13.06.2015

ErmittlungenWasser zu Diesel

Die Welt mit der „Wirbelwandlertechnologie“ retten? Klingt wundersam. Doch internationale Investoren ließen sich überzeugen – vom talentierten Herrn Gesen aus Papenburg.
Der Mann, der die Energieprobleme der Erde zu lösen verspricht, hat klein angefangen. In den Achtzigerjahren zog Wolfgang Gesen eine Firma für Kaffeevollautomaten hoch. Später importierte er US-amerikanische Jachten mit PS-starken Motoren und Kirschholzinterieur. Zuletzt aber gab sich Gesen, 63, damit nicht mehr zufrieden: Er wollte die Welt revolutionieren.
Der Allroundunternehmer aus dem niedersächsischen Papenburg behauptete, ein einzigartiges Verfahren entwickelt zu haben. Ein Liter Diesel und ein Liter Wasser sollten, Abrakadabra, zu bis zu zwei Litern leistungsfähigem und umweltfreundlichem Kraftstoff werden. Das wäre, wenn es denn funktionieren würde, eine Sensation.
Gesen gewann in den vergangenen vier Jahren Geschäftsleute in aller Welt, die an ihn und die wundersame Energievermehrung glaubten. Sie investierten in Joint Ventures, doch inzwischen halten ihn frühere Partner für einen Hochstapler. Er habe ihnen das Geld aus der Tasche gezogen, die versprochene Technologie aber nie geliefert.
Eine chinesische Firmengruppe hat in Deutschland Zivilklage eingereicht und zudem Strafanzeige wegen angeblichen Betrugs in Millionenhöhe erstattet, die Staatsanwaltschaft Osnabrück ermittelt. Gesen bestreitet die Vorwürfe. Es werde versucht, "einen Betrugsfall zu konstruieren, der mit der Realität nichts zu tun hat", schreiben seine Anwälte in einer 44-seitigen Klageerwiderung. Die Anschuldigungen seien "diffamierend".
Der Aufstieg von Wolfgang Gesen zum Energie-Guru ist wohl eher Lach- als Sachgeschichte: Noch erstaunlicher als die Technik erscheint, dass er jahrelang Wunder wirken oder jedenfalls verheißen konnte. Und zu dieser Geschichte gehören arabische Scheichs und fernöstliche Geldgeber, ein falscher Professor und ein echter Esoterik-Freak sowie, am Rande, der deutsche Bundespräsident.
Er ist Schirmherr der Initiative "Deutschland – Land der Ideen", die Innovationen auszeichnet. Im Jahr 2010 hielt sie Gesens ominöse "Wirbelwandlertechnologie" für so vielversprechend, dass sie seine Papenburger Firma EGM zu einem "ausgewählten Ort im Land der Ideen" erkor. Das schien selbst Gesen zu überraschen: Bei der Preisverleihung klagte er, Politik und Wissenschaft hätten seine Entwicklungen in der Vergangenheit abgetan.
Wolfgang Gesen fand in Malaysia und den Vereinigten Arabischen Emiraten Geschäftspartner, die in sein "EGM Bounding System" investierten. Der neuartige Ökokraftstoff, erzeugt aus Wasser und Diesel, sei "ein Geschenk für die Menschheit", hieß es in einer Firmenpräsentation.
Anfang 2012 traten Gesen und seine Mitstreiter auf Messen in Dubai wie Heilsbringer auf. "Es funktioniert perfekt, und wir haben jetzt die industrielle Lösung fertig", jubelte Gesen in holprigem Englisch in eine Kamera. "Alle Autos unserer Firma – und wir haben eine Menge – fahren täglich mit diesem neuen Kraftstoff."
Der "wissenschaftliche Direktor" von EGM, ein aus Sibirien stammender angeblicher Prof. Dr. Dr., führte den Messebesuchern in ihren traditionellen Wüstengewändern die Technik vor – in Wirklichkeit hat er keinen solchen Titel. Aus einer surrenden Maschine pumpte der falsche Professor ein gelbes Gebräu ab, den vermeintlichen Wunderdiesel. Bei genauem Hinsehen erkannte man auf dem Plastikbehälter den Slogan von Gesens altem Kaffeeunternehmen: "Genuss mit System".
Betrieb Gesen auch Beschiss mit System?
Im Sommer 2012 zerstritten sich Gesen und seine asiatischen Geschäftspartner. Sie bezweifelten, dass die Technologie auch nur annähernd so gut funktioniere, wie sie es in die Welt hinausposaunten. Wenn man weiterhin solche Behauptungen aufstelle, "könnten wir uns und das Unternehmen rechtlichen Risiken und Gefahren aussetzen", schrieb einer der Partner intern.
Gesen reagierte ungehalten. Es kam zum Zerwürfnis – und zu einer Anzeige gegen Gesen in Dubai. Seine Anwälte räumen ein, dass er in diesem Zusammenhang zwischenzeitlich die Emirate nicht verlassen durfte; die Reisebeschränkung sei jedoch wieder aufgehoben worden, da sich "die Strafanzeige als unbegründet" erwiesen habe.
Gesen brauchte neue Partner und fand sie in einer Tochterfirma der chinesischen Unternehmensgruppe Shuangliang. Die ließ sich mit sagenhaften Profitversprechen ködern: Gesen prognostizierte mehr als hundert Millionen Dollar Gewinn pro Jahr, wenn sie in seine Technologie investierte.
Die Chinesen stiegen ein und gingen mit rund 3,25 Millionen Euro in Vorkasse. Im Gegenzug sollte EGM mehrere Anlagen seines "Bounding System" für das gemeinsame Projekt bereitstellen. Ein Liter Diesel und ein Liter Wasser sollten nun zwar nicht zwei, sondern nur gut eineinhalb Liter des neuen Kraftstoffs ergeben. Aber auch das wäre ein technisches Wunder.
Seriöse Forscher sind überzeugt, dass es sich bei dem Verfahren nicht um Wissenschaft, sondern bestenfalls um Wunschdenken handelt. Doch EGM präsentierte immer wieder Messwerte und Gutachten, die angeblich das Gegenteil beweisen. Zwar sei der Prozess wissenschaftlich bisher nicht beschrieben, hieß es in einem der Traktate, aber: "Der EGM Wirbelwandler verwandelt Wasser in Öl."
Die neuen Partner aus Fernost wurden bei ihren Besuchen in Niedersachsen bestens behandelt. Mal gab es einen Empfang beim Bürgermeister von Papenburg, mal lud Gesen die Gäste zu sich ein und zeigte ihnen den herrlichen Ausblick von seiner Terrasse am Hafen im ostfriesischen Leer.
In ihrer Firmenhalle nahe der Ems demonstrierten die EGM-Leute den Chinesen ihre vermeintliche Wunderanlage. Zum Beweis, dass der Kraftstoff funktioniere, betankten sie den Mietwagen der Gästedelegation, einen BMW X5 – der damit angeblich tadellos fuhr. Heute glauben die Chinesen, hinters Licht geführt worden zu sein. "Die Vorführungen glichen Auftritten von kommerziellen Illusionisten", heißt es in ihrer Zivilklage. Gesen bestreitet jegliche Schummelei.
Besonders beeindruckte die Besucher aus Fernost, dass bei EGM Lastwagen mit der Aufschrift "Prokon" im Hof standen, eines damals angesagten Ökoenergieunternehmens, das später spektakulär pleiteging. Dem talentierten Herrn Gesen war es tatsächlich gelungen, eine gemeinsame GmbH mit Prokon ins Leben zu rufen. Die jedoch existierte nur einige Monate lang, noch vor der Eröffnung des Insolvenzverfahrens gegen Prokon wurde die Gesellschaft im Januar 2014 abgewickelt.
Alsbald kamen auch den Chinesen Zweifel. Sie bestanden auf einem Test der Anlagen durch ihre eigenen Leute. Als im März 2014 eine Delegation nach Papenburg reiste, soll es geheißen haben: Die Anlagen seien anderswo, zum Verschiffen weggepackt, die Experten könnten sie weder testen noch besichtigen. Erneut wurde eine Vorführmaschine für die Chinesen angeworfen. Dieses Mal zapften die Gäste heimlich eine Probe ab und ließen diese im Labor analysieren: von Wunderkraftstoff keine Spur.
Gesen warf ihnen später vor, sie hätten die Proben falsch entnommen, und wurde pampig: "Wir brauchen und akzeptieren keine Partner, die unsere Technologie nicht verstehen und schätzen." Im Mai 2014 kündigten die Chinesen ihre Verträge mit EGM. Nun wollen sie ihre Millionen wiederhaben und Gesen vor Gericht sehen.
Der gibt sich unbeeindruckt. Die Chinesen seien es, die ihren Verpflichtungen nicht nachkamen, und zentrale Teile der Abmachungen seien ohnehin ungültig, schreiben seine Anwälte. Zudem seien die deutschen Gerichte gar nicht zuständig.
In Wahrheit, so Gesen, gehe es seinen Gegnern darum, "ein deutsches mittelständisches Unternehmen zu blockieren, um dessen Erfindung zu übernehmen". Er bleibt dabei: Das Wasser-Diesel-Verfahren funktioniere und sei mit einem "Energiegewinn" verbunden. Berichte von "unabhängigen Instituten" belegten dies. Falls sich die Technologie international durchsetze, "geht es hier um ein Multimilliardengeschäft".
Zwar ist ihm sein "wissenschaftlicher Direktor", der falsche Professor aus Sibirien, inzwischen abhandengekommen. Dafür hat Gesen neue Fürsprecher gefunden – aus der Esoterik-Szene. Die EGM-Technologie sei "die erste Ufo-Technologie auf dieser Erde", behauptet einer von ihnen.
Und auch neue Geschäftspartner hat die Firma aufgetan. Vor einigen Monaten verkündete sie Pläne für ein Joint Venture in den USA. Dort sollen nun Fabriken entstehen, mit einem Output von bis zu mehreren Millionen Litern pro Tag. "Wir sind ziemlich aufgeregt, unsere Technologie auf den US-Markt zu bringen", jubelte Gesen. "Und wir vertrauen darauf, dass sie sinnvoll eingesetzt wird zum Nutzen der Menschheit."
Von Wolf Wiedmann-Schmidt

DER SPIEGEL 25/2015
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