20.06.2015

Saudi-ArabienDie stille Revolution

Seit Kurzem dürfen Frauen in Läden und Büros arbeiten – und sie stellen nun die alten Regeln der Geschlechtertrennung infrage. Aber bedeutet das auch mehr Freiheit? Von Juliane von Mittelstaedt und Samiha Shafy
KÖNIGREICH IM AUFBRUCH (Teil II)
Quasi-Gottesstaat und Partner des Westens. Twitter-Nation und Reich der unsichtbaren Frauen. Dschihad-Exporteur und Feind der IS-Terroristen. Saudi-Arabien ist ein Königreich der Widersprüche. Wird der neue König Salman sie auflösen? Ein zweiteiliger SPIEGEL-Report über Zustand und Zukunft der einflussreichsten Macht im Nahen Osten.

Jeder Schuh, den Hanin Alamri verkauft, ist eine Rebellion. High Heels mit spitzen Absätzen, Plateausandalen und goldene Pumps, aufgereiht in weißen Ladenregalen in der zweiten Etage der Red Sea Mall, eines der größten Einkaufszentren von Dschidda. Mittendrin steht Alamri, eine Frau von 27 Jahren, Turnschuhe, bodenlange, schwarzweiße Abaja, das Haar unter dem Kopftuch rot gefärbt, vor allem aber: frisch geschieden. "Jeden Tag sage ich Danke, Danke, Danke, dass ich frei bin", sagt Hanin Alamri. Denn ohne diesen Job wäre sie noch immer verheiratet.
Die Ehe war arrangiert, sie trafen sich erst nach der Verlobung. Er versprach ihr Toleranz und Offenheit, stattdessen zwang er sie, ihr Gesicht bis auf einen Augenschlitz mit dem Nikab zu verhüllen, er war arbeitslos und unzufrieden. "Und er wollte auch nicht, dass ich glücklich bin." Sie saß zu Hause fest, ohne Geld und Beschäftigung, bekam eine Tochter, wurde depressiv. Er kontrollierte sie, natürlich verbot er ihr zu arbeiten. Zwei Jahre lang flehte Alamri ihn an. Am Ende stimmte er zu.
Sie fing an, Kosmetik zu verkaufen, später Schuhe. Damals, vor vier Jahren, waren Verkäuferinnen noch selten, fast alle Verkäufer waren ausländische Gastarbeiter. Philippiner, Bangladescher und Malaysier, etwa ein Drittel der rund 30 Millionen Einwohner, die als Fahrer, Kellner, Hausangestellte arbeiten oder eben als Verkäufer von Kleidung, Kosmetik, Unterwäsche. Ja, auch Unterwäsche! Im Land mit der strengsten Geschlechtertrennung der Welt mussten sich die Frauen in Fragen der Unterwäsche von Männern beraten lassen.
"Einmal nannte ich einem Verkäufer meine BH-Größe", erzählt Alamri. "Er erwiderte: Nein, das ist nicht deine Größe. Ich habe mich so geschämt." Anprobieren ging auch nicht, in Saudi-Arabien gibt es keine Umkleidekabinen. Also machte Alamri es so wie alle Frauen: Sie griff sich die Unterwäsche, zahlte und ging. Und lebte mit schlecht sitzenden BHs.
Doch dann protestierten einige Frauen, Anfang 2012 trat ein neues Gesetz in Kraft: In Unterwäscheläden dürfen nur Frauen arbeiten. Danach erschien es unlogisch, dass Männer weiterhin Abajas verkauften. Und Kosmetik. Und Handtaschen. Und Schuhe. Und Kinderspielzeug. Und Frauenkleidung. Und so wurden die männlichen Verkäufer nach und nach auch aus diesen Läden verbannt.
Die Verkäuferinnen schafften neue Probleme. Wie sollen sie zur Arbeit kommen, wenn ihnen das Autofahren doch verboten ist? Wer passt auf die Kinder auf? Und was ist, wenn sie schwanger werden? Seither wurden immer weitere Gesetze eingeführt: eine voll bezahlte Elternzeit von zehn Wochen, das Recht auf Teilzeit, Kita-Zuschüsse. Eine Revolution, die mit Unterwäsche begann. Das gibt es nur in Saudi-Arabien.
In nur zehn Jahren, seit dem Amtsantritt des jüngst verstorbenen Königs Abdullah, besonders aber seit 2011 hat sich die Gesellschaft rasant verändert. Und das hat in erster Linie damit zu tun, dass Frauen jetzt immer öfter arbeiten, und zwar nicht mehr nur im Staatsdienst, als Lehrerinnen oder Ärztinnen. Sie sind besser ausgebildet und finanziell unabhängiger, vor allem sind sie in der Öffentlichkeit sichtbarer: Sie verlassen die Isolation ihrer Wohnungen, dürfen innerhalb des Landes frei reisen, in Hotels absteigen und Firmen gründen. Es gibt jetzt Frauenhäuser, und Gewalt gegen Frauen wird nicht mehr totgeschwiegen. Dadurch hat sich verändert, wie Frauen gesehen werden. Und wie sie sich selbst sehen.
"Früher war ich immer ängstlich, ich wollte nie mit Fremden sprechen", sagt die Schuhverkäuferin Alamri. "Aber plötzlich öffnete ich mich, ich lernte Menschen kennen. Ich hatte Freude am Leben." Doch ihr Ehemann kam in den Laden, er spionierte ihr nach. Wehe, sie sprach mit einem Fremden. Dann schrie er sie zu Hause zusammen. In solchen Momenten dachte sie: Wozu brauche ich ihn? Ich verdiene jetzt ja Geld. Nicht viel, aber genug, um allein zu leben. Zwei Jahre ging es so, dann reichte sie die Scheidung ein.
Inzwischen leitet Alamri die Filiale der Schuhfirma, aber das reicht ihr nicht. Sie hat ein Abendstudium in Soziologie absolviert, in wenigen Wochen ist die Abschlussprüfung. Sie überlegt, sich für einen besser bezahlten Job zu bewerben. Sie will ihre Tochter auf eine Privatschule schicken. Sie zählt die Länder auf, in die sie reisen will: Indien, Malaysia, USA. Gerade war sie in Dubai, ihre erste Auslandsreise. Sie sagt, sie sei selten so glücklich gewesen.

Frauen kontrollieren jetzt am Flughafen die Pässe, sie dürfen als Anwältinnen vor Gericht klagen, in Vorständen sitzen und in den diplomatischen Dienst eintreten. Selfmade-Unternehmerinnen betreiben erfolgreiche Cateringdienste, entwickeln Apps oder entwerfen Designer-Abajas, die sie über Instagram verkaufen. Seit über zwei Jahren sind 30 der 150 Mitglieder der Schura weiblich, vom alten König persönlich ausgewählt. Ende des Jahres sollen Frauen zum ersten Mal ihre Gemeinderäte wählen und sich als Kandidatinnen aufstellen lassen dürfen.
Aber natürlich kann man das auch ganz anders sehen: Die Schura ist ein machtloses Pseudoparlament. Frauen dürfen nicht Richterin oder Botschafterin werden. Überhaupt arbeiten nur 15 Prozent der Frauen, wohl nirgendwo gibt es so viele hoch qualifizierte Hausfrauen wie hier. Noch immer sind sie vor dem Gesetz Kinder, einem männlichen Vormund unterstellt. Sie müssen Abaja tragen, arrangierte Ehen sind die Norm, und Sex außerhalb der Ehe kann mit dem Tod bestraft werden. Und auf dem Land können sie von den Freiheiten der Städterinnen sowieso nur träumen.
Noch immer ist die Geschlechtertrennung Staatsräson, überwacht von einer Sittenpolizei. Ihr Ziel ist es, Ichtilat und Chalwa zu verhindern. Ichtilat: die Begegnung von nicht verwandten oder verheirateten Männern und Frauen. Chalwa: das noch größere Vergehen, wenn Mann und Frau allein aufeinandertreffen, in einem Raum oder im Auto. Von der Einschulung an gilt es, beides zu vermeiden; selbst Freunde kennen die Ehefrau – oder die Ehefrauen, bis zu vier sind erlaubt – des anderen nicht.
Das sind die Leitplanken dieses fundamentalistischen Staates. Und trotzdem hat sich viel verändert, auch wenn Saudi-Arabien eben noch immer Jahrzehnte hinterherhinkt. Man sieht diesen Wandel nur, wenn man genau hinschaut, hindurchsieht durch die schwarzen Schleier, an denen der Blick auf dieses Land so oft abprallt.
Viele Schleier sind es, durch die man bei Ebtisam Almutlaq hindurchsehen muss, Abaja, Nikab, Kopftuch, alles in Schwarz, zu sehen sind nur ihre Hände, weiß und zart, und ein dunkles Paar Augen. Almutlaq ist 30 Jahre alt, sie formt Skulpturen aus Draht, zum Beispiel eine Figur, die mit federnden Schritten nach vorn strebt, "Be free" heißt sie. Auf ihrer Website hat Almutlaq darunter als Erklärung geschrieben: "Lasst uns unsere Schwierigkeiten in Herausforderungen umwandeln und unsere Hindernisse in Motivation."
Ist ihre Kunst als Plädoyer zu verstehen für die Befreiung der eingesperrten, unterdrückten Frau in Saudi-Arabien?
Almutlaq lächelt, ein Lächeln, das man jetzt nicht nur ahnen, sondern auch sehen kann, denn sie legt ihren Gesichtsschleier und das Kopftuch ab, das Treffen findet im "Königreich der Frauen" statt, einer für Frauen reservierten Etage im Kingdom-Einkaufszentrum von Riad. Die lächelnde Almutlaq also sagt: "Der Westen will uns immer befreien, aber wir fühlen uns nicht unfrei. Wir fühlen uns wertgeschätzt in unserer Gesellschaft." Ihre Kunst solle zum Ausdruck bringen, dass saudi-arabische Frauen alles erreichen könnten.
Wirklich alles? Was ist mit der strikten Trennung der Geschlechter? Dem Mann als Vormund der Frau? Alle Einwände perlen an ihr ab. "Ich bin stolz, eine saudi-arabische Frau zu sein", sagt Almutlaq. Tradition und zeitgenössische Kunst seien für sie kein Widerspruch. Sie hat in Riad Kunst studiert und dabei gelernt, dass Kunst eigenes Denken voraussetzt, und das in einem Land, das alles ablehnt, was von der Religion ablenkt. Weshalb auch erst vor Kurzem die ersten Galerien in Riad eröffnet haben. Und trotzdem verkauft die tiefreligiöse Almutlaq ihre Werke jetzt an reiche Prinzen.
Und es gibt Frauen wie Reema AlJawiny, 24, auch sie ist Künstlerin, aber sie trägt keine schwarze Abaja, sondern einen Mantel aus Wolle und darunter eine Sporthose, die Haare sind kurz, in der Augenbraue steckt ein Piercing. Sie zeichnet halb nackte Frauen und lädt ihre Bilder auf Instagram hoch, und wenn sie nicht gerade zeichnet, dann gibt sie Fitnesskurse oder trainiert für ihren nächsten Marathon. Sie ist schon in Belgien und in Dubai gelaufen, aber in Riad muss sie dafür in das abgeschottete diplomatische Viertel fahren, wo die Botschaften sind und die Ausländer wohnen. Das ist ihre Form des Protests: in aller Öffentlichkeit laufen, in einem Land, in dem Sportunterricht für Mädchen an öffentlichen Schulen verboten ist.
Zwei Frauen, die beide in Riad leben und so unterschiedlich sind, wie man es sich nur vorstellen kann. Und die trotzdem beide auf ihre Weise die engen Leitplanken ihres Landes überwinden. Ganz normale Frauen einer jungen Generation, die sich mehr Freiraum wünschen und damit doch eigentlich Freiheit meinen.
Und das ist keine Kleinigkeit. Denn Emanzipation ist hier keine Privatsache, sondern ein Politikum. Die Frau steht im Mittelpunkt eines Stellvertreterkriegs zwischen Konservativen und Modernisierern, das gilt für die gesamte islamische Welt, ganz besonders für Saudi-Arabien. Zu beobachten ist daher ein soziales Experiment: Was passiert mit einer extrem konservativen Gesellschaft, die man im Zeitraffertempo der Moderne aussetzt?
Zwei statistische Trends sind es, die dabei eine Rolle spielen. Erstens: Drei von vier Saudi-Arabern sind jünger als 30. Und zweitens: Nirgendwo auf der Welt verbringen diese jungen Menschen so viel Zeit auf YouTube wie in Saudi-Arabien, nirgendwo hat Twitter mehr aktive Nutzer im Verhältnis zur Bevölkerung. Das Smartphone, es wirkt in keinem anderen Land so befreiend, so katalytisch wie hier.
Viele Alternativen haben sie ja nicht: Kinos sind verboten, und im einheimischen Fernsehen laufen nur religiöse oder sterbenslangweilige Sendungen. YouTube hingegen: eine rechtliche Grauzone, von den Zensoren unangetastet und deshalb ein Quell des Vergnügens in der Unterhaltungswüste. Das ist nicht nur, aber vor allem Kaswara Al-Khatib zu verdanken. Er hat 2010 mit Freunden den YouTube-Kanal UTurn gegründet, der seither Comedy, Nachrichten und Shows für ein saudi-arabisches Millionenpublikum produziert.
Khatib arbeitet in einem Bürogebäude in der Nähe des Flughafens von Dschidda, er ist 46 und trägt zum traditionellen Thaub, dem weißen Gewand, das weltweite Symbol aller Kreativen, die Hornbrille. Auch in den Videos von UTurn wird nicht getrunken oder geraucht, es gibt keine Drogen und keine nackte Haut. Sehr wohl gezeigt werden allerdings Moderatorinnen, häufig ist Musik zu hören. Damit verschiebt UTurn die Grenzen ständig und macht selbstverständlich, was noch vor wenigen Jahren nicht vorstellbar schien.
Was haben saudi-arabische Jugendliche eigentlich gemacht, bevor es das Internet gab? "Herrje", sagt Khatib und lacht. "Es war schlimm in meiner Jugend."
Er machte mit seinen Freunden Autorennen und warf Mädchen, von denen nur die Augen zu sehen waren, zerknüllte Zettel mit seiner Festnetznummer zu. "Dann raste man nach Hause und wartete neben dem Telefon." Rief tatsächlich mal ein Mädchen zurück, verabredeten sie sich im Supermarkt. Wenn das Mädchen dann dort auftauchte, meist in Begleitung, komplett verhüllt, war die Freude groß. "Aber miteinander reden war undenkbar." Er zieht ironisch die Brauen hoch: "Ich denke, wir sind seither als Gesellschaft gereift."
Viele Paare lernen sich heute bei der Arbeit kennen, sie telefonieren miteinander, sie schicken sich Bilder über Facebook und Snapchat. Und sie wollen sich nicht länger sagen lassen, wen sie heiraten sollen. Wenn sie überhaupt noch heiraten wollen, denn immer mehr Frauen haben keine Lust auf einen Ehemann, der zugleich ihr Aufpasser ist. Laut offiziellen Zahlen sind 45 Prozent der Frauen über 30 Single; die Scheidungsrate liegt bei rund 40 Prozent.
Dabei ist die Ehe ein zentrales Fundament dieser Gesellschaft, es erodiert, wenn immer mehr Frauen nicht mitmachen. Die Mauern zwischen den Geschlechtern, über Jahrzehnte von den Religiösen errichtet, werden langsam abgetragen. Je mehr Frauen arbeiten, desto offenkundiger werden die Widersprüche, desto schwerer lässt sich die absolute Separation aufrechterhalten.
Warum gibt es in Büros unterschiedliche Eingänge für Männer und Frauen, sitzen sie im Flugzeug aber nebeneinander? Wieso ist es erlaubt, von einem fremden Ausländer gefahren zu werden, aber nicht vom eigenen Cousin? Warum dürfen Verkäuferinnen mit Kunden sprechen, aber ihren künftigen Ehemann vor der Verlobung nicht treffen? Vor allem aber: Warum gibt der Staat so viel Geld aus, um Frauen auszubilden, für die er keine Jobs hat?

Das Konferenzzentrum des Hilton in Dschidda, der Küstenstadt im Westen, an einem Tag Ende April. Goldene Fresken bedecken die Wände, von der Decke hängen schwere Kronleuchter, darunter schieben sich Tausende Frauen durch die Gänge, vorbei an den Ständen von Ikea, Ernst & Young und einem Ableger der britischen Bank HSBC. Manche in bunt bestickter Seidenabaja, andere im strengen Schwarz, aber sie alle haben Lebensläufe in ihren Handtaschen und ein Ziel: Sie wollen einen Job finden.
All das ist ganz normal, aber eine Jobbörse nur für Frauen ist in Saudi-Arabien eben doch nicht so ganz selbstverständlich. Dabei eigentlich nur logisch, denn viele Frauen wissen nicht, wie sie einen Job finden sollen. Und viele Arbeitgeber, meist Männer, wissen nicht, wie sie Frauen finden sollen. Ja, sie wissen nicht einmal, dass es Frauen gibt wie Eman Alzahrani, 32, unverheiratet und gerade zurück aus Montreal, in der Tasche einen Master in Informatik. Eine kleine, resolute Frau, die ihre Abaja so trägt, dass man darunter eine karierte Bluse und Lackschuhe sieht. Und die gerade merkt, dass ihr Land noch nicht so weit ist wie sie. Es hat ihr zwar ein teures Studium bezahlt, aber keine Verwendung für eine Computerwissenschaftlerin.
Mehr als 150 000 Saudi-Araber studieren derzeit im Ausland, die Hälfte davon an US-Universitäten, sie stellen dort nach Chinesen, Indern und Südkoreanern die größte Gruppe. Unter den Studenten im Ausland sind über ein Drittel Frauen, und sie kehren jetzt in ihre Heimat zurück. Aber anders als früheren Generationen reicht es ihnen nicht, an Schulen zu unterrichten oder philanthropische Projekte zu betreuen. Sie wollen Computerprogramme entwickeln, Firmen leiten oder Häuser bauen.
Alzahrani geht zu den Firmenständen, sie füllt Bewerbungsbogen auf einem iPad aus und übergibt ihren Lebenslauf. Aber überall hört sie: Man suche leider keine IT-Expertinnen. Ob sie sich vorstellen könne, in der Buchhaltung zu arbeiten?
Es ist eine scheinbar verkehrte Welt: Wer einen Job als Verkäuferin sucht, der kann sich vor Angeboten kaum retten. Doch all die gut ausgebildeten Frauen haben es schwer, ein Drittel aller Hochschulabsolventinnen ist arbeitslos. Dabei sind 60 Prozent der Absolventen weiblich.
Nach einer Stunde gibt Alzahrani auf und lässt sich in einen Sessel fallen. "Die Regierung unterstützt, dass wir Frauen arbeiten", sagt sie wütend. "Aber unsere Gesellschaft ist noch immer sehr konservativ."
Sie könnte es sich einfach machen und nach Amerika gehen, sie hat einen US-Pass. Aber sie will in ihrem Land etwas verändern, sie will es sich nicht leicht machen. Sie hat es sich ja nie leicht gemacht: mit vier Brüdern, der Vater Offizier, die Mutter Hausfrau. Sie bewarb sich heimlich für das Auslandsstipendium, erst als sie den Platz hatte, erzählte sie es den Eltern.
Bevor sie nach Kanada ging, hat sie in einem Militärkrankenhaus in der Verwaltung gearbeitet. Es hat ihr Spaß gemacht, weil sie, als einzige Frau unter Männern, plötzlich ungeahnte Freiheiten hatte. Der Armeejob ist jetzt ihr Plan B. Sie hat sich fest vorgenommen: erst Job, dann Hochzeit. Sie will ihren Vorsatz nicht brechen, weil sie fürchtet, sonst eben doch als Hausfrau zu enden wie so viele Frauen vor ihr.
Es sind Frauen wie Eman Alzahrani, für die Khalid Alkhudair diese Jobmesse organisiert hat: hoch qualifiziert, modern und voller Energie. Stolz und Staunen sind ihm noch immer anzumerken, wenn er all die jungen Absolventinnen sieht. Dabei ist es nicht die erste Jobmesse, die er organisiert, aber der Ansturm nimmt einfach nicht ab.
Alkhudair ist ein kleiner Mann von 31 Jahren, mit Thaub und einer rot-weiß karierten Ghutra, der traditionellen Kopfbedeckung, aber das Äußere täuscht. Alkhudair hat in den USA studiert; er ist verheiratet mit einer Frau, die, natürlich, arbeitet. Sein Büro ist eingerichtet wie ein Start-up, mit weißen Ledersofas und Sinnsprüchen an den Wänden.
Als er von der Universität kam, suchte er lange einen Job, bevor er bei der Beratungsfirma KPMG anfing. "Und viele Frauen, die schlauer waren als ich, hatten es noch schwerer", sagt er. Er dachte, dass man den Frauen helfen müsse. Der Gedanke brauchte Jahre, um zu reifen. 2011 gründete Alkhudair, getrieben von Geschäftssinn und Veränderungsdrang, die Frauen-Jobvermittlung Glowork. Nur rund 70 000 Saudi-Araberinnen arbeiteten damals, 95 Prozent im Staatsdienst.
Alkhudair ging zu Microsoft und Cisco in Riad, dort waren sie begeistert von seiner Idee. Nur die einheimischen Firmenchefs wollten nicht, sie sagten, Frauen seien nicht qualifiziert. Sie hätten noch nie Frauen eingestellt. Vor allem sagten alle: Frauen sind zu teuer. Denn wer Frauen einstellt, muss getrennte Büros einrichten. Getrennte Toiletten. Getrennte Pausenbereiche. Getrennte Eingänge.
Vielleicht wäre es dabei geblieben, hätte nicht ein historischer Unfall nachgeholfen: der Arabische Frühling Anfang 2011. Nach den Aufständen in Tunesien, Ägypten und Bahrain bekam die Regierung Angst vor der eigenen Jugend; um sie zu besänftigen, sollte Geld helfen: 550 Dollar im Monat für jeden Arbeitslosen. 2,2 Millionen Saudi-Araber meldeten sich bis Dezember 2012, 1,6 Millionen davon waren Frauen. Plötzlich hatten sie ein Gesicht. Und ein Preisschild: zehn Milliarden Dollar kostete die Unterstützung insgesamt im Jahr.
Was wäre, wenn man die Arbeitslosenhilfe nicht auszahlt, sondern investiert: in Training, in Vermittlung, in Frauen, die am Ende arbeiten? So dachte Alkhudair, genau das schlug er vor. Und der damalige Arbeitsminister Adel Fakeih stimmte zu. 63 Mitarbeiter hat Glowork heute, über 10 000 Frauen haben sie Jobs verschafft, als Arbeiterinnen in einer Glühbirnenfabrik und als Baristas in Cafés, aber auch als Personalchefinnen und Buchhalterinnen. Die Zahl der weiblichen Werktätigen hat sich seit 2011 etwa verachtfacht.
Alkhudair schlendert durch die Gänge der Jobmesse, in der Hand einen Pappbecher Kaffee, plötzlich steuert er auf ein Ehepaar zu, das ein Autowäsche-Start-up gegründet hat. Die Idee ist, dass man sich eine Autowäsche per App bestellen kann. Natürlich, sagt Alkhudair, sei es die Frau gewesen, die die Idee hatte und die treibende Kraft bei dem Projekt gewesen sei. So sei es eigentlich immer. "Die Frauen", sagt er und grinst, "werden das Land mehr verändern als alles andere."
Er ist ein Optimist, der an den ständigen Wandel zum Besseren glaubt. Gerade hat er Glofit eröffnet, ein Fitnessstudio für Frauen. Jetzt überlegt er, Glocar zu gründen, eine Taxifirma für Frauen. "In zwei Jahren werden in den Malls überall Frauen arbeiten", sagt er. "Die Konservativen geben ihren Widerstand langsam auf, es wird mehr und mehr akzeptiert, dass Frauen arbeiten." Er hofft, dass sich die Verbindung von Tradition und Religion löst, dieser Klebstoff, der das Königreich seit seiner Gründung zusammengehalten hat.
Je mehr Frauen arbeiten, desto weniger werden die strengen Regeln eingehalten. Die Firmen schaffen kaum noch getrennte Eingänge; viele Frauen tragen im Büro kein Kopftuch und nehmen Taxis zur Arbeit, das war bis vor Kurzem verpönt.
Aber ohne Widerstand bleibt all das nicht. Ende 2011 bezeichnete der ranghöchste Rechtsgelehrte, Großmufti Abdulaziz Al al-Sheikh, es als "Verbrechen", dass Frauen Unterwäsche verkaufen. Arbeitsminister Fakeih wünschte er, er möge an Krebs sterben. Als Alkhudair die ersten Kassiererinnen an einen Supermarkt in Riad vermittelte, gab es einen Aufschrei – die Frauen wurden entlassen. Und erst kürzlich warnte ein Gelehrter vor Frauen im Telefonmarketing, die Männer könnten durch den "koketten Tonfall" verführt werden.
Immer wieder droht die Religionspolizei, Verkäuferinnen zu verhaften, und behauptete, Ichtilat und Chalwa nähmen zu. Doch der frühere König Abdullah setzte die Reformen gegen ihren Widerstand durch, er hat noch dazu die weltweit größte Frauenuniversität gegründet, an der rund 40 000 Studentinnen eingeschrieben sind.
Aber was passiert, wenn der neue König eines Tages genug hat von all dieser Emanzipation, die sein Vorgänger angestoßen hat? Als Salman Ende April das Kabinett umbildete, feuerte er die einzige Frau, die Vizeministerin für Bildung, seit 2009 im Amt. Zufall? Wohl kaum, kein Posten war symbolischer. Bereits 100 Menschen wurden in diesem Jahr hingerichtet. Und kritische Stimmen sind noch leiser geworden.
"Aber der Wandel ist da, er ist nicht mehr rückgängig zu machen. Und auch wenn es nicht weiter vorwärtsgeht, haben wir zumindest sehr viel erreicht." Das sagt Rajaa Alsanea, und sie sagt ebenfalls, dass sie fast traurig sei, nicht ein paar Jahre später geboren zu sein. "Die jungen Frauen haben es heute viel einfacher als ich damals", sagt sie, und dabei ist sie gerade 33 Jahre alt. Sie hat Zahnmedizin studiert, weil alles andere für eine Frau schwierig gewesen wäre, sie arbeitet jetzt in einer staatlichen Klinik. "Aber müsste ich mich heute entscheiden, würde ich vielleicht Anwältin oder Journalistin werden."
Sie hat sich nie gescheut, Grenzen zu übertreten. Vor zehn Jahren erschien "Die Girls von Riad", nach dem Koran das wohl meistverkaufte Buch in Saudi-Arabien. Der Roman war ein Skandal, weil die jungen Saudi-Araberinnen darin Champagner trinken und Auto fahren und weil Alsanea klarmachte, dass sie nicht allzu viel dazuerfinden musste. Sie zeichnete das Bild einer ziemlich wilden, modernen Generation – in den Zwängen des Alten. Und trotzdem, sagt sie, seien die jungen Frauen heute anders: noch unabhängiger, offener, weniger angepasst.
Ihr Roman wurde damals verboten, aber ins Land geschmuggelt und für bis zu 500 Dollar verkauft. Nach einem Jahr hoben die Zensoren die Sperre auf, weil sie die Verbreitung nicht verhindern konnten. Und genau so, sagt Alsanea, sei es eigentlich immer: Die Hardliner versuchten, Neues zu unterbinden, aber wenn sie merkten, dass es sich nicht stoppen lässt, erlaubten sie es. Wandel, das ist in Saudi-Arabien ein vorsichtiges Austesten des Widerstands der Konservativen, ein ständiges Verschieben der Grauzonen zwischen Realität, Recht und Tradition.
Allerdings müssten die Reformen von innen kommen, je lauter die Frauen ihre Rechte einforderten, desto mehr sperre sich die Regierung. Es gelte also, sagt Alsanea, nicht über Rechte zu reden, sondern über wirtschaftliche Notwendigkeiten.
So fördert die Regierung die Frauen vor allem, seit der Wohlstand in dem einst reichsten Golfstaat sinkt. Inzwischen ist die Frauenförderung Regierungspolitik, die Zeitungen drucken fast täglich Jubelberichte und feiern die erste Chefredakteurin des Landes, die erste Pilotin und die erste Saudi-Araberin auf dem Mount Everest.
Zwar findet laut einer Studie des Khadijah Bint Khuwailid Center in Dschidda immer noch etwa die Hälfte der Befragten, dass Frauen nicht an die Supermarktkasse, in Fabriken oder in die Politik gehörten. Gleichzeitig halten es jedoch laut derselben Studie 80 Prozent der Männer und 90 Prozent der Frauen für wirtschaftlich sinnvoll, dass Frauen arbeiten.
Aber eines fehlt noch immer: dass Frauen endlich Auto fahren dürfen.

Ihr macht euch keine Vorstellung davon, wie schwierig es für uns ist, unsere Stimme zu erheben", sagt die Aktivistin, die anonym bleiben will, aber sie spricht dabei so laut, dass die drei Männer am Nebentisch dieses Hotelcafés in Riad herüberschauen. "Wer unsere Gesellschaft, die Religion oder die Regierung kritisiert, landet schnell im Gefängnis, die ganze Familie kann bestraft werden", sagt sie und gestikuliert so wild, dass das Tuch auf ihrem Kopf immer weiter nach hinten rutscht.
Sie wurde mehrmals festgenommen, ihr Vergehen war es, sich ans Steuer eines Autos zu setzen und noch dazu die anderen Frauen dabei zu filmen. Es war nicht die erste Demonstration dieser Art, seit 1990 sind Frauen immer wieder Auto gefahren, um gegen das Verbot zu protestieren.
Trotzdem ist Saudi-Arabien bis heute das einzige Land der Welt, in dem Frauen nicht Auto fahren dürfen. Wie so vieles hier wurde das Verbot nie offiziell begründet, es ist einfach so. Ab und zu meldet sich ein Theologe mit einer absurden Behauptung, die das Fahrverbot rechtfertigen soll. Zuletzt hieß es, dass es die Eierstöcke schädige, wenn die Frau am Steuer sitze. Eigentlich aber geht es darum, die Bewegungsfreiheit der Frauen einzuschränken.
Kurz nach seinem Amtsantritt sagte der damalige König Abdullah, der Tag werde kommen, an dem Frauen fahren dürften. Viele dachten, es dauere nicht mehr lange, bis das Verbot falle. Aber es ist immer noch da, und ohne öffentlichen Nahverkehr wird es zunehmend ein Hemmnis für die Wirtschaft, vielleicht liegt darin ja auch die Chance, es abzuschaffen.
"Die Regierung kann dieses absurde Verbot nicht mehr lange aufrechterhalten", sagt die Aktivistin. "Es gibt jetzt viele Frauen, die aus dem Haus gehen, um zu studieren oder zu arbeiten." Doch sie dürfen nicht mit einem Mann allein im Auto sein, der nicht Ehemann, Vater, Bruder oder Sohn ist. Ausgenommen sind Gastarbeiter, einer der vielen unlogischen, aber pragmatischen Brüche im System.
Auch die Aktivistin hat einen ausländischen Fahrer, teuer und kompliziert sei das, seufzt sie, und wichtig sei es, den Fahrer gut auszuwählen. Schließlich verbringe sie oft mehr Zeit mit ihm als mit ihrem Ehemann. "Wir leben mit einem fremden Mann im Haus – nur damit Frauen nicht selbst fahren!"
Eine Begründung für das Verbot, die man oft zu hören bekommt, lautet: Die Gesellschaft ist konservativ, die Leute wollen es eben so. Die Aktivistin schnaubt empört: "Wer sagt das? Wer weiß denn, was die Leute wirklich denken? Früher war Politik immer nur Sache der Herrscher, und die Menschen gingen in die Moschee. Aber die Leute, mit denen ich zu tun habe, sind anders." Die junge Generation, gut ausgebildet und vernetzt, habe durchschaut, dass die ewigen Debatten darüber, ob es sich für Frauen schicke, ein Auto zu lenken oder das Gesicht zu zeigen, dem Königshaus ganz gelegen kämen. Weil sie von politischen Fragen ablenkten.
Die Befreiung der Frauen bedeutet bisher ja kein Mehr an Mitbestimmung, vielleicht soll die Emanzipation genau das sogar ersetzen, indem sie gesellschaftliche Freiräume schafft, die für das Regime ungefährlich sind. Die Frage ist, ob sich der Wandel aufhalten lässt, ob nicht aus selbstbewussten Frauen und Männern Bürger werden, die ihre Rechte einfordern.
Doch von politischer Freiheit ist Saudi-Arabien weit entfernt. So wächst die Wahrscheinlichkeit, dass dieses Land eines Tages doch gezwungen sein wird zu drastischeren Reformen. Oder zerrissen wird vom Konflikt zwischen einer jungen, beweglichen Generation und einem erstarrten System.
Viele aufgeklärte junge Saudi-Araber, sagt die Aktivistin, seien weniger religiös als die Älteren, dafür mehr an Politik interessiert. Was ihr Land brauche, sei eine konstitutionelle Monarchie, eine Verfassung, ein echtes Parlament. Sie weiß, wie utopisch solche Forderungen sind. Und wie gefährlich. Sie redet trotzdem weiter, sie beugt sich vor, ihre Augen leuchten.
Sie und ihre Freunde träumten von einer weitgehend säkularen Union nach Vorbild Europas oder der USA. "United States of Arabia", flüstert sie, "wäre das nicht wunderschön?" Sie lacht ein wenig verlegen. Sie hat sich zu Träumereien hinreißen lassen, am helllichten Tag, mitten in Riad.

Ende
Von Juliane Mittelstaedt und Samiha Shafy

DER SPIEGEL 26/2015
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