27.06.2015

Harald Terpe, 60

Die Grünen, Arzt, Antrag 1
Ich habe schon als Schüler im Krankenhaus gearbeitet, in der Uni-Klinik Greifswald. Vormittags war ich in der Schule, nachmittags oder nachts habe ich Kranke gepflegt. Oft bis zum Tod. Ich war stolz, etwas Sinnvolles zu tun. Damals habe ich Menschen sterben sehen, als Arzt sieht man das eher nicht.
Sterben ist nicht immer schrecklich. Was im Sterben passiert, ist für die Angehörigen schwerer als für die Sterbenden. Es sind die Angehörigen, die es nicht ertragen können. Und die Sterbenden machen sich Sorgen um die, die bleiben. Man muss die Sterbenden loslassen können. Die Angehörigen müssen lernen, dass sie eine humane Verpflichtung haben, das Schicksal zu tragen. Das sind sie den Sterbenden schuldig.
Im letzten Herbst habe ich meine Mutter zu Hause gepflegt und bis zu ihrem Tod begleitet.
Als sie noch nicht krank war, haben wir oft diskutiert. Meine Mutter sagte: Falls ich krank werde, hoffe ich, dass du die richtige Spritze für mich hast. Ich habe ihr widersprochen. Man kann die Verantwortung für das eigene Sterben nicht einfach abgeben. Denn mit der Aufforderung zur Suizidhilfe holt man jemanden in die Verantwortung. Man gibt sie ab, das macht es vermeintlich so attraktiv. Wenn es nicht die Angehörigen sind, sondern Ärzte oder Sterbehilfevereine, kann man sich sagen, man habe niemanden belastet.
Meine Mutter bekam dann eine Tumorerkrankung. Sie machte eine Chemo und hatte noch einige Jahre mit guter Lebensqualität. Als der Tumor wiederkam, entschied sie für sich, dass sie nicht mehr therapiert werden wollte. Es ging unausweichlich auf den Tod zu, und die Diskussion fing wieder an.
Es ist nicht einfach, mit dem Todeswunsch der eigenen Mutter konfrontiert zu werden. Ich fragte sie: Was willst du genau? Soll ich dir einen Becher mit Gift hinstellen? – Nein!, sagte sie, das will ich nicht. – Wie stellst du es dir denn vor? Soll ich es dir in den Mund schütten? – Nein, sagte sie, kannst du mich nicht spritzen?
Die Spritze – das ist eigentlich der Wunsch. In der jetzigen Debatte wird das verschleiert. Viele wollen eigentlich die aktive Sterbehilfe, trauen sich aber nicht, das zu sagen. Sie wissen, dass es nicht geht.
Meine Mutter war verzweifelt. Wie soll ich denn sonst sterben?, fragte sie. Ich habe die Frage zunächst überhört und verdrängt. Aber irgendwann ging es nicht mehr. Also habe ich ihr einen Ratschlag gegeben, wie sie natürlich sterben könnte. Gleichzeitig habe ich ihr versprochen, den Weg mit ihr gemeinsam zu gehen. Sie wurde immer pflegebedürftiger. Aber wir haben das Leben trotzdem noch gestaltet. Ich habe sie aus der Klinik nach Hause genommen. Freunde, Verwandte kamen zu Besuch. Es gab die vielen Fragen des Verabschiedens und des Ordnens. Junge, was machst du mit meinen Pflanzen, und noch das Geschenk für die Chefärztin. So haben wir herausgearbeitet, dass der Zeitpunkt schwer zu entscheiden ist. Es wurde immer weiter aufgeschoben. Weil es doch noch gut war, dass die Freundin da war oder der Enkel.
Sie war am Ende Herrin ihres Sterbens, ich sehe keine Einschränkung der Selbstbestimmung darin, dass sie den Weg zu Ende gegangen ist. Es war auch nicht sehr quälend, denn der Sterbeprozess selbst war relativ kurz. So ist das bis auf ganz wenige Ausnahmen immer.
Viele wollen rasch und plötzlich sterben, einfach mit einem Herzschlag. Mein Vater ist so gestorben. Er war von einem Augenblick auf den anderen tot. Ich bin überzeugt, dass er sich lieber von seinem Lebenswerk verabschiedet hätte.
Ich würde wie meine Mutter sterben wollen, ich finde es nicht gut, die Dinge nicht zu Ende gebracht zu haben. Auf das Sterben muss man sich einlassen wie auf so vieles im Leben. Diese Erfahrung habe ich oft gemacht: Man springt ins Ungewisse und geht mit der Situation so um, wie sie ist. Wie bei Frau Holle: Spring einfach in den Brunnen.

DER SPIEGEL 27/2015
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