20.06.2015

LiteraturkritikFrau ohne Weltordnung

Kafkas Briefe an Milena Jesenská sind sein schönster Liebesroman. Nun sind letzte Briefe von ihr aus deutscher Haft aufgetaucht.
Es war im Juli 1920, ein Sturm des Glücks war in Kafkas Leben hineingefegt, und er schrieb ihr gleich davon, schrieb es an Milena nach Wien: "... wenn man durch Glück umkommen kann, dann muss es mir geschehn. Und kann ein zum Sterben Bestimmter durch Glück am Leben bleiben, dann werde ich am Leben bleiben." Sie wusste, wovon er schrieb, sie hatten sich getroffen, vier Tage und vier Nächte lang, in Wien, waren in den Wienerwald gelaufen, vier Tage lang hatte Kafka nicht gehustet, seine Krankheit vergessen, hatte geschlafen "wie ein Dudelsack", so hat es Milena erlebt. An den Hängen des Waldes hatten sie beieinandergelegen: "Dein Gesicht über mir im Wald und Dein Gesicht unter mir im Wald und das Ruhn an Deiner fast entblössten Brust", so beschrieb er es kurz danach. Kafka und Milena, eine Art Liebespaar nicht mal ein Jahr lang, seine Briefe an sie, die "Briefe an Milena", sind weltberühmt, sie sind sein großer Liebesroman. Ihre Antworten kennen wir nicht.
Aber wir kennen jetzt einige ihrer letzten Briefe, sie wurden entdeckt in der Geheimdienstakte von Milenas geschiedenem Ehemann und Vater ihrer gemeinsamen Tochter, Jaromír Krejcar, es sind 14 Briefe aus den Jahren 1940 bis 1943, in deutscher und tschechischer Sprache, die Milena aus der Haft in Gefängnissen in Prag, Dresden und schließlich im KZ Ravensbrück geschrieben hat. Die Autorin und Biografin Milena Jesenskás, Alena Wagnerová, hat die tschechischen übersetzt. In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift "Neue Rundschau" erscheinen die Briefe nun zum ersten Mal.
Was für ein Fund. Lange Zeit war Milena der Welt nichts anderes als ein Name und eine Adresse, aber das ist längst vorbei. Wir kannten ihre Geschichte, aber nicht ihre Briefe. Sie war die selbstbewussteste Frau, die Kafka je liebte, die einzige, die ihm überlegen war, wie Kafkas Biograf Reiner Stach schrieb. Geboren 1896 in Prag, Studium der Medizin, das sie abbrach, Groupie an den Literatentischen der Prager Kaffeehäuser. Sie rebellierte gegen den Vater, wollte gegen dessen Willen eine Hochzeit mit dem ungedruckten Literaten Ernst Pollak durchsetzen, wurde daraufhin vom Vater für neun Monate in die Psychiatrie gebracht, heiratete danach Pollak doch, ging nach Wien, wurde unglücklich, übersetzte Kafkas "Der Heizer" ins Tschechische. Sie hatte Affären mit Frauen, war drogenabhängig, schrieb großartige Feuilletons und Reportagen, trat in die Kommunistische Partei ein und wurde 1936 ausgeschlossen. Nach dem Anschluss des Sudetenlandes schrieb sie für verbotene Zeitungen, half politischen Flüchtlingen und wurde schließlich im November 1939 verhaftet, man warf ihr Hochverrat vor; das Verfahren wurde eingestellt, die Freiheit jedoch sah sie nie wieder.
Eine bewundernswerte Frau. Der Prager Publizist Willy Haas schrieb über Milena: "Für sie war die Weltordnung nicht geschaffen, wie sie es für uns war. Sie durchbrach sie an jedem Tag, in jeder Minute." Dass er damit nur wenig übertrieb, kann man nach der Lektüre dieser Gefängnisbriefe erahnen. Dass sie die Freiheit nie wiedersehen würde, ahnt sie schon früh. "Wenn man mich abtransportiert, sollen Sie keine Angst um mich haben", schreibt sie etwa zwei Monate nach ihrer Inhaftierung an eine Freundin. "Ich werde wieder unter unseren Leuten sein und alles gut ertragen, das weiß ich inzwischen." Die Weltordnung gilt nicht für sie, die Gefängnisordnung, die nur darauf angelegt ist, die Menschen zu brechen, ihnen ihre Würde und Hoffnung zu nehmen, gilt nicht für sie. Milena, das beschrieb auch Margarete Buber-Neumann, Mithäftling später in Ravensbrück, war von unendlichem Optimismus und Kampfesmut. Ihre Briefe zeugen davon. Ihre größte Sorge gilt ihrer Tochter Jana, genannt Honza, 1928 geboren, sie ist elf, als ihre Mutter in Haft kommt. "Ich will Dir nur sagen, daß Du ruhig und fröhlich sein kannst", schreibt ihr Milena. "Du sollst Dir vorstellen, daß wir einmal wieder ein Zimmer für uns haben werden, wenn nicht unser altes, weine nicht, dann ein anderes."
Nur einmal, in einem Kassiber, bricht Verzweiflung aus ihr heraus, da schreibt sie von der Einsamkeit, von "den weggebrachten Menschen, die uns nur anschauen konnten". "Ich kann nicht mehr leiden. Irgendwie ist das Maß des Leidens erschöpft." Doch da lagen noch vier Jahre vor ihr. Vier Jahre, in denen sie die Hoffnung nicht aufgab. Und Glück aus beinahe nichts erfand. Wie hatte Franz Kafka, damals, nach dem Wandern im Wienerwald, geschrieben, was ist Glück? Es sei "nichts mehr, Stille, tiefer Wald". Jetzt hier, 21 Jahre danach, im Sommer 1941, schreibt Milena aus dem KZ Ravensbrück: "Die Luft hier ist ganz herrlich ringsum Wälder, sie stehen da, lauschen und duften. Ich glaube, wenn ich wieder einmal frei sein werde, ertrage ich das Glück gar nicht."
Sie kam nicht frei. Am 17. Mai 1944 ist Milena Jesenská in Ravensbrück gestorben. Sie wurde 47 Jahre alt.
Von Volker Weidermann

DER SPIEGEL 26/2015
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