27.06.2015

Carola Reimann, 47

SPD, Biotechnologin, Antrag 2
Mein Vater hatte Krebs. Er litt unter einem seltenen Tumor, der den Gallengang verschloss, und uns allen war klar, dass seine Krankheit nicht heilbar war. In der Familie haben wir daher viel darüber gesprochen, wie man sterben will. Oder genauer gesagt: wie man auf keinen Fall sterben will. Mein Vater wollte keine Schmerzen haben, das war ihm wichtig. Für mich war es daher auch das Allerwichtigste.
Im vergangenen Sommer musste mein Vater regelmäßig ins Krankenhaus. Dort traf er Patienten, die zur Chemotherapie gingen. Während sie am Tropf hingen, hatten sie viel Zeit zum Reden. Es waren Männer, die sich noch nie zuvor gesehen hatten – und ich war erstaunt, wie schnell sie über die existenziellsten Dinge sprachen. Sie redeten über das Sterben und darüber, welche Möglichkeiten sie für das eigene Ende sahen.
Natürlich ist Palliativmedizin immer ein Weg, aber sie hat Grenzen. Es kann Fälle geben, in denen Schmerzen unerträglich bleiben – und das macht Angst. Die Männer im Krankenhaus hatten alle Optionen für sich durchgespielt. Die Klinik lag nahe der Grenze zu den Niederlanden, und sie sagten oft: Dann gehe ich einfach nach Holland. In den Niederlanden ist die aktive Sterbehilfe erlaubt, allerdings gibt es strenge Vorgaben für den Arzt. Man kann da nicht einfach zum Sterben hinfahren, das wussten auch die Patienten. Aber sie brauchten diesen Gedanken als Ventil, als Flucht. Tatsächlich weiß ich von niemandem, der wirklich dorthin gefahren ist.
Die Patienten sprachen offen darüber, ob man das Sterben beschleunigen könne. Aber keiner von ihnen hätte es gewagt, seinen Arzt darauf anzusprechen. Sie wollten ihn nicht in die Bredouille bringen. Es war ein katholisches Krankenhaus.
Ich finde es unerträglich, wenn Schwerstkranke sich nicht trauen, mit ihren Ärzten zu reden, weil sie wissen, dass die Mediziner gegen Berufsrecht verstoßen könnten, wenn sie Hilfe anbieten. Könnte man offen sprechen, würde das vielen Menschen Sicherheit geben. So könnten wir viele Selbstmorde und Suizidversuche verhindern.
Für Sterbehilfevereine habe ich nichts übrig. Ich habe Angst, dass es vor allem die einsamen Menschen sind, die sich an diese geschäftsmäßigen Vereine wenden. Menschen, die niemanden haben, mit dem sie reden können, und keinen Arzt, dem sie vertrauen. Deshalb habe ich beschlossen, einen eigenen Antrag zur Sterbehilfe zu formulieren. Ich habe Peter Hintze von der CDU angerufen. Ich hoffte, dass er das Thema ähnlich sieht. Wir haben lange gesprochen. An diese Woche kann ich mich genau erinnern. Ich war bei meinen Eltern. Der Krebs war zurückgekehrt.
Mein Vater starb im September. Ich war gerade auf einer Klausur der SPD-Fraktion, wir berieten auch über die Sterbehilfe. Da kam der Anruf, dass es ihm sehr schlecht gehe. Ich bin sofort nach Hause gefahren. Die Ärzte wollten noch mal operieren, aber mein Vater lehnte das ab. Er hatte eine Patientenverfügung, die wir alle kannten. Wir haben seinen Wunsch respektiert.
Er wollte ein Wiesengrab, auch das hatten wir vorher besprochen. Auch wenn es traurig ist und uns fordert: Es sollte uns öfter gelingen, über das Sterben und den Tod zu sprechen.

DER SPIEGEL 27/2015
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