokraten zeigten sich über das US-Ultimatum aufgebracht, binnen 60 Tagen über eine deutsche Mitwirkung am Weltraum-Aufrüstungsprogramm zu entscheiden; ob die Deutschen an den Forschungsergebnissen gleichberechtigt Anteil haben dürfen, steht dahin. Schlechtes Vorbild scheint US-Verteidigungsminister Caspar Weinberger, der seinen Bonner Kollegen Manfred Wörner zum Kauf eines amerikanischen Erkennungssystems drängte (siehe Seite 20).
Helmut Kohl versteckt die offenkundigen Interessenunterschiede hinter wolkigen Freundschaftsbekundungen und Treuegelöbnissen. In Ronald Reagan hat er einen idealen Partner gefunden; der gelernte Schauspieler versteht sich auf Gesten wie auf Inszenierungen. Wohl deshalb fand er Kohls Anregung bei dessen USA-Visite im letzten November so schön, über Soldatengräbern den Blick fest in die Zukunft - und in die Fernsehkameras - zu richten.
Zwar erklärten zu Anfang der Besuchsvorbereitungen die Deutschen den amerikanischen Freunden, sie hätten nichts dagegen, wenn Reagan auch ein deutsches KZ, vielleicht in Dachau, besuche. Die Amerikaner gewannen allerdings dann den Eindruck, der CDU-Kanzler habe seine Meinung "von einem Tag auf den anderen geändert" (ein Reagan-Berater) und den Plan plötzlich aufgegeben. Ein US-Deutschland-Experte in Washington: "eine eigenartige geistige Gymnastik".
Aus internen Unterlagen des Auswärtigen Amts geht aber hervor, daß die Bonner Diplomaten von Anfang an gegen eine KZ-Visite waren. In einem vertraulichen Papier heißt es: _____" Schwierigkeiten bereitet uns ... die schon jetzt " _____" intern geäußerte amerikanische Vorstellung, Präsident " _____" Reagan solle ein Konzentrationslager besuchen, um durch " _____" diesen demonstrativen Akt des Endes der von den " _____" Nationalsozialisten verfolgten Menschen, insbesondere der " _____" Juden, zu gedenken ... Eine Veranstaltung mit dem " _____" amerikanischen Präsidenten in einem Konzentrationslager " _____" würde aber, insbesondere in der amerikanischen Presse, " _____" vermutlich das überhaupt herausragende Ereignis des " _____" Präsidentenbesuchs darstellen. An einer solchen, " _____" einseitigen, auf die Judenvernichtung anspielenden Optik " _____" eines solchen Besuches können wir nicht interessiert " _____" sein. Andererseits ist es schwer vorstellbar, wie ein " _____" solcher einmal geäußerter amerikanischer Programmwunsch " _____" abgelehnt werden könnte. "
Da waren Kanzler Kohl und sein außenpolitischer Berater Horst Teltschik, der fortan - zum Mißvergnügen des Auswärtigen und des Präsidialamtes - den Besuchsfahrplan ausarbeitete, froh, daß ihre Gesprächspartner in Washington auf Dachau nicht beharrten.
Letzte Woche war alles anders; es ging um Urheberrechte. Kohl-Helfer Peter Boenisch: "Wir haben die KZ-Idee gehabt. Die Amis waren skeptisch."
An der Kette von Peinlichkeiten mag keiner schuld sein. Bonns Sicherheitsberater Teltschik fühlt sich durch den öffentlichen Aufschrei in Amerika bestätigt. Er ortet die Verantwortlichen für das Durcheinander in Washington; dort, so heißt es im Kanzleramt, sei das vorher ausgewogene Besuchsprogramm für Reagan ohne Absprache zusammengestrichen worden.
Das Auswärtige Amt sieht die Verantwortung eher im Lande. Ohne die Laien im Kanzleramt, so die Berufsdiplomaten, wäre es nie dazu gekommen, einen Friedhof mit Gräbern von SS-Angehörigen aufs Programm zu setzen.
Die Laien im Kanzleramt wiederum halten die Einlassung des Deaver-Vorauskommandos, sie hätten bei ihrer Inspektion des Bitburger Friedhofs im Februar die zugeschneiten SS-Buchstaben auf den Grabsteinen nicht sehen können, für eine Notlüge. "Die haben sich doch", so ein Kanzler-Vertrauter, "nur dafür interessiert, wo sie die Kameras und Pressetribünen hinstellen können."
Das weltweite Echo auf Pannen und Peinlichkeiten hat selbst Helmut Kohl beeindruckt. Am Donnerstag letzter Woche konnte er einem Telegramm des Bonner Botschafters Günther van Well entnehmen, in Amerika könne das Deutschlandbild in der öffentlichen Meinung beschädigt werden.
Dem wollte der Kanzler nun entgegentreten. Für seine Gedenkrede in Bergen-Belsen ließ er sich eine tiefsinnige Formulierung in den Text schreiben, den Spruch eines jüdischen Mystikers: "Das Vergessenwollen verlängert das Exil, und das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung."
Späte Erkenntnis. _(Beim Wirtschaftsgipfel 1983 in ) _(Williamsburg. )
Beim Wirtschaftsgipfel 1983 in Williamsburg.

DER SPIEGEL 17/1985
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