27.06.2015

EthikWie wir sterben wollen

In der nächsten Woche debattiert der Bundestag über die Beihilfe zum Suizid. Für die Abgeordneten ist es eine sehr persönliche Frage. Zehn Protokolle einer schweren Entscheidung.
Sogar in der Politik gibt es Themen, bei denen Parteien keine Rolle spielen. Das sind die großen Fragen von Leben und Tod. Wenn der Bundestag über Abtreibung, Embryonenforschung oder Sterbehilfe diskutiert, ist es nicht wichtig, welcher Fraktion ein Abgeordneter angehört, ob er für die Linke im Bundestag sitzt oder für die Union. Dann entscheidet jeder Parlamentarier nach seinem Gewissen.
In der kommenden Woche wird es im Bundestag wieder um ein solches Thema gehen. Am Donnerstag diskutieren die Abgeordneten über neue Regeln für Sterbehilfe oder, genauer: Beihilfe zum Suizid. Denn die aktive Sterbehilfe, bei der ein Arzt einen Menschen tötet, soll in Deutschland in keinem Fall erlaubt werden.
Es geht um grundsätzliche Fragen: Wie weit soll der Mensch Herr über Leben und Tod sein? Welches Leben ist lebenswert? Was ist ein würdevoller Tod, was ein unerträgliches Leiden? Darf ein Mensch einem anderen beim Sterben helfen? Ist es beruhigend, ein todbringendes Medikament neben sich zu wissen, falls die Schmerzen zu stark werden? Oder könnten alte und kranke Menschen sich unter Druck gesetzt fühlen, ihr Leben zu beenden, wenn Vereine Suizidbeihilfe organisieren?
Es sind Fragen, über die zu sprechen schwerfällt. Das gilt schon im privaten Gespräch, erst recht aber am Rednerpult des Bundestags. Es wird daher eine leise Debatte werden. Eine, die lange nachhallt.
Der SPIEGEL hat mit Abgeordneten über Tod und Sterbehilfe gesprochen. Es sind sehr persönliche Gespräche geworden. Das Thema bewegt viele Parlamentarier, und sie waren bereit, auch intime, private Erfahrungen und Geschichten preiszugeben. Einige haben Freunde oder Eltern beim Sterben begleitet, andere waren als Arzt oder Pfleger mit dem Sterben konfrontiert, wieder andere sind selbst krank.
Die Protokolle zeugen vom Ringen mit einer großen Gewissensfrage. Vier Anträge liegen im Bundestag auf dem Tisch. Der strengste will die Suizidbeihilfe ganz verbieten, der liberalste Sterbehilfeorganisationen ausdrücklich erlauben. Ein geplanter fünfter will alles beim Alten lassen.
Die Deutschen sprechen sich in Umfragen regelmäßig mit deutlicher Mehrheit für die Suizidbeihilfe aus, sogar für die aktive Sterbehilfe. Im Parlament scheint die Mehreit zurückhaltender zu sein. Im Herbst will der Bundestag die neuen Regeln endgültig auf den Weg bringen. Zeitgleich soll er ein Gesetz verabschieden, das mehr Geld für Palliativ- und Hospizdienste bereitstellt. Unheilbar kranke Menschen sollen damit besser versorgt, Sterbende besser betreut werden. Darin sind sich alle einig.
Von Christiane Hoffmann, Cornelia Schmergal und Britta Stuff

DER SPIEGEL 27/2015
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